Echte und falsche Gefühle unterscheiden

Wie erkenne ich, ob Gefühle, die mich drängen echt sind oder falsch? Wenn ich sie doch fühle – ist das nicht Beweis genug? So einfach es auch ist, echte von falschen Gefühlen zu unterscheiden, wenn ich weiß, was ich will, so verwirrend kompliziert erscheinen mir meine Gefühle, solange ich im Labyrinth unechter Gefühle orientierungslos bin.

Echte Gefühle oder falsche?

Ist es wirklich so leicht, mit gesundem Menschenverstand die echten von den falschen Gefühlen zu unterscheiden? Wenn ja - nach welchen Kriterien könnten Sie diese Unterscheidung treffen? Sehen wir uns zunächst die Wirkungen von Gefühlen an.

Jedes Gefühl hat eine bestimmte Wirkung oder Funktion ...:

  • Angst hat die Funktion, daß ich mich auf eine neue, mir noch unbekannte künftige Situation einstellen kann
  • mit Trauer will ich mich von vergangenen Vorlieben, Sicherheiten, Gewohnheiten lösen
  • mit Aggression mache ich mich bereit, Hindernisse zu überwinden
  • Freude schließlich ist ein Ausdruck von Erfolg, bestätigt und bestärkt mein Selbst-Vertrauen.

Echte Gefühle passen zu dem, was ich in der jeweiligen Situation tatsächlich bewirken will. Sie erkennen sie daran, daß Sie ihre Wirkung ...:

  • ... gutheißen, verantworten können, daraus folgt ...
  • ... daß Sie sich über ihre Wirkung freuen.

Kurz: Es sind Ihre Gefühle.

Die Wirkung unechter Gefühle hingegen passen nicht zu dem, was Sie tatsächlich wollen, sondern werfen nur kurzfristig befriedigende Schein-Gewinne ab. Sie erkennen sie daran, daß sie Ihnen mehr oder weniger passieren, nicht Sie, sondern die Gefühle entscheiden und bewirken, daß Sie auf bestimmte Schlüsselreize die Reaktion abspulen, die Ihnen irgendwann mal beigebracht wurde.

Kurz: Es sind anerzogene Gefühle.

Zum Beispiel ist Trauer das passende Gefühl für Situationen, in denen ich mich von jemandem oder von etwas trennen will. Ich muß, sollte oder will mich von alten Bindungen lösen. Wenn wir jedoch irgendwelchen Illusionen nachjagen, oder unsere Gefühle an Erwartungen anderer Menschen ausrichten, so läuft etwas schief. Echte Trauer kann über den Schmerz hinaus auch ein tränenreiches Abschiedsfest sein. Ja, richtig gelesen: Abschiedsfest: Trauer enthält, wenn sie ein echtes Gefühl ist, den Keim der Freude, der Freude auf das Kommende, das nun erst möglich wird. Aber dazu später.

Das Unterscheidungskriterium passend/ unpassend zur Situation auf unechte Gefühle angewandt würde im Falle von Trauer bedeuten: Immer dann, wenn ich mich nicht von etwas trennen will oder einer Trennung nicht zustimmen will, wäre das Gefühl von Trauer fehl am Platz. Laut weinend der Welt mitzuteilen: Ich will ja dies oder jenes unbedingt bewahren, aber die lassen mich nicht – was will ich damit bewirken? Mich verabschieden von dem, was ich will oder den Anspruch aufgeben, daß ich das, was ich will, je können werde? Wäre Aggression, vielleicht auch Neugier nicht passender?

Zugegeben, so einfach es auch ist, echte von falschen Gefühlen zu unterscheiden. Solange ich im Labyrinth unechter Gefühle orientierungslos gefangen bin, wird es schwer sein meine echten Gefühle zu erkennen. In der Transaktionsanalyse werden diese unechten Gefühle als "Maschen" bezeichnet, andere Autoren sprechen davon, daß Menschen in aller Regel "Opfer" ihrer typischen Gefühlsketten werden, insbesondere, wenn sie sich in Stressituationen befinden.

Maschen / Gefühlsketten

Indizien im Alltag, an denen Sie erkennen, daß Sie in einer Gefühlsmasche hängen:

  • Sie sind länger als nötig z.B. traurig, zornig, die Tränen versiegen, der Zorn verrauscht und Sie ertappen sich, wie Sie nach Gründen suchen, neue Tränen, oder eine neue Welle der Wut zu erzeugen.
  • Sie beobachten, daß Sie einige Gefühle oder gar nur eines sehr viel häufiger als andere haben.
  • Sie beobachten, daß Sie in bestimmten Situationen oder bestimmten Menschen gegenüber immer die gleichen Gefühle haben.

