Liebeserklärung an Spinoza - Einführung in seine Philosophie

Voltaire sagte einmal über Spinoza, daß jeder von ihm spricht, aber keiner ihn kennt. Auch heute noch wird er immer wieder von modernen Philosophen zitiert. In diesem Artikel können Sie sich einen groben Überblick über sein Leben und Werk verschaffen.

"Was Spinoza betrifft, jeder spricht von ihm, aber keiner liest ihn" (Voltaire, zit. n. de Vries 173).

Bertrand Russell eröffnete das Spinoza-Kapitel seiner "Philosophie des Abendlandes" mit folgenden Sätzen: "Spinoza (1634-1677) ist der vornehmste und liebenswerteste der großen Philosophen. An Klugheit waren ihm einige andere überlegen, ethisch aber steht er am höchsten. Die Folge war natürlich, daß man ihn zu seinen Lebzeiten und noch ein Jahrhundert nach seinem Tode für einen entsetzlich bösen Menschen hielt. Er war geborener Jude, wurde aber aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Christen verabscheuten ihn ebenfalls; obwohl seine ganze Philosophie im Zeichen des Gottesgedankens steht, bezichtigten ihn die Orthodoxen des Atheismus" (S. 578).

Einfürhung in die Philosophie SpinozasWer sich, angeregt durch Russells Hochschätzung, an die Lektüre von Baruch de Spinozas Werken macht, wird enttäuscht sein. Es erwarten ihn keine Höhenflüge, keine Sensationen. Die Schriften von Spinoza hinterlassen vielmehr den Eindruck von Sprödigkeit und Unzugänglichkeit. Die Lektüre ist nicht nur ausgesprochen trocken und langweilig, sondern sogar überaus frustrierend. So fragt man sich: Woher rührt Russells Begeisterung? Warum sollte man sich mit Spinoza abquälen?

Wer das Kapitel über Spinoza in Russells "Philosophie des Abendlandes" durchliest, erfährt schnell, was hinter seiner Begeisterung steckt - Russell fand in Spinoza die eigenen Ideale wieder: Unbestechlichkeit, intellektuelle Redlichkeit, auch gegenüber der Bibel, durch und durch demokratische Gesinnung, Befürwortung der Meinungsfreiheit, religiöse Toleranz, die Übereinstimmung von Leben und Lehre. Und er erfährt auch, was Russell an Spinoza zu Recht störte: Spinozas Hauptwerk, seine "Ethik", strotzt vor einer mathematisch angelegten "Beweisführung, die zu beherrschen sich tatsächlich nicht lohnt" (S. 580f). "Als Ganzes kann man diese Metaphysik unmöglich anerkennen; sie ist unvereinbar mit moderner Logik und wissenschaftlicher Methodik" (S. 586).

Im folgenden gehe ich ganz kurz Spinozas Werke in der Reihenfolge durch, in der sie (vermutlich) entstanden sind. Da Spinoza nicht viel geschrieben hat (außer den Briefen lediglich sechs Schriften), ist es auch für einen Laien ohne weiteres möglich, alles von ihm zu lesen. Wer das nicht will, beschränke sich auf den "Theologisch-politischen Traktat", mit dem Spinoza zum Begründer der modernen Bibelkritik wurde - noch vor Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), dessen "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" durch die daraus von Lessing 1774-77 veröffentlichten Fragmente berühmt wurde.

Kurze Abhandlung von Gott, dem Menschen und seinem Glück

Der Inhalt von Spinozas Erstling, entstanden zwischen 1658 und 1660, ist in folgendem Satz am Ende von Kapitel 4 auf den Punkt gebracht: "Und darum ist das der vollkommenste Mensch, der mit Gott (der das allervollkommenste Wesen ist) sich vereinigt und ihn so genießt" (S. 69).

Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes

Diese Frühschrift ist unvollendet. Die Entstehungszeit ist umstritten (vielleicht 1661/62). Spinoza bringt nicht nur erkenntnistheoretische Überlegungen, sondern auch praktische Lebensregeln.

Er unterscheidet vier Arten von Wahrnehmungen und bringt auch gleich passende Beispiele dazu:

  1. Wahrnehmung (perceptio) aufgrund von Hörensagen oder Zeichen (z.B. unser Geburtstag);
  2. Wahrnehmung aufgrund einer zufälligen, unbestimmten Erfahrung, der nichts widerspricht (z. B. unser Tod);
  3. Wahrnehmung aufgrund einer Schlußfolgerung (z.B. die Einheit von Seele und Körper oder die Größe der Sonne);
  4. Wahrnehmung des Wesens oder der nächsten Ursache eines Dings (z.B. Gegebenheiten in der Mathematik oder die Seele).

