Deutsche Mythologie II: Die Göttinnen der Südgermanen

Die kulturellen und religiösen Inhalte der Germanen gehören für uns mit zu dem Unbekanntesten, was es im Bereich der Mythenforschung gibt - obwohl, doch auch gerade weil wir Deutschen die kulturellen Erben dieses Volkes sind. Durch die Christianisierung sowie durch den politisch-religiösen Mißbrauch der Nationalsozialisten wurden unsere kulturellen Wurzeln immer wieder verdrängt und vergessen.

Die Göttinnen: Erce Nerth Nehalennia Tanfana Frija Austro Baduhenna Walküren
Kult und Brauchtum
Vorstellungen vom Weltbeginn und Weltende
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Erster Teil des Artikels: Die Götter der Südgermanen

Die Götter: Tiwaz Watanaz Donraz Pulaz Foraz

Die Göttinnen

Erce

"Mutter Erde" ("Arda", "Urda", mhd.= Herche; "Arche", Arke, Harke, Herke) wird als Menschenmutter verehrt. Ihr zu Ehren werden alle Feldfrüchte, alles was der Boden hervorbringt, geopfert und Segen über ihren ‚Acker‘ gesprochen. Weihrauch, Fenchel und Salz wurden im Pflug verborgen und dann die erste Furche gezogen. Sie nährt die gesamte Welt.

Sie ist dieselbe Erdgöttin, die in allen Kulturen seit Urzeiten verehrt wird. Sie ist "Gaia" (griech.), sie ist der Planet, ein lebendiges Wesen, von dem wir alle abhängig sind.

Nerth

Das älteste Zeugnis für die Verehrung der Erdgöttin bei den Ingaevonen bietet Tacitus: "Es ist auf einer Insel im Ozean ein heiliger Hain, den niemand betreten darf. In ihm ist ein geweihter Wagen, mit einer Decke verhüllt. Nur dem Priester ist es gestattet, ihn zu berühren. Er weiß, wann sich die Göttin im Allerheiligsten aufhält und begleitet sie, wenn sie auf ihrem von Kühen gezogenen Wagen durch das Land fährt.

Frohe Tage gibt es dann und festlich geschmückte Orte, wohin die Göttin gastlich ihre Schritte lenkt. Die Waffen ruhen, alles Eisen ist verschlossen, bis die Göttin heimgekehrt ist in ihr Heiligtum. Dann wird der Wagen, die Tücher und, so man glauben will, die Gottheit selbst, im See gebadet. Sklaven versehen diesen Dienst, die danach derselbe See verschlingt. Nur die dem Tode Geweihten dürfen die Gottheit schauen ..."

Wie schon gesagt, war der heilige Hain, der Nerth(us)tempel wahrscheinlich auf Seeland. Noch im 10. Jdht. wird berichtet, daß in Hleidr (Lejre, Lederun) jedes neunte Jahr zur Sommersonnenwende große Opferfeste gefeiert wurden, die erst Heinrich der Vogler 934 n. Chr. abschaffte. In der Nähe liegt ‚der weiße See‘ bei Ledreburg. Vielleicht lag hier das Stammesheiligtum.

Tiwaz Ingwaz und Nerth sind das göttliche Paar bei den Ingaevonen. Als Gattin des Tius könnte Nerthus die "Unterirdische" sein. Dafür spricht auch der Seekult. Die feierliche Umfahrt der Göttin bedeutet das Erwachen der Natur im Frühjahr, in dem das Fest zu Ehren der Vermählung des göttlichen Paares stattfand. Ob der Priester des Nerthustempels als der Vertreter des Gottes in dieser Funktion galt und ob es eine Hohepriesterin gab, die die fruchtbare Vereinigung mit ihm symbolhaft oder tatsächlich vollzog, ist nicht überliefert.

Die Übereinstimmung zwischen dem Frühlingsfest der Nerthus und der römischen Cybele ist auffallend.

Nehalennia

Von einer Göttin Nehalennia weiß man erst seit 1647. Unter den Dünen der batavischen Insel Walcheren/Scheldemündung fand man die Reste eines Tempels. In deutschen Landen ist Nehalennia auf achtzehn Altären bildlich dargestellt. Sämtliche Bilder zeigen die Göttin in einen weiten, mit einem großen Kragen versehenen Mantel gehüllt, der durch eine Spange oder Schnalle zusammengehalten wird. Ein horchender Hund begleitet sie.

Auf einem Altar ist ein Hase abgebildet. Sie trägt einen Fruchtkorb, hauptsächlich Äpfel. Füllhörner, Bäume und Weinreben umgeben sie. Sie ist die Göttin der Fruchtbarkeit, die Göttin der Ehe und des Kindersegens. Da sie auch oft mit Schiffen oder Rudern dargestellt ist, gilt sie als Schirmherrin der Schiffahrt und des Seehandels.

