Zahlwörter: Die Sprache, die Zahlen und die Logik

Teaser: Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir Zahlwörter im Deutschen so seltsam aussprechen? Warum sagen wir "zwölf" und nicht "zweizehn"? In diesem Artikel wird die "unlogische" Aussprache von Zahlwörter dargestellt und aufgezeigt, wie lebendige Sprachen auch ohne stringente Logik wunderbar auskommen.

Die Logik

Ist Sprache logisch? Ausführlicher gefragt: Ordnet sich Sprache stets in die Gesetze der Logik ein? – Nein. Eine Sprache, gleich welche, ist kein von Theoretikern oder Wissenschaftlern geschaffenes Instrument. Sprachen sind das Ergebnis einer Jahrtausende währenden Entwicklung, die in engem Zusammenhang mit der Entwicklung des Menschen steht. Deshalb unterliegen Sprachen keinem eindeutigen Algorithmus, sind auch nicht konstant, nicht fix – sie verändern sich ständig, passen sich an die Veränderungen im Leben der Völker an, die sie sprechen und schreiben.

Zahlen auf einer RechnungDies bedarf auch keiner künstlichen administrativen Regulierung, etwa durch Vorschriften, Erlasse und Bestimmungen staatlicher oder anderer gesellschaftlicher Organe, dieser Entwicklungsprozeß vollzieht sich ausschließlich durch die Sprech- und Schreibpraxis der ethnischen Gruppen oder der Völker, die die Sprache verwenden.

Ausgenommen hiervon sind Kunst- oder Welthilfssprachen, die von Einzelpersonen oder kleineren Gruppen erdacht wurden, von Gruppen oder Organisationen gesprochen werden mit dem Ziel, weltweite Anerkennung zu erlangen und die internationale Kommunikation zu erleichtern. Beispiele sind Esperanto, Bellaba, Ido, Interlingua, Loiban, Kotawa, Tundrisch, Vabungula, Volapük, Solresol, es gibt über 1000 Projekte.

Das Fehlen von Volksgruppen, die solche Sprachen als Muttersprache pflegen, erschwert ihre Verbreitung. Kaum gibt es Kinder, die eine Kunstsprache als Erstsprache erlernen. Somit fehlt diesen Sprachen eine eigene Kultur und historische Traditionen. Vorteil der Kunstsprachen: Sie sind logisch aufgebaut, es gibt ein Regelwerk, das die logischen Elemente des Denkens und Sprechens erfaßt, es gibt keine Ausnahmen. Das erleichtert ihre Erlernbarkeit.

Logische Elemente gibt es auch in natürlichen (auch ethnischen) Sprachen. Zum Beispiel hat jede Sprache die Möglichkeit, Zeiten darzustellen, also vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges zu beschreiben (Präteritum, Präsens, Futur), jede Sprache kann Möglichkeitsformen abbilden (Konjunktiv), jede Sprache besitzt Steigerungsformen der Adjektive (Positiv, Komparativ, Superlativ, Elativ) und vieles andere mehr.

Die Sprachwissenschaft kategorisiert diese Elemente und versucht, sie in Regeln zu fassen, die ermöglichen, die im Kindesalter intuitiv erlernte Sprache in der Schulausbildung mit intellektuellen Mitteln und Methoden zu vervollständigen und zu verfeinern. Auch für das Erlernen einer Fremdsprache ist das Regelwerk unerläßlich. Die praktische sprachliche Erscheinungsform dieser logischen Strukturelemente in Wort und Schrift ist jedoch oft sehr vielgestaltig, keineswegs einheitlich und von Ausnahmen durchbrochen, die sich der allgemeinen Regel entziehen.

Eine Sprache ist kein durchgängig logisches Instrument. Viele Einzelheiten sind historisch gewachsen und von Traditionen getragen, die durch Überlieferung erlernt werden und von den ethnischen Gruppen und Völkern so akzeptiert und auch verteidigt werden, um sie zu erhalten, wie sie sind. Künstliche Eingriffe durch Behörden, Ämter oder andere Einrichtungen, auch durch Einzelpersonen, die mit regulierenden Absichten auftreten und die Sprache nach ihrem Ermessen verändern möchten, stoßen dabei meist auf energischen Widerstand und werden von den Völkern kaum toleriert.