In bestimmten Situationen können Menschen ihre Gefühle oder ihr Verhalten nicht verändern. Sie wissen vielleicht, daß es auch andere Möglichkeiten gibt, doch sie können diese Möglichkeiten für sich nicht verwirklichen. Auch wenn sie es wollen, verhalten sie sich doch auf alte, gewohnte Weise.

Woran liegt das?

Im Verlauf der späten Kindheit (6-10) treffen Kinder eine "Entscheidung" darüber, welche Art von Gefühlen für sie erlaubt, geboten oder verboten sind. Sie machen die Erfahrung, daß bestimmte Gefühle von ihren Eltern nicht akzeptiert (ignoriert und bestraft) werden, andere dagegen belohnt werden. Ihre Entscheidung hängt also wesentlich von der direkten (Verbote, Erlaubnis, Gebote) und indirekten (Vorbild) Orientierung durch die Eltern ab. Das heißt: Kindern wird von ihren Eltern beigebracht und vorgelebt, wie man sich in schwierigen/ stressigen Situationen zu fühlen hat.

Da jedes Kind so nur ganz bestimmte emotionale Reaktionen auf Streß kennenlernt, ist es natürlich davon überzeugt, daß diese seine Reaktionen ganz natürlich, sozusagen zwangsläufig, die einzig möglichen oder zumindest die einzig angemessenen sind.

Beispiele für Stress:

  • Prüfungs- oder Überforderungssituationen,
  • meinen Ansprüchen stehen im Konflikt mit anderen,
  • jemand versucht, mich mit allen Mitteln dazu zu bringen oder zu zwingen, daß ich etwas bestimmtes tue,
  • drohender oder tatsächlicher Verlust eines wertvollen Besitzes oder eines geliebten Menschen,

Typische emotionale Reaktionen darauf : sich wütend, verletzt, traurig, schuldig, ängstlich, unzulänglich, erschrocken fühlen.

Durch welche Elemente sich die einmal gebildeten Maschen verfestigen und das Weltbild eines Menschen wesentlich bestimmen, ist in Leslie Cameron-Bandlers und Michael Lebeaus Buch "Intelligenz der Gefühle" folgendermaßen beschrieben:

  • Wahrnehmungsfilter (Sie bestimmen, welche Informationen jemand hauptsächlich wahrnimmt.)
  • Virtuelle Fragen (Sie bestimmen die Verwendung der ausgewählten Informationen, formulieren die "Glaubenssätze" und Überzeugungen des Individuums, was es tun muß, um die Erfüllung der jeweils wichtigsten bzw. die Abwendung der jeweils bedrohlichsten emotionalen Erfahrungen zu sichern.)
  • Kernmotive (Die jeweils entscheidenden emotionalen Erfahrungen – worum es im Leben geht, etwas, das ohne vorstellbare Alternative ist.)

Wahrnehmungsfilter, Virtuelle Frage und Kernmotiv bestimmen zusammen das Erleben und Verhalten einer Person. Der Wahrnehmungsfilter läßt nur die Informationen durch, welche für die Kernmotive relevant sind und tilgt alle anderen Informationen. Die Kernmotive können als Antworten auf die Virtuellen Fragen verstanden werden, sind also durch die Virtuelle Frage festgelegt. Diese aber sind im wesentlichen durch die Orientierung der Eltern entstanden und können im weiteren nur die Informationen verwenden, die von den Wahrnehmungsfiltern zugelassen werden.

Klingt nach einem Teufelskreis und ist auch einer, solange ich der Überzeugung bin: "Das ist nun mal so." oder "Ich bin nun mal so."

Und nun?

Das Zauberwort heißt "Ich will!"

Damals, als meine Mutter mir diesen Tip gab (als Zauberwort, ich weiß noch, wie geheimnisvoll sie dabei auf mich wirkte) habe ich es nur halb verstanden – etwa in dem Sinne: "Wenn du nur willst, dann schaffst du es auch, also streng dich an!"

Es ist einfacher als ich damals dachte, zumindest weniger anstrengend: Wenn ich weiß was ich will, also auch ein klares Bild vor Augen habe, dann kann ich trotz der tausend Möglichkeiten, die sich mir jeden Tag bieten, entscheiden, welche davon in die von mir ersehnte Richtung führen und welche nicht. Daraus läßt sich ein anderer Umgang mit Gefühlen ableiten:

Nur wenn ich weiß, was ich kurz-, mittel- oder langfristig verändern will habe ich eine Chance, den Weg dorthin zu finden. Ansonsten lande ich irgendwo.

echte Gefühle falsche Gefühle unterscheiden

Wie ich erreiche, daß ich mich so fühlen kann, wie ich will, zeigt die MIND MAP. Bevor Sie aber die für Sie geeignete Auswahl treffen und sich die für Sie optimale Reihenfolge überlegen, brauchen Sie ...:

  • ... einen Maßstab, nachdem Sie geeignete Methoden auswählen ...
  • ... Um diesen Maßstab gewinnen zu können, brauchen Sie Informationen über Ihren gegenwärtigen Standort (Ist-Zustand) ...
  • ... und einen Grund, warum Sie etwas anderes tun sollten.

In umgekehrter Reihenfolge:

  1. Vergegenwärtigen Sie sich, daß Gefühle oft schwer vorhersagbare und starke Wirkungen haben können, je nach Intensität. Das gilt primär für die Wirkung, die Ihre Gefühle auf Ihr eigenes Verhalten und auf Ihre Entscheidungen haben. Wichtig aber ist auch: Wie Sie sich fühlen (& wie Sie diese Gefühle ausdrücken) hat großen Einfluß darauf, ob und wie andere Sie wahrnehmen und auf Sie reagieren.

    Diese Wirkung ist oft sehr viel intensiver, als das, was Sie sagen. Das klassische Beispiel ist die Situation eines Bewerbungsgespräches. Selbst wenn ein Bewerber die besten Zeugnisse vorweisen kann, wird er seine Chance, ausgewählt zu werden, unwahrscheinlich machen, wenn er in heller Angst und Panik beim Bewerbungsgespräch aufläuft.

  2. Beobachten Sie, was Sie in bestimmten Situationen mit Ihren Gefühlen bewirken oder bewirken wollen. Das gilt wieder sowohl für Sie selbst als auch für andere. Zum Beispiel bewirken Sie, wenn Sie vor Freude ganz aus dem Häuschen sind, daß Sie etwas, das Sie als Erfolg bewerten, bestätigen und damit wahrscheinlicher machen, daß Sie weiter oder wieder so handeln werden.

    Der Maßstab für echt / unecht besteht nun darin, ob der Erfolg über den Sie sich freuen, in Richtung Ihrer langfristig angestrebten Ziele führt oder ob Sie mit diesem Erfolg in die falsche Richtung marschieren. Man kann sich z.B. durchaus darüber freuen, seinem Partner oder Konkurrenten mal wieder so richtig ausgetrickst zu haben, es ist bloß zweifelhaft, ob man damit die Basis für Vertrauen und Klärung der strittigen Fragen erschafft.

  3. Schließlich der Maßstab nachdem Sie Methoden auswählen: Ihre eigenen Gefühle zu verändern, kostet Sie vermutlich Überwindung, die Überwindung der Gewohnheit, im Zweifelsfall Ihre Mitmenschen irgendwie dazu zu bringen, daß sie in Ihnen die von Ihnen gerade gewünschten Gefühle erzeugen. Aber: Ihre Gefühle – und damit normalerweise verbunden: Ihre eigenen Gedanken und Körperbewegungen zu wählen, hat auf Dauer mehr Aussicht auf Erfolg. Am deutlichsten wird das bei Ärger. Andere können sich abmühen, wie sie wollen um Sie zum Streiten zu bewegen. Wenn Sie nicht wollen, wird es niemanden gelingen Ihnen seine Gefühle aufzuzwingen!

Nachsatz:

Jeder Mensch zielt mit seinem Handeln auf Erfolg ab. Wenn Sie sich häufig mit anderen streiten, sind Sie ebenfalls erfolgreich. Allerdings bleibt die Frage, ob Sie diese Art von Erfolg wirklich langfristig in Ihrem Leben haben wollen. Da jede Intention - und damit jede Handlung auf Erfolg abzielt, ist Freude eigentlich das "Natürlichste" aller Gefühle.

Aus dieser Überlegung können Sie den Wahlspruch ableiten...

... je mehr Sie Freude in allem, was Sie tun empfinden, umso weiter haben Sie sich aus dem Labyrinth der Gefühlsmaschen herausgearbeitet.

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31.05.2016 © seit 09.2003 Dr. Angela Jekosch  

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