Der verhüllende Mantel scheint auch auf eine Göttin der Unterwelt zu deuten, ebenso der Hund (indog. = neqos, germ.= nehal, die "Totenbergerin"). Die Wortwurzeln nawe, navalis, deuten auf den Nachen der Schiffe, die Wurzel –haleni auf die "Gewährende", Reichtum Spendende. Ihre Verehrung ist für den Rhein und die Nordseeküste bezeugt.

Die Römer konnten leicht an ihre Vorstellung der Göttin Isis erinnert werden. Der Hund, der Fruchtkorb, die Füllhörner und selbst das Schiff kehren wieder. Im römischen Bauernkalender hieß der 5. März "Schiff der Isis". Es war das Frühlingsfest der Isis, "die zuerst den Menschen die Frucht gab". In Deutschland fand der Schiffsumzug etwa zu Fastnacht statt. So erklärt sich, daß sich römische und germanische Namen auf den Nehalenniasteinen finden. Dennoch ist es eine deutsche Göttin.

Tanfana

Die Istaevonen verehrten neben dem Tiwaz Istwaz seine Gemahlin, die Tanfana. Tacitus erwähnt das Bundesheiligtum der Göttin, das dann wohl auf dem Istenberg lag. Die Erdgöttin Tanfana feierte ihr Fest Ende September oder Anfang Oktober zum Herbstanfang. Mit der absterbenden Vegetation zogen sich die Geister der Abgeschiedenen in das Innere der Erde zurück und die Erntefeier wurde bei Gelagen und fröhlichen Gesängen zugebracht. Tanfana oder Tabana ist die Opfergöttin (angelsächs. = tiber, tifer, indogerm. Wurzel dap = teilen, verteilen).

Das Volk dankte nach der glücklich eingebrachten Ernte der Tanfana, die am Ende des Festes ihre Gaben empfing. Tanfana bedeutet auch "Nahrung verleihen, Ernte spenden". Tanfana Thambana heißt in der langen Version: "die Göttin der Fülle und des Reichtums" (got. = bamba = Fülle, norw. = temba = füllen, stopfen).

Die südgermanische Erdgöttin hat viele Namen. Daher heißt sie allgemein Hludana, Hlu-Dana, die "Vielgenannte, Vielarmige", die "Vielseitige Mutter der Erde".

Frija

Die gemeingermanische Bezeichnung für die oberste Himmelsgöttin war Frija (urgerm. Frijo gehört zu sanskrit prija = Gattin, Geliebte). Der Name bedeutet auch "die Freie, die Frau, die Herrin" (domina). Die Frau ist ihrem Namen nach bereits Göttin. Die Wurzel ‚wip‘ (Weib) bezieht sich mehr auf das Geschlecht.

Bei allen Mannus-Stämmen ist nach ihr der Wochentag Friatag, unser Freitag benannt. Frija muß also von allen Germanen gleich hoch gestellt und überall in der Urzeit als allgemeine Gattin des Tiwaz verehrt worden sein.

In der ersten Periode war sie dessen Gemahlin, in der zweiten die des Watanaz. Hatte ehedem der strahlende Himmelsgott um die Erde gefreit, so warb nun der nächtliche Gott um die Jungfrau Sonne. Zu Wodans Zeit wurde das Sonnengold als ihr Schmuck, Schatz oder Hort aufgefaßt. Wie der Germane seine Tochter nicht ungeschmückt aus dem Haus entließ, so stattete er die des Morgens am Himmel erscheinende Göttin mit einem großen, leuchtenden Halsband aus, dem Brisingamen, dem Sonnengold.

Brisingamen bedeutet im übertragenen Sinne: Gedächtnis, Erinnerung.

Dies ist das legendäre Halsband der Brisinge, "der Zusammenflechter": der Himmelskönigin eigener unbezahlbarer und unzerstörbarer Schmuck und Schatz.

Von diesem Halsband soll die Stadt Dortmund ihren Namen haben (Throtmani, Throtmenni; althochdtsch minnia / menni = das Halsband).

In der langobardischen Stammsage thront Frija neben Wodan im goldenen Himmelssaale, der sogenannten Glanzhalle (die deutsche Bezeichnung für das nordische Walhall) und lenkt mit weisem Rat die Geschicke ihrer Verehrer. Sie soll musiziert haben, zuletzt aber im Wasser verschwunden sein, so wie Nerth. Als himmlische Wolkengöttin erregt sie, gleich der Frau Holle, Schnee und Wirbelwind.

