Interview mit dem Gedächtnisweltmeister Dr. Boris Nikolai Konrad

Der promovierte Neurowissenschaftler Dr. Boris Nikolai Konrad ist mehrfacher Team-Weltmeister im Gedächtnissport, hat vier Guinness-Weltrekorde aufgestellt und ist ein international gefragter Gast in Fernsehshows.

Gedächtnistraining Methoden Weltmeister Boris KonradEr wurde 1984 geboren und im ZDF auch „Deutschlands Superhirn“ genannt. Bereits seit 2006 ist er als Gedächtnistrainer und Vortragsredner aktiv, um Menschen bei der Verbesserung ihrer Gedächtnisleistung zu helfen.

Auch wissenschaftlich beschäftigt er sich mit diesem Thema und erforscht außergewöhnlich gute Gedächtnisleistungen, derzeit am Donders Institute in Nijmegen (NL).

In diesem Interview von Peter Schipek erfahren Sie, wie er beim Gedächtnistraining vorgeht und welche Methoden er anwendet.

Wenn Sie mehr über die Methoden und Erkenntnisse von Dr. Konrad erfahren wollen, können Sie sich auch sein Buch "Alles nur in meinem Kopf: Die Geheimnisse unseres Gehirns. - Vom Gedächtnisweltmeister erklärt" besorgen und lesen.

Interview mit dem Gedächtnisweltmeister Dr. Konrad

Peter Schipek: Sie haben Physik, Informatik, Mathematik und Betriebswirtschaftslehre studiert – promovierten jedoch zu „neuronalen Grundlagen außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen“. Was hat Sie denn an Neurowissenschaften so fasziniert?

Boris Nikolai Konrad: Schon während des Studiums habe ich mich im Gedächtnissport betätigt. Während meiner Diplomarbeit über Anwendungen der Informatik in der Physik merkte ich, dass ich die wissenschaftlichen Datenbanken mehr zur Hirnforschung bemühte als zu meinem eigenen Thema.

Wie kann das sein, dass mit Lernen können, wie man anders denkt und sich so mehr merkt? Die Frage hat mich sehr interessiert. Die Ratgeber konnten mir zeigen, wie Gedächtnistraining funktioniert, aber nicht warum. Das zu erforschen, finde ich sehr spannend und habe daher die Fachrichtung vor der Promotion gewechselt.

Peter Schipek: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie auch über den Nobelpreisträger Eric Kandel und seine Forschungen mit der Meeresschnecke Aplysia. Warum heißt denn die Meeresschnecke auch „Seehase“ und warum ist sie für die Erforschung des Gedächtnisses für Hirnforscher so interessant?

Boris Nikolai Konrad: Das menschliche Gehirn hat Milliarden von Zellen, circa 86 Milliarden nach Schätzung der letzten großen Studie. Das sind zwar nicht so viele, wie es Sterne in der Milchstraße gibt, aber doch ganz schön viele. Viel zu viele und viel zu klein, um sie einzeln zu untersuchen. Aplysia dagegen hat bloß zwanzigtausend davon.

Daher dachten sich Kandel und seine Kollegen, statt Prozesse in einem komplizierten System nur mäßig gut verfolgen zu können, sei es besser, lieber in einem einfachen System genauer hinzuschauen. In der Tanzschule lernt man in der ersten Stunde ja auch nicht gleich einen improvisierten Tango, sondern fängt mit den ersten Schritten eines langsamen Walzers an. Darum also zunächst das einfache Schneckenhirn.

Peter Schipek: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die Arbeitsweise von Neuronen und Synapsen. Dabei gehen Sie auf ganz besondere Nervenzellen ein – die „Place-Cells“ und die „Grid-Cells“. Was ist so besonders an diesen Nervenzellen?

Boris Nikolai Konrad: Diese Zellen „feuern“, senden also Signale, wenn wir uns an bestimmten Orten (Place-Cells) befinden, bzw. helfen uns den Raum zu gliedern (Grid-Cells). Sie ermöglichen uns zu navigieren und im Raum zurechtzufinden.

Zugleich sind sie auch für Gedächtnisforscher wie mich spannend, da wir wissen, dass Erinnerungen häufig ortsbezogen sind und auch meine Gedächtnistechniken damit arbeiten!

Peter Schipek: Eines Ihrer Kapitel trägt den Titel „Jeder hat ein Superhirn“. Da werden sich die Leser dieses Interviews sicher freuen. Warum und auf welche Art und Weise haben wir denn alle ein „Superhirn?

Boris Nikolai Konrad: Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich mir die Gehirne von Gedächtnissportlern angesehen und vermessen. Das geht zum Glück heutzutage gänzlich unblutig mit dem Kernspintomographen. Im Vergleich zu Kontrollpersonen fand ich dabei vom Aufbau her gar keinen Unterschied. Das mag jetzt langweilig klingen, ist aber sehr interessant.

