Sabina Spielrein war weit mehr als eine Psychoanalytikerin – ihre Ideen reichen tief in philosophische Fragen nach Leben, Entwicklung und menschlicher Existenz. Dieser Artikel beleuchtet ihr Denken und zeigt, warum sie als eigenständige Philosophin mehr Aufmerksamkeit verdient.
Einführung
Sabina Spielrein (1885-1942), die Tochter eines jüdischen Großkaufmanns und einer Zahnärztin aus Rostow am Don, war 1904/05 Patientin an der Kantonalen Zürcher Irrenheilanstalt Burghölzli. Sie wurde von C. G. Jung behandelt. 1905-1911 studierte Spielrein an der Universität Zürich Medizin. 1911 schloß sie ihr Studium mit der Promotion ab.

Sie war die erste Frau, die „mit einem psychoanalytischen Thema zum Doktor der Medizin promoviert“ wurde (Richebächer 158). Ihre Arbeit Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie (dementia praecox), in der sie die Gespräche mit einer Patientin wörtlich protokollierte, war „die erste Dissertation und der zweite Beitrag einer Frau“ (Richebächer 159) im Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen (Bd. III, 1/2, 1911, S. 329-400).
Vom Mai bis August 1911 hörte Spielrein Kunstgeschichte an der Universität München und komponierte. Am 11.10.1911 wurde sie Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Sie lernte Freud persönlich kennen, der Patienten zu ihr schickte.
1912 heiratete Spielrein in Rostow den jüdischen Arzt Pawel Scheftel. 1912-1914 lebten sie in Berlin. 1913 wurde die erste Tochter Irma-Renata geboren. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs floh die Familie in die Schweiz, wieder nach Zürich. Pawel kam dem Mobilisierungsbefehl seines Regiments in Kiew nach und zog nach Rostow. Irma-Renata, die ständig krank war, reagierte mit Husten und Erbrechen. Spielrein hörte jahrelang nichts von ihrem Mann. Sie arbeitete als Psychoanalytikerin, Pädologin und Ärztin, zeitweise als Chirurgin.
1915 zog sie mit der Tochter nach Lausanne. Sie wurde polizeilich überwacht. Im Bericht von Inspektor Amstutz heißt es: „‚Wo immer Frau Scheftel Wohnsitz nahm, war sie als Person mit tadellosem Benehmen und Moral bekannt, die sich gänzlich der Wissenschaft widmete. Obwohl nicht vom Glück begünstigt und in sehr dürftigen Verhältnissen lebend, hat sie sich den Herausforderungen immer gestellt, und es wird ihr keine Schuld angelastet. Nach den Auskünften ihrer jeweiligen Vermieter hat sie sich ebenso in keiner Weise mit Politik beschäftigt'“ (zit. n. Richebächer 206).
1920 zog Spielrein nach Genf. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie mit Näharbeiten. Jean Piaget war einer ihrer Patienten. Spielrein analysierte ihn täglich acht Monate lang. „Es wird berichtet, daß die beiden während der Analyse […] viel gelacht haben.“ Piaget sagte 1975, „Spielrein habe die Analyse von sich aus beendet, weil sie ihn nicht zu einem strammen Freudianer machen konnte.“ Zwei Jahre später sagte er, „daß seine Analyse eine Ausbildungsanalyse war und zur vollsten Zufriedenheit der Analytikerin – Spielrein – beendet wurde“ (Richebächer 230).
Der Widersprüchlichkeit dieser Auskunft entspricht, daß Spielrein einerseits ihre Bestimmung erfüllen wollte (was sie eigentlich auch anderen Menschen zugestehen mußte), andererseits aber den Kollegen in Genf nicht die Freiheit zugestehen wollte, die Psychoanalyse „als eine Methode unter anderen“ zu betrachten. Als sie Freud um Unterstützung bat, meinte er, er wolle keine Entrüstung als Psychoanalysepapst erregen (Richebächer 236).
1922 starb Spielreins Mutter Eva. 1923 zog Spielrein nach Moskau und trat in die Russische Psychoanalytische Vereinigung ein. 1924 kehrte sie nach Rostow zurück und setzte die Ehe mit Pawel Scheftel fort. 1926 wurde die zweite Tochter Eva geboren.
1930 wurde die Russische Psychoanalytische Vereinigung aufgelöst, 1933 wurde die Psychoanalyse in der UdSSR verboten. 1936 wurden von der Bolschewistischen Partei „Pädologie und Psychotechnik […] als bürgerliche ‚Pseudowissenschaften‘ gebrandmarkt. Fachleute, die diese Richtungen vertreten, werden willkürlich angeklagt und der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt“ (Richebächer 282). Die Zeitschrift Psychotechnik, die Spielrein betreute, wurde verboten.
1935 wurde Spielreins Bruder Isaak Spielrein verhaftet und in den Gulag geschickt. Auch ihr Vater Nikolai wurde verhaftet, aber wieder freigelassen. 1937 starb Pawel Scheftel. Isaak wurde als Spion und Konterrevolutionär hingerichtet. Auch Jascha und Emil Spielrein wurden verhaftet und 1938 hingerichtet. Nikolai starb „vor Kummer“ (Richebächer 287).
1941 wurde die UdSSR von der Deutschen Wehrmacht überfallen. 1942 wurden Spielrein und ihre Töchter mit allen anderen Juden in Rostow von der SS ermordet.
Im folgenden trage ich aus dem Tagebuch, den Briefen und den Schriften Spielreins zusammen, was mir philosophisch bedeutsam erscheint.
Tagebuch (1909-1912)
Spielreins „Jugendideal“ war es, „wie die alten griechischen Philosophen von einer Schülerschar umringt in der Welt zu wandern und dieselbe im Einklange mit der Natur, im Freien, zu belehren“. Sie wollte nicht „das Gekünstelte, sondern aufrichtige Liebe zu Allem in der Natur […] lehren„, „die grosse wahre Liebe möchte ich meine Zöglinge lehren“ (T 41).
