Philosophische Reflexion: Unser Denken und die Weltkrise

Teaser: Nicht nur die gewaltige Technik und die enormen Fortschritte der Wissenschaft unterscheiden unser Zeitalter von anderen, es ist auch das gewaltige Ausmaß an Elend und Chaos, das sich über den Globus ausbreitet. Doch was ist die Ursache für diese Fehlentwicklung? Lesen Sie in diesem Artikel eine Reflexion, wie unser Denken und die Krise der Welt zusammenhängen.

Nicht nur die gewaltige Technik und die enormen Fortschritte der Wissenschaft unterscheiden unser Zeitalter von anderen, es ist auch das gewaltige Ausmaß an Elend und Chaos, das sich über den Globus ausbreitet. Hinzu kommt noch die weitverbreitete Sinnleere und das Fehlen einer im allgemeinen Sein fundierten Ethik.

Wo liegt die Ursache der Krise?

Was uns heute direkt zu schaffen macht, sind nur Symptome. Die eigentliche Ursache liegt im Gestern und Vorgestern. Der problematischen Neuzeit, genannt „Moderne“ bzw. „Postmoderne“, ist eine hoffnungsvolle Phase in Form der Aufklärung vorausgegangen. Immanuel Kant (1724-1804) forderte zum Selberdenken auf. Dieser Appell, zusammen mit einem neu aufkeimenden Geist, befruchtete in Europa und der Neuen Welt viele aufgeschlossene Gemüter.

Denken WeltkriseInsgesamt trug das zur Befreiung aus verkrusteten Konventionen bei und bereitete den Weg zur individuellen Selbstfindung. Doch seit Beginn des 20. Jahrhunderts geht es mit der Selbstfindung nicht mehr richtig weiter. Sie bleibt im Materiellen stecken. Psychische Leiden und soziale Kälte nehmen zu.

Machtlos müssen wir zusehen, wie unsere schöne Welt an Lebensqualität verliert. Wo liegt das Problem? Was läuft da schief? An der Welt kann es nicht liegen, die hat sich in ihren Grundfesten nicht verändert. Was sich verändert hat, ist unser Blick auf die Welt und auf das Leben.

Seit dem französischen Schriftsteller und Philosophen Diderot (1713-1784) ist „der Mensch“ der Dreh- und Angelpunkt, auf den alles zurückzuführen ist. Diderot nannte es das „anthropische Prinzip“. Es bildet seither den Hauptnenner der Moderne. „Wir machen unsere Welt selber“, heißt jetzt das Motto. Wir kommen aber, wie wir täglich feststellen müssen, mit dieser Welt nicht mehr zurecht. Der österreichisch englische Sprachphilosoph Wittgenstein (1889-1951) benannte das Problem: „Ein Bild hält uns gefangen. Und heraus kommen wir nicht, denn es liegt in unserer Sprache, und sie scheint es uns unerbittlich zu wiederholen“. Das Befangensein im anthropischen Weltbild lähmt das Denken. – Alles dreht sich im Kreis.

Tief verwurzeltes Denken

Denker des Altertums in West und Ost lieferten die kulturelle Grundlage zu unserem heutigen Weltbild. Großen Einfluss dabei hatten die beiden griechischen Philosophen Platon (ca. 428-348 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.)

Platons Lehre fußt auf einem ideellen Weltsystem. Es zeigte einen Aspekt, welcher der Welterkenntnis mehr Raum gab, als es heute der Fall ist. Seiner Ansicht nach sind Ideen das unentfaltete Potenzial der Welt, und zugleich auch das tiefste Innere des Menschen. Ferner ist Platon der Meinung, dass in der Welt dem Menschen die Ideen in verschatteter Form vorliegen. Aufgabe des Menschen sei, diese Schatten mithilfe seiner weltkonformen Kräfte zu erhellen, um so zum Verstehen der Welt und schließlich auch zum Verstehen des eigenen Selbst zu gelangen. Im Endeffekt ist das ein Kreis, allerdings einer der zum Mystischen offen ist.

Einer Verbindung zwischen Mensch und Welt stimmt die moderne Wissenschaft zu, selbstverständlich auch, dass der Mensch geistbegabt ist. Mit dem Gedanken eines göttlichen Anfangspunktes der Welt hat sie allerdings Probleme, obwohl sie nicht leugnen kann, dass die Natur geistvoll ist. Der Grund ihrer ablehnenden Denkweise liegt im physikalischen, kreisförmig geschlossenen Weltsystem. Da ist keine Ursache für Leben und Geist zu finden.

Aristoteles lehrt: Wir sind, wie alles andere Seiende, auf das innerste Prinzip der Welt gerichtet. Dort ist Ursache der Evolution der Welt und des Lebens. Allgemein sieht die antike Position eine enge Verbindung zwischen einer geistbestimmten Welt und dem geistbegabten Menschen.

Die Annahme einer Weltgleichheit des Menschen ist heute zwar nicht populär, dennoch ist sie nicht falsch. Denn, wenn ein Mensch seinen Geist im Sinne jener Realität, die – bewusst oder unbewusst – dem Grund der Welt entspricht, dann ist er zweifellos weltidentisch. Dem stimmt auch die Wissenschaft zu.

Wir, die mit der modernen Denkform leben, sind aber nicht welt-identisch, wir sind nur sozialwelt-identisch. Damit erfassen wir nicht die wahre Welt. Wir sammeln nur Daten aus unserem erlebten Umfeld und speichern sie entsprechend dem Maßstab unseres herkömmlichen Weltbildes. Auf diesem Weg kommen wir nicht weiter.

Wissenschaftliche Forschung stellt unser Weltbild infrage

Die Spannweite der wissenschaftlichen Erkenntnisse reicht vom Anfang der Welt bis an die Grenzen des Universums. Die physikalische Kosmologie kann heute mit Gewissheit sagen: Im Urknall wurde mit einer winzigen Quantenfluktuation das vorweltliche Kräftegleichgewicht zwischen Positiv und Negativ gebrochen. Das leitete die Entwicklung der Welt ein. Der anfänglich winzige Energieball expandierte mit immenser Beschleunigung. Nach der ersten tausendstