Chiron und Prometheus: Wegbereiter der Neuen Zeit

Die wissenschaftliche Bezeichnung für den Menschen lautet „Homo sapiens“, also der kluge, der denkende Mensch. Aber dass der Mensch denken soll und auch darf, entspricht nicht dem Willen der Götter. Das lehrt uns der Mythos.

"Hier sitz ich, forme Menschen
nach meinem Bilde.
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
zu leiden, weinen,
genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
wie ich."

Chiron, Prometheus So schreibt es Goethe in seinem Prometheus, in seinem provokanten Manifest der Sturm- und Drang-Zeit. Schon Platon nennt den Prometheus den Schöpfer der Menschen und der Tiere. Man gab ihm den Beinamen: der Feuerbringer.

Darunter sollten wir uns aber nicht allein das reale Feuer vorstellen, sondern im übertragenen Sinne die knisternde Begeisterungsfähigkeit, die aus unserem Denken, aus unseren schöpferischen Gedanken, aus unserer gestaltenden Klugheit kommt.

Wer die Menschen zum Denken, zum Gebrauch ihres Verstandes aufwiegelt, der verletzt die alte, die göttliche Ordnung. Im Zeitalter der strafenden Götter war es klar, dass diese Kühnheit nach Buße verlangt. Prometheus wird in der Einsamkeit des Kaukasus an einen Felsen geschmiedet. Er wird nicht nur gefoltert, sondern auch von seiner Schöpfung getrennt. Aber der Reihe nach.

Der Mythos hält für uns noch wesentlich mehr Details bereit. Auch Zeus kann nicht einen Titanen nach Belieben strafen, es muss eine richtige Straftat vorausgehen. Den Göttern sind Opfer darzubringen. Damals wurde ein Stier geopfert. Dem Prometheus war aufgetragen, die Opfergabe in zwei Teile zu teilen. Zeus sollte dann einen Teil wählen.

Prometheus teilte, dass der größere Teil die Knochen enthielt, der kleinere Teil das Fleisch. Aber bevor Zeus wählen sollte, wurden beide Teile mit einer Stierhaut verdeckt. Zeus wählte selbstsicher den größeren Teil und entdeckte, dass er den wertlosen Teil, eigentlich den Abfall gewählt hatte. Er fühlte sich von Prometheus betrogen. In seinem Zorn untersagte er den Menschen den Gebrauch des Feuers.

Aber der Rebell Prometheus widersetzte sich dem und entzündete am vorbeifahrenden Wagen des Apoll erneut das Feuer und brachte es den Menschen. Prometheus hatte einen Bruder, den Epimetheus. Die Namen sagen eigentlich beinahe schon alles aus. Prometheus bedeutet der Vorausdenkende. Er ist derjenige, der überlegt, welche Folgen seine Handlungen haben werden. – Epimetheus ist dagegen derjenige, der erst nachher bedenkt, was er getan hat.

In seinem Zorn über Prometheus trug er den Göttern auf, ein Trugbild eines Menschen, eine schöne Frau, die Pandora, zu erschaffen und sie mit allerlei heimtückischen Gaben auszustatten, die er ihr in einer verschlossenen Büchse für ihren Erdenbesuch mitgab. Die Pandora wurde von Epimetheus aufgenommen und öffnete bei ihm die Büchse mit den fragwürdigen Gaben. So kamen die Übel auf die Welt.

Prometheus war zwar ein Unsterblicher, aber er musste an den Felsen geschmiedet, den Zorn und die Rache des Zeus ertragen. Als Ausweg wurde aufgezeigt, dass er nur dann befreit würde, wenn er eines Tages von einem Anderen abgelöst würde, der seine Stelle einnehmen will.

Chiron, Prometheus Kommen wir nun zu Chiron. Er ist ein Sohn des Kronos (Saturn) und einer Halbschwester des Zeus, der Nymphe Philyra. Der Gestaltwandler Kronos zeugt ihn in der Gestalt eines Hengstes. Die Mutter empfand den Geborenen so schrecklich, dass sie sich weigerte, ihn aufzuziehen. Diese Aufgabe übernahmen an ihrer Stelle der Sonnengott Apoll und die Mondgöttin Artemis.