Sie war schwermütig und suchte die Einsamkeit, in der sie Selbstgespräche führte. Sie dachte über das Verhältnis zwischen Liebe und Freundschaft nach: „Mutter sagt, es sei unmöglich, dass ich und mein Freund Freunde bleiben, nachdem wir einander bereits Liebe schenkten. Die reine Freundschaft verträgt der Mann auf die Dauer nicht. Bin ich gut zu ihm – dann will er Liebe haben, bin ich stets kalt – dann verleidet ihm die Geschichte“ (T 42).
Spielrein bat ihren „Schutzgeist“ um „Rettung vor der Versimpelung„. Sie träumte, daß ihr Vater sagte, sie „wäre zu etwas Grossem auf die Welt gekommen„, sie „solle nur ruhig und geduldig arbeiten.“ Noch im Traum begann sie, „ein Buch zu lesen„. Als sie aufwachte, stand sie auf und setzte, als ob sie keinerlei Zweifel hätte, „die begonnene Arbeit fort. Erst später fiel mir dieser merkwürdige grenzenlose Uebergang vom Traume zur Wirklichkeit auf, jedoch konnte mir keine bewusste Ueberlegung die innere Ruhe nehmen. Der Vater ist eben die Urahnencomponente in einem, welche oft hellseherisch ist, jedenfalls aber viel mehr für das Schicksal des Individuums zu bedeuten hat als irgend eine momentane bewusste Einstellung“ (T 44).
Über ihre Liebesbeziehung zu C. G. Jung schrieb sie: „Mein Freund sagte mir, wir müssten immer auf der Hut sein, um sich nicht wieder ineinander zu verlieben: wir seien immer für einander gefährlich. Er gestand mir, dass bis jetzt noch kein weibliches Individuum bei ihm meine Stelle vertreten konnte. Es sei, als hätte er einen Halsschmuck, in welchem alle uebrigen Verehrerinnen – Perlen; ich – das Medaillon wäre“ (T 45).
Die üblichen „Gespräche von Männern und Frauen“ ödeten Spielrein an. Sie fragte: „Ist das die Jugend, die Kraft und Blüte der Menschheit? Ist es auch möglich, dass ich nie in ein anderes Milieu komme, unter Leute, welche das Leben so lieb haben wie ich, welche in allem das Schöne zu finden verstehen und nicht nur immer alles bespötteln. Wenn sie dabei wenigstens was Neues sagten!“ (T 46)
Spielrein fragte weiter: „Was ich will? Ja, das ist wieder die schwere Frage, was ich will. Mein Schutzgeist hatte recht in seinem Versprechen, dass mir alles, was ich will, erfüllt wird, wenn man unter Wollen das versteht, wonach sich die ganze Natur ohne das geringste Schwanken sehnt“ (T 46). Sie kommentierte: „Das Schwerste ist doch, etwas einheitlich zu wünschen!“ (T 47).
Sie machte zwei Nächte voller Liebesphantasien durch und hielt dann im Tagebuch fest: „Mit wilder Glut hat sich die Liebe zum Freunde meiner bemächtigt. Bald wehrte ich mich ungestüm, bald liess ich mir jedes Fingerchen von ihm abküssen und hing vor Liebe vergehend an seinen Lippen. Wie dumm, darüber zu reden! Das bin ich also, die reine klare Vernunft, die sich mit solchen Phantasien abgibt. Wie sollte ich mich der wilden Macht erwehren? Müde sitze ich nun da nach ueberstandenen Stürmen und wiederhole mir fest: Das nicht! Lieber ganz reine Freundschaft, wenn auch à Distance. Dass er mich liebt, ist ja sicher, aber ‚es gibt ein Aber‘, wie unser alter Lehrer der Naturgeschichte zu sagen pflegte, und dieses ist, dass ….. mein Freund bereits verheiratet ist“ (T 48).
Nachdem Spielrein sich über eine Intrige gegen ihre Beziehung zu C. G. Jung Gedanken gemacht hatte, fuhr sie fort: „Unsere Liebe ist auf dem Boden tiefen seelischen Verständnisses und gemeinsamer geistiger Interessen entstanden“ (T 49). Sie dachte nach über ihren Status als Geliebte im Gegensatz zu Emma Jungs Status als Ehefrau: „Mit seiner Frau kann er ueberall offen erscheinen, und ich habe mich in dunklen Winkeln zu verbergen.“ Als Jung Spielrein „in sein Haus einführen, mich zur Freundin seiner Frau machen“ wollte, war Emma Jung dagegen (T 50).
Spielrein resümierte, daß ihre Liebe zu Jung ihr „fast lauter Schmerz“ brachte (T 50), und dachte darüber nach, von ihm einen Sohn zu bekommen. Doch sie schreckte vor dem Status einer alleinerziehenden Mutter zurück: „Wie kann ich da mit einem Kindchen daneben auf neue Liebe hoffen? Auch meine wissenschaftlichen Bestrebungen würden schwer darunter leiden; ich werde nirgends mit dem Kleinen angenommen. […] So will ich denn einen Anderen lieb gewinnen, wenn es für mich noch möglich ist“ (T 51).
Sie hatte sogar „Angst„, Jungs „Werke zu lesen, um nicht wieder Gefühlssklavin zu werden“ (T 52), und wünschte, daß Emma Jung „ihm mit irgend einem ‚Franzosen‘ durchbrennt.“ Doch sie sah ein, daß das „natürlich ein kindlich phantastischer, bei einer Schweizerin geradezu unmöglicher Wunsch“ war. Besonders angesichts von Jungs Kindern erschienen ihr „irgendwelche ‚Wünsche‘ […] abscheulich“ (T 53).
Über ihre religiöse Entwicklung schrieb Spielrein: „Bis zu 13 Jahren war ich aeusserst religiös trotz mancher Widersprüche; trotz des Spottes des Vaters wagte ich nicht, den Glauben an Gott aufzugeben. Die Loslösung von Gott fiel mir aeusserst schwer. Es entstand eine Leere. Den ‚Schutzgeist‘ habe ich mir behalten“ (T 62f). Sie lernte Hebräisch, „um die Bibel im Originale zu lesen“ (T 65).
Das Tagebuchschreiben erleichterte sie: „Man gewinnt an Selbstvertrauen, denn den Glauben an meine Kräfte habe ich noch nicht verloren.“ Nach Abschluß ihrer Dissertation (s.u.) dachte sie an ihre „neue Arbeit ‚ueber den Todesinstinkt‘, die ich in der ersten Verzweiflung bereits aufgeben wollte und dann ….. der Gedanke daran, inwiefern der Beeinflussungswahn der Dementia praecox seine Berechtigung hat“ (T 69). Außerdem suchte sie Zuflucht im Klavierspiel. Sie glaubte weiterhin „an die Existenz der Liebe“ (T 71). Sie stellte sich die Zukunft mit einem Ehemann vor: „Alles Höchste und Edelste suchen wir aneinander grosszuziehen“ (T 72). Doch sie hatte auch Selbstmordgedanken.
Ihr Vater stand Spielrein bei: Er „aeusserte vor meinen Colleginnen die Anschauung, dass er absolut nichts gegen ein illegitimes Verhältniss hätte, ja er achtet die Frau, welche sich vor der öffentlichen Meinung nicht scheut und ihre Einsamkeit ertragen kann. Er möchte, natürlich, seine Tochter nicht unglücklich sehen, sonst aber würde er nichts dagegen haben, wenn sie ein solches Schicksal erleben sollte“ (T 76f).
Doch sie selbst wollte nicht eine von mehreren Geliebten Jungs sein. Sie konnte „kein ‚Daneben‘ sein„, sondern wollte etwas „Grosses und Gutes […] schaffen.“ Sie betete: „Hilf mir, Schutzgeist! Hilf mir, Schicksal. Zeige mir das Edle, dass ich lieben soll, zeige mir mein Wirkungsfeld, und gehorsam will ich die Freuden und Schmerzen ertragen“ (T 77). Sie versprach den Göttern, ihre „Kräfte dem wirklich Guten zu widmen“ (T 78).
Am 14.12.1910, dem Abend vor dem zweiten schriftlichen Examen, betete Spielrein: „O, Schutzgeist, verlasse mich nicht! Es wird mir jedesmal so schwindelig, dass ich Angst habe umzufallen. Linksseitiger Schwindel bedeutet, dass man was Unrechtes tun will. Dessen bin ich mir ja bewusst, aber mein Ziel soll den kleinen Schwindel schon gut machen!“ (T 79)
Tatsächlich wollte sie „ein gutes Examen […] machen„, indem sie „gut“ abschrieb. Sie tadelte sich dafür: „Pfui – Schande!“ C. G. Jung „sagte mir zum Abschiede, ich werde mein Examen ausgezeichnet machen, weil ich momentan dem Teufel verbunden bin. Möge das stimmen“ (T 78).
Jung freute sich nach der Prüfung sogar darüber, „dass ich auch einen kleinen Schwindel begangen habe, er meinte, dass er auch öfters in der Schule solche Streiche machte. Auch sagt er, dass ich in Liebesangelegenheiten ehrlich sein werde im Gegensatze zu ihm, der hier unehrlich ist. […] Obgleich er mich für ehrlich in der Liebe hält, fand er, dass ich zu der Kategorie der Frauen gehören sollte, die nicht für das Muttersein, sondern für die freie Liebe geschaffen sind. Was soll ich sagen? Ich muss vor mir selbst tief erröten, wenn ich mich daran erinnere“ (T 79).
Am 15.11.1911 notierte Spielrein dann: „Morgen habe ich mein erstes Examen, denn den vorhergegangenen Schwindel kann ich doch nicht Examen nennen. Nach einem längeren depressiven Stadium bin ich nun ganz ruhig. Ich will hoffnungsvoll dem Schicksal in die Augen sehen, denn mein Sinn ist nach dem Guten gerichtet. Es mögen schon viele Dämonen in der Seele streiten, jedoch zu der Zeit, da ich das Leben aufrichtig liebe, werden die ‚Bösewichte‘ besiegt. Was man unter ‚Bösewicht‘ verstehen will? usw. usw. Die Philosophie wollen wir jetzt bei Seite lassen. Nun, Schicksal, ich vertraue mich dir“ (T 80).
„Ich trotze, weil ich was Edles und Grosses zu schaffen habe und nicht für die Alltäglichkeit geschaffen bin. Es gilt der Kampf auf Leben oder Tod. Wenn es einen Gott-Vater gibt, so höre er mich: kein Schmerz ist mir unausträglich, kein Opfer zu gross, um meine heilige Bestimmung zu erfüllen!“ (T 80)
Spielrein hatte eine Erscheinung und dachte über deren Verschwinden nach: „Dies ist sehr schade, weil ich als Nachkomme von einigen Generationen der Geistlichen an die hellseherische Kraft meines Unbewussten glaube. Man kann tatsächlich diesem ‚Gotte‘ so nahe stehen, dass man mit ihm zu reden vermag und das, was er will, was also […] am zweckmässigsten ist, erfahren. Was willst du denn, Gott? Oder vielleicht richtiger: was habet ihr, Götter, im gemeinsamen Rate beschlossen? Saget mir den Endwillen, und er geschehe! […]
Nun will ich möglichst weniger denken und raten. Ich versuche, mich ganz der göttlichen Macht zu ueberlassen und will versuchen, ob ich nicht etwas zu hören bekomme“ (T 81).
Am 7.1.1912 hatte Spielrein ihre zweite Arbeit „Die Destruktion als Ursache des Werdens“ abgeschlossen. Über Jung schrieb sie:
„Wir sind Freunde. Meine erste Arbeit hatte grossen Erfolg. Nun bin ich tatsächlich auf Grund meiner Dissertation Mitglied der Psychoanalytischen Vereinigung geworden. Prof. Freud, den ich innigst lieb gewonnen habe, ist für mich sehr begeistert und erzählt allen ueber meine ‚grossartige Arbeit‘, auch ist er mir persönlich gegenueber sehr lieb eingestellt. Alles, was ich mir somit bis dato wünschte, ist erfüllt mit Ausnahme des einen: wo ist der, den ich lieben könnte, den ich als Frau und Mutter unserer Kinder glücklich machen könnte? Immer noch ganz einsam.
