Religionskritik: Schopenhauer und der Islam

Arthur Schopenhauer (1788-1860) hielt den Islam zwar für "die schlechteste aller Religionen", schätzte aber dessen Schicksalsglauben und den Sufismus, "diese sehr schöne Erscheinung, welche durchaus indischen Geistes und Ursprungs ist und jetzt schon über tausend Jahre fortbesteht" (II 775).

Schopenhauer Religion KritikBesonders dessen "sehr heitern Charakter" hob er hervor, im Gegensatz zum "düstern und schmerzlichen" der christlichen Mystik, während die Mystik "der Hindu […] die Mitte" zwischen den beiden erstgenannten halte (II 785).

Er wurde also der wahren Bedeutung des griechischen Verbs krinein gerecht, von dem das Wort "Kritik" abgeleitet ist. Es bedeutet u.a. "unterscheiden, auswählen, beurteilen, ausforschen", hat also nicht ausschließlich die negative Bedeutung von "verurteilen, verdammen" (Menge-Güthling 404f).

Die Sufis, benannt nach dem wollenen Gewand, das sie tragen (arab. suf), sind die muslimischen Mystiker. Sie wurden vor allem durch ihre Lehrgeschichten bekannt, von denen Idries Shah viele übersetzt und kommentiert hat. Der bekannteste Held dieser Geschichten, die in der Türkei als "Witze" sogar an Touristenständen verkauft werden, ist Mullah Nasrudin (Nasreddin). "Mullah", türkisch hoca (Hodja, Hodscha), bedeutet "Lehrer".

Ein Beispiel: Hodja Nasreddin sucht eine Mühle auf und füllt das Korn aus den Säcken des Müllers in seine eigenen Säcke. Als der Müller ihn fragt, was er denn da mache, sagt Nasreddin, er sei ein Narr und müsse seinen Einfällen folgen. Da fragt der Müller, warum es ihm denn nicht einfalle, das Korn aus den eigenen in seine (also des Müllers) Säcke zu füllen. Nasreddin antwortet, er sei doch "nur ein Narr und kein Idiot!" (202 Witze von Nasreddin Hodja, Nr. 97)

1. Stellung der Frau

Schopenhauer hatte keine gute Meinung von den Frauen. Er hielt sie für verschwenderisch, töricht, unmündig, der Aufsicht durch Männer bedürftig (besonders in Geldsachen), stiefmütterlich und verlogen. "Denn ich glaube, daß das weibliche Geschlecht, in Masse genommen, täglich dreimal soviel Lügen in die Luft schickt als das männliche und noch dazu mit einem Anschein von Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, den das männliche nie erlangt" (V 309), schrieb er im 9. Kapitel seiner "Paralipomena" (= Nachträge) aus dem Jahr 1851 über "Rechtslehre und Politik" (V 284). Das Zeugnis der Frauen vor Gericht betrachtete er als nur halb soviel wert wie das Zeugnis der Männer.

Doch was im Gegensatz zu ihm die Mohammedaner über die Frauen dachten, hielt er doch für übertrieben. Schopenhauers Gewährsmann war in diesem Punkt ein junger, gebildeter Türke. Dieser belehrte ihn, daß sie die Frau mit einem Acker verglichen, in dem man den Samen ausstreut. Aus diesem Grund sei die Religionszugehörigkeit der Frau egal: Muslime könnten Christinnen heiraten, ohne von ihnen zu verlangen, daß sie sich bekehrten.

Das Urteil des jungen Türken über die Frauen widerspricht der Einstellung Mohammeds (um 570-632) zum Teil: Nachkommen sind zwar erwünscht, doch als Grundlage der Ehe gilt die gegenseitige Liebe. Ein Muslim kann problemlos eine Jüdin oder Christin heiraten, eine Ehe zwischen einer Muslimin mit einem Christen ist allerdings ungültig. Die Frau muß dem Mann gehorchen, und er darf sie zur Strafe schlagen. Doch sie ist nicht sein Eigentum. Im Haus und unter nahen Verwandten ist sie frei, in der Öffentlichkeit soll sie sich verschleiern, damit sie nicht belästigt wird (Khoury u.a. 190-197).

