Ein Philosoph und seine Dichter - Heidegger, Hölderlin und Thelema

Teaser: Ist Dichtung nur ein unverbindliches Spiel mit Worten oder vielleicht sogar das Wesentlichste im Leben des Menschen? Worin liegt die Bedeutung von Sprache für den Menschen? Anhand der denkerischen Auseinandersetzung des Philosophen Martin Heidegger mit dem Dichter Friedrich Hölderlin versucht der Autor dieses Textes mögliche Ansätze für die Auslotung dieser Fragen aufzuzeigen. Die Vision des sich selbst dichtenden Menschen soll im Vordergrund stehen. Daher findet sich hier auch der Bezug auf die spirituelle thelemische Geistesrichtung.

Anmerkung

Der folgende Vortrag wurde auf einem Fest der Thelema Society im Jahre 2005 gehalten. Der Verfasser ist selbst Thelemit und daher wird im Text häufig von Thelema bzw. Thelemiten die Rede sein. Bei Thelema handelt es sich um eine spirituelle Geistesrichtung, die Philosophie, Religion, Magie, Selbsterfahrung und Kunst miteinander verbindet. Sie geht zurück auf den englischen Magier Aleister Crowley, der 1904 von einer Wesenheit namens Aiwass das Liber Legis (Buch des Gesetzes) channelte, in dem drei ägyptische Götter die Prinzipien eines neuen Zeitalters in poetischer Sprache darlegen.

Für den Thelemiten stellen diesen Prinzipien keine dogmatisch geglaubten Wahrheiten dar, sondern sind der Ausgangpunkt für Reflektion und Sinnsuche im eigenen Leben. Die Kernaussagen des Buches verweisen auf die Einzigartigkeit und Selbstverantwortlichkeit des Menschen, auf Freiheit, Lebenskunst und Persönlichkeitsformung, auf einen neuen Umgang mit Gemeinschaft und auf die Möglichkeit von Unsterblichkeit. Letzteres wird im ersten Teil des Textes eine Rolle spielen.

Vortrag

Die Beschäftigung des großen deutschen Denkers Martin Heidegger mit dem großen deutschen Dichter Friedrich Hölderlin erschließt uns eine ganz eigene Betrachtungsweise auf das Thema der Selbsterschaffung: - es ist die Frage nach dem Dichten der eigenen Vision, nach dem Dichten eines Fundamentes, eines Sinns für unser Leben und nach dem Dichten, das uns gleichzeitig auf ein höheres Niveau heben kann, das also unsere eigene momentane Persönlichkeit in einem schöpferischen Akt zu übersteigen vermag, auf das wir als ein ganz Anderer daraus hervorgehen.

Dichten ist die Quelle der Freiheit. Freiheit verstehe ich hier als die Fähigkeit, seine eigensten Möglichkeiten furchtlos zu erkennen, zu ergreifen und in einem Willensakt schließlich zu verwirklichen. Welche Möglichkeiten ich aber überhaupt mir selbst zu erschließen im Stande bin, das wird in erster Linie von meiner Kreativität, von meiner Phantasie abhängen. Dichten aber kann nicht sein, ohne das diese Phantasie in Bewegung gesetzt wird. Dichten erschließt mir ungeahnte Möglichkeiten, die das Selbstverständliche transzendieren - eine wesentliche Dichtung ist immer ein Sprung in das ganz Neue. Darin gleicht sie der Philosophie.

Wo also liegt das existenziell Wichtige der Dichtung für das Dasein der Menschen? Ist Dichtung mehr als ein unverbindliches Spiel? Ist sie am Ende ein Spiel mit dem Feuer und damit eine Form des Nietzscheanischen Mottos "Lebe gefährlich"? Der folgende Text behandelt interpretierend die Antwort, die Heidegger und Hölderlin auf diese Fragen gegeben haben.

Dichtung und Unsterblichkeit

Heidegger stieß schon in seiner Gymnasialzeit auf ein kleines Büchlein mit einer Auswahl der Hymnen Hölderlins. Aber erst in den dreißiger Jahren wagte er sich an die Erläuterung einzelner Gedichte. Dabei verfolgte er weder literarhistorische Absichten noch wollte er die Struktur der Gedichte sezieren. Vielmehr ging es ihm darum, "auf das Wort der Dichtung zu hören" und dieses damit in die Bewußtheit der denkerischen Auseinandersetzung zu bringen.