Und er gibt drei Lebensregeln (vivendi regulae):

  1. Man soll sich in seinen Äußerungen nach dem Fassungsvermögen der Leute richten.
  2. Man soll sich um seine Gesundheit kümmern.
  3. Man soll sich eine materielle Grundlage in Form von Geld oder Besitz für's Philosophieren schaffen.

Descartes' Prinzipien der Philosophie

Der vollständige Titel dieser einzigen zu Lebzeiten Spinozas veröffentlichten Schrift (1663) lautet: "Descartes' Prinzipien der Philosophie auf geometrische Weise begründet mit dem 'Anhang, enthaltend metaphysische Gedanken'". Die Lektüre des Werkes ist nur sinnvoll für diejenigen, die Descartes' Philosophie kennen, also wenigstens den Discours de la Méthode, die Regulae ad directionem ingenii, die Meditationes de Prima Philosophia (am besten mit den Einwänden der Zeitgenossen und Descartes' Erwiderungen) und die Principia philosophiae gelesen haben. Sonst könnte es ihnen ergehen wie Willem van Blyenbergh, der Spinoza in seinem Brief am 27. März 1665 fragte: "Das erste wäre, wie ich bei der Lectüre der Principien und Ihrer metaphysischen Gedanken Ihre und Descartes' Meinung auseinanderkennen kann?" (Briefwechsel S. 128)

Ethik

Der vollständige Titel der 1661-1665/1677 entstandenen und 1677 postum anonym erschienenen Schrift lautet "Ethik nach der geometrischen Methode dargestellt". Um was es darin geht, sieht man schon anhand des Inhaltsverzeichnisses: Spinoza empfiehlt, sich von der Knechtung der Affekte zu befreien und der Macht des Denkens zu vertrauen.

Zu was das führt, zeigen zwei Begebenheiten aus Spinozas Leben:

"Er erhielt in seiner Jugend Unterricht von den Rabbinern. Früh jedoch bekam er schon Händel mit den Rabbinern der Synagoge, zu der er gehörte; sie wurden erbittert, weil er sich gegen die talmudistischen Träumereien erklärte. Er blieb beizeiten aus der Synagoge hinweg. Die Rabbiner fürchteten, sein Beispiel werde böse Folgen haben; sie boten ihm 1000 Gulden zum Jahrgehalt, wenn er ihr beiwohnen und ruhig bleiben wollte. Er schlug es aus. Ihre Verfolgungen gingen späterhin so weit, daß sie ihn durch Meuchelmord aus dem Wege zu räumen bedacht waren, und kaum entging er dem auf ihn gezückten Dolche. Er verließ sodann die jüdische Gemeinde förmlich, ohne jedoch zur christlichen Kirche überzutreten."

So Hegel in seinen Philosophiegeschichtsvorlesungen (III 158), deren Lektüre auch heute noch lohnenswert ist: Nirgends sonst erfährt man so viel über die Verfolgung von Philosophen.

Ein zweites Beispiel: "Vom Kurfürsten von der Pfalz, Karl Ludwig, der höchst edel und frei von den Vorurteilen seiner Zeit, wurde er auch zur Professur nach Heidelberg gerufen, wobei er die Freiheit haben solle zu lehren und zu schreiben, in dem 'der Fürst glaube, daß er sie nicht mißbrauchen werde, die öffentlich festgesetzte Religion zu beunruhigen'. Spinoza (in seinen gedruckten Briefen) lehnte dieses Anerbieten aber mit gutem Vorbedacht ab, weil er nicht wisse, in welche Grenze jene philosophische Freiheit eingeschlossen werden müsse, daß er nicht scheine, die öffentlich festgesetzte Religion zu verunruhigen. Er blieb in Holland, einem für die allgemeine Bildung höchst interessanten Lande, das zuerst in Europa das Beispiel einer allgemeinen Duldung gab und vielen Individuen einen Zufluchtsort der Denkfreiheit gewährte; so gehässig auch die dortigen Theologen, z. B. gegen Bekker, Voetius gegen die Cartesianische Philosophie wüteten, hatte dies doch nicht die Konsequenz, die es in einem anderen Lande würde gehabt haben" (III 159f).