In religiöser Hinsicht sind Frauen im Islam gleichgestellt. Während der Menstruation sind Frauen vom Gebet, während der Schwangerschaft und in der Stillzeit sind sie vom Fasten befreit. Die Pilgerfahrt nach Mekka müssen sie nur dann unternehmen, wenn sie genügend Geld haben und sie jemand begleiten kann. Am Freitagsgebet können sie teilnehmen, müssen es aber nicht. Frauen werden bei sexuellen Vergehen oft härter, bei religiösen Vergehen aber milder als Männer bestraft. Die Ausübung eines öffentlichen Amts war den Frauen in der Vergangenheit untersagt. Das Erbe der Töchter ist nur halb so groß wie das der Söhne, die verpflichtet sind, für die anderen Familienangehörigen aufzukommen. Das Blutgeld für eine getötete Frau ist geringer als das für einen getöteten Mann. Vor Gericht ist das Zeugnis einer Frau nur halb soviel wert wie das eines Mannes (ebd. 250-253).

2. Moral und Kultur

Die Moral der Christen hielt Schopenhauer für höherstehend als die der europäischen Religionen. Damit meinte er also die Religionen der Griechen, Römer, Kelten usw. Andererseits fand er, daß die Christen in puncto "Redlichkeit, Treue, Toleranz, Sanftmut, Wohltätigkeit, Edelmut und Selbstverleugnung" nicht besser seien als die Muslime, Parsen, Hindus und Buddhisten (III 768).
Den Einfluß der Religionen auf die Kultur betrachtete Schopenhauer grundsätzlich als schädlich. Daß das Abendland zu seiner Zeit am besten dastand, wie er meinte, führte er darauf zurück, daß das Christentum im Untergang begriffen war. Nur China gab er in kultureller Hinsicht fast den gleichen Rang wie Europa – weil dort der Einfluß von Islam, Hinduismus und Buddhismus geringer als in anderen Ländern war (V 466).

Hier ließ Schopenhauer außer acht, daß in Europa vor allem Christentum und Islam zu Kulturträgern wurden. Lediglich Industrialisierung und Technisierung entwickelten sich außerhalb der Religionen.

Sigrid Hunke hat zusammengetragen, was wir dem Islam alles verdanken. Es ist viel zuviel, um es hier zusammenzufassen. So kann ich nur ein paar Andeutungen machen: die Überlieferung der antiken Kultur, die moderne Medizin (Narkose, Hygiene, Blutkreislauf, Erfordernis der Zulassung für Ärzte), ungezählte chemische Fachausdrücke (Alkohol, Amalgam, Droge, Kalium, Natron, Soda u.a.), die romantische Liebe (durch die Troubadoure) ... Vieles geriet allerdings wieder in Vergessenheit und wurde Jahrhunderte später neu entdeckt.

3. Der Koran

Die Heilige Schrift der Muslime, den Koran, schätzte Schopenhauer ganz und gar nicht: "dieses schlechte Buch [im Manuskript: "elende Machwerk"] war hinreichend, eine Weltreligion zu begründen, das metaphysische Bedürfnis zahlloser Millionen Menschen seit 1200 Jahren zu befriedigen, die Grundlage ihrer Moral und einer bedeutenden Verachtung des Todes zu werden, wie auch, sie zu blutigen Kriegen und den ausgedehntesten Eroberungen zu begeistern. Wir finden in ihm die traurigste und ärmlichste Gestalt des Theismus. Viel mag durch die Übersetzungen verlorengehn; aber ich habe keinen einzigen wertvollen Gedanken darin entdecken können" (II 209).

Was Schopenhauer wahrscheinlich nicht wußte: Die Mohammed vom Engel Gabriel mitgeteilten Offenbarungen, die später im Koran zu Suren zusammengefaßt und (mit Ausnahme der 1. Sure) der Länge nach geordnet wurden, bezogen sich auf konkrete Situationen im alltäglichen Leben. Das bedeutet: Es handelt sich zum großen Teil um Interpretationen und Verhaltensregeln, die demjenigen, der die interpretierte bzw. regelungsbedürftige Szene nicht kennt, nicht viel sagen (vgl. die Mohammedbiographie von Ibn Ishaq).

Ansonsten enthält der Koran Überlieferungsgut, das als Ergänzung zur Bibel wichtig ist (nach Kamal Salibi ist das Jesusbild des Johannesevangeliums ein Niederschlag der Jesus-Überlieferung, die später im Koran mitgeteilt wurde), Diskussionen Mohammeds mit Andersgläubigen und Legenden zur Warnung vor Sünden.