Hel‘s (Holles) Herrschaftsbereich heißt Nebelheim. Sie ist eine unterirdische Göttin, der dunkle Aspekt der Sonnengöttin, die Sonnenfinsternis, die dunkle Seite der Sonne. Man sagt, Hel sei vor Urzeiten von Watanaz aus dem Himmel nach Nebelheim hinabgestürzt worden. Ursprünglich sei sie eine helle, lichte Göttin gewesen. Vermutlich begegnet uns hier die alte Mythe vom Sturz der Göttin durch ihren Sohn; der Abstieg des Matriarchats und seine Verdrängung in die Unterwelt, in das Unterbewußtsein; sowie der sagenhafte Untergang der Atlantis in die Tiefsee.

Die griechischen Demeter-Mythen, die babylonische Göttin Ereschkigal und der christliche Kult der Schwarzen Madonnen sind analog.

Die Volkssage von Frau Holle ist über den größten Teil Deutschlands verbreitet. Die Holle selbst wird als ein freies, eheloses Weib von wunderbarer Schönheit mit langem, goldgelbem Haar geschildert. Der Leib ist weiß wie Schnee und in ein langes weißes Gewand gekleidet. Ein Schleier hängt über ihren Rücken oder verbirgt ihr Gesicht, zuweilen ist sie wie Nehalennia ganz in einen Mantel gehüllt.

Erst die Christen veränderten die lichte, glänzende Göttin, die eindeutig Frijas Aussehen (und das der Lure, der Loreley) hat, in ein wildes, unheimliches Weib.

Frau Holle waltet über die Seelen der Menschen. Nach merkwürdiger uralter Überlieferung spinnt sie aus dem Flachs, den sie im Harz findet, ein Netz und fängt mit ihm die, die im nächsten Jahr sterben sollen. Als Wodans Gemahlin führt sie die wilde Jagd an, das Heer der Geister. Sie reitet zuweilen, wie der Schimmelreiter auch, ein prächtiges weißes Pferd, das knapp über den Waldrand gallopiert. Frau Holle wohnt unterirdisch in den Brunnen und in den Bergen. Ihr Name Berta, Berchte bedeutet ‚weiß wie Schnee‘.

Meistens wird Frija als Göttin der Liebe aufgefaßt, vergleichbar der Venus (röm.), der Aphrodite (griech.), auch der Hathor (ägypt.).

Sie besitzt starke Zauberkräfte und soll, ihrem Gatten gleich, durch viele Länder gereist sein, auf der Suche nach ihm. Man nannte sie dort "Mardöll", "Hörn", "Gefu" oder "Syr" (Sau).

Im nordischen Raum verehrte man sie als Herrin der Disen, demnach war sie Heilerin und Geburtshelferin, denn die Disen (altgerm. Hage-Disen, Hage-Zussen, die später von den Christen Hexen genannt wurden) waren mit allen Heilkräutern der Erde vertraut. Mit ihren Zauber- und Heilkräften hegten (hegen, hagen = Hagalrune) und schützten sie das allumfassende Leben. Das Wort Dis (Disen) galt im germanischen Sprachraum als Kollektivbezeichnung für Göttinnen im allgemeinen und für Hebammen im speziellen.

Frija ist außerdem die Meisterin der Verführungskünste. Die schöne Göttin kann ihre Anhänger reich beschenken, denn sie besitzt eine Truhe/Kiste/Dose voll kostbarem Geschmeide, die von ihrer Dienerin bewacht wird. Das Sonnengold, der erwähnte Brisingschmuck, soll von den Elementargeistern der Erde hergestellt worden sein und zauberhafte Anziehungskraft besitzen. Um ihn zu erringen, beging Frija Ehebruch und schenkte ihnen vier Liebesnächte. Seitdem steht sie als Himmelsgöttin mit den magischen Mächten der Erde in enger Beziehung.

Vermutlich ist das Märchen Schneewittchen und die sieben Zwerge in diesem Zusammenhang entstanden.

Frija ist die Hüterin der Schätze der Erde, der wertvollen Edelsteine. Das Volk sagte, "in der Rinne (Rhein), in ihrem Schoß, lägen alle Schätze, auch das Gold".

Neben ihrem fliegenden Schimmel besitzt sie ein Falkengewand und ein Schwanenkleid, die sie auf Flügeln durch die Lüfte tragen. Sie ist die Schwanzauberfrau, das Swanwitchen, das Schneewittchen.

Auf der Erde reitet die Göttin auf einem goldenen Eber, ihrem heiligen Tier ( = unser Glücksschwein soll hier seinen Ursprung haben!), oder sie spannt Katzen vor ihren festlichen Umzugswagen, der dann wie der von Nerth durch die Lande zieht. Katzen durfte man kein Leid antun, weil sie Frijas heilige Tiere und - ebenso wie die Eber und die Säue - ihre Glücksboten waren.

13.08.2003 © seit 07.2003 Eire Rautenberg  

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