Theologisch-politischer Traktat

Das Werk entstand 1665 und wurde 1670 anonym veröffentlicht. Während er noch daran arbeitete, schrieb Spinoza an Heinrich Oldenburg: "Ich verfasse eben eine Abhandlung über meine Auffassung von der Schrift. Dazu bestimmen mich: 1. die Vorurteile der Theologen; diese Vorurteile hindern ja, wie ich weiß, am meisten die Menschen, ihren Geist der Philosophie zuzuwenden; darum widme ich mich der Aufgabe, sie aufzudecken und sie aus dem Sinne der Klügeren zu entfernen; 2. die Meinung, die das Volk von mir hat, das mich unaufhörlich des Atheismus beschuldigt: ich sehe mich gezwungen, diese Meinung womöglich von mir abzuwehren; 3. die Freiheit, zu philosophieren und zu sagen, was man denkt; diese Freiheit möchte ich auf alle Weise verteidigen, da sie hier bei dem allzugroßen Ansehen und der Frechheit der Prediger auf alle mögliche Weise unterdrückt wird" (Briefwechsel S. 141f).

Briefwechsel mit Hugo Boxel

Boxel, "Doctor beider Rechte", schrieb am 14.9.1674 an seinen Freund Spinoza, um seine "Meinung über Erscheinungen und Gespenster oder Geister" zu erfahren (Briefwechsel S. 211; die im Original gesperrt gedruckten Wörter habe ich kursiv wiedergegeben). Der Kampf zwischen den beiden war ungleich: Boxel kannte die einschlägige Literatur und hatte persönliche Erfahrungen, Spinoza hatte dem lediglich einige Vorurteile entgegenzusetzen. Andererseits war er seinem Freund im dogmatischen Argumentieren überlegen und behielt das letzte Wort, d.h. Boxel reagierte auf seinen letzten Brief nicht mehr.

Gleich im ersten Antwortbrief etikettierte Spinoza das Thema als "Possen und Einbildungen", "Hirngespinste und Einbildungen", ließ sich aber gern eines Besseren belehren, falls Boxel ihm eine überzeugende Spukgeschichte schicke (S. 212). Insgesamt machten Boxels Argumente auf ihn "mehr den Eindruck von Vermutungen als von Gründen" (S. 219). Boxel hielt dagegen: "Wir nehmen es in der Welt nicht so genau, stellen bis zu einem gewissen Grade Vermutungen an und nehmen bei unsren Schlüssen in Ermangelung der Beweise das Wahrscheinliche hin" (S. 225). Spinoza warf Boxel schließlich vor, daß er seine "Gedanken nicht auf die Hauptsache gerichtet und den springenden Punkt der Frage außer acht gelassen" habe und "daß man mit dem Aufwerfen von Schwierigkeiten noch keine Gründe vorbringt. […] Im Alltagsleben müssen wir dem Wahrscheinlichsten, in der Speculation aber der Wahrheit folgen" (S. 228f). Das ist natürlich richtig, doch Spinoza befolgte seinen eigenen Grundsatz nicht, als er die Menschen, die Geister gesehen hatten, nicht ernst nahm. Folglich schaffte er es nicht, Boxel auf seine Seite hinüberzuziehen.

Das Wortgefecht ist interessant, weil es zeigt, wie auch ein durch und durch aufrichtiger, redlicher Philosoph irren kann, einfach deshalb, weil ihm bestimmte Informationen und Erfahrungen fehlen. Im folgenden stelle ich die jeweiligen im Briefwechsel weit auseinanderliegenden Hauptargumente einander direkt gegenüber.

Boxel führte für die Existenz der Geister die Autorität antiker Autoren (Plutarch, Sueton, Plinius der Jüngere, Valerius Maximus, Stoiker, Pythagoreer, Platoniker, Periptetiker, Empedokles, Maximus Tyrius, Apulejus u.a.) sowie von "modernen Theologen und Philosophen" (Johannes Wier, Ludwig Lavater, Geronymo Cardano, Philipp Melanchthon, Alessandro Alessandri) an. Außerdem berief er sich auf die Erfahrung eines ihm bekannten Bürgermeisters und ein eigenes einschlägiges Erlebnis (S. 211, 215f und 226f). Spinoza wandte dagegen ein, daß Menschen ihre Erlebnisse beim Erzählen gerne verändern und eine Überprüfung ausgeschlossen ist, da gerade bei Erfahrungen mit Geistern keine weiteren Zeugen vorhanden sind (S. 213). Außer Plinius und Sueton habe er nichts lesen können, doch schon von diesen beiden habe er genug (S. 217). "Die Autorität des Plato, Aristoteles und Sokrates gilt bei mir nicht viel. Ich hätte mich gewundert, wenn Sie Epikur, Demokrit, Lucretius oder einen Atomisten oder Anhänger des Atomismus angeführt hätten" (S. 231). Er leugne nicht die Geschichten selbst, sondern die Schlüsse, die aus ihnen gezogen würden (S. 221). Caesar habe darüber gelacht (S. 222). Über was? Davor ist von Gespenstern die Rede. Das monierte Boxel in seinem Antwortbrief auch sofort, weil Sueton es anders erzählt: Caesar habe nicht über Gespenster gelacht, sondern darüber, sich nach irgendwelchen Vorzeichen zu richten. Hätte er sich danach gerichtet, wäre er nicht ermordet worden (S. 227).

