Philosophische Reflexion: Wie realistisch ist unser Weltbild?

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Wäre unser Weltbild realistisch, dann hätten wir weniger Probleme – im Allgemeinen wie im Privaten. Will man die wahre Realität erkennen, dann sollte man bedenken, dass Gegenwärtiges ohne Vergangenes nicht wirklich zu verstehen ist. Und wenn es um die Menschheit und die Welt geht, dann sollte die historische Vergangenheit mit ihren guten und schlechten Seiten im Großen und Ganzen beachtet werden.

Es geht nicht darum, Einzelheiten bei momentan fälligen Entscheidungen parat zu haben, sondern darum, sich zur Orientierung vom Gesamtweg der Entwicklung belehren zu lassen. Das genügt aber nicht ganz, denn, solange man keinen Sinn in der Entwicklung sieht, wird man Begriffe wie „wahre Realität“ und „Ethik“ nicht klar definieren können.

In welcher Ära leben wir?

Mit dem Auftreten des Homo sapiens (homo „Mensch“ sapiens „weise“) vor 160 000 Jahren begann die Ära der Orientierung in der nun bewusst wahrnehmbar gewordenen Welt. Dieser kulturelle Entwicklungsstand unserer frühen Ahnen war über Jahrtausende hinweg nahezu konstant. Erst nach der Entstehung des modernen Menschen (in Vorderasien etwa vor 40.000 Jahren, in Mitteleuropa vor knapp 10.000 Jahren) beschleunigte sich die kulturelle Innovation.

Seit der letzten Eiszeit konnte der Mensch zudem - mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht - erstmals großräumig gestaltend in seine Umgebung eingreifen. Danach begann die Ära der Urbanisierung. Wenn man über epochemachenden Ereignisse, wie zum Beispiel das Aufkeimen der Philosophie, die Etablierung der Weltreligionen, das Entstehen der naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Zivilisation hinwegsieht, kann man sagen: Wir leben heute noch in der Ära der Urbanisierung.

Jetzt wird die Welt zur Megastadt, das Land verschwindet; die Technik, die Wissenschaft, die Wirtschaft, das Geld, der Konsum etc. sind die neuen Götter. Welche Phase das im Entwicklungsweg der Menschheitsgeschichte ist, ist schwer zu sagen. Man kann sich auch fragen, ob die Menschheit überhaupt auf dem Weg zu einem Ziel ist. Die Wissenschaft jedenfalls findet keins.

Vielleicht hat die Natur bzw. die wahre Realität dennoch etwas mit uns vor.

In der frühen Geschichte war die biologische Entwicklung des Menschen an ihrem Höhepunkt angekommen, als seine Flexibilität mit einem größeren Gehirnvolumen nicht mehr gesteigert werden konnte. Das Gehirnvolumen des Neandertalers war mit 1400 ccm größer als das des modernen Menschen mit 1350 ccm beim Mann, bei der Frau etwas weniger. Aber nicht nur die Masse macht’s, wie es am Beispiel „Neandertaler“ ersichtlich wird.

Der Neandertaler konnte sich mit seinem größeren Gehirn den harten Bedingungen der Eiszeit sehr gut anpassen, er war darauf „spezialisiert“. Nach der Eiszeit konnte er sich mangels Flexibilität nicht gegen den weniger robusten und weniger spezialisierten modernen Menschen durchsetzen. Mit welchem Erfolg der moderne Mensch mit seiner geringeren Hirnmasse seinen Weg fortsetzte, sehen wir heute.

Das beweist: Biologisch kann der Mensch nicht mehr verbessert werden. Sogar die kognitive Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau erweist sich im geschichtlichen Kontext als Vorteil: sie erweitert eindeutig die Wahrnehmungs- und Aktionsfähigkeit des gesamten Menschengeschlechts.

