Wiederentdeckung des Staunens: Einführung in die Philosophie Wittgensteins

Tractatus logico-philosophicus (1921)

Ludwig Wittgenstein Von Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889 – 1951)
ist der Satz „Wovon
man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“
am bekanntesten geworden. Er steht am Schluß des von 1 bis 7
durchnummerierten Tractatus logico-philosophicus (7,
zit. n. 1/85).

Wie er gemeint ist, ergibt sich aus dem Vorhergehenden: Wittgenstein
kritisiert die moderne Weltanschauung insofern, als er ihr die
Täuschung vorwirft, „daß
die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der
Naturerscheinungen seien“ (6.371). So
wie früher Gott und Schicksal würden nun die Naturgesetze
als unantastbar angesehen, ohne sie weiter zu hinterfragen. Doch
selbst, „wenn alle möglichen wissenschaftlichen
Fragen beantwortet“ wären, seien „unsere
Lebensprobleme noch gar nicht berührt“, meint Wittgenstein
(6.52). Gelöst seien unsere Lebensprobleme in dem Augenblick, in
dem wir keine diesbezüglichen Fragen mehr hätten.

„Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich,
es ist das Mystische“ (6.522). Worauf die Unaussprechlichkeit
des Mystischen beruht, schreibt Wittgenstein nicht. Tatsächlich
haben ja viele Mystiker ihre inneren Erfahrungen zu beschreiben
versucht. Das Hauptproblem dabei ist, daß sich die meisten
Wörter unserer Sprachen auf die physische Welt beziehen und daß
Wörter wie „Gott“ oder „Seele“ ihre
Bedeutung verloren haben, als die einschlägigen
dahinterstehenden Erfahrungen allmählich vergessen wurden.

Darauf spielt Wittgenstein vermutlich an, wenn er schreibt, ein richtiger Philosoph
müßte jedem Metaphysiker nachweisen, „daß er
gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat“
(6.53). Natürlich hat ein solcher von Wittgenstein belehrter
Metaphysiker nicht das Gefühl, daß er etwas gelernt hat,
doch das will Wittgenstein auch gar nicht. Er will, daß seine
Schüler seine Philosophie lediglich als Treppe benützen, um
die Welt neu zu sehen, und dann über das Unsagbare schweigen.

Den ursprünglichen Titel des Werks „Der Satz“ änderte
Wittgenstein später um in „Logisch-philosophische
Abhandlung“. Den heutigen lateinischen Titel hat George Edward
Moore (1873 – 1958) vorgeschlagen (Wuchterl/Hübner 72),
vielleicht im Gedenken an Spinozas Ethica
Ordine Geometrico demonstrata

Karl Popper (1902 – 1994) hat sich in seiner Autobiographie „Ausgangspunkte“ darüber
beklagt, daß seine Kritik am Tractatus „von
Wittgensteins Kommentatoren fast vollständig ignoriert“ wurde
(S. 165). Sie steht in einer Anmerkung im zweiten Band von „Die
offene Gesellschaft und ihre Feinde“ und
ist zumindest vergnüglich zu lesen:

„Das Ergebnis ist wichtig. Wittgensteins eigene Philosophie ist unsinnig,
und das zugestandenermaßen. […]

Überlegen wir, was das heißt. Es heißt, daß sich all der
metaphysische Unsinn, gegen den Bacon, Hume, Kant und Russell seit
Jahrhunderten gekämpft haben, nunmehr bequem etablieren und sich
sogar offen als Unsinn vorstellen kann. […] Denn es gibt jetzt
eine neue Art von Unsinn, nämlich Unsinn, der unantastbar und
definitiv wahre Gedanken mitteilt; mit anderen Worten – es gibt Unsinn
von tiefer Bedeutung.

Ich bestreite nicht, daß Wittgensteins Gedanken
unantastbar und definitiv sind. Denn wie könnte man sie
antasten? Offenkundig ist alles, was man gegen sie vorbringen kann,
philosophisch und daher unsinnig. Und es kann als unsinnig übergangen
werden“ (2/353).

Falls Wittgensteins Kommentatoren diese Anmerkung, die insgesamt über
fünf kleingedruckte Seiten umfaßt, gelesen haben, haben
sie sie zu Recht links liegen lassen. Denn Popper hat Wittgenstein
hier nicht verstanden. Zum Vergleich bringe ich die einschlägige
Passage aus dem Tractatus:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich
versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf
ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß
sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen
ist.)

Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig“
(6.54).

Der Sinn ist klar: Wittgenstein hat keinen Unsinn geschrieben, wie Popper
meint, sondern gesagt, daß seine Philosophie nur solange für
jemand einen Sinn hat, als er die Welt noch nicht richtig sehen kann
– was auch immer das sein soll. Was Wittgenstein mit diesem
richtigen Sehen der Welt gemeint hat, erfahren wir aus seinem übrigen
Werk, das in Form von Aphorismen eine Illustration zum Ergebnis des Tractatus bildet.
Wer einen unverstellten Blick auf die Welt gewonnen hat, braucht
Wittgensteins Philosophie nicht mehr. Für so jemand ist es
tatsächlich unsinnig, sie in Form einer Jüngerdogmatik
nachzuquatschen.

In einem Punkt wittert Popper zwar etwas Richtiges, aber auch hier
trifft er daneben: Wittgensteins Tractatus öffnet
die Philosophie tatsächlich wieder für die Metaphysik, aber
eben nicht im spekulativen oder dogmatischen Sinn, d. h. nicht in
Form des Schreckgespensts, gegen das Bacon, Hume, Kant, Russell und
andere gekämpft haben. Sondern im empirischen Sinn: Was auch
immer jemand von der Welt wahrnehmen kann, kann Gegenstand der
Philosophie sein.

Tagebücher 1914-1916

Es ist unmöglich, die Fülle von Beobachtungen
und Gedanken Wittgensteins zusammenzufassen. Deshalb beschränke
ich mich hier darauf, einige Illustrationen zum Schlüssel von
Wittgensteins Philosophie zu bringen, d.h. zu der Frage: Inwiefern
sieht er die Welt neu? Bei der Lektüre ist man immer wieder
erstaunt, über was alles Wittgenstein sich wundern kann. Es sind
gerade die alltäglichen Dinge, wie etwa ein Meterstab, die sein
Fragen provozieren. So notierte er bereits am 11. Januar 1915:

„Ein Meterstab sagt nicht, daß ein zu messendes Objekt einen Meter
lang sei.

Auch dann nicht, wenn wir wissen, daß er zum Messen dieses bestimmten Objektes
dienen soll.

Könnte man nicht fragen: Was muß zu jenem Meterstab dazukommen, damit
es etwas über die Länge des Objektes aussagt?

(Der Meterstab ohne diesen Zusatz wäre die
‚Annahme‘.)“ (1/128)

Die Antwort liegt auf der Hand: Der Mensch, der den
Meterstab benützt, muß hinzukommen. Ein Meterstab für
sich allein genommen mißt nichts. Das ist alles andere als
trivial. Denn große Teile der Naturwissenschaft und Medizin
beruhen darauf, daß genau dieser Punkt außer acht
gelassen wird.

Zwei Beispiele: Aus der Beobachtung, daß sich die
Sterne von der Erde entfernen, wurde abgeleitet, daß sie einmal
ganz dicht bei der Erde gewesen sein müssen. Damit sie anfingen,
sich fortzubewegen, muß ein einmaliges Ereignis stattgefunden
haben, das unter dem Spitznamen „Urknall“
in die Wissenschaftsgeschichte einging. Nun konnte man sich
zurücklehnen und sagen: Wir haben die Entstehung des Universums
erklärt. Doch angenommen, es war so: Wer hat dieses
einmalige Ereignis induziert? Warum sollte die in einem Punkt
verdichtete Materie sich ausdehnen oder explodieren? Ganz davon
abgesehen, daß man noch gar nicht in den Blick bekommen hat,
woher diese verdichtete Materie kommt!