Denn auch für Heidegger ist Dichtung nicht das unverbindliche Spiel mit Worten, sondern im höchsten eigentlichen Sinne die Gründung einer neuen Wahrheit – zumindest aber die Sichtbarmachung eines Aspektes des Daseins, der bislang verborgen blieb. Für das Erstere ist ihm Hölderlin das ausgezeichnetste Beispiel – für letzteres führt er die Duineser Elegien Rainer Maria Rilkes an. Vor allem in seinen späteren Hymnen gründet Hölderlin ein neues Verhältnis von Mensch und Gott, während Rilke mit seiner Verherrlichung und Sehnsucht nach der tierischen Lebensform in den Elegien die Konsequenz einer langen metaphysischen Bestimmung des Menschen als animal rationale zieht.

Die Seinsvergessenheit rückt in das Blickfeld dessen, der auf das Wort der Dichtung zu hören vermag – einmal indem sie wie bei Rilke deutlich, ja kraß vollzogen wird und im anderen Fall durch den Versuch, sie mit einem neuen Anfang zu überwinden.

Hölderlins Hymnen sind für Heidegger das, was für Thelemiten das Liber Legis darstellt – heilige Worte, mit denen etwas ganz Neues, Aufregendes beginnt, ein neues Denken, ein neues Wohnen des Menschen auf der Erde, eine neue Begegnung von Mensch und Gott. Dichtung wird zum Wagnis, zum Sprung, das eine neue Wahrheit zu gründen vermag oder aber zu Wahnsinn und Tod führen kann.

Hölderlin selbst verbrachte die Hälfte seines Lebens in geistiger Umnachtung. In die unwesentliche Normalität zurückzukehren, das Neue zurückzuweisen und zu ignorieren, verbleibt freilich noch als die dritte wenn auch selbstbetrügerische Wahlmöglichkeit. Freilich öffnet sich die Chance einer Gründung nur demjenigen, der auf das Wort der Dichtung hört, d.h. sie existenziell ernst nimmt. Aber wer sich wie wir auf das Liber Legis als sein Gesetz beruft, der hat damit explizit ausgesprochen, das er genau dieses tun wird. Denn das Liber Legis ist offensichtlich eine Dichtung.

Lassen wir Heidegger in eigenen Worten sagen, was er als das Wesen der Dichtung sichtbar machen will: "Hölderlins Hymne ‚Andenken'", S. 6 f.:

"Wenn wir uns aufmachen, das in Hölderlins Dichtung Gedichtete zu denken, dann trachten wir bei solchem Versuchen auch nicht darnach, das vor die Anschauung zu bringen, was Hölderlin im ersten Sagen seiner Dichtung bei sich selber vorgestellt hat. Das wird keine Forschung je erkunden und kein Denken je ersinnen können. Gesetzt sogar, dieses Unmögliche wäre möglich, angenommen also, wir könnten uns genau in den damaligen Umkreis der Hölderlinschen Vorstellungen zurückversetzen, dann wäre so in keiner Weise verbürgt, daß wir hiermit das denken, was Hölderlins Wort dichtet. Denn das Wort des wahrhaften Dichters dichtet jedesmal über das eigene Meinen und Vorstellen des Dichters hinaus.

Das dichtende Wort nennt Solches, was über den Dichter kommt und ihn in eine Zugehörigkeit versetzt, die nicht er geschaffen, der er selbst nur folgen kann. Das im dichtenden Wort Genannte steht niemals wie ein überschaubarer Gegenstand vor dem Dichter. Das Gedichtete nimmt den Dichter nicht nur in eine sein Wesen wandelnde Zugehörigkeit. Das Gedichtete birgt sogar selbst noch in sich ein Verschlossenes, was über die Kraft des Wortes geht. Das Wort des Dichters und das in ihm Gedichtete überdichten den Dichter und sein Sagen. Wenn wir dies von "der Dichtung" behaupten, meinen wir überall nur die wesentliche Dichtung. Sie allein dichtet Anfängliches; sie allein entbindet Ursprüngliches zu seiner eigenen Ankunft."