Trotz des gewaltig angehäuften und stets weiterwachsenden Wissens und der gigantischen technischen Innovationen verfügen wir nicht über mehr Intelligenz, als die Menschen vor beispielsweise 30.000 Jahren, auch nicht über mehr Wissen vom allgemeinen Sein – wie alte Mythen aus den Anfängen der Schriftkultur und die frühe Philosophie beweisen. Unser neu erworbenes und das mit dem Geist der Neuzeit aus der Kulturgeschichte destillierte Wissen, beschränkt sich einseitig auf die physikalische Welt. Die wahre Realität aber ist weit mehr.

Pathologischer Weltbildwandel

Als Mensch und Natur noch eins waren, waren die Weltbilder gesund. Was wir heute Naturgesetze nennen, waren dort Machtbereiche der Götter. Der Mensch, seine Welt und die Überwelt waren ein organisches Ganzes. Diese Welten des naturnahen Lebens und dunklen Glaubens waren zwar nicht ganz realitätskonform, aber immerhin waren sie Ganzheiten.

Die Weltkrankheit wurde spürbar, als Menschen anfingen, sich die konkrete Welt untereinander (oder gegeneinander) aufzuteilen und eigene Weltbilder, als Nachbildungen des universalen Seins mit einem gesellschaftlichen Machtzentrum zu schaffen. Aus einfachen sozialen Gruppen waren komplexe politische Gruppen mit einem Zentrum (man kann es Herz nennen) geworden.

Bei solchen Systemen konnte man noch mit etwas Nachsicht von gesunden Weltbildern reden. Sie hatten an ihrer Spitze eine sanktionierte Person als Mittler zwischen dem individuellen Dasein des Menschen im sozialen Gefüge, sowie der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Solche Weltbilder entsprachen zwar nicht der wahren Realität, aber sie hatten das, was Organismen auch haben: eine annähernd naturkonforme Struktur.

Infektionen mit naturfremden Zivilisationselementen waren zu jener Zeit noch gering. Die Infizierung fing erst richtig an, als (nach langer Zeit) die Erdbevölkerung stark zunahm und aus Sippen und kleinen Volksgruppen mächtige politische Gruppen und Handel treibende Völker mit großen Verwaltungsapparaten und religiös verwalteten Dogmen geworden waren.

Noch schwieriger wurde es (wiederum nach langer Zeit), als der, mittels göttlicher Macht, sanktionierte Souverän allmählich durch ein weltlich orientiertes Parlament unter Berufung auf das Wohl des Volkes ersetzt wurde, das sich, um diesem Anspruch gerecht zu werden, aus verschiedenen Interessengruppen zusammensetzte, die sich durch Mehrheitsbeschluss über die Empfindungen von Minderheiten hinwegsetzen mussten, um überhaupt handlungsfähig zu sein.

Eine im Weltganzen fundierte ethische Leitlinie war hierbei kaum noch relevant. Sie war ohnehin seit der Säkularisierung verloren gegangen. Das wäre nicht schlimm gewesen, wenn man über eine plausible Alternative verfügt hätte. Da es nicht die Aufgabe des Parlaments war, eine allgemein verständliche Ethik zu finden und die Wissenschaft keine lieferte, musste man sozusagen im geistigen Dunkel um Lösungen der aktuellen Tagespolitik kämpfen – genauso wie heute (nach langer Zeit).

Wie soll es weitergehen?

Da bisher kein universales Ziel definiert werden konnte, kann die Ethikfrage nicht geklärt werden. Die prekär gewordene Weltlage erfordert aber dringend eine allgemein verständliche Klärung. Wenn wir mangels Beweisen bei der Annahme bleiben müssen, dass die Welt kein Ziel hat und sie sich nur im Spiel der Kräfte weiter bewegt, dann sieht sich jeder Mensch und jede Institution auch weiterhin gezwungen, für sich selber ein Ziel zu suchen.

Die Mahnung, dabei an das Wohl der Allgemeinheit zu denken, wird dann, wenn überhaupt, nur halbherzig beachtet. – Die zersplitterte Welt kann so nicht zusammenwachsen.

