Stefan Zweig als Philosoph, Biograph und Dichter

Über sein Philosophiestudium schrieb Stefan Zweig (1881-1942) in seinen Memoiren "Die Welt von gestern", er habe dem "ganzen scholastischen Stoff" nur ein einziges Jahr gewidmet (S. 87), um ansonsten "Emersons Axiom" zu befolgen, "dass gute Bücher die beste Universität ersetzen".

Er habe das Fach "nicht aus einem Gefühl innerer Berufung" gewählt, denn seine "Fähigkeiten zu rein abstraktem Denken" seien "gering" gewesen (S. 69):

"Gedanken entwickeln sich bei mir ausnahmslos an Gegenständen, Geschehnissen und Gestalten, alles rein Theoretische und Metaphysische bleibt mir unerlernbar. Immerhin war hier das rein stoffliche Gebiet am eingeschränktesten, der Besuch von Vorlesungen oder Seminaren in der 'exakten' Philosophie am leichtesten zu umgehen. Alles, was nottat, war, am Ende des achten Semesters eine Dissertation einzureichen und einige Prüfungen zu machen. So legte ich mir von vornherein eine Zeiteinteilung zurecht: drei Jahre um das Universitätsstudium mich überhaupt nicht bekümmern! Dann in dem einen letzten Jahr in scharfer Anstrengung den scholastischen Stoff bewältigen und irgendeine Dissertation rasch fertigmachen! Dann hatte die Universität mir gegeben, was einzig ich von ihr wollte: ein paar Jahre voller Freiheit für mein Leben und für die Bemühung in der Kunst: universitas vitae" (S. 69).

Zweig war der Auffassung, "dass jede Wissenschaft, auch die militärische, wenn großzügig erfasst, notwendigerweise über das enge Fachgebiet hinausreichen und sich mit allen andern Wissenschaften berühren muss" (S. 124). Seine Lebensidee war die "Internationale der Kunst" (Briefe 96), die Herausgabe einer internationalen Klassikerbibliothek, die er im Insel-Verlag verwirklichte.

1. Freitod

Stefan ZweigWie ein roter Faden zieht sich das Thema durch Zweigs Werk. In dem Sammelband "Europäisches Erbe" erwähnt Zweig Otto Weininger (1880-1903), Ernst Toller (1893-1939) und Joseph Roth (1894-1939) in diesem Zusammenhang. Dabei machte es für ihn keinen prinzipiellen Unterschied, ob einer sich wie Weininger erschießt oder sich wie Roth zu Tode trinkt.

Sogar bei Walther Rathenau (1867-1922), der von zwei rechtsradikalen Antisemiten ermordet wurde, stellte Zweig fest, er habe bei Antritt seines Ministeramts gewußt, auf was er sich einließ: "die Mörder Erzbergers waren von ihren Münchner Gesellen gut geschützt und jeder Nachfolger dadurch stillschweigend ermuntert worden; er wußte, daß ihm, dem Juden, eine politische Leistung, und auch die größte, nicht im gegenwärtigen Deutschland zuerkannt, wohl aber jede scheinbare Nachgiebigkeit zum Verbrechen gestempelt würde; er kannte genau den hysterischen Gegenwillen Frankreichs und die verlogene Verhetztheit der alldeutschen Kreise, die sich gegenseitig Waffen in die Hände spielten, er wußte alles und wußte auch wohl das Ende – nicht als Emphatiker des Gefühls wie die andern, sondern als tragisch Wissender ist er an den Platz getreten, den ihm sein Schicksal wies" (S. 190).

Nachdem Zweigs Haus in Salzburg am 18. Februar 1934 nach Waffen durchsucht worden war, obwohl der unpolitische Autor keiner Partei angehörte, verließ er Österreich, in dem ein Bürgerkrieg zwischen der rechtsradikalen Heimwehr und dem sozialdemokratisch eingestellten Republikanischen Schutzbund tobte, endgültig. "Der Versuch konservativer und antisemitischer Kreise, Zweig anzuhängen, daß er den Schutzbund durch ein Waffenversteck in seinem Haus unterstützthätte, hatte vor diesem Hintergrund seine Wirkung nicht verfehlt" (Matuschek 271).