Durch den Dichter spricht also mehr, als er selbst ist. Er bleibt sich selbst unbekannt, die Fremde beginnt im Dichter selbst. Ganz wie Münchhausen versteht er es, sich selbst am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf der Seinsvergessenheit zu ziehen und der sinnlos gewordenen entzauberten Welt wieder ein Lied zu entlocken.
"Ach, wir kennen uns wenig, denn es waltet ein Gott in uns", ruft Hölderlin aus. Und Hadit antwortet im Liber Legis: "Ich sehe dich die Hand und die Feder hassen, aber ich bin stärker. Wegen mir in dir, den du nicht kanntest. Und warum? Weil du der Wissende warst und ich."

Im Dichter waltet also der Gott selbst, weswegen er fähig ist, etwas zu erschaffen, das seine augenblickliche Persönlichkeit weit übersteigt. Für Hölderlin stellt das Fest das ausgezeichnete Ereignis dar, in dem Mensch und Gott eine heilige Hochzeit feiern, um den Halbgott zu gebären, der die heiligen Worte den Menschen übermittelt. Der Halbgott aber ist der Dichter.

Hölderlin redet davon, das die Dichter barhäuptig unter dem Gewittern Gottes stehen. Sie riskieren sich damit immer selbst – mit jedem wesentlichen Gedicht, jedem abgerungenen Wort. Wer beispielsweise Benns Aufzählung (im Essay "Das Genieproblem") der Süchte, Anomalien, Perversionen und Psychosen der Dichter kennt, weiß, das es sich hier nicht um eine poetische Metapher, sondern um eine reale Erfahrung im Leben dieser Dichter handelt.

Benn stellt schließlich die Frage: gab es je ein normales Genie? Wir dürfen fragen: gab es je einen bürgerlich im normalen Leben eingerichteten Menschen, der eine neue Lebensform erschuf? Vielleicht Goethe, aber er steht damit schon vereinzelt da.

Faktisch lebt der Dichter und der Neugründer immer am Rande eines Abgrundes – er springt und gründet oder er springt und stürzt. Diese Tragik gehört zum Leben der "Erstlinge" (Nietzsche), die sich opfern und untergehen.

Aber anders ist auch Unsterblichkeit nicht zu haben, wie sie im Liber Legis beschrieben wird ("Der Tod, oh Mensch, ist Dir verboten"). Ein Mensch als ein wirkliches Einzelwesen – wie der Philosoph Whitehead es bezeichnet - ist das Ergebnis einer langen Kette der Vererbung, die von anderen Einzelwesen gebildet wird.

Das Individuum konkretisiert etwas Kreatives, etwas Neues im Universum. Und seine Erfahrung erbt wieder ein anderes Einzelwesen. Will er nun unsterblich sein, individuell und nicht nur objektiv unsterblich sein, muß er in jedem Moment etwas Neues im Universum konkretisieren. Er versagt sich selbst eine letztendliche Erfüllung, die das Aufhören der Lebensspannung bedeuten würde. Jeden Moment oder zumindest in den großen Augenblicken seines Lebens muss der Unsterbliche sich neu dichten.

Er versteht es, an die eigene Vergangenheit immer wieder anzuknüpfen und das heißt sich ständig zu erinnern. Ansonsten wird er von anderen Einzelwesen geerbt – z.B. vom Ungeheuer des altägyptischen Totengerichtes oder von den Würmern oder von seinem leiblichen Kind oder von einer Datenbank oder... Meinetwegen auch von der Menschheit...

Nur wer sich selbst zu dichten vermag, wird unsterblich sein können.

Die Berufung des Dichters

Gehen wir nun auf den Beruf des Dichters näher ein. 1936 veröffentlichte Martin Heidegger in der Zeitschrift "Das innere Reich" den Aufsatz "Hölderlin und das Wesen der Dichtung". An fünf Leitworten Hölderlins stellt Heidegger dar, welche Rolle die Dichtung für den Menschen spielen kann und was sie an Möglichkeiten für ihn eröffnet. Für Heidegger ist Hölderlin der Dichter des Dichters, derjenige Dichter, der die Berufung des Dichters dichtet.

Das erste Leitwort: Dichten "Dies unschuldigste aller Geschäfte..."