Boxel schrieb, es gehöre "zur Schönheit und Vollkommenheit des Alls, daß sie existieren" (S. 214). Spinoza entgegnete, Schönheit sei lediglich "eine Wirkung in dem Anschauenden" (S. 219). Boxel erwiderte: "Was die Schönheit anlangt, so gibt es Dinge, deren Teile in Hinsicht auf die übrigen proportional und besser als andere zusammengesetzt sind" (S. 225).

Boxel meinte über die Geister: "es ist wahrscheinlich, daß der Schöpfer sie geschaffen hat, weil sie in höherem Maße als die körperlichen Wesen ihm ähnlich sind" (S. 214). Spinoza wandte ein: "Wenn ich von Gespenstern eine so klare Idee hätte wie vom Dreieck oder vom Kreis, so hätte ich durchaus kein Bedenken anzunehmen, daß sie von Gott geschaffen seien" (S. 220f). Boxel: "Ich sage, die Geister sind Gott ähnlich, weil er auch Geist ist. […] Sagen Sie mir doch, […] was für eine Idee Sie von Gott haben, und ob diese Idee Ihrem Verstande so klar ist wie die Idee des Dreiecks. Ich weiß, daß Sie sie nicht haben" (S. 226). Spinoza erwiderte: Doch, er habe sie. Aber er unterschied zwischen Vorstellung und Erkenntnis: Er könne sich Gott zwar nicht vorstellen, aber ihn erkennen, zwar nicht ganz, aber "einige seiner Attribute" (S. 230). Das paßte zu seiner vorausgehenden Polemik: "wenn ein Dreieck nur reden könnte, würde es geradeso sprechen, Gott sei eminent dreieckig, und ein Kreis, die göttliche Natur sei in eminentem Sinne kreisförmig, und auf diese Weise würde jeder seine Attribute Gott zuschreiben und Gott sich ähnlich machen und das übrige würde ihm häßlich erscheinen" (S. 229).

Boxel behauptete: "so wie es einen Körper ohne Geist gibt, so gibt es auch einen Geist ohne Körper" (S. 214). Spinoza hielt das für "widersinnig": "Sagen Sie mir doch, bitte, ob es nicht gerade so wahrscheinlich ist, daß es Gedächtnis, Gehör, Gesicht usw. ohne Körper gibt, weil sich Körper ohne Gedächtnis, Gehör, Gesicht usw. finden? Oder eine Kugel ohne Kreis, weil ein Kreis ohne Kugel existiert?" (S. 221) Boxel erwiderte darauf mit dem Hinweis auf die Wechselwirkung zwischen Seele und Körper, über die wir doch kaum etwas wüßten (S. 224). "Nichtsdestoweniger behaupte ich, so wie es Körper ohne Gedächtnis usw. gibt, so gibt es auch Gedächtnis usw. ohne Körper, und so wie es einen Kreis ohne Kugel gibt, so auch eine Kugel ohne Kreis" (S. 226).

Boxel glaubte weiter, "daß es in der obersten Luft, in der obersten Region oder im obersten Raume keinen dunklen Körper gibt, der nicht seine Bewohner hätte; folglich ist der unermeßliche Raum, der zwischen uns und den Sternen liegt, nicht leer, sondern voll von Einwohnern, eben den Geistern" (S. 214f). Hier wandte Spinoza nur müde ein, daß er nicht wisse, was er im Universum als Oben und Unten bezeichnen solle, weil er nicht wisse, ob Boxel ein geozentrisches oder heliozentrisches Weltbild zugrundelege oder gar den Saturn in den Mittelpunkt setze (S. 221). Boxel erwiderte, mit der Sonne als Zentrum sei doch klar, was oben und unten sei: das, was weiter von der Erde weg sei, sei höher, und das was näher bei der Erde liege, sei tiefer (S. 226).

Boxel meinte schließlich, "daß es Geister von aller Art gibt, nur möglicherweise keine weiblichen" (S. 215). Spinoza erwiderte, das sehe ihm ganz danach aus, daß vom Volk auch Gott zu einem Mann gemacht werde. "Ich wundere mich, daß die Leute, die nackte Geister gesehen haben, ihren Blick nicht auf die Geschlechtsteile gerichtet haben – vielleicht aus Furcht oder weil sie von diesem Unterschied nichts wußten" (S. 218). Boxel begründete nun seine Ansicht damit, daß Gespenster sich nicht fortpflanzen würden (S. 223).

09.11.2017 © seit 11.2011 Gunthard Heller

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