Am 18. Mai 1940 schrieb Zweig an Max Herrmann-Neiße über die Entstehung von "Die Welt von gestern": "Aus Verzweiflung schreibe ich die Geschichte meines Lebens. Ich kann nicht concentriert arbeiten. So will ich wenigstens ein Document hinterlassen, was wir geglaubt, wofür wir gelebt haben; ein Zeugnis ist heute vielleicht wichtiger als ein Kunstwerk" (Briefe 312).

(Bei den folgenden Briefstellen handelt es sich um Übersetzungen aus dem Englischen.)

Am 30. Januar 1942 schüttete Zweig sein Herz Berthold Viertel aus: "Was uns fehlt, sind Bücher, Freunde unseres geistigen Kalibers, ein Konzert und der Kontakt mit den Ereignissen der Literatur" (Briefe 346).

Am 4. Februar 1942 schrieb Zweig an seine erste Frau Friderike: "Ich bin deprimiert von der Aussicht, daß die wirkliche Entscheidung und der endgültige Sieg in diesem Jahre nicht mehr kommen werden und daß der größte Teil unserer besten Jahre für unsere Generation in diesen beiden Welt-Erschütterungen dahinging. Nach diesem Krieg wird alles verändert sein, der in einem Monat mehr verbraucht als ganze Nationen früher in Jahren verdienten, und ich fürchte, unsere alten Tage werden nicht ohne Sorgen und Schwierigkeiten sein – es gibt in dieser Zeit nicht mehr Sicherheit als zu Zeiten der Reformation oder des Untergangs von Rom. […] Was uns aber fehlt ist gutes Gespräch mit Menschen unseres Niveaus" (Briefe 347f).

Am 18. Februar 1942 meinte er resigniert zu Friderike: "Es wird keine Rückkehr zu den Dingen von ehedem geben, und was uns erwartet, wird uns niemals mehr bieten können als jene früheren Zeiten. Ich arbeite weiter, aber nur mit einem Viertel meiner Kraft; es ist eher ein Weitermachen aus alter Gewohnheit als wirkliches Schaffen. Man muß überzeugt sein, wenn man überzeugen will, Begeisterung haben, um andere zu begeistern, und wie soll ich sie jetzt finden! Alle meine besten Gedanken sind bei Dir und ich hoffe, die Kinder finden eine gute Arbeitsmöglichkeit und kommen vorwärts. Sie werden noch die bessere Welt sehen nach dieser jetzigen" (Briefe 350).

Zweig und seine zweite Frau Lotte vergifteten sich im Exil in Petropolis (Brasilien). Er fühlte sich altersmüde und glaubte, er könne auch nach einem Sieg der Alliierten über Hitler kein neues Leben mehr anfangen. Nachdem die Japaner Singapur erobert hatten, ordnete er seine persönlichen Angelegenheiten. Am 23. Februar 1942 fand das Dienstmädchen die beiden Toten angekleidet auf dem Bett. "Er lag auf dem Rücken, den Mund leicht geöffnet, Lotte hatte sich seitlich über ihn gebeugt und ihn umarmt" (Matuschek 355).

An Friderike hatte er am Tag davor noch geschrieben, seine Depression sei so schlimm geworden, daß er an Konzentrationsstörungen leide. Er könne die kommenden Kriegsjahre nicht mehr ertragen, er vermisse Bücher, fühle sich einsam und müde. "Ich schicke Dir diese Zeilen in den letzten Stunden, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie froh ich mich fühle, seit ich diesen Entschluß gefaßt habe. Gib den Kindern meine lieben Grüße und beklage mich nicht […]. Alles Liebe und Freundschaftliche und sei guten Mutes, weiß Du doch daß ich ruhig und glücklich bin" (Briefe 351).

Zweigs offizielle Abschiedserklärung (Declaração) vom selben Tag wurde in vielen großen Tageszeitungen abgedruckt:

"Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und [Streichung] meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.

Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die [Streichung] langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschliessen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus" (zit. n. WIKISOURCE).