Ein zweites Beispiel: In der Physiologie werden aufgrund
von Laborexperimenten allerlei Behauptungen über die atomaren
Vorgänge bei der menschlichen Verdauung aufgestellt. Das, was
sich in den Reagenzgläsern abspielt, wird übertragen auf
den menschlichen Organismus. Doch ohne den Chemiker im Labor machen
diese Stoffe nichts! Warum sollten sie im menschlichen Körper
etwas tun? Das Geschehen im Organismus ist also damit noch lange
nicht erklärt.

Nach wie vor stehen also die Hypothesen „Gott
hat die Welt erschaffen“
und „Die Seele
regiert den Körper“
unwiderlegt im Raum, und es wäre trivial mit Popper zu sagen,
daß sie kein Gegenstand der Wissenschaft sein könnten,
weil sie nicht falsifizierbar seien. Ein Wissenschaftler sollte im
Geist Wittgensteins fragen: Welche Erfahrungen wurden gemacht, zu
deren Beschreibung es sinnvoll war, die Wörter „Gott“
und „Seele“ zu verwenden? Und: Wie kann ich den Radius
meiner Erfahrungen erweitern?

Man könnte mit Wittgenstein sagen: „Wenn man sich vor der
Wahrheit fürchtet […], so ahnt man nie die volle Wahrheit“
(Notiz vom 15.10.1914; 1/101). Wittgenstein notierte diesen Satz im
Zusammenhang mit Überlegungen zur Logik, doch man kann ihn
getrost auf die Metaphysik übertragen.

Wittgenstein selbst
benützte etwa die Logik, um die Musik besser zu verstehen: „Die
musikalischen Themen sind in gewissem Sinne Sätze. Die Kenntnis
des Wesens der Logik wird deshalb zur Kenntnis des Wesens der Musik
führen“ (7.2.1915; 1/130). Oder: „Die Melodie ist eine
Art Tautologie, sie ist in sich selbst abgeschlossen; sie befriedigt
sich selbst“ (4.3.1915; 1/130). Allgemein faßte er sein
Philosophieren so zusammen: „Ja, meine Arbeit hat sich
ausgedehnt von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt“
(2.8.1916; 1/174).

Die Welt neu sehen heißt selbstverständlich, alle Sinne
der Wahrnehmung einzubeziehen, auch das Hören, Schmecken,
Tasten, Riechen, Fühlen … – und denkerisch damit
umzugehen: „Eine
der schwersten Aufgaben des Philosophen ist es zu finden, wo ihn der
Schuh drückt“ (15.6.1915;
1/153).

Wo drückte Wittgenstein der Schuh? Vielleicht am meisten hier: Er fand, daß
der Sinn der Welt nicht in ihr selbst, sondern außerhalb von
ihr liegt, und daß man ihn „Gott nennen“ kann
(11.6.1916; 1/167). Er selbst hatte „das Gefühl, […]
von einem fremden Willen abhängig“ zu sein, „und das,
wovon wir abhängig sind, können wir Gott nennen“
(8.7.1916; 1/169).

Philosophische Untersuchungen (1953)

Das umfangreiche Werk (356 Seiten!), an dem Wittgenstein
zwischen 1929 und 1945 arbeitete, erschien erst nach seinem Tod.
„Obwohl das Werk in
einer einfachen und lebendigen Sprache geschrieben ist, bleibt es
schwierig, aus ihm den Gesamtzusammenhang der Spätphilosohie
Wittgensteins zu entnehmen. Es besteht ganz aus subtilen
Detailuntersuchungen, die in kurzen, fortlaufend nummerierten
Abschnitten durchgeführt werden; weder Überschriften noch
sonstige Orientierungshilfen weisen auf größere
Zusammenhänge hin. So kann ein unvorbereiteter Leser in einer
scheinbar unzusammenhängenden Folge von Reflexionen, Dialogen
des Verfassers mit sich selbst, rhetorischen Fragen und
aphoristischen Bemerkungen leicht den roten Faden verlieren“
(Hinst 17/761).