Ich habe 2 Patientinnen, die ich unentgeltlich behandle. Beiden geht es gut […]. In den Ferien war ich 2 Wochen lang in Rostow. Ich war förmlich von einer Liebesflut seitens der Eltern, Bombuchna, Bekannten, Verwandten umgeben. Dort habe ich einen Vortrag ueber Psychoanalyse gehalten. […] Alles liebte und schätzte mich, liebt und schätzt noch jetzt, und ich ….. bin so einsam! Und nun – an die Arbeit! Möge es vorläufig hier gut gehen“ (T 83).
Am 17.2.1912 notierte Spielrein einen Traum von einem Mädchen, das sie als Schicksal interpretierte. Das Mädchen „betrachtete meine Hand und sagte mir, ich werde mit 27 Jahren einen älteren Menschen heiraten. Wahrtraum! Dr. Tausk betrachtete, nämlich, jüngst meine Hand und erklärte feierlich, mit 26, 27 Jahren werde ich etwas erleben, es tritt ein Schicksalsänderung bei mir ein. Jung heiratete mit 27 Jahren. So ist dieses Alter bei mir determiniert“ (T 84).
Spielreins Tagebuch endet mit einer Notiz vom 11.7.1912: „Dr. Paul Scheftel geheiratet.“ Sie war damals tatsächlich 27 Jahre alt.
Briefe an Sigmund Freud (1909-1914)
Spielrein wandte sich an Freud, weil sie sich in Liebe von C. G. Jung trennen und ihren eigenen Weg gehen wollte. Sie sah nur zwei Alternativen: ihm alles zu verzeihen oder ihn zu ermorden. Freud sollte ihr zeigen, daß Jung „der Liebe wert ist, dass er doch kein Schurke ist“ (T 90). Erst neun Jahre später erkannte sie in einem Brief an C. G. Jung, „dass man einen psychischen Inhalt durch Töten nicht beseitigen kann“ (T 184).
Briefe an Carl Gustav Jung (1911-1918)
An Jung wandte sich Spielrein abgesehen von der Aufarbeitung ihrer Liebe zu ihm vor allem wegen fachlichen Angelegenheiten: Selbsterhaltungs- und Arterhaltungstrieb, Symbolik, Sublimation, Typenlehre, Verdrängung, Streuungswert, Neurose.
Sie kritisierte Freud dafür, daß er nur zwischen Unbewußtem und Bewußtsein unterschied, während er das Unterbewußte zum Bewußtsein rechnete. Spielrein führte auch noch das Vorbewußtsein als Zensur an der Grenze zwischen Unbewußtem und Unterbewußtem ein.
Jung unterschied zwischen persönlichem und kollektivem Unbewußtem und kritisierte Freud dafür, daß er letzteres übersah. Spielreins Frage, was der Streuungswert sei, beantwortete er nicht, es sei denn, man faßt folgende Passage als Antwort auf:
„Solange persönliche Censur besteht, gelten die Grundsätze der Verdrängungspsychologie. Ist die Censur aber aufgehoben, so gilt die energetische Werthigkeit der psychischen Inhalte. Dann steigen die unbewußten Inhalte in Bewusstseinsnähe entsprechend ihrem energetischen Werthe.
Diejenige Deutung […] eines Symbols ist die richtige, die den grössten Lebenswerth für uns herausbringt (pragmatische Auffassung“ (T 217).
Spielrein brachte Symbolik und Unbewußtes in folgenden Zusammenhang: „Symbol ist eine Compromissbildung, constelliert durch die Vorgänge im Unterbewusstsein und Unbewussten, welche ihrerseits Elemente aus Resten des bewussten Lebens und unterbewussten Organempfindungen‘ erhalten. Während Bewusstsein und Unterbewusstsein in Bezug auf Denken und auch Fühlen (bis in eine gewisse Tiefe wahrscheinlich) viel Gemeinsames haben (und daher schlechthin ein continuirliches ‚Bewusstsein‘ bilden) – ist das ‚Unbewusste‘ etwas viel ‚Fremdartigeres‚“ (T 161).
Sie betrachtete ihre Terminologie als provisorisch und hatte vor, sie „möglicherweise nach Besprechung mit verschiedenen Persönlichkeiten zweckmässiger“ zu fassen (T 161).
Ob Spielrein Freud mehr dafür bewunderte oder kritisierte, daß er seine Schüler „wie seine Kinder […] nach seinem Willen gestaltet„, ist mir nicht recht klar. Denn weiter oben schreibt sie: „Freud sagt, man solle es nun dem Kranken selber ueberlassen, die neugewonnene Energie zweckmässig zu verbrauchen„, was ja bedeutet, daß er seine Patienten frei ließ, ganz im Gegensatz zu C. G. Jung, der meinte, „dass man durch die weitere Analyse (Analyse des Unterbewusstseins) dem Kranken seine ‚höheren Ziele‘ (Bestimmung) zeigen soll.“ (T 164).
Spielrein kommentierte: „Diese Frage lässt sich weniger a Priori, als vielmehr durch Erfahrung beantworten. Auf den ersten Blick scheint es mir, dass die Freudsche Methode mehr dem Durchschnitt angepasst ist, während die Ihrige für starke und sublimationsfähige Menschen gilt […]. Ganz sicher kümmert sich Freud auch um die praktische Verwendung der neu gewonnenen Libido bei den Analysierten“ (T 164).
Sie schrieb Freud einen ungeheuer großen Einfluß auf seine Patienten zu. Denn einige Worte von ihm über eine ihrer Traumanalysen „haben einen ganz mächtigen Einfluss auf mich ausgeübt. Wenn Freud so in mein Schicksal eingreifen konnte, wo ich nicht im intimeren Verhältnisse mit ihm gestanden bin, so hat er sich sicher auch mit Rat und Tat viel mehr um das Schicksal seiner Patienten gekümmert und ihre Sublimationspläne unterstützt. Nur hat er dabei keine Analyse des Unterbewusstseins vorgenommen in Ihrem Sinne, d. h. methodisch, da man unwillkürlich bei der Analyse des Unbewussten ein Stück des Unterbewusstseins mitanalysiert und umgekehrt“ (T 164f).