Ziffern und Zahlwörter

Zahlen auf WürfelnGanz besonders deutlich werden Regelabweichungen und Ausnahmen von logischen Grundannahmen bei den Zahlwörtern (Numeralia). Zahlen sind in ihrer Zifferndarstellung stets konsequent logisch. Sie haben einen eindeutigen Algorithmus zur Bildung der Zahlenwerte. Zahlwörter hingegen nicht. Zahlwörter sind in jeder Sprache unabdingbare Elemente vor allem zur mündlichen Kommunikation mit Zahlen.

Es gibt kaum einen längeren Text, in dem keine Zahlen vorkommen. Im Schriftlichen hat man die Wahl, Zahlen mit Ziffern oder mit Zahlwörtern niederzuschreiben. Wie die Wahl ausfällt, ist davon abhängig, welchen Charakter der Schreibende einer Zahl zumißt.

Beispiele. Kaum wird man schreiben: „Sie waren 2 gute Freunde.“ Hier wird man das Zahlwort zwei schreiben. Schreibt man aber „Die Kosten betragen zweihundert Euro“, so ist die Darstellung unpraktisch und nicht zweckmäßig. Hier ist die Zifferndarstellung sinnvoll: 200,- Euro.

Zahlwörter im Deutschen

Aber gerade im mündlichen und schriftlichen Umgang mit den Zahlen gibt es viele Eigenartigkeiten, die beim näheren Hinsehen unlogisch erscheinen. Schauen wir uns zunächst einmal in der deutschen Sprache um. Für die einstelligen Zahlen, die mit den Ziffernzeichen 0, 1, 2, 3, 4, 5, 8, 7, 8, 9 dargestellt werden, haben wir die Wörter null, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun.

Bereits das Sprechen der Ziffern in der zweiten Stelle, wenn also die Zehner angesprochen werden, birgt Besonderheiten. Sprechen wir die Zehner, die mit der Endsilbe –zig gebildet werden, rückwärts, bemerken wir das: neunzig, achtzig, siebzig (warum nicht „siebenzig“?), sechzig, fünfzig, vierzig, dreißig (logisch wäre „dreizig“), zwanzig (logisch wäre „zweizig“), zehn (logisch wäre „einszig“). Auch die der Zehn folgenden Einerschritte haben solche „Unzulänglichkeiten“. Die meisten werden mit der Nachsilbe –zehn gebildet. Wieder gehen wir rückwärts: neunzehn. Das ist schon nicht konsequent, logisch wäre „zehnneun“, denn natürlicherweise werden die Ziffern in der Reihenfolge ihrer Niederschrift gelesen, also die höheren Stellen vor den niederen.

Akzeptieren wir aber jetzt neunzehn und zählen rückwärts: achtzehn, siebzehn (warum nicht „siebenzehn“?), sechzehn (warum nicht „sechszehn“?), fünfzehn, vierzehn, dreizehn, zwölf (warum nicht „zweizehn“?), elf (warum nicht „einszehn“?). Hier sind zwei Wörter entstanden, die völlig aus dem System herausfallen. Bei den nachfolgenden zweistelligen Zahlen geht die „Unordnung“ weiter.

Stets sprechen wir die Einer vor den Zehnern: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig usw. Besonders deutlich wird es, wenn wir noch eine Hunderterstelle hinzuziehen: 432, gesprochen vierhundertzweiunddreißig, die natürliche Reihenfolge der Ziffern wird in der Sprechweise durchbrochen.

Zahl nullAber alle diese Unregelmäßigkeiten akzeptieren die Deutsch-Muttersprachler kritiklos. Wir sind damit aufgewachsen, haben uns daran gewöhnt, es entspricht unseren Traditionen, so zu sprechen. Es gibt ganz vereinzelt wenige Ausnahmen, Menschen, die sich mit Veränderungswünschen vielleicht nur wichtigtun wollen, aber sie gehen unter, ihre Ideen werden fast einhellig als Hirngespinste beiseite gelegt.

Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit: Der Bochumer Mathematikprofessor Lothar Gerritzen hatte anläßlich seines am 19. Januar 2004 durchgeführten „Kolloquiums zum Zahlenaussprechsystem“ allen Ernstes vorgeschlagen, wie im Englischen die Zehner vor den Einern zu sprechen, also „zwanzigeins“ statt einundzwanzig, „zwanzigzwei“ statt zweiundzwanzig,... „zwanzigsieben“ statt siebenundzwanzig usw. usf. Erwartungsgemäß hatte das eine Welle der Empörung ausgelöst, die geführt von der Zeitschrift Deutsche Sprachwelt ein landesweites Echo fand. Auch ich habe Herrn Prof. Gerritzen geschrieben, in dem ich ihm zusammen mit einem offenen Brief in Form einer satirischen Überspitzung den Unsinn eindringlich vorgeführt habe. Sie können beides hier nachlesen.

Zahlwörter im Englischen

Ist Deutsch die einzige Sprache mit Unregelmäßigkeiten beim Sprechen der Zahlen? Nein. Schauen wir zunächst ins Englische. Auch hier gibt es Zahlwörter zur Benennung der Ziffern: zero, one, two, three, four, five, six, seven, eight, nine. Auch im Englischen hat die Zehn einen eigenen Namen: ten. Die der Zehn folgenden Zahlen werden mit der Nachsilbe –teen gebildet, fourteen, fifteen, sixteen, seventeen, eighteen, nineteen, wobei auch hier die Frage stünde, warum teen nicht voransteht.

Mit eleven und twelve finden wir ähnliche Abweichungen wie im Deutschen, was wohl an den gemeinsamen Wurzeln beider Sprachen liegen wird. Dann aber heißt es thirteen (nicht „threeteen“), fifteen (nicht „fiveteen“) und beim eighteen fehlt ein t. Im Gegensatz zum Deutschen folgt aber bei den Zahlen nach der Zwanzig die Reihenfolge der Ziffern dem Stellenwert, also twenty one, twenty two, twenty three usw. Auch bei den runden Zehnern, die mit der Nachsilbe –ty (im Deutschen –zig) gebildet werden, sind Abweichungen sichtbar: twenty (nicht „twoty“), thirty (nicht „threety“) forty (nicht „fourty“), fifty (nicht „fivety“), sixty, seventy, eighty (nicht „eightty“), ninety.

So sieht man, auch im Englischen steht Tradition und Sprachgeschichte vor der Logik. Kein Englisch-Muttersprachler käme auf die Idee, die Logikabweichungen beseitigen zu wollen und das Zählen sozusagen auf „mathematisch korrekte“ Füße zu stellen.

Zahlwörter im Französischen

Was finden wir im Französischen? Wieder zehn Zahlwörter zur Benennung der Ziffern: zero, un, deux, trois, quatre, cinq, six, sept, huit, neuf. Auch die Zehn hat einen eigenen Namen: dix. Die Nachfolger der Zehn lassen kaum eine Regelmäßigkeit erkennen, man muß sie lernen: onze, douze, treize, quatorze, quinze, seize, dix-sept, dix-huit, dix-neuf (11 bis 19).

Bei den runden Zehnern ist es ganz ähnlich, es sind eigenständige Wörter, die nur bedingt einen Bezug zu den Ziffern erkennen lassen: vingt, trente, quarante, cinquante, soixante, soixante-dix, quatre-vingt, quatre-vingt-dix (20 bis 90).

Besonders augenfällig sind die Siebzig, die sich aus sechzig und zehn zusammensetzt (soixante-dix), ohne den Wortstamm sept zu verwenden, die Achtzig, die man als vier Zwanziger anspricht (quatre-vingt) ohne Bezug zu huit und die Neunzig, bei der man schon rechnen muß, sie heißt vier Zwanziger und zehn (quatre-vingt-dix), der Wortstamm neuf kommt nicht vor. Das mag für den Nicht-Franzosen ein wenig schwierig sein, aber es heißt nun einmal so, und ich kenne keinen Franzosen, der das zu ändern beabsichtigte.

Wiederum in aller Deutlichkeit: Tradition vor Logik. Regional gibt es die Zahlwörter septante, huitante oder octante und nonante (70, 80, 90), jedoch nur in Belgien und in der Schweiz, nicht in Frankreich und nicht in Quebec.

08.01.2014 © seit 06.2008 Dr. Manfred Pohl  

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