Dies in einem Brief an die Mutter stehende Wort verweist die Dichtung in den Bereich des ungebundenen Spiels. Es scheint der Dichtung mit nichts wirklich ernst zu sein, sie treibt ihr Spiel mit der Sprache. Und bloße Sprache bewirkt nichts. Die Dichtung hält sich außerhalb des Bereiches von Entscheidungen, in denen der Mensch schuldig werden kann, also Wirkungen hervorruft. Deshalb ist sie das unschuldigste der Geschäfte. Aber diese Aussage verweist nur auf die äußere Hülle der Dichtung, die sich dem ersten oberflächlichen Blick darbietet.

Denn zu fragen wäre: Ist Sprache wirklich nur das harmlose Spiel mit Worten?

Das zweite Leitwort: "Darum ist der Güter Gefährlichstes, die Sprache dem Menschen gegeben... damit er zeuge, was er sei..."

Diese Worte stehen in einem Bruchstück aus dem Jahre 1800, das ein Jahr nach der erwähnten Briefstelle geschrieben wurde. Es lautet:

"Aber in Hütten wohnet der Mensch, und hüllet sich ein ins verschämte Gewand,
denn inniger ist's, / achtsamer auch und dass er bewahre den Geist, wie die Priesterin die himmlische Flamme, dies ist sein Verstand. Und darum ist die Willkür ihm /
und höhere Macht zu fehlen und zu vollbringen, dem Götterähnlichen, der Güter gefährlichstes, die Sprache, dem Menschen gegeben, damit er schaffend, zerstörend und untergehend, und wiederkehrend zur ewigen, zu Meisterin und Mutter, damit er zeuge, was er sei, / geerbt zu haben, gelernt von ihr, ihr Göttlichstes, die allerhaltende Liebe."

Der Mensch zeugt von sich und seinem Dasein durch dieses selbst. Wofür steht er mit dieser Bekundung ein? Als Meisterin und Mutter erscheint hier die Erde. Der Mensch bekundet seine Zugehörigkeit zur Erde. Inmitten der seienden Dinge, die uns umgeben, steht er als der Lernende und der Erbe, der diesen Dingen schließlich seine Welt abgewinnt.

Diese Welt aber zeigt sich im Wohnen des Menschen in Hütten. Die wichtigste Voraussetzung für die Erschaffung einer Welt aber ist die Sprache. Nur wo der Mensch spricht und Bedeutungen zum Vorschein bringt, kann eine Welt walten – wie Heidegger das nennt.

Der Mensch rodet den Urwald, um Hütten zu bauen, aber er wird zuerst der Worte bedürfen, um in das Offene der Möglichkeit einer Hütte - einschließlich ihrer sämtlichen Konnotationen von Schutz vor Wind und Wetter bis hin zu Heimat und Selbstausdruck - hineinstehen zu können. Der Mensch bezeugt – d.h. er hat Bewußtsein und steht immer in der Freiheit der Entscheidung, die das Notwendige ergreift, um sich an das höchste eines Anspruchs zu binden. Freiheit heißt hier: auf dem Grund des Notwendigen eine Vision zu realisieren.

Warum aber sollte die Sprache das gefährlichste der Güter sein? In der Sprache kann Wahrheit ins Werk gesetzt werden – wie in der Kunst. In der Sprache kann Schönheit erscheinen. In der Sprache erst wird das Seiende, das uns umgibt, zu etwas, mit dem wir Streben und Empfinden verknüpfen können - Seiendes kann uns befeuern und wir können Seiendes begehren. Und Nichtseiendes kann uns enttäuschen – z.B. ein unerfüllbarer Wunsch.

Ebenso aber lässt sich mit der Sprache das Sein verstellen, lässt sich jede Art von Täuschung begehen. Das Reine, das Wahre, das Schöne und Wesentliche lassen sich mit der Sprache sagen, aber sie bleibt auch offen für das Blendende, für das Gemeine und das Gewöhnliche, für Geschwätz und Gerede. Der Mensch kann den Dingen mit der Sprache Sinn verleihen, er kann sie aber auch zum Gewöhnlichsten und Gebräuchlichsten veröden. Mit der Sprache entscheidet der Mensch zuerst, wer er ist. Er zeugt für sich.