Diesen roten Faden finden wir im Vorwort zu den „Philosophischen
Untersuchungen“ (1945). Hier
schreibt Wittgenstein, was er will: „Ich
möchte nicht mit meiner Schrift Andern das Denken ersparen.
Sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken
anregen
“ (1/233). Voraussetzung für diese eigenen Gedanken ist selbstverständlich
die eigene Erfahrung. Von daher Wittgensteins Aufforderung: „Wie
gesagt: Denk nicht, sondern schau!“ (1/277).

Man kann mit allem anfangen, was einen interessiert,
z.B. mit Brettspielen, Kartenspielen, Ballspielen … Was ist
ihnen allen gemeinsam? Was unterscheidet sie? Gibt es überall
Gewinner und Verlierer? Nein – Patiencen legt man alleine. Ein
Kind kann sich alleine damit vergnügen, einen Ball gegen eine
Wand zu werfen. Kommt es bei allen auf Geschicklichkeit an? Welche
Rolle spielt das Glück? „Und
das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein
kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen
und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen“
(1/278).

Einen breiten Raum nimmt in Wittgensteins Werk die Frage
ein: Was wäre, wenn sich dieser nun gerade beobachtete
Sachverhalt ganz anders verhielte? Angenommen, wir wiegen ein Stück
Käse, um festzustellen, was er kostet. Diese „Prozedur
[…] verlöre ihren Witz, wenn es häufiger vorkäme,
daß solche Stücke ohne offenbare Ursache plötzlich
anwüchsen, oder einschrumpften“
(1/311).

In den „Philosophischen Untersuchungen“
finden wir auch den zweiten Gedanken von Wittgenstein, der allgemein
bekannt geworden ist: „Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem
Fliegenglas zeigen“ (1/378).

Auch eine Anspielung auf die Nr. 6.54 des Tractatus finden
wir hier: „Was ich lehren will, ist: von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem
offenkundigen übergehen“ (1/424).
Und Wittgensteins Erkenntnis über die Seele: „Der
menschliche Körper ist das beste Bild der menschlichen Seele“ (1/496).

Philosophische Bemerkungen (1930)

Die in den Bänden 2 bis 8 der Werkausgabe enthaltenen Schriften
Wittgensteins sind weniger bekannt geworden als der Tractatus und
die „Philosophischen Untersuchungen“ im ersten Band.

Die „Philosophischen Bemerkungen“ hat Wittgenstein eigentlich
„‚zur Ehre Gottes geschrieben'“. Aber da er fürchtete,
nicht verstanden zu werden, änderte er diese Formulierung um in
in gutem Willen geschrieben
(Vorwort, 2/7). Das Werk ist insofern sehr leicht zugänglich,
als eine ausführliche Inhaltsangabe vorausgestellt ist (2/9-46).

Auch hier steht im Zentrum die Erfahrung als Grundlage aller Philosophie. Beispiele:

„Die Philosophen, die glauben, daß man im Denken die Erfahrung
gleichsam ausdehnen kann, sollten daran denken, daß man durchs
Telefon die Rede, aber nicht die Masern übertragen kann“
(2/95).

Wir sehen Vielecke „bis vielleicht zum Achteck, dann sieht man nur
mehr Vielecke mit mehr oder weniger langen Seiten. Die Seiten werden
kleiner, dann beginnt ein Fluktuieren zum Kreis hin, und dann kommt
der Kreis.“ Wir können zwar ein Hunderteck nicht von einem
Kreis unterscheiden, aber dennoch besteht „die Möglichkeit,
ein Hunderteck zu sehen“ (2/268).

Wenn wir sechs senkrechte nebeneinanderstehende Striche anschauen, können wir
sie verschieden gruppieren: in drei Zweiergruppen oder in zwei
Dreiergruppen. „Das zeigt bloß, das das, was wir sehen,
nicht so einfach ist, wie es scheint“ (2/281).

Sinnlose Fragen wie etwa, ob Gott alle Stellen von Pi weiß (2/149), weist
Wittgenstein zurück.

Gespräche (1929 – 1932)

Friedrich Waismann hat die Gespräche aufgezeichnet,
die im Wiener Kreis geführt wurden. Meist waren außer
Wittgenstein und Waismann noch Moritz Schlick, Rudolf Carnap, Herbert
Feigl und dessen spätere Frau Maria geb. Kasper anwesend. „Den
entscheidenden Einfluß auf den Wiener Kreis übte L.
Wittgenstein mit seinem ‚Tractatus‘ aus. […] Mit der Ermordung
Schlicks 1936 enden die regelmäßigen Diskussionsrunden des
Schlick-Zirkels“. Nach der
Einverleibung Österreichs durch Hitler (1938) mußten die
Mitglieder des Wiener Kreises aufgrund der Nürnberger
Rassengesetze (1935) auswandern, „soweit sie nicht schon vorher
an ausländische Universitäten berufen worden waren“ (Klaus Mainzer, in: Enzyklopädie Philosophie und
Wissenschaftstheorie, 4/696f).

Nachdem Schlick und Wittgenstein nach einem Mittagessen
das erste Mal miteinander gesprochen hatten, hielten sie einander
„‚gegenseitig für
verrückt'“, erzählte Wittgenstein am nächsten Tag
seinem Freund Paul Engelmann (Vorwort zu den Gesprächen von B.
F. McGuinness, 3/15). Doch sie fanden rasch zueinander. „Anscheinend
willigte Wittgenstein erst nach mehreren Konversationen mit Schlick
ein, auch andere Mitglieder des Schlick-Kreises zu treffen“
(ebd.).

Im Mittelpunkt der Gespräche standen Fragen der Logik, Mathematik und
Erkenntnistheorie. Wittgenstein betonte auch in diesem Zirkel den
Primat der Wahrnehmung:

„Auf das Sehen kommt es an und nicht auf das Beweisen“ (3/146).

„Der Gegenstand wirkt auf unsere Erwartung. Deshalb nennen wir ihn wirklich.

Wer nichts hofft und nichts fürchtet, dem entgleitet die Welt. Sie wird ‚unwirklich'“
(3/260).

Philosophische Grammatik (1930 – 1934)

Der Herausgeber Rush Rhees hat die Lektüre durch
Einteilung in Kapitel, Nummerierung und ausführliche
Inhaltsangabe (4/5-35) erleichtert. Entsprechend dem Titel steht hier
die Sprachphilosophie im Mittelpunkt:

„Ich beschreibe nur die Sprache und erkläre nichts“
(4/66). „Wir interessieren uns für die Sprache, als einen Vorgang nach
expliziten Regeln. Denn die philosophischen Probleme sind
Mißverständnisse, die durch Klärung der Regeln, nach
denen wir die Worte gebrauchen wollen, zu beseitigen sind“ (4/68). „Aufgabe
der Philosophie ist […], […] den Sprachgebrauch unserer
Sprache – der bestehenden – zu klären“ (4/115).

Doch wieder geht Wittgenstein mit konkreten Erfahrungen
um, z.B., daß man ohne Zähne Zahnschmerzen haben kann
(Phantomschmerz; 4/105). Die Mathematik ist ihm lediglich ein Spiel
(4/289f, 292f) oder Kalkül, das „daher wesentlich von nichts handelt“
(4/290). Die bereits in den „Philosophischen Bemerkungen“ als
sinnlos betrachtete Frage, ob „‚Gott alle Stellen von π
kennen'“ kann, wäre seines Erachtens „eine gute Frage für die Scholastiker gewesen“
(4/479).

Das Blaue Buch

„Die englischen Diktate sind Vorarbeiten zu den Philosophischen Untersuchungen
(Oliver R. Scholz, in: Volpi/Nida-Rümelin 55). Das gilt auch für das „Braune Buch“.

Wittgenstein gibt hier folgende Definition von dem, was er „Sprachspiele“
nennt: „Das sind einfachere Verfahren zum Gebrauch von Zeichen
als jene, nach denen wir Zeichen in unserer äußerst
komplizierten Alltagssprache gebrauchen. Sprachspiele sind die
Sprachformen, mit denen ein Kind anfängt, Gebrauch von Wörtern
zu machen. Das Studium von Sprachspielen ist das Studium primitiver
Sprachformen oder primitiver Sprachen“ (5/37).