Freuds Worte an Spielrein lauteten: „‚Sie könnten es ja haben, wenn Sie es wollten, aber es wäre viel zu schade um Sie‚“ (T 164). Dahinter steckt der Gedanke, daß Spielrein von Jung ein Kind haben könnte, aber darunter leiden würde. Denn der von ihr analysierte Traum handelte von Siegfried – so wollte sie, inspiriert von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, den Sohn nennen, den sie von Jung bekommen wollte.
Über das Unterbewußtsein machte Spielrein folgende Aussagen:
- Es sei „wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade prospektiv. Dies ist aber nicht so zu verstehen, dass es stets prophetisch ist, sondern es verarbeitet verschiedene Tendenzen in uns und zeigt uns Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, welche ‚in der Luft schweben‘, d. h. sehr nahe der Realisierung sind. Dabei kann sich aber auch das Unterbewusstsein täuschen.“
- Es sei „suggestiv, d. h. es kann dazu gebracht werden, die Problemlösung in einer ‚höheren‘ oder ’niederen‘ Form zu suchen“ (T 171).
Das Christentum interpretierte Spielrein psychologisch: „Christus ist das Symbol der Vereinigung des Himmlischen mit dem Irdischen, die Uebergangsstufe von Mensch zu Gott, das vollkommenste Sinnbild des Sublimationsvorganges, da man das ‚höhere‘ Leben, das ’seelische‘ Heil nach der Ueberwindung aller tierischen und egoistischen Regungen in uns erreichen wird“ (T 177).
Insofern, als in jedem von uns der Christus potentiell angelegt ist, ist der Messias für die Christen bereits gekommen. Aber: „Für die Menschheit ist der Christus noch nicht gekommen, denn die vollständige Realisierung der christlichen Ideale […] von allen Menschen durchgeführt würde zum Aussterben der Welt führen“ (T 177f).
Gegen das Hinweganalysieren des künstlerischen Antriebs wehrte sich Spielrein: „So sagt mir die Vernunft, dass ich auf die musikalische ‚Bestimmung‘ verzichten soll, da ich im wissenschaftlichen Berufe mehr leisten werde, und gefühlsmässig kann ich es nicht: es ist, als wenn ich mit der Musik ein Stück meiner Seele ausreissen müsste, und die Wunde würde nie schliessen. Ist es Neurose? – Warum ja? Ist es keine? – warum nein?“ (T 186)
Schriften (1911-1931)
In ihrer Dissertation Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie (Dementia Praecox) (1911) versuchte Spielrein, die Wahngedanken einer Patientin in eine verständliche Sprache zu übersetzen. Wenn ihre Interpretation richtig ist, kreisten die Gedanken dieser Patientin um Liebe, Sexualität, Schwangerschaft und eine Fehlgeburt.
Der Grundgedanke der Arbeit Die Destruktion als Ursache des Werdens (1912) ist, daß etwas Bestehendes zerstört werden muß, damit etwas Neues entstehen kann.
In Beiträge zur Kenntnis der kindlichen Seele (1912) zeigt Spielrein anhand einer Selbstanalyse, wie sich aus der Frage, woher die kleinen Kinder kommen, ihr Interesse an der Wissenschaft entwickelte. Sie zeigt anhand der Analysen zweier Jungen auf, daß auch sie sich „intensiv mit sexuellen Problemen“ befaßten (S 162).
Spielrein behauptet in Mutterliebe (1913), daß Erwachsene „die seligmachende Berührung der geliebten Frau mit der einst seligmachenden Schwesternberührung, mit Mutterberührung“ vergleichen (S 167).
Selbstbefriedigung in Fußsymbolik (1913) handelt von einem Mädchen, das sich selbst lieben wollte und in der Nacht darauf träumte, daß es den eigenen Fuß essen sollte. Spielrein interpretiert den Traum „als Darstellung der Selbstbefriedigung in Eßsymbolik“ (S 169).
Den Traum vom „Pater Freudenreich“ (1913) einer Patientin interpretiert Spielrein als Traum von Freud, der die Patientin an sie überwiesen hatte.
Das unbewußte Träumen in Kuprins „Zwiekampf“ (1913) ist die Interpretation einer Romanepisode: Als Romaschow sich die Ursache seiner Unruhe – das Pfeifen einer Lokomotive, das wahrscheinlich mit einem verdrängten Erlebnis zu tun hatte – bewußt macht, fühlt er sich erleichtert und sogar fröhlich.
Die Schwiegermutter (1913) macht dem jungen Ehepaar häufig das Leben durch ihre Herrschsucht schwer. Daß Schwiegerväter das weniger tun, erklärt Spielrein damit, daß eine Frau „viel weniger Möglichkeit“ hat, „ihre persönlichen Wünsche in der Wirklichkeit zu erleben. Als Entschädigung dafür besitzt sie ein viel größeres Vermögen, sich in andere Persönlichkeiten ‚einzufühlen‘ und auf diese Art deren Leben mitzuerleben“ (S 178f).
Der vergessene Name (1914) handelt von einer Frau, der der Namen eines Romanhelden nicht einfiel, weil er gleich wie ihr Geliebter hieß, den sie vergessen wollte.
In Tiersymbolik und Phobie bei einem Knaben (1914) geht es um eine Affenphobie, die mit einem negativen Erlebnis mit der Mutter verknüpft ist. Der Junge hatte geglaubt, daß seine Mutter wie ein Affe auf ihn springen wollte.
Zwei Mensesträume (1914). Den Traum von Erna interpretiert Spielrein so: „Sie möchte ihren Vater, der ihr allein gehören soll, finden und einen ‚Helden‘, dem man sich in Liebe hingeben könnte“ (S 190). Den Traum von Fräulein H. kommentiert Spielrein folgendermaßen: „Die Vorstellung einer Geburt […] war der Patientin zu grauenhaft, um bewußt geduldet zu werden. Nur symbolisch durfte sie es ausdrücken, indem sie das Blut als Rauch darstellte, den Vorgang nach oben (Kopf) verlagerte und das ganze der ‚heiligen‘ Marie andichtete“ (S 191f).
