Komplexitätstraining: Die Kunst der Komplexitätsverarbeitung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Fähigkeit "Informationen zu verarbeiten" immer wichtiger wird. Man rechnet heute schon damit, dass sich das gesamte Wissen auf diesem Planeten etwa alle 2 bis 3 Jahre verdoppelt.

Durch die Entwicklung elektronischer Medien - wie dem Computer - der Daten nicht nur speichern, sondern auch immer besser verwalten und verarbeiten kann, wird sich dieser "Wissenszuwachs" künftig noch drastisch erhöhen.

Mit dem Anstieg des "Wissens" steigt auch die Komplexität, die wir verarbeiten müssen, um unsere Umwelt zu verstehen. Wer vor einigen Jahrzehnten ein Telefon anmelden wollte, brauchte sich nur bei einer Telefongesellschaft zu bewerben.

telefonbuchHeute muss man sich schon eine Fachzeitschrift besorgen, um aus der Vielfalt der unterschiedlichen Angebote einen Anbieter auszusuchen, der für die eigenen Bedürfnisse das optimale Angebot zusammenstellt. Dieser Trend - immer mehr Informationen und immer komplexere Strukturen - wird sich künftig noch weiter verstärken.

Wenn wir heute von "Lernen" sprechen, genügt schon lange nicht mehr ein stures Pauken von einfachen Zusammenhängen. Wir werden immer mehr gefordert unsere Fähigkeit "Komplexität zu verarbeiten" weiter auszubauen, damit wir halbwegs auf dem Laufenden bleiben. Die Komplexitätsverarbeitung ist eine wichtige "Meta-Fähigkeit", die uns helfen kann, das Lernen zu lernen. Nur sie kann uns helfen, uns in einer immer komplexer werdenden Welt zurechtzufinden.

Wer es schafft seine Komplexitätsverarbeitungskapazität zu steigern, kann in allen Bereichen schneller, leichter und effizienter lernen. Was dies genau bedeutet, werde ich in den folgenden Lektionen in Theorie und Praxis ausführen.

Angemerkt sei, dass ich in einigen Lektionen kleine Aufgaben gestellt habe, die Ihnen helfen sollen, die Theorie mit Ihren eigenen Erfahrungen zu verbinden. Dadurch lässt sich leichter verstehen, wie allgegenwärtig dieses Thema ist, auch wenn wir es in vielen Fällen einfach ignorieren.

Diese Übungen können Ihnen auch Indizien liefern, auf welchem kognitiven Komplexitätsniveau Sie agieren. Sie werden feststellen, dass die Übungen zum Verständnis sehr hilfreich sind.

Falls Sie einer Lehrtätigkeit nachgehen, werden Sie vielleicht feststellen, dass die Kenntnisse um verschiedene kognitive Komplexitätsniveaus Sie dazu anregt, den Unterricht für Schüler auf unterschiedlichen Stufen zu optimieren. Denn gerade von Lehrern wird häufig der Fehler gemacht, die Schüler - ohne Berücksichtigung der Unterschiede in den Komplexitäts-Niveaus - zu unterrichten.

Mir ist dabei bewusst, dass dieses Thema nicht immer einfach zu verstehen ist. Ich habe versucht, es soweit zu vereinfachen, dass es auch für ein durchschnittliches Bildungs-Niveau verständlich ist. Ob mir das gelungen ist, können nur Sie entscheiden.

Komplexität und Struktur

Betrachten wir zunächst den Begriff der Komplexität in seiner allgemeinsten Form. Er stammt (in der von uns verwendeten Form) aus der Systemtheorie von Niklas Luhmann. Die Systemtheorie ist selbst eine Theorie auf sehr hohem Abstraktionsniveau.

Komplexität bezeichnet dort eine Eigenschaft von Strukturen. Eine Struktur besteht aus Elementen und Verbindungen zwischen diesen Elementen, die wir Relationen nennen.

Ein Beispiel für eine einfache Struktur ist ein Telefonbuch. Es besteht aus den Elementen wie Namen, Telefonnummern, Ortsbezeichnungen, Vorwahlnummern etc. Diese Elemente sind miteinander verknüpft, nämlich so, dass ein Name mit einer bestimmten Telefon- und Vorwahlnummer, Wohnort etc. verknüpft ist.

Außerdem sind Sie möglicherweise selbst ein Element, insofern Sie Ihren Namen dort finden und damit eine Relation zu anderen Namen (z. B. durch die alphabetische Sortierung) besteht.

Nun können Strukturen mehr oder weniger Elemente und mehr oder weniger Relationen aufweisen. Somit unterscheidet man Strukturen, die über:

  • viele Elemente und viele Relationen,
  • viele Elemente und wenige Relationen,
  • wenige Elemente und viele Relationen,
  • wenige Elemente und wenige Relationen verfügen.