Eine Philosophische Betrachtung (Das Braune Buch)

Hier nennt Wittgenstein die Sprachspiele „Systeme der Verständigung“
und gibt mehrere Beispiele dafür. So fragt etwa ein Meister
seine Gehilfen, wie viele Platten es sind. Der Gehilfe zählt die
Platten und sagt seinem Meister die Zahl. Das ist das Sprachspiel
„Frage und Antwort“ (5/121). Ein anderes Beispiel wäre
die „Frage nach dem Namen“ (5/122).

Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik

Wittgenstein gibt eine denkwürdige Beschreibung des
Philosophierens: „Wir sind, wenn wir philosophieren, wie Wilde, wie primitive Menschen, die die
Ausdrucksweise zivilisierter Menschen hören, sie mißdeuten
und nun seltsame Schlüsse aus dieser Deutung ziehen“
(6/87).

Natürlich gilt das nicht allgemein für alle Philosophen, sondern nur speziell
für Wittgenstein selbst, und auch da nicht durchgehend. Ein
Beispiel zur Illustration: Wenn jemand zwei Äpfel auf einen
Tisch legt, darauf achtet, daß sie keiner wegnimmt und der
Tisch nicht wackelt, so daß keiner herunterfallen kann, und
dieser Jemand nun noch zwei Äpfel auf den Tisch legt und man nun
die Äpfel zählt, dann hat man experimentiert; „das
Ergebnis der Zählung ist wahrscheinlich 4“ (6/51).
Warum nur wahrscheinlich und nicht sicher? Das liegt daran, daß
in der Regel („zumeist“) Äpfel nicht einfach
verschwinden und auch nicht aus dem Nichts auftauchen.

Die oben zitierte Beschreibung des Philosophierens ist also korrekt: Wittgenstein ist
wie ein Wilder, der das Selbstverständliche verfälscht und
aus der eigenen Verfälschung falsche Schlüsse zieht. Aus „2
+ 2 Äpfel = 4 Äpfel“ wird
ein kompliziertes Gebilde mit allerlei Voraussetzungen und
Möglichkeiten, die kein sicheres, sondern nur ein
wahrscheinliches Ergebnis garantieren. Angenommen, es würde nach
der ersten Zählung tatsächlich ein Apfel verschwinden, so
daß bei der zweiten Zählung 3 statt 4 herauskommt, was
hätte das für Konsequenzen? Wittgenstein würde erst
einmal Äpfel „als für den Rechenunterricht ungeeignet
erklären“ (6/51).

Natürlich kann man sich auch beim Rechnen selbst irren, einmal angenommen, alle
Äpfel würden dableiben und keiner würde dazukommen.
Was ist, wenn ein Teufel Wittgenstein narrt, so daß er bei
jedem Nachrechnen stets dasselbe übersieht? In diesem Fall wären
also nicht die Äpfel für den Rechenunterricht ungeeignet,
sondern Wittgenstein selbst als Lehrer! Doch er könnte ja auch
merken, daß er verhext war, und dann würde er womöglich
sagen, er sei blind gewesen. „Ich könnte dann sagen: ‚Ja
ja, die Rechnung ist gewiß falsch – aber so rechne ich.
Und das nenne ich nun addieren, und diese Zahl ‚die Summe dieser
beiden'“ (6/90f).

Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie

In zwei Bänden reiht Wittgenstein 1137 und 737
Bemerkungen aneinander, die man unmöglich zusammenfassen kann.
Die eine oder andere zu zitieren ist sinnlos, da sie insgesamt leicht
verständlich sind. Dasselbe gilt für:

Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie

Dabei handelt es sich um 979 Bemerkungen.

Bemerkungen über die Farben

Wittgenstein will hier „keine Theorie der Farben finden […], sondern die Logik der
Farbbegriffe“ (8/80).

Über Gewißheit

„Und zur Logik gehört alles, was ein Sprachspiel beschreibt“
(8/131). Ansonsten befaßt sich Wittgenstein in dieser Sammlung mit „Irrtum und
Geistesstörung“ (8/134), mit Wahrheit und Verstehen (8/135).