Er ist einer der Kentauren. Obwohl körperlich halb Pferd und halb Mensch, gilt er nicht wie sein Geschlecht als besonders wild und ungestüm, sondern als klug, gerecht und rücksichtsvoll. Er ist wie Prometheus ein Freund der Götter, er ist der Erzieher so mancher Helden, er kennt die Heilkunde und er ist der Lehrer des Asklepios und bildet ihn zum Arzt aus.

Dann kommt es zur schicksalhaften Begegnung mit Herakles, der im Kampf die Kentauren besiegen muss. Wie auch immer es zu dieser Verletzung mit einem vergifteten Pfeil, dem Gift der Schlange Hydra, gekommen sein mag, Chiron vermag sich selbst nicht zu heilen.

Nun zur Astronomie: Der Kleinplanet oder Asteroid oder Großkomet wurde erst im Jahr 1977 entdeckt. Er braucht für einen Umlauf um die Sonne knapp mehr als 50 Jahre. Wegen seiner geringen Größe, sein Durchmesser wird auf nur 135 km geschätzt, hat er eine instabile Umlaufbahn.

Trotzdem passt es bestens, dieses astronomische Objekt mit der mythologischen Bedeutung von Chiron in der Astrologie zu verbinden. Es stellt eine Verbindung her zwischen der Saturn- und Uranus-Umlaufbahn. Die Griechen haben eine andere Vorstellung von Ewigkeit. Die Götter herrschen nicht ewig, sondern sie bestimmen ein Zeitalter, ein Äon.

Zuerst war die Zeit des Uranos, dann kam Kronos (Saturn) und schließlich kam Zeus (Jupiter). Auch wenn die Götter es nicht so wollten, so hatte doch auch ihre Zeit jeweils ein Ablaufdatum. Goethe deutet dies in der Frage an:

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
die allmächtige Zeit
und das ewige Schicksal,
meine Herren und deine?

Anders gesagt: Jede Zeit hat ihre Zeitqualität. In dieser Zeit gibt es Chancen zur Entwicklung, aber wenn diese Zeit abgelaufen ist, dann ist eben auch die Zeit für etwas Neues gekommen. Mehr noch: Zeus ist klar, dass er den Menschen das schöpferische Denken, das Gottwerden, nicht auf ewige Zeit verbieten kann, sondern nur ein wenig aufhalten kann.

Er kann die Menschen mit einer Menge Übel überschütten, und sie haben diese Gaben in ihrer Gedankenlosigkeit hingenommen. Aber eines Tages werden sie die Büchse der Pandora zurückgeben, in einem neuen Zeitalter.

Die Römer haben zwar von den Griechen den Götterglauben übernommen, formal auch Jupiter als den höchsten Gott benannt, aber insgeheim waren sie doch mit dem Kriegsgott Mars weitaus enger verbunden. Jedes Zeitalter hat eine Signatur. Indem wir Epochen einen Namen geben, indem wir sie benennen und charakterisieren, stellen wir eine Verbindung und eine Zuordnung her.

Wenn wir die letzten 2000 Jahre als Einheit sehen wollen, dann eignet sich die Bezeichnung „Zeit der Glaubenskämpfe“. Aus einer visionären Utopie von Brüderlichkeit und Nächstenliebe wurde gerade in dem Augenblick, als sich die Idee mit der Staatsmacht versöhnte, ein Instrument der Macht und Unterdrückung.

All jene, die die Ideale der Gründerzeit aufrecht erhalten wollten, wurden ausgeschlossen und zu Ketzern und Feinden erklärt. Die spirituellen Komponenten wurden im Machtkampf geopfert. Mit einem Glaubensbekenntnis konnte kein Inquisitor überzeugt werden. Das entspricht recht genau dem Fische-Zeichen. Wenn wir uns das Symbol genauer anschauen, so sind es zwei Fische, die bestrebt sind, einander in die Flosse zu beißen.