Von anderen Gruppen, zum Beispiel Taxifahrern, wissen wir, dass es durch das Lernen bestimmter Dinge zu Veränderungen kommt. Die Gehirne der Gedächtnissportler sind aber ganz normal. Zugleich sind sie „Superhirne“ aus Funk und Fernsehen. Und wir alle damit auch! Jeder hat ein Gehirn, mit dem man diese Leistungen erreichen kann.

Peter Schipek: Nun zu Ihnen als Gedächtnisweltmeister. Was hat Sie am Gedächtnistraining so begeistert und in welchem Alter haben Sie damit begonnen?

Boris Nikolai Konrad: Ich habe ein Jahr vor dem Abitur, also etwa mit 18, eine Fernsehserie gesehen, in der ein Gedächtnissportler auftrat und vor allem seine Technik beschrieb. Nur durch Anwendung der ganz simplen Tipps, die in der Sendung erklärt wurden, konnte ich mir plötzlich deutlich mehr merken.

Das hat mich wahnsinnig verblüfft! Ich habe es dann erst für Schule und Studium geübt und darüber den Verein MemoryXL e.V. und damit Gedächtnissport entdeckt, der mir gleich viel Spaß gemacht hat.

Peter Schipek: Sie sind Gedächtnisweltmeister im Namen merken. Sie merken sich 201 Namen und Gesichter. Wie – mit welcher Methode – schaffen Sie das?

Boris Nikolai Konrad: Meine Methode zum Namen merken basiert auf der Idee in Bildern zu denken. Das gilt eigentlich für alle Gedächtnistechniken, weil so andere Gehirnbereiche aktiviert, sozusagen andere Speicher geöffnet werden. Als Erstes benötigen Sie also ein Bild für den Namen, den Sie sich merken wollen.

Wichtig ist, das Bild muss den Namen nicht komplett verpacken, sondern Sie nur daran erinnern. Wenn ich Sie frage, an welchen ehemaligen Bundespräsidenten Sie denken, wenn Sie „Weizensack“ hören? Sicher kommen Sie schnell auf „von Weizsäcker“.

Sie brauchen aber auch ein Bild für die Person und sollten das noch mit dem Namen verknüpfen. Das gelingt Ihnen am besten, wenn Sie die Person in Ihrer Vorstellung etwas tun lassen – und zwar etwas zum Namensbild passendes. Stellen Sie sich den ganzen Menschen samt Mimik und Verhalten vor. Dadurch sind Name, Person und Bild fest zusammen verbunden.

Peter Schipek: Ein weiteres Kapitel in Ihrem Buch: „Schule, Ausbildung, Studium – geht das nicht besser?“ Wie können wir Gedächtnistraining für die Schule, bzw. für das Lernen nutzen?

Boris Nikolai Konrad: Auf jeden Fall! Ich selbst habe davon enorm profitiert an der Uni und bin ja nun seit vielen Jahren als Gedächtnistrainer unterwegs, helfe Menschen im Beruf Dinge besser zu behalten aber auch Schülern, Studierenden und Auszubildenden.

Das Gedächtnistraining mit Spielen, wie viel beworben, bringt hier wenig. Stattdessen sollten sinnvollerweise die Gedächtnistechniken erlernt und etwas eingeübt werden. Erst kurz vor der Prüfung eine Methode lernen zu wollen bringt nichts, es ist keine Wunderpille.

Wer aber die Methoden ausprobiert und danach weiter einübt, kann damit riesige Erfolge erzielen und vor allem auch lernen, die Methoden auf seine eigenen Lernaufgaben und Herausforderungen anzupassen.

Peter Schipek: Können Sie uns bitte zum Schluss unseres Gesprächs noch Ihre wirksamste Gedächtnistechnik verraten?

Boris Nikolai Konrad: Die Routenmethode! Die habe ich nicht erfunden, sie ist schon verdammt alt. Und trotzdem unglaublich wirksam. Ich bräuchte jetzt 30 Minuten um sie mit Ihnen einzuüben.

In der Kurzform funktioniert sie so: Routenmethode heißt Bilder im Kopf an bekannten Orten ablegen, zum Beispiel in der Wohnung, im Park oder auch am Lieblingsurlaubsort. Das macht Sinn, wenn wir uns überlegen wie das Gehirn arbeitet. Unseren Vorfahren war es immer wichtig zu wissen, wie sieht etwas Essbares aus, wo ist Schutz aber auch wo droht Gefahr.

Fakten, Formeln und Fachwissen gab es dagegen noch nicht. Klar, worauf unser Gehirn angepasst ist. Die Routenmethode erlaubt dann das Gehirn so zu benutzen, wie es gedacht ist! Dabei kommen wohl auch wieder die Grid- und Place-Cells ins Spiel, über die wir vorher schon sprachen.

Peter Schipek: Danke für das ausführliche und interessante Gespräch.

03.03.2017 © seit 02.2017 Peter Schipek  

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