Hier noch Merksprüche für radikale Skeptizisten: „Wer an allem
zweifeln wollte, der würde auch nicht bis zum Zweifel kommen.
Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit
voraus“ (8/144). „D.h. ich muß irgendwo mit dem Nichtzweifeln anfangen“
(8/151). „Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht
(8/163).

Und ein Satz, den alle Metaphysiker, Esoteriker und Psychologen beherzigen sollten:
„Ein innres Erlebnis kann es mir nicht zeigen, daß ich
etwas weiß“ (8/234). Was Wittgenstein mit solchen inneren Erlebnissen meint, finden wir in:

Zettel

Jemand läßt, wenn er etwas überlegt, „Mittel und Wege an seinem geistigen Auge vorbeiziehen“ (8/292).
Jemand hat einen „Gedankenblitz“ (8/296).

Vermischte Bemerkungen

Hier faßt Wittgenstein seine Ethik folgendermaßen zusammen: „Wenn
etwas gut ist, so ist es auch göttlich. […] Man kann die
Menschen nicht zum Guten führen; man kann sie nur irgendwohin
führen. Das Gute liegt außerhalb des Tatsachenraums“
(8/454).

Eine vereinzelte, aber beachtenswerte Bemerkung über das Judentum (1931): „Der
Jude ist eine wüste Gegend, unter deren dünner
Gesteinschicht aber die feurig-flüssigen Massen des Geistigen
liegen“ (8/468) – Wittgensteins jüdische Großeltern väterlicherseits
waren zwar zum Protestantismus übergetreten, doch das schützte
den Philosophen 1938 nicht vor dem Verlust seiner österreichischen
Staatsbürgerschaft. Deshalb emigrierte er nach England und wurde
britischer Staatsbürger. Wittgensteins Mutter war übrigens
Katholikin; deshalb wurden er und seine Geschwister ebenfalls
Katholiken, während sein Vater Protestant blieb …

© Gunthard Rudolf Heller

Literaturverzeichnis

EDMONDS, David J./EIDINOW, John A.: Wie Ludwig
Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte – Eine
Ermittlung, aus dem Englischen von Suzanne Gangloff, Angela Schumitz,
Fee Engemann und Holger Fliessbach, Frankfurt am Main 2003

ENZYKLOPÄDIE DES NATIONALSOZIALISMUS, hg. v.
Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß, München 31998

ENZYKLOPÄDIE PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTSTHEORIE,
hg. v. Jürgen Mittelstraß, Stuttgart/Weimar 2004

HINST, Peter: Ludwig Wittgenstein, in: Kindlers neues
Literatur-Lexikon, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München
1996, Bd. 17, S. 760-763

MANIA, Hubert: Stephen Hawking, Reinbek bei Hamburg 2004

POPPER, Karl R.: Ausgangspunkte – Meine
intellektuelle Entwicklung, Hamburg 11979

  • Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (The Open
    Society and Its Enemies
    , 1945), 2 Bände, Übersetzung von Paul K. Feyerabend,
    Tübingen 71992
  • Objektive Erkenntnis – Ein evolutionärer Entwurf, Hamburg 31995

VOLPI, Franco/NIDA-RÜMELIN, Julian (Hg.): Lexikon
der philosophischen Werke, Stuttgart 1988

SCHMIDT, Robert F./THEWS, Gerhard (Hg.): Physiologie des
Menschen, Berlin/Heidelberg/New York 261995

SCHWEIZER, Frank: Nur einer hat mich verstanden …
Philosophenanekdoten, Stuttgart 2006

SPINOZA, Benedictus de: Die Ethik (Ethik
nach der geometrischen Methode dargestellt … – Ethica
Ordine Geometrico demonstrata
…), Lateinisch und Deutsch, revidierte Übersetzung von Jakob Stern,
Stuttgart 1984

WEISCHEDEL, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe –
34 große Philosophen in Alltag und Denken, München 121984

WITTGENSTEIN, Ludwig: Werkausgabe, 8 Bände, Frankfurt am Main 11984, 3/41988/89

WUCHTERL, Kurt/HÜBNER, Adolf: Ludwig Wittgenstein
mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek bei
Hamburg 1988

Gunthard Heller

Scroll to Top