Die überzeugendste Erklärung für Zweigs Freitod hat Carl Zuckmayer überliefert. An seinem 50. Geburtstag sagte Zweig zu ihm, er denke, es sei "'genug'", 60 Jahre alt zu werden. Zuckmayer erwiderte: "'Unsereiner muß neunzig oder hundert werden'", "'damit wir noch einmal anständige Zeiten erleben.'" Darauf Zweig: "'Die kommen nicht mehr […] - […] nicht mehr für uns. Die Welt, die wir geliebt haben, ist unwiederbringlich dahin. Und zu dem, was später kommt, können wir nichts mehr beitragen. Unser Wort wird nicht mehr verstanden werden – in keiner Sprache. Wir werden Heimatlose sein – in allen Ländern. Wir haben keine Gegenwart und keine Zukunft. Das Vergangene können wir nicht zurückholen, und das Neue wird über uns weggehen. Was hat es für einen Sinn, daß man als sein eigener Schatten weiterlebt? Wir sind doch nur Gespenster – oder Erinnerungen'" (zit. n. Arens 133).

2. Über Pädagogik

Zweigs Schulkritik in "Die Welt von gestern" ist bemerkenswert: "Fünf Jahre Volksschule und acht Jahre Gymnasium mussten auf hölzerner Bank durchgesessen werden […]. Es war mehr als zuviel und ließ für die körperliche Entwicklung, für Sport und Spaziergänge fast keinen Raum und vor allem nicht für Frohsinn und Vergnügen. […] Denn meine ganze Schulzeit war […] nichts als ein ständiger gelangweilter Überdruss […]. Schule war für uns Zwang, Öde, Langeweile […]. Es war ein stumpfes, ödes Lernen nicht um des Lebens willen, sondern um des Lernens willen, das uns die alte Pädagogik aufzwang" (S. 28).

Also Containerpädagogik statt Hilfe bei der Selbstverwirklichung: "Wir hatten unser Pensum zu lernen und wurden geprüft, was wir gelernt hatten; kein Lehrer fragte ein einziges Mal in acht Jahren, was wir persönlich zu lernen begehrten, und just jener fördernde Aufschwung, nach dem jeder junge Mensch sich doch heimlich sehnt, blieb vollkommen aus" (S. 29).

Nach der Hälfte der Gymnasialzeit fand die Bildung vornehmlich "außerhalb der Schule" statt. Die Jungen begeisterten sich "für Theater, Literatur und Kunst" (S. 33). Sie ließen die Lehrer reden und "lasen […] unter der Bank Nietzsche und Strindberg". Sie besuchten Anatomiehörsäle, "um Sektionen zuzusehen. […] Wir schlichen uns in die Proben der Philharmoniker, wir stöberten bei den Antiquaren, wir revidierten täglich die Auslagen der Buchhändler, um sofort zu wissen, was seit gestern neu erschienen war. Und vor allem, wir lasen, wir lasen alles, was uns zu Händen kam" (S. 34).

Das Kaffeehaus wurde zum Schulersatz. Hier konnten die Jungen Zeitung lesen, über "Bücher, Bilder, Musik, Philosophie […] diskutieren" (S. 35) und sich dadurch "kritische Unterscheidungsfähigkeit" aneignen (S. 36). Die zusätzliche Lektüre erfolgte "gutenteils zum Schaden unseres Schlafs und damit unserer körperlichen Frische […]. So kann ich mich nicht erinnern, je anders als unausgeschlafen und höchst mangelhaft gewaschen in letzter Minute zur Schule gejagt zu sein, das Butterbrot im Laufen verzehrend; kein Wunder, dass wir bei all unserer Intellektualität alle hager und grün aussahen wie unreifes Obst, überdies in der Kleidung ziemlich verwahrlost. Denn jeder Heller unseres Taschengeldes ging auf für Theater, Konzerte oder Bücher" (S. 45).

Wie Zweig über Professoren dachte, zeigt seine Bemerkung über die unerfüllte Forderung, Maxim Gorki den Nobelpreis zu verleihen: "wo Professoren entscheiden, ist die Wahrheit unter dem Tisch" (Briefe 221). Bei Gorki hob Zweig besonders dessen Wahrhaftigkeit hervor: "Sie übertreiben nicht, und Sie unterdrücken nicht. Sie sehen alles und sehen alles klar und wahr" (Briefe 187). "Durch Sie ist die russische Welt uns dokumentarisch geworden, der russische Mensch nicht nur in seiner weiten Seele, sondern auch in seinem täglichen Dasein, in seiner sinnlichen Irdischkeit uns nah und erschließbar. […] Wenn wir heute viel von dem russischen Volke wissen, wenn wir es lieben und seiner Seelenkraft vertrauen, so danken wir zum großen und größten Teile dies Ihnen, Maxim Gorki" (Briefe 188).