Verwenden wir zunächst den folgenden Begriff von Komplexität: Strukturen sind umso komplexer, über je mehr Elemente oder Relationen sie verfügen.

Der Gegenbegriff zu Komplexität ist Simplizität. Eine Struktur ist entsprechend umso simpler, über je weniger Elemente oder Relationen sie verfügt.

Das Telefonbuch ist ein Beispiel einer vergleichsweise einfachen Struktur. Es hat zwar viele Elemente, aber diese weisen nur wenige Relationen auf. Noch einfacher ist ein Einkaufsbon, der nur eine wesentliche Relation (Addition der Preise) darstellt. Eine komplexere Struktur ist z. B. eine Buchhaltung, in der mehr und verschiedene Elemente miteinander auf eine vielfältigere Weise in Verbindung gebracht werden.

Genaugenommen macht der Begriff Komplexität also nur dann Sinn, wenn er als Vergleich verwendet wird: Eine Struktur ist komplexer als eine andere.

Aufgabe: Finden Sie mindestens fünf eigene Beispiele für Strukturen. Schreiben Sie auf, welches ihre Elemente und Relationen sind, und vergleichen (ordnen) Sie sie hinsichtlich ihrer Komplexität.

Nun spricht die Systemtheorie weiterhin davon, dass Strukturen, Elemente und Relationen von einem Beobachter abhängen. Damit ist gemeint, dass ein Ding nicht „an sich“ über eine Struktur verfügt, sondern, dass wir eine Struktur beobachten.

Wer z. B. nicht weiß, was eine Skill-Tabelle der Figuren eines Computer-Rollenspiels bedeutet, wird auch keine Komplexität darin beobachten können. Ein sehr erfahrener Computer-Spieler sieht hingegen viele Relationen, die wichtig für den Aufbau seiner Rollenspielfiguren sind.

Ein Marsmensch könnte vielleicht erahnen, dass es sich beim Telefonbuch um eine Struktur handelt, aber nicht um welche. Er könnte das hübsche Muster auf dem Blatt Papier nicht mit einer konkreten Bedeutung in Verbindung bringen (relationieren), da er nicht weiß, was die seltsamen Zeichen besagen.

Dem Telefonbuch ist also nicht eine bestimmte Struktur immanent, sondern verschiedene Menschen können darin verschiedene Strukturen beobachten. Eine Putzfrau sieht die Blätter eines Telefonbuches vielleicht als Werkzeug die Fenster zu putzen, während ein Schüler - indem er Nummer addiert - es als Rechenübungsheft verwendet. Diese Beispiele zeigen, dass es vom Beobachter abhängt, ob bzw. welche Struktur er beobachtet.

Nun waren meine bisherigen Beispiele für Strukturen relativ einfach im Vergleich dazu, welche Strukturen Menschen im Alltag beobachten. Eine Struktur ist - nur anders formuliert - eine Darstellung, die angibt, wie verschiedene Einzelheiten miteinander zusammenhängen. In solchen Darstellungen funktioniert unser gesamtes Denken. Das Denken selbst ist ein Prozess, der Darstellungen miteinander in Verbindung bringt und daraus neue Darstellungen erzeugt.

Beispiel: Einen Text zu strukturieren, bevor man ihn ausformuliert, bedeutet die Elemente, die der Text vereinen soll, aufzuschreiben und miteinander so zu relationieren, dass deutlich wird, wie sie später im Text verbunden sein sollen. Ein Beispiel dafür ist ein Inhaltsverzeichnis zu erstellen. Die grobe Strukturierung, die ich mir für diesen Kurs überlegt hatte, war folgende. Zuerst erkläre ich den Grundbegriff der Komplexität, dann wichtige Referenzen (Diskriminierung, Dimension, etc.). Am Ende gehe ich auf die Komplexitätsstufen und schließlich auf die U-Kurve ein.

Auch, wenn Sie sich überlegen, wie Sie Ihren heutigen Tag gestalten (strukturieren) wollen, z. B. ein Rührei machen, eine Meditation verbessern oder was Sie anziehen wollen, denken Sie in Strukturen. Sie bringen viele unterschiedliche Dinge miteinander in Verbindung.

Nun dürfte klar sein, dass Denken umso komplexer ist, je mehr Elemente (Feinheiten) es berücksichtigt und je mehr Verbindungen zwischen diesen Elementen es herstellen (denken) kann. Charles S. Pierce weist nach, dass Komplexität ohne Denken bedeutungslos ist, und darin bestätigt ihn - wie schon erwähnt - die Systemtheorie. Komplexität ist eine Sache, die es nur gibt, wenn sie gedacht bzw. als solche beobachtet wird.

06.04.2017 © seit 01.2008 Tony Kühn  

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