Ein unbewußter Richterspruch (1915). Eine Frau wird nach dem von ihr selbst als rücksichtslos empfundenen Verhalten gegenüber einem Mann von ihrem Unbewußten zu dessen Tür geführt, um sich zu entschuldigen. Doch er ist nicht da, was sie eigentlich weiß – er ist ihr ja gerade auf der Hoteltreppe begegnet.
Die Äußerungen des Ödipuskomplexes im Kindesalter (1916). Interessant ist hier ein Konflikt im Inneren eines Mädchens: „Bei der ersten Regung will die Kleine den Bruder weghaben, um die Liebe der Eltern für sich zu gewinnen; bei der zweiten Regung möchte sie die Stelle der Mutter annehmen, um das Brüderchen für sich zu haben“ (S 197).
Russische Literatur (1915) ist das Ergebnis der Lektüre von 27 Büchern bzw. Zeitschriftenartikeln russischer Psychiater, Neurologen, Psychotherapeuten, Psychologen und Psychoanalytiker. Im Literaturverzeichnis gibt Spielrein auch 13 Übersetzungen Freudscher Werke ins Russische an.
Das Schamgefühl bei Kindern (1920). Daß der fünfeinhalbjährige Klaude sich von Spielrein nicht ausziehen lassen wollte, um ihn ins Bett zu bringen, begründete er so, daß sie doch Mutter eines Mädchens sei und nicht wisse, was ein Junge ist. Umgekehrt begründete Spielreins Tochter Renate ihre Ablehnung in derselben Angelegenheit damit, daß Klaudes Mutter doch nicht wisse, was ein Mädchen ist.
Zur Frage der Entstehung und Entwicklung der Lautsprache (1920) ist die Zusammenfassung eines Vortrags, in dem die Entstehung der Worte „Mama und Papa“ vom Akt des Saugens abgeleitet werden: „Infolge der zuerst beim Saugakte durch ein anderes lebendes Wesen vermittelten Lustempfindung, erhielte das Kind den Sinn für ein außenstehendes lustbringendes Objekt, nach welchem man sich sehne und welches man durch Rufen des vom Saugakte abgeleiteten Wunschwortes herbeiführen könne“ (S 214).
In Das schwache Weib (1920) fragt Spielrein: „Ist es allgemeine Erscheinung, daß kleine Mädchen gerne Knaben sein möchten, während die Knaben an ihrer männlichen Priorität festhalten?“ (S 216)
Verdrängte Munderotik (1920) handelt vom Essen bzw. Trinken aus demselben Geschirr und vom Küssen: „Die Freude am Küssen und gemeinsamen Essen stehen im gleichen Verhältnis und in direkter Beziehung zum erotischen Empfinden einer Person gegenüber“ (S 217).
Renatchens Menschenentstehungstheorie (1920) entspricht „der bei niederen Wesen tatsächlich existierenden Fortpflanzungstheorie“ durch Zellteilung (S 220). Renate drückte sie dadurch aus, daß sie sich für „Löcher und Gruben“ interessierte, daß sie gerne mit Schere und Papier ausschnitt oder „auch in ihrer Kleidung und Bettzeug Löcher machte, bzw. gerne alles zerriß“ (S 219).
Über schwer zu merkende Zahlen und Rechenaufgaben ist die Rezension einer Arbeit von Spielreins Bruder Isaak. Er stellte fest, „daß beim Erinnern von Zahlen […] rechnerisch schwierigere Zahlen, wie 3, 7, 9 usw., die meisten Fehlerinnerungen aufweisen. […] Lehrreich ist es, daß die fürs Memorieren schwierigeren Zahlen gleichzeitig mythologisch bedeutsame Zahlen sind“ (S 222).
Bei der Schnellanalyse einer kindlichen Phobie (1921) kann sich der kleine Rudi erst der Wahrheit stellen, als Spielrein einen anderen Jungen in die Analyse einführt, der böse ist. Nun kommt das Muster des Ödipuskomplexes heraus: „Rudi war es, der den Vater mit dem Messer durchstechen, von der Mutter getröstet werden und mit ihr schlafen wollte“ (S 227).
Wer ist der Autor des Verbrechens? (1922) wurde von Traute Hensch aus dem Französischen übersetzt. Spielrein analysiert ein Drama von M. Lenormand, in dem es um das Bewußtmachen des Unbewußten geht. Die Ursache des Todes von Jeannine sieht Spielrein im „Mangel an Liebe in unserer Gesellschaft“, der „aus Mangel an Erziehung“ und dem Absterben der Religion entsteht: „Es gibt keine Herzlichkeit, kein Verständnis, keine natürliche Offenheit zwischen den Eltern und ihren Kindern.“ Das ist der „Grund für Jeannines krankhaftes Bewußtsein und Lucs Unfähigkeit“, ihr zu helfen (S 234). Luc „enthüllt Jeannine das Geheimnis ihres Unbewußten brüsk und unvermittelt, ohne abzuwarten, bis ihre Erinnerungen von selbst auftauchen, wie es ein Analytiker gemacht hätte“ (S 232).
In Briefmarkentraum (1922) bringt Spielrein nur den Traumabschnitt, „der nichts Persönliches verrät.“ Er reflektiert eine Analyse, die eine Patientin aus „äußeren Gründen“ unterbrechen mußte, die aber trotzdem erfolgreich war (S 236).
In Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama (1922) unterscheidet Spielrein verschiedene Arten von Sprache: Wortsprache, Melodiesprache, visuelle Sprache, Tastsprache u.a.
Bei der Entwicklung der Sprache unterscheidet sie „drei Stadien […]: erstens das autistische Stadium, wo die Sprache für sich selbst bestimmt ist; zweitens das magische Stadium, wo ein Wort eine Überbedeutung erhält, welche die Realität beschwört; drittens das gegenwärtige Stadium einer sozialen, für die Mitmenschen bestimmten Sprache“ (S 246f).
Die Entstehung der Worte „Papa“ und „Mama“ aus den Vorformen „mö-mö-mö“ und „pö-pö-pö“ leitet sie wieder aus dem Akt des Saugens an der Mutterbrust ab. Als Indiz dafür wertet sie die Ähnlichkeit der Mundbewegungen beim Sprechen der Vorformen und beim Saugen.