In seinem Essay "Das Buch als Eingang zur Welt" weist Zweig darauf hin, wie sehr unsere Geistigkeit, "unsere innere Existenz" durch Bücher bestimmt ist, aus denen wir nicht nur Informationen ziehen, sondern auch eine Kraft, die unsere Seele bewegt (III 6).

3. Über Kunst

In "Das Geheimnis künstlerischen Schaffens" spürt Zweig der "Konzeption eines Kunstwerks" (III 446) nach. Da die Künstler sich selbst kaum darüber äußern, bleibt nur die Feststellung übrig, daß es sich um einen individuellen Prozeß handelt. Die einen schreiben oder komponieren wie unter Diktat, die andern quälen sich von einer Idee oder einem musikalischen Motiv ausgehend durch Skizzen und verschiedene Fassungen bis zur endgültigen Gestalt einer Dichtung oder Komposition. Die einen arbeiten täglich, die andern unregelmäßig.

Zweig legt Wert auf die Feststellung, daß man einen Menschen "nur in seiner Arbeit" erkennt: "Es genügt nicht, daß wir mit ihm bei Tisch gesessen und geplaudert haben, daß wir zusammen spazierengefahren sind oder gemeinsam eine Reise machten. Das wirkliche Wesen gibt jeder Mensch nur in dem, was er schafft. Nur dort ist sein wahres Maß – nur dort, wo sein letztes Geheimnis ist, kennen wir einen Menschen, kennen wir ein Kunstwerk" (III 460).

4. Über Geschichte

In "Ist die Geschichte gerecht?" geht Zweig aus von Mt 13,12 und wendet es auf die Geschichtsschreibung an: die Sieger werden vergrößert, die Besiegten verkleinert oder verschwiegen. Man erinnert sich an den Kapitän oder König, doch die Namen der Matrosen oder Untertanen sind vergessen. Was der kleine Mann getan hat, wird dem großen zugerechnet. Deshalb soll man Geschichtsschreibung kritisch rezipieren.

"Nichts gefährlicher als die Pietät vor der einmal erkannten Größe, nichts verhängnisvoller als die Kniebeuge vor der offziell geheiligten Macht! […]

Unsere Pflicht ist darum immer, nicht die Macht an sich zu bewundern, sondern nur jene seltenen Menschen, die sie redlich und gerechterweise gewonnen. Redlich und gerecht gewinnt sie eigentlich nur immer der geistige Mensch, der Wissenschaftler, der Musiker, der Dichter, denn was er gibt, das ist niemand genommen" (I 552f). Dagegen entbehre politische und militärische Gewalt meistens der Moral.

Den Vortrag "Geschichtsschreibung von morgen" hielt Zweig mehrfach im Januar und Februar 1939 in den USA. Er träumt von einer humaneren Erziehung der Jugend auf der Basis einer anderen Geschichtsauffassung, einer "Geschichte, die zeigt, wie die Menschheit geworden ist" (III 466).

Den Geschichtsunterricht "aus dem Gesichtswinkel nationalen Interesses" will Zweig durch eine objektive Geschichtsbetrachtung ersetzen, die die ganze Menschheit einbezieht, die Folge von "Schlachten und Kriegen" durch Kulturgeschichte ergänzen (III 467f). Der Geschichtsunterricht soll nicht durch die Sinnlosigkeit von Gemetzeln deprimieren, sondern erheben und humanisieren. Er soll nicht zum Krieg, sondern zum Frieden erziehen.

Wenn schon Tiere nicht nur gegeneinander kämpfen, sondern auch einander helfen, um wieviel mehr dann die Menschen, "die wir erziehbar sind und in deren Seelen doch der geheimnisvolle Gott durch das Gewissen spricht, uns immer weiter vom Tierischen und seinen schlechten Instinkten wegzusteigern" (III 475)!

Anstatt den Schülern nur beizubringen, wie sich ein Land gegenüber dem andern schuldig gemacht hat, sollen sie auch erfahren, was ein Land dem andern verdankt. Sie sollen begreifen, "daß beinahe alles, was wir erfunden, erdacht, entdeckt, gedichtet, geglaubt haben, eine Kollektivleistung ist" (III 476). Es soll ihnen bewußt werden, "daß die Menschheit eine Aufgabe hat" und daß jedem von ihnen "in seinem kleinen Dasein ein Wort, eine Geste in diesem Drama zugeteilt ist" (III 478).

Nur wer sein eigenes Leben "als sinnvoll empfindet", kann "auch das Gewesene […] als sinnvoll empfinden", indem er ihm "den Sinn einer Entwicklung zu einer immer höheren Stufe unserer Humanität" gibt (III 479).

5. Gesellschaftskritik

In seinem Essay "Die Monotonisierung der Welt" (1925) wehrt sich Zweig gegen die Amerikanisierung Europas. Tanz, Mode, Kino, Radio u.a. dienen der Unterdrückung der Individualität. Statt ihrer wird ein Typus geschaffen, der mit Massennahrung nach dem Motto "Vergnügen [...] ohne Anstrengung" (II 10) gefüttert wird und eine fahrige, nervöse, aggressive Langeweile an den Tag legt.

Was tun? Zweig macht sich keine Illusionen, mit Papier "gegen einen Orkan" anzukommen (II 10). Was nützt das Schreiben von Büchern, wenn sie nicht mehr gelesen werden, weil das Lesen anstrengend ist und Bildung erfordert? So bleibt ihm nur übrig, die Geistesverwirrung seiner Zeitgenossen zu dokumentieren und sich in sich selbst zurückzuziehen. "Des geistigen Menschen höchste Leistung ist immer Freiheit, Freiheit von den Menschen, von den Meinungen, von den Dingen, Freiheit zu sich selbst" (II 12).

6. Über Judentum und Zionismus

Jude zu sein, war für Zweig eine Selbstverständlichkeit, von der er kein Aufhebens machte: "Alles was an Stolz in den jüdischen Bekenntnissen ist, die ich so oft lese, scheint mir eine aufgetane Unsicherheit, eine umgewendete Angst, ein gedrehtes Minderwertigkeitsgefühl, was uns fehlt, ist SicherheitUnbesorgtheit – ich fühle sie auch als Jude in mir immer stärker. Es belastet das Judesein mich nicht, es begeistert mich nicht, es quält mich nicht und sondert mich nicht, ich fühle es ebenso wie ich meinen Herzschlag fühle, wenn ich daran denke, und ihn nicht fühle, wenn ich nicht daran denke" (Briefe 65f).

Zweigs Verhältnis zum Alten Testament zeigt folgende Passage aus dem Sammelband "Europäisches Erbe": "Martin Buber hat in seinen so bedeutsamen Reden über das Judentum die schöne Formel gefunden, daß es ein ständiger Dualismus mit steter Sehnsucht nach Einheit sei. Diese Dualität zwischen der geistigen und sinnlichen Sphäre ist nun für den Künstler die Wahl zwischen der Vision und der Analyse bei jeder innern Weltgestaltung. Schon das Alte Testament, die höchste Probe der jüdischen Kunst, birgt die Urform dieses Zwiespalts in sich, die orientalisch üppige Bilderpracht und die mathematisch reine Formulierung der Idee, den Trieb zum geistigen Gesetz, der in unendlichen Zwischenstufen aufsteigt bis zu jener unsinnlichen Form Gottes, der vielleicht bedeutendsten logischen Idee der Welt" (S. 150f).

Den Zionismus lehnte er ab: Er wollte nie, "daß das Judentum wieder Nation wird und damit sich in die Concurrenz der Realitäten erniedrigt." Zweig liebte und bejahte die Diaspora "als den Sinn seines Idealismus, als seine weltbürgerliche allmenschliche Berufung. Und ich wollte keine andere Vereinung als im Geist, in unserem einzigen realen Element, nie in einer Sprache, in einem Volke, in Sitten, Gebräuchen, diesen ebenso schönen als gefährlichen Synthesen. […] Und das Einzige, worin wir uns stärken müssen, wäre, diesen Zustand nicht als eine Erniedrigung, sondern mit Liebe und Bewußtheit zu empfinden, wie ich es tue" (Briefe 68f).

Von Martin Bubers zionistischen Vorstellungen grenzte sich Zweig scharf ab: "Für mich ist es der Ruhm und die Größe des jüdischen Volkes, das einzige zu sein, das nur eine geistige Heimat, ein ewiges Jerusalem anstrebt, während er [Buber] zur Wiederkehr ins reale Palästina gravitiert. Für mich ist es die Größe des Judentums, übernational zu sein, Ferment und Bindung aller Nationen in seiner eigenen Idee, er wünscht die jüdische Nation, und ich sehe in jedem Nationalismus die Gefahr der Entzweiung, des Stolzes, der Eingrenzung und der Eitelkeit" (Briefe 71).

Zweig prophezeite einem zukünftigen Israel eine schlechte Zukunft: "Im Wohlergehn, in Erfüllungen war dieses Volk nie ein Wert – nur im Druck findet es seine Kraft, in der Auseinandersprengung seine Einheit. Und im Beisammensein wird es sich selbst auseinandersprengen. […] Palästina wäre ein Schlußpunkt, das Rückkehren des Kreises in sich selbst, das Ende einer Bewegung, die Europa, die die ganze Welt durchschüttert hat. Und es wäre eine tragische Enttäuschung wie jede Wiederholung" (Briefe 83f).

Überhaupt hielt Zweig "den nationalen Gedanken für eine Gefahr" (Briefe 104). Die Staaten betrachtete er als "nur zufällige Formen." Er machte sich allerdings keine Illusionen: Wenn sich Europa nicht mehr "wegen Sprachenfragen und Grenzen" zerstört, wird es "wieder einen anderen, einen neuen Wahn haben und für den ebenso töricht sich selbst vernichten" (Briefe 105).

7. Über Politik

Zweig hat "gelernt, die Politik, die immer überdimensionieren muß, das Wort an das Schlagwort verraten, das Dogma an seine Übertreibung, redlich zu hassen als den Widerpol der Gerechtigkeit" (Briefe 264).

Den Nationalsozialismus betrachtete er als "Haßpsychose", die "jede Art von Recht" und "Freizügigkeit […] in Deutschland" aufhob (Briefe 227). Erasmus von Rotterdam habe "durch Luther die gleichen Niederlagen erlitten […] wie die humanen Deutschen heute durch Hitler" (Briefe 228).

Zweig wählte Erasmus als "Nothelfer" […], den Mann der Mitte und der Vernunft, der ebenso zwischen die Mühlsteine des Protestantismus und Katholizismus geriet, wie wir zwischen die großen Gegenbewegungen von heute. Es war für mich ein kleiner Trost zu sehen, wie schlecht es ihm ging und daß man nicht allein ist, wenn man sich anständigerweise mit schweren Entscheidungen und Entschließungen quält, statt es sich bequem zu machen und mit einem Ruck auf den Rücken einer Partei zu springen" (Briefe 242).

Seine persönliche Aufgabe sah er am 19.12.1926 darin, "Zeuge in dem ewigen Prozeß zu sein, der vor unsern Augen abläuft: Mit der größten Intensität der Wahrheit und Klarheit sein Wort auszusprechen, ist alles, was uns zu tun bleibt" (Briefe 174).

"Das Herz Europas" ist eine Hommage an das Rote Kreuz in Genf. Zweig empfand es während des Ersten Weltkriegs als europäisches Zentrum. Begründung: "In unsichtbarer Brandung strömt hier jeden Tag die Angst, die Sorge, die fragende Not, der schreiende Schrecken von Millionen Völkern heran. In unsichtbarer Ebbe strömt hier tägliche Hoffnung, Trost, Ratschlag und Nachricht zu den Millionen zurück. Draußen, von einem Ende zum anderen unserer Welt, blutet aus unzähligen Wunden der gekreuzigte Leib Europas. Hier aber schlägt noch sein Herz. Denn hier antwortet dem wahrhaft unmenschlichen Leiden der Zeit noch ein ewiges Gefühl: das menschliche Mitleid" (I 152).

Die Tätigkeit des Roten Kreuzes bestand vor allem in der Identifizierung von Vermißten und in der Benachrichtigung von Angehörigen über den Ort der Gefangennahme bzw. des Todes. Außerdem überwachten die Mitarbeiter des Roten Kreuzes "die Gefangenenlager, ob in jedem einzelnen genügend Nahrung und Freiheit den Internierten gegeben werde" (I 159). Sie kümmerten sich um die Bitten, Schwerverwundete auszutauschen, um Geldüberweisungen und Pakete.

Die Hauptschwierigkeiten bestanden in Namensgleichheiten, Rechtschreibungsvarianten, Wechsel des Gefangenenlagers, falschen Auskünften bzw. unvollständigen Angaben, der fehlenden Registrierung von Zivilpersonen, der mangelnden Auskunftsfähigkeit aufgefundener vermißter Kinder, dem Wechsel des Aufenthaltsorts ihrer Eltern und der hohen Zahl der Anfragen (viele Millionen). 