Heidegger schreibt, das die Sprache Stimmungen, Erfahrungen und Entschließungen mitteilen kann und insoweit ein Gut des Menschen ist. Sie stellt aber mehr als ein Verständigungsmittel dar. Durch sie wird der Mensch erst in die Offenheit des Seienden gestellt und damit in eine Welt – "der stets sich wandelnde Umkreis von Entscheidung und Werk, von Tat und Verantwortung, aber auch von Willkür und Lärm, Verfall und Verwirrung." Und nur so kann der Mensch zu einem geschichtlichen Wesen werden.

Das dritte Leitwort: "Viel hat erfahren der Mensch. / Der Himmlischen viele genannt, / Seit ein Gespräch wir sind / Und hören können voneinander."

"Seit ein Gespräch wir sind..." – damit hören wir wohl eines der tiefsten Worte Hölderlins. Das Wesen der Sprache besteht nicht in ihrem Bestand, d.h. weder in ihren Worten noch in ihrer Grammatik noch in ihren Regeln. Sprache ist nicht ohne Gespräch. Das Wesen der Sprache ist das Gespräch. Der Mensch wird wesentlich vom Gespräch getragen. Im Gespräch können die Menschen zueinander sprechen. Aber zueinander sprechen können sie nur, wenn sie aufeinander hören können. Die Möglichkeit des Hörens erst bringt uns in das Gespräch. Das Sprechen kann nur zur Sprache werden, wenn es auch gehört werden kann. Ansonsten bleibt es die autistische Klangerzeugung eines Einzelnen.

Heidegger legt die Betonung auf e i n Gespräch, denn das Gespräch ist die bleibende Einheit, das unser Menschsein ausmacht. Wenn auch alles wird und vergeht, so bleibt doch das Gespräch als Beständigstes in der Menschheitsgeschichte erhalten. Seit der Mensch ein Gespräch ist, ist erst die Zeit erstreckt, ist erst der Raum eröffnet für seine Erfahrungen. Hier kann ich wieder einen Bogen zur Unsterblichkeit schlagen: denn da das beständig Bleibende am Menschen das Gespräch ist, wird nur derjenige unsterblich werden, der in der Offenheit des Gespräches sich hält – der also im wahrsten Sinne des Wortes "im Gespräch bleibt".

Hölderlin nennt die Himmlischen. Der Mensch bringt die Götter ins Wort. Die Götter jedoch erscheinen nur im Wort, wenn sie selbst uns ansprechen und in einen Anspruch nehmen. Zuletzt haben sie das im Liber Legis getan. Heidegger schreibt:

"Indem die Götter unser Dasein zur Sprache bringen, rücken wir erst ein in den Bereich der Entscheidung darüber, ob wir uns den Göttern zusagen oder ob wir uns ihnen versagen."

Übertragen auf die Situation des Thelemiten heißt das: "Indem die Götter die Möglichkeit eines neuen Daseins im Liber Legis zur Sprache gebracht haben, rücken wir ein in den Bereich der Entscheidung darüber, ob wir uns den Göttern zusagen oder ob wir uns ihnen versagen, ob wir das Liber Legis realisieren wollen oder ob wir mit den alten Süßen und dem bisherigen Lauf der Neuzeit fortfahren wollen."

Das vierte Leitwort: "Was bleibet aber, stiften die Dichter."

Dichten ist somit also Stiftung im Wort. Der Dichter stiftet etwas Bleibendes – er ringt dem Fortreißen der Zeit, der Verwirrung und dem Verfall einen Grund ab, auf dem menschliches Dasein bestehen kann. Der Dichter gibt den Dingen, dem Seienden, einen Namen, unter dem sie bekannt werden. Damit stiftet er worthaft das Sein als die Lichtung, in dem etwas Seiendes ganz als es selbst in seiner Einzigartigkeit erscheinen kann. Er verleiht der Welt einen Sinn.

Das Aufglänzen der Dinge im Wort und das Nennen der heiligen Götter setzen den Menschen erst in Bezug zu sich selbst. Sie erschaffen einen Grund, auf dem die großartige Geschichte des Menschen geschehen kann – die vor allem darin besteht, das wir ein Gespräch sind.

Das fünfte Leitwort: "Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde."