Nun wendet Spielrein ihr Dreistadienmodell auf die verschiedenen Funktionen der Worte „Papa“ und „Mama“ an:
- Im autistischen Stadium „ist das Wort einzig und allein zum Selbstgenuß bestimmt. Es ruft bestimmte Empfindungsgruppen hervor, die es schließlich ‚bedeutet'“ (S 251).
- Im magischen Stadium „bildet sich im kleinen Köpfchen die ‚Idee‘, daß man durch eine Scheinhandlung, wie wir sie bei den Worten ‚Pö-pö‘ und ‚Mö-mö‘ haben, die richtige Realität ‚heraufbeschwören‘ kann“ (S 252). Denn beim Kind ist die Welt „nicht so wie sie ist, sondern wie sie sein soll (Spitteler: Meine frühesten Kindheitserlebnisse)“ (S 254). Daß in diesem Stadium „Papa als Zeichen der Zufriedenheit und Mama als Zeichen der Trauer“ verwendet wird, leitet Spielrein daraus ab, daß die „in Frage kommenden Laute […] verschiedenen Phasen beim Saugakte“ entspringen: „Das Wort ‚mö-mö‘ reproduziert das Saugen am getreuesten. ‚Pö-pö‘, ‚bö-bö‘ usw. würden eher dem Zeitpunkt entsprechen, wo das gesättigte Kind mit der Brust spielt“ (S 259). Kurz: Ist das Kind hungrig, sagt es „Mama“, ist es satt, sagt es „Papa“.
- Im sozialen Stadium schließlich wird „die Realität neben der Phantasie erkannt“, so daß die Sprache nun „für die Mitmenschen“ bestimmt wird (S 256).
Schweiz (1922) ist ein kurzer Bericht über die Psychoanalytische Gesellschaft Genf (1920) und die Groupe psychoanalytique internationale.
Sternschnuppen im Traum und Halluzination (1923) wurde von Traute Hensch aus dem Französischen übersetzt.
- Eine Gesunde verwechselt im Traum die Sternschnuppen mit dem Regen: „Das Mädchen sucht ein Paradies auf Erden, einen Himmel der Liebe, etwas Ungeheuerliches und Reines. Gleichzeitig zweifelt sie, ob das existiert“ (S 268).
- Eine an Schizophrenie erkrankte Patientin halluziniert, daß „der Regen aus Sternschnuppen zu bestehen“ scheint; „dahinter wären die blaugekleideten Engel aufmarschiert; sie hätten bei der Kranken einen Mister K., in den sie verliebt war, eingeführt“ (S 270).
Spielrein findet bei beiden, daß „das Symbol des Sternenregens zum Bild des persönlichen Wunsches geworden“ ist, „der mit Hilfe dieses Symbols sozusagen bearbeitet oder eingeführt, ebenso sehr zur Geltung gebracht wie gleichzeitig vielleicht auch versteckt werden muß“ (S 270).
In Die drei Fragen (1923) berichtet Spielrein über ein Experiment mit ihren Studenten am Institut Jean-Jacques Rousseau in Genf. Sie sollten an Gott drei Fragen richten, zuerst bewußt, dann spontan nach einer Stille mit geschlossenen Augen. Während die bewußten Fragen eher philosophisch ausgerichtet waren, waren die spontanen Fragen eher persönlich. In beiden Fällen kamen auch Wünsche statt Fragen vor.
Das Auto – Symbol der männlichen Potenz (1923) wurde von Traute Hensch aus dem Französischen übersetzt. Es handelt sich um eine Trauminterpretation. Während die Träumerin einen Verehrer in Wirklichkeit auf Abstand hält, fürchtet sie „in ihrem Traum, das Auto könnte gegen eine Mauer prallen […], d.h. ein Hindernis, das sie den vom Unbewußten begehrten Verkehr fürchten lässt. In ihrem Traum gelingt es ihr, über dieses Hindernis zu triumphieren: Daraufhin kann sie dem Mann, den sie liebt, angetraut werden“ (S 277).
Ein Zuschauertypus (1923) handelt von einem Mann, der seinen Voyeurismus beibehielt, obwohl er als Kind dafür bestraft wurde.
Einige Analogien zwischen dem Denken des Kindes, des Aphasikers und dem unterbewußten Denken (1923) wurde von Traute Hensch aus dem Französischen übersetzt. Spielrein unterscheidet „ein gerichtetes Denken, bei dem das Ziel uns bewußt ist, und ein ungerichtetes, spontanes Denken, bei dem das Ziel uns nicht bewußt ist“ (S 281). Mit dem ersteren befassen sich vor allem die Logiker unter den Psychologen, mit letzterem die Psychoanalytiker. Letzteres zeigt sich „am deutlichsten in der freien Assoziation […], in Träumen, in verschiedenen Fällen von Geisteskrankheiten und bei den ganz kleinen Kindern“ (S 282).
Das spontane Denken bei diesen vier Gruppen ist zwar nicht identisch, doch es zeigt dessen Gesetze auf.
- Kleine Kinder bleiben gerne bei einer bestimmten Gruppe von Vorstellungen (Perseveration), die sich mit einer anderen Gruppe von Vorstellungen kreuzen können (Kreuzung). Sie kümmern sich nicht darum, inwieweit sie der Wirklichkeit entsprechen. „Das Kind ist sich nicht klar über die Schwierigkeiten der Realität, weil es zu sehr daran gewöhnt ist, in seiner Phantasie zu verwirklichen, was ihm die Realität verweigert“ (S 285).
- Ein 55 Jahre alter Aphasiker (Sprachgestörter) hält ähnlich wie ein Kind an der Vorstellung „Zimmer“ fest, so daß aus einem Tisch ein „Trimmer“ wird. Eigentlich müßte es „Timmer“ heißen, doch da es dieses Wort nicht gibt, macht er „Trimmer“ daraus. Beim Zeichnen geschieht etwas Ähnliches: Nach dem Zeichnen eines Kreises zeichnet er kein Dreieck, sondern integriert die Katheten des Dreiecks in einen Kreis, der an der Stelle unterbrochen wird, wo die Hypotenuse des Dreiecks wäre. Spielrein kommentiert: „Die Phänomene der Perseveration und der Kreuzung finden ihre Erklärung in der Unfähigkeit des Kranken, eine bestimmte Richtung seines Denkens einzuhalten“ (S 302).