Auf der Gedankenebene hat zur Zeit des Basler Friedens (1795), Immanuel Kant mit der kleinen Schrift „Vom ewigen Frieden“ den ersten Versuch unternommen, der Zeit, in der ein Krieg bzw. ein Friedensschluss bereits den nächsten Krieg bedingt, ein Ende zu setzen. Langsam, so scheint es, werden diese Thesen in diplomatischen Kreisen und in der Friedensforschung gebührend aufgenommen.

Pluto, Chiron, Prometheus Veränderungen werden in der Astrologie oft auch durch die Wanderung Plutos durch die Zeichen angezeigt. Im letzten Jahrzehnt war Pluto im Schützen, nun ist er im Steinbock angelangt. Nach dieser Pluto-in-Schütze-Zeit ist Heilung tatsächlich angesagt. Es war die Zeit eines gedankenlosen Neoliberalismus und eines Kasinokapitalismus.

Es war eine Zeit, in der es den Verantwortlichen schwergefallen ist, diesen Aufgaben auch gerecht zu werden. Realistische Bewertungen gab es kaum, Aktienkurse gehorchten eher einer Massenhysterie als objektiven Einschätzungen. Und der Betrug am Konkurrenten wurde salonfähig.

Ein System der Täuschung und der bewussten Irreführung wurde geschaffen und so lange aufrecht erhalten, bis sich (auch typisch plutonisch) die Kräfte des Dämonischen in diese Kreisläufe eingedrungen sind und dort ihre Opfer gesucht und gefunden haben. Ohne Chance auf Entrinnen, aber mit der Tendenz, im Fallen auch noch gesunde Unternehmen mit in den Abgrund zu reißen.

Ich sehe es mit einer gewissen Skepsis, wenn manche in Esoterikkreisen meinen, jetzt ihren Blick für das nächste Jahrtausend schärfen zu müssen und dabei die Herausforderungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte übersehen. Die Einheit, in der wir sinnvollerweise denken, ist nicht das Äon, sondern unsere Lebenszeit. Sie ist das, was wir in dieser Zeit alles schaffen wollen und wie wir es anstellen, damit wir diese Ziele erreichen.

Wir wissen von Chiron, dem Lehrmeister des Prototyps des Arztes, dass er es nicht geschafft hat, seine eigene Verletzung zu heilen. Wir sehen aber umgekehrt bei Herakles (also bei dem, der ihm die Verwundung zugefügt hat), dass er bei all dem ihm gestellten Aufgaben immer zu einer Lösung gefunden hat. Dass er hier nicht nach einer Lösung gesucht hat, wurde ihm letztendlich selbst zum Verhängnis.

Was soll ein normaler, ein denkender Mensch bitte mit einem Orakelspruch von Delphi anfangen, dass er sterben werde, aber durch jemanden, der selbst nicht mehr am Leben ist? Gehört es bei so einer Weissagung nicht zu den üblichen menschlichen Schwächen zu meinen, dass mir ohnehin keinerlei Gefahr droht, dass ich sicher bin?

Rückwirkend wissen wir (fast) immer, was wir falsch gemacht haben. Und manchmal sehen wir auch wie Herakles, dass sich an uns ein größeres Schicksal erfüllt. Denn schließlich hat sein schmerzhafter Tod, wiederum verursacht durch das Gift der Hydra, zur Folge, dass er unter Schmerzen nicht weiter leben will und mit Prometheus den Platz tauscht.

Der befreite Prometheus ist ein Symbol dafür, dass die Macht der Götter zeitlich limitiert ist, dass das Mächtige vergeht, und dass unsere Gedanken Wirklichkeit werden können. Mit dem Slogan „Yes, we can“ und der damit verbundenen Begeisterungsfähigkeit der angesprochenen Massen hat das neue Zeitalter schon einen Teil seiner Qualität preisgegeben. Hier hat ein Prometheus den Menschen wieder Feuer gebracht.

Günter Wittek

Günter Wittek

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