Dazu kamen die schlechten Arbeitsbedingungen, die auf der Hoffnung beruhten, der Krieg sei bald zu Ende.In dem Vortrag "Der europäische Gedanke in seiner historischen Entwicklung" (1932) setzt Zweig beim "römischen Imperium" an: "Hier geht zum erstenmal von einer Stadt, einer Sprache, einem Gesetz der entschlossene Wille aus, alle Völker, alle Nationen der damaligen Welt nach einem einzigen, genial durchsonnenen Schema zu beherrschen und zu verwalten" (III 346f). Nach dem Untergang des römischen Reichs "sinkt die europäische Kultur tief unter den Wasserspiegel der orientalischen und chinesischen" (III 348).

Die "Idee unserer menschlichen Einheit" findet nun Ausdruck in der Kirche. Nur das Lateinische, "die Einheitssprache, die Muttersprache aller europäischen Kulturen" bleibt erhalten (III 348f). Erst "im Zeitalter des Humanismus […] fühlt Europa wieder, daß es an einem Gemeinsamen arbeitet, an einer neuen Zukunftsform abendländischer Zivilisation" (III 350). Mit der Wiederbelebung der antiken Geistigkeit in der Renaissance entsteht die "erste Form geistigen Europäertums" (III 351).

Doch "die Reformation zerstört die Renaissance. Mit ihr endet gleichzeitig die Herrschaft der neuerschaffenen lateinischen Sprache, dieser letzten europäischen Einheitssprache. […] Jede Nation will jetzt allein das Imperium der Macht und der Kunst erringen, jede von ihrer eigenen Sprache aus eine Literatur schaffen" (III 352). In der Musik "sucht das Gemeinschaftsgefühl sich eine neue Form" (III 353).

Den nächsten Rückschlag bringen die Französische Revolution und die Kriege Napoleons. "Damit wird auch die Kunst und das Denken völlig national" (III 354). Nun ist es Goethe, der "neben seinem deutschen Standpunkt […] sich noch ein europäisches Bewußtsein" erschafft "und versucht, […] gleichsam aus der Seele aller Völker zu denken" (III 355). "Zum erstenmal lebt, denkt, fühlt und erlebt das neunzehnte Jahrhundert in Europa gewisse Zustände einheitlich und identisch", z.B. den Pessimismus der Dichter oder die Revolution von 1848 (III 356).

Am "Ende des neunzehnten Jahrhunderts aber wird der Gedanke der 'Vereinigten Staaten von Europa' eine politische und gleichsam überpolitische Forderung" (III 356), der Friedrich Nietzsche, Emile Verhaeren und Romain Rolland denkerische bzw. dichterische Gestalt geben. "Unendlich viel einzelne andere haben schüchtern und leise diesen Glauben geteilt" (III 360).

Der Erste Weltkrieg bringt wieder einen Rückschlag. Nun ist es die Technik, die die Menschen zusammenrücken läßt. Flugzeug und Radio überwinden die Entfernungen. Erstmals stehen nun "Nationalismus und Übernationalismus"gleichzeitig gegeneinander, während sie einander davor "wie Ebbe und Flut rhythmisch ablösten" (III 362f). Ob sich Europa weiter selbst zerstören oder zu einer Einheit zusammenwachsen wird, läßt Zweig zwar offen. Doch er zweifelt nicht daran, daß der Gedanke der europäischen Einheit "richtig und wahr" ist (III 364).

8. Gedichte

Zweigs Gedichte handeln von Liebe und Erotik, Schlaf, Traum und Tod, Natur und Kunst, Religion, Mythologie und Moral. Er selbst stand ihnen kritisch gegenüber: "Als Lyriker werte ich mich nicht sehr hoch" (Briefe 6). Über das Verfassen eines Gedichts notierte er in seinem Tagebuch am 11. September 1912, es sei nur halb gelungen, sein Tiefsinn sei banal, es werde durch seinen Rhythmus "'verdunkelt und verschönt'" (zit. n. den Nachbemerkungen zu Zweigs Gedichten von Knut Beck, S. 242).

01.11.2017 © seit 08.2017 Gunthard Heller

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