Ein weiteres Problem ist: Die exponentielle Wissensvermehrung kann vom Menschen nicht mehr erfasst, geschweige denn sinnvoll beherrscht werden, und die Erde kann die Technikinnovation nicht mehr tragen. Hat unter solchen Umständen eine langzeitige Zukunftsplanung auf dieser Erde noch Sinn? Oder muss die Menschheit ihre Zukunftsplanung in den Weltraum ausdehnen?

Und muss sich der einzelne Mensch nun endgültig mit dem deprimierenden Gedanken an seine Vergänglichkeit abfinden? Oder bleibt ihm die Hoffnung, dass irgendwann einmal sein Leichnam von der Wissenschaft erweckt wird? Derartige Zukunftsspekulationen sind Unwahrscheinlichkeiten. Für die lebensfeindlichen Bedingungen und riesigen Raumzeiten im All ist die menschliche Konstitution nicht geschaffen. Und eine materielle Lebenserweckung ohne beseelenden Geist geht auch nicht: Es ergäbe kein Leben. Ob diese Probleme mit dem Potenzial des etablierten Weltbildes jemals gelöst werden können, ist mehr als fraglich.

Wenn man hingegen von der Annahme ausgeht, dass die Menschheit einem irgendwie gearteten konkreten Ziel zustrebt, dann kann man davon ausgehen, dass ihr Weg ein Reifungsprozess ist, der sie (uns) über Höhen und Tiefen in eine andere Seinsform führen will. Die Tatsache, dass die Menschheit – wie das Leben auf der Erde, ja sogar das ganze Universum – durch Komplexitätssteigerungen entstanden ist, spricht für so einen Weg.

Wohin aber führt er? Lapidar kann man sagen: Alles Seiende will im Sein bleiben. Also drängt alles Seiende zum ewigen Sein. Diese einfache Tatsache fordert unsere Zeit geradezu auf, sich mit ihrem enormen historischen Fundus und den gewaltig anwachsenden Möglichkeiten, dieser Forderung mit ganzer Kraft zuzuwenden.

Todkranke Welt

Die Welt des rationalen Wissens, in der wir heute leben, schwört aufs Sachliche und meint: Wahrheit ist, was kausal erfasst werden kann. Das Ergebnis dieses Denkens ergibt summa summarum kein vollständiges Weltganzes, eher ein fragmentarisches Bild. Wir akzeptieren zwar in unserer Welt die Naturgesetze als physikalisch vereinigendes System, und wir bemühen uns, parallel dazu die Menschenrechte kausal in unser Weltbild zu integrieren.

Das reicht aber nicht, um die wahre Welt, in der es auch Leben und Geist gibt, zu verstehen. Wir sollten sie aber verstehen, weil wir heute so viel Macht haben, um unsere reale Lebenswelt zu zerstören.

Die Moderne benutzte die Naturgesetze und wir schufen uns durch diese eine technikdominierte Zivilisationswelt innerhalb der lebendigen Welt. Wir wissen aber nicht, was die Naturgesetze eigentlich sind und woher sie kommen, wir wissen auch nicht, wie die Menschenrechte im widersprüchlichen Zivilisationssystem eindeutig zu verankern sind.

Dass man das noch ergründen werde, daran glaubt die Wissenschaft, und viele Menschen hoffen es. Aber kann das ein Forschungsprogramm leisten? Es müsste die elementare Sehnsucht der Weltbevölkerung auf einen Nenner bringen, der sich dann auch noch mit dem universalen Sein decken müsste.

Heute, im nicht gerade lebensfreundlichen Hightech-Zeitalter (oder Hightech-Ära?) ist die aus vielen Völkern bestehende Weltbevölkerung in den Status eines in sich vernetzten Organismus gekommen. Aber nicht, wie in der Biologie, wenn Einzeller sich zu einem vielzelligen Lebewesen vereinen, eher als Wucherung im Körper.

Man kann sagen, jetzt leidet die Menschenwelt nicht nur an Infektionen und Herzschwäche, sie leidet auch noch an Krebs. Mit ihren Krankheitskeimen und Metastasen verseucht sie den ganzen Erdkreis.

28.10.2009 © seit 10.2009 Heinz Altmann
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