Was Schopenhauer über den Gott im Koran (Allah = "der Gott"; Bobzin 58) sagte, gilt auch mehr oder weniger für den Gott des Alten Testaments: Laut Koran hat Allah Adam, Noah und Abraham erwählt (Sure 3, Vers 34), den Juden die Thora (die fünf Bücher Mose), den Christen die Evangelien und den Muslimen den Koran gegeben (3,4; 4,154). Er ist allmächtig, allwissend und barmherzig, verflucht aber diejenigen, die vom Glauben abfallen (3,88). Er duldet keine anderen Götter neben sich (4,49.117) und erwartet Gehorsam bis zum Tod (4,60.75). Er hetzt gegen seine eigenen Anhänger Feinde auf (4,91) und hat schon ganze Völker vernichtet (6,7; 32,27). Nicht der einzelne Muslim tötet, sondern Allah (8,18). Er gibt dem Satan die Erlaubnis, den Menschen Schaden zuzufügen (58,11). Schopenhauer identifiziert Allah übrigens nicht nur mit Jehova (Jahwe), sondern auch mit dem persischen Ormuzd und dem indischen Indra (II 800f).

Was könnte für Schopenhauer ein "wertvoller Gedanke" sein? Er betrachtete die Upanishaden, Platon und Kant als Voraussetzung zur Verständnis seines Hauptwerks "Die Welt als Wille und Vorstellung", nicht die Bibel oder den Koran. "Gegenstand des Werkes ist die unausweichlich an ein Bewußtsein geknüpfte menschliche Erfahrung. […] Die Geltung eines einzigen Gedankens soll erwiesen werden: Diese Welt, in der wir leben, ist ihrem ganzen Wesen nach durch und durch Wille und zugleich durch und durch Vorstellung" (Volker Spierling, in: LphW 805).

Mit der Bibel hat sich Schopenhauer allerdings gründlich befaßt. Ansonsten war er mit Verurteilungen nicht zimperlich (vgl. seine Invektiven gegen Hegel!). Das muß man bei seiner zu Beginn dieses Aufsatzes zitierten Generalverdammung des Islam berücksichtigen.

Im übrigen hat Schopenhauer anscheinend doch einen zumindest richtigen Gedanken im Koran gefunden: Als Beleg seiner These, daß Verschwendung nicht nur verarmt, sondern kriminell macht, führt er einen Koranvers an: "Mit Recht sagt demnach der Koran (Sure 17, Vers 29): 'Die Verschwender sind Brüder der Satane' (Saadi [übersetzt von Graf]" (V 246).
Wolfgang Freiherr von Löhneysen, der die von mir verwendete Ausgabe von Schopenhauers Werken herausgegeben hat, bringt in einer Anmerkung die tatsächliche Übersetzung von Saadi: "'Der Vorrat der Schatzkammer ist der Bissen der Armen, nicht die Speise der Satansbrüder'" (V 246). Zum Vergleich (es gibt verschiedene Verszählungen): "denn die Verschwender sind Brüder des Satans" (17,28; Ullmann/Winter). "Die Verschwender sind Brüder der Teufel" (17,28; Ahmad).

4. Religionspolitik

Eine merkwürdige Passage: "Religionen sind Kinder der Unwissenheit, die ihre Mutter nicht lange überleben. Omar, Omar hat es verstanden, als er die alexandrinische Bibliothek verbrannte: sein Grund dazu, daß der Inhalt der Bücher entweder im Koran enthalten oder aber überflüssig wäre, gilt für albern, ist aber sehr gescheut, wenn nur 'cum grano salis' verstanden, wo er alsdann besagt, daß die Wissenschaften, wenn sie über den Koran hinausgehn, Feinde der Religionen und daher nicht zu dulden seien. Es stände viel besser um das Christentum, wenn die christlichen Herrscher so klug gewesen wären wie Omar. Jetzt aber ist es etwas spät, alle Bücher zu verbrennen, die Akademien aufzuheben, den Universitäten das 'pro ratione voluntas' [für die Gründe stehe der Wunsch] durch Mark und Bein dringen zu lassen – um die Menschheit dahin zurückzuführen, wo sie im Mittelalter stand" (V 463).