Fazit: „Nur durch die Zusammenarbeit von bewußtem und unterbewußtem Denken kann ein schöpferisches Werk in dieser Welt in Gang gesetzt werden: Das bewußte Denken muß das, was uns das unterbewußte Denken anbietet, aufgreifen und benutzen“ (S 309).
Einige kleine Mitteilungen aus dem Kinderleben (1923) zeigt, wie die zweieinhalbjährige Olietschka ihr Verlangen nach Schokolade, die sie aus gesundheitlichen Gründen nicht essen darf, sublimiert. Ihre sechs Monate alte Schwester Kossia hustet nach einem Anfall zusätzlich absichtlich, als die Eltern ihren Hustenanfall mit „‚Oh!'“ kommentieren (S 311). Auch noch später behält sie dieses absichtliche Husten nach den Anfällen bei, obwohl das „‚Oh!'“ der Eltern nun ausbleibt. Als Olietschka fünfeinhalb Jahre alt ist, weiß sie, woher die kleinen Kinder kommen. Nun betrachtet sie ihre Mutter als Rivalin „und äußert oft die Wunschfrage, warum sie nicht die Mutter ihrer Mutter sein könne und weshalb nicht die Mutter in einem kleinen Mädchen entstünde“ (S 314).
Die viereinhalbjährige Wiera ist zuerst enttäuscht, daß sie eine Schwester und keinen Bruder bekommt, versucht sie aber dann „zu lieben, indem sie sich alle Vorteile vergegenwärtigt, die der Besitz des Schwesterchens mit sich bringt“ (S 313).
Die Träume von onanierenden Kindern und Bettnässern interpretiert Spielrein als „Angstträume“ (S 317).
In ihrem Vortrag über Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben (1923) berichtet Spielrein, daß bei Kindern zuerst ein Bewußtsein von Raum und Kausalität entsteht, erst später von der Zeit.
Die Rezension Zum Vortrag von Dr. Skal´kovskij (1929) wurde von Traute Hensch aus dem Russischen übersetzt. Spielrein hält bei Kindern das „Ausagieren des Verdrängten“ für ausreichend und verzichtet darauf, wie bei Erwachsenen „das Verdrängte bewußt durchzuarbeiten“ (S 336f).
Der Vortragende und Spielrein sind sich mit Freud darin einig, „daß man viele vor der Neurose bewahren könnte, wenn es möglich wäre, die sozialen Verhältnisse, die die Verdrängung hervorrufen, zu verändern“ (S 337).
Spielrein weist darauf hin, daß die Freudianer (inklusive Jung) „die Unfähigkeit zur Arbeit, asoziale und antisoziale Erscheinungen etc.“ mit einer neurotischen Abhängigkeit von den Eltern erklären. Diese Abhängigkeit resultiert aus einer falschen Erziehung, „die das ursprüngliche Gefühl von Hilflosigkeit beim Kinde (ein Schutzmechanismus) verstärkt; aus einer Erziehung, die auch das normale Gefühl von Liebe zu den Eltern entstellt. Auch im pathologischen Protest sehen die Freudianer das Ergebnis einer falschen Erziehung, die dem Kinde nicht die Möglichkeit ließ, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten, und zwar in Form eines für jedes Kind natürlichen Kampfes oder Protestes gegen die ursprüngliche Autorität von Vater oder Mutter“ (S 338).
In der Studie Kinderzeichnungen bei offenen und geschlossenen Augen (1931) betont Spielrein die Bedeutung einer Erziehung zur Bewegungsempfindung (Kinästhesie) hin, „etwa bei der allgemeinen Körperkultur, Gymnastik, rhythmischer Gymnastik, teilweise beim Musikunterricht“ (S 379). Während die Kinder sich beim Zeichnen mit offenen Augen (Sehzeichnungen) auf die Gesichtseindrücke verlassen, zeichnen sie bei geschlossenen Augen (Blindzeichnungen) nach ihrem Bewegungsgefühl.
Aus den Blindzeichnungen zieht Spielrein folgenden Schluß: „Im frühkindlichen Alter zeichnen wir mehr auf Grund unserer kinästhetischen Erfahrung als auf Grund des Gesehenen“ (S 371). „Das berechtigt uns zur Frage nach dem Wert der kinästhetischen Zeichnungen für die Erforschung der Konstitution“ (S 362).
© Gunthard Rudolf Heller, 2026
Literaturverzeichnis
CAROTENUTO, Aldo (Hg.): Tagebuch einer heimlichen Symmetrie – Sabina Spielrein zwischen Jung und Freud, Vorwort von Johannes Cremerius, Übersetzung des Essais von Aldo Carotenuto von Dorothea Agerer, Freiburg im Breisgau 1986 (T) (Beim Zitieren habe ich Rechtschreibung und Zeichensetzung korrigiert, Abkürzungen ausgeschrieben.)
FREUD, Sigmund / JUNG, C. G.: Briefwechsel, Zürich 1976
HELLER, Gunthard: Sigmund Freud und das Unbewußte, Philognosie 2014
– Kleine Einführung in die Psychologie von C. G. Jung (noch nicht veröffentlicht)
– Kleine Einführung in die Psychologie von C. G. Jung II (Facebook 2026)
KERR, John: Eine höchst gefährliche Methode – Freud, Jung und Sabina Spielrein, aus dem Amerikanischen von Christa Broermann und Ursel Schäfer, München 1976
MARTYNKEWICZ, Wolfgang: Sabina Spielrein und Carl Gustav Jung – Eine Fallgeschichte, Berlin 1999
RICHEBÄCHER, Sabine: Sabina Spielrein – Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft – Biographie, München 2008
SPIELREIN, Sabina: Sämtliche Schriften, hg. v. Traute Hensch, Freiburg im Breisgau 1987 (S)