Heidegger schreibt dazu: "Was der Mensch wirkt und betreibt, ist durch eigenes Bemühen erworben und verdient. ‚Doch' – sagt Hölderlin in harter Entgegensetzung dazu – all das berührt nicht das Wesen seines Wohnens auf dieser Erde, all das reicht nicht in den Grund des menschlichen Daseins. Dieses ist in seinem Grund ‚dichterisch'. Dichtung verstehen wir aber jetzt als das stiftende Nennen der Götter und des Wesens der Dinge. "Dichterisch wohnen" heißt: in der Gegenwart der Götter stehen und betroffen sein von der Wesensnähe der Dinge. ‚Dichterisch' ist das Dasein in seinem Grunde – das sagt zugleich: es ist als gestiftetes (gegründetes) kein Verdienst, sondern ein Geschenk."

Ein Geschenk ist es deshalb, weil der Dichter sein Gedicht sich nicht erarbeitet. Vielmehr müssen sich im Dichter eine Art offener Sensibilität, ein Ahnen, ein Zuneigen zum Thema seiner Dichtung, eine besondere Stimmung, eine Gottesgegenwart und ein Betroffensein gleichzeitig im Moment der Schöpfung treffen, um ein wesentliches Gedicht hervorzubringen.

Die Winke sind es, durch die die Götter zu den Menschen sprechen. Die Aufgabe des Dichters ist es, diese Winke weiterzuwinken zu den Menschen. Damit spricht der Dichter gleichzeitig über die Menschen und ihren Bezug zu Erde und Welt, zum Seienden im Ganzen. Er schenkt die "himmlische Gabe" der Götter im Lied den Menschen. So steht der Dichter in dem Zwischen der Menschen und Götter, in dem sich erst entscheidet, was das Wesen eines geschichtlichen Menschentums sein wird. Dichterisch nur wohnt dieser Mensch als wesentlicher Mensch mit einer Aufgabe, mit einer Mission auf dieser Erde.

Der Dichter ist ein Seher, der von der Überfülle der Bilder und von überwacher Klarheit geblendet wird. Und so besteht für ihn immer die Gefahr, in diesem Licht zu erblinden. Hölderlin stürzte schließlich in die Nacht des Wahnsinns. Aber dafür liegt in dem dichterischen Dasein die Chance ein intensiveres, ekstatischeres und bedeutungsvolleres Leben zu führen, als es die Sicherheit des Unwesentlichen bietet.

"Sei stark, o Mensch, dann kannst Du mehr Freude ertragen!" Vielleicht wurde etwas deutlicher, warum Thelemiten Dichter sein müssen.

Friedrich Hölderlin "Der Abschied"

Trennen wollten wir uns? wähnten es gut und klug?
Da wirs taten, warum schreckte, wie Mord, die Tat?
Ach! wir kennen uns wenig,
Denn es waltet ein Gott in uns.

Den verraten? ach ihn, welcher uns alles erst,
Sinn und Leben erschuf, ihn, den beseelenden
Schutzgott unserer Liebe,
Dies, dies Eine vermag ich nicht.

Aber anderen Fehl denket der Weltsinn sich,
Andern ehernen Dienst übt er und anders Recht,
Und es listet die Seele
Tag für Tag der Gebrauch uns ab.

Wohl! ich wußt' es zuvor. Seit die gewurzelte
Ungestalte die Furcht Götter und Menschen trennt,
Muß, mit Blut sie zu sühnen,
Muß der Liebenden Herz vergehn.

Laß mich schweigen! o laß nimmer von nun an mich
Dieses Tödliche sehn, daß ich im Frieden doch
Hin ins Einsame ziehe,
Und noch unser der Abschied sei!

Reich die Schale mir selbst, daß ich des rettenden
Heilgen Giftes genug, daß ich des Lethetranks
Mit dir trinke, daß alles
Haß und Liebe vergessen sei!

Hingehn will ich. Vielleicht seh' ich in langer Zeit
Diotima! dich hier. Aber verblutet ist
Dann das Wünschen und friedlich
Gleich den Seligen, fremde gehn

Wir umher, ein Gespräch führet uns ab und auf,
Sinnend, zögernd, doch itzt mahnt die Vergessenen
Hier die Stelle des Abschieds,
Es erwarmet ein Herz in uns,

Staunend seh' ich dich an, Stimmen und süßen Sang,
Wie aus voriger Zeit hör' ich und Saitenspiel,
Und die Lilie duftet
Golden über dem Bach uns auf.

05.02.2013 © seit 08.2005 Jörg Scholz

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