Was hat sich Schopenhauer dabei gedacht? Die Alexandrinische Bibliothek wurde in vier Etappen zerstört: 1. durch Cäsar (48/47 v. Chr.), 2. 269/70 oder 273, 3. durch einen Aufstand, den der christliche Patriarch anzettelte (um 390 n. Chr.) und 4. als die Araber 642 Alexandria eroberten (MEL 1/682). Daß Wissenschaften geradezu wieder zu einer allerdings freien Religiosität führen können, haben die großen Physiker des 20. Jahrhunderts vorexerziert (Bohr, Einstein, Heisenberg, Pauli, Planck, Weizsäcker u.a., vgl. "Physik und Transzendenz" v. Dürr).

Tatsächlich waren die Christen so klug wie Omar, als sie die Bibliothek von Alexandrien anzündeten, die heidnischen Tempel zerstörten, im Jahr 394 die Olympischen Spiele abschafften, alle Gegnerliteratur verbrannten und im Jahr 529 die Platonische Akademie in Athen schlossen (Deschner 518). Genützt hat es nichts, weil während des christlichen Mittelalters Muslime die antike Literatur übersetzten und überlieferten. Omars Zerstörungswerk war ohnehin nicht vollständig, da Kaiser Justinian I. (482-565) einen Großteil der Buchbestände nach Konstantinopel gebracht hatte.

Ayatollah Chomeini (1902-1989) ließ im Iran Kunstwerke zerstören, Bibliotheken ausrauben, verbot das Schwimmen und das Hören von Musik, schloß gemischte Strände, gemischte Schulen, Theater und Kinos, verbot oppositionelle Presse und Parteien, trennte die Geschlechter sogar auf den Skipisten. Dafür gab es "Trauerfeiern und Prozessionen, Versammlungen in den Moscheen und vor allem das gemeinsame Freitagsgebet" (Nirumand/Daddjou 267).

Damit nahm er der Bevölkerung nicht nur ein Stück Lebensqualität, ist doch "für Iraner Poesie wie Brot und Kartoffeln – tägliche Nahrung, die man zum Lebensunterhalt benötigt" (Azadi/Ferrante 30) – er trieb auch viele in den wirtschaftlichen Ruin.

Daß er den Geist der Bevölkerung nicht brechen konnte, zeigt folgender Witz: Ein Kunde will für ein Chomeini-Gemälde nicht den vollen Preis zahlen, der Händler will aber nicht handeln und stellt einen anderen Kunden als Vorbild hin, der für ein Christus-Gemälde anstandslos den vollen Preis zahlt. Da sagt der erste Kunde zu dem Händler, wenn er Chomeini kreuzigen könne, würde er auch den vollen Preis zahlen (Mahmoody/Hoffer 333).

Es bleibt also nur übrig, die zitierte Passage Schopenhauers als Ausdruck seines Hasses auf alles zu interpretieren, was den Erkenntnisfortschritt hemmt, wozu er insbesondere die Religionen rechnete (vgl. a. Welter 169): "Die Moslem sind abgerichtet, fünfmal des Tages, das Gesicht gegen Mekka gerichtet, zu beten: tun es unverbrüchlich. Christen sind abgerichtet, bei gewissen Gelegenheiten ein Kreuz zu schlagen, sich zu verneigen u.dgl.; wie denn überhaupt die Religion das rechte Meisterstück der Abrichtung ist, nämlich die Abrichtung der Denkfähigkeit; daher man bekanntlich nicht früh genug damit anfangen kann" (V 707).

Nun wird auch klar, warum Schopenhauer die Sufis so sehr schätzte: Sie "sind die Gnostiker des Islams; daher auch Saadi sie mit einem Worte bezeichnet, welches durch 'Einsichtsvolle' übersetzt wird" (II 784). Ihre Mystik ist "hauptsächlich […] ein Schwelgen in dem Bewußtsein, daß man selbst der Kern der Welt und die Quelle alles Daseins ist, zu der alles zurückkehrt. Zwar kommt dabei die Aufforderung zum Aufgeben alles Wollens, als wodurch allein die Befreiung von der individuellen Existenz und ihren Leiden möglich ist, auch oft vor, jedoch untergeordnet und als etwas Leichtes gefordert" (II 785).

Daß er in der zu Beginn dieses Kapitels zitierten Passage die Universitäten eigens erwähnte, ist vielleicht noch darauf zurückzuführen, daß die Berliner Studenten lieber zu dem "Unsinnschmierer" Hegel (II 95; III 136; IV 224) in die Vorlesungen gingen als zu dem unbekannten Schopenhauer, der in seiner Arroganz seine Veranstaltung auf denselben Termin legte.

25.05.2016 © seit 05.2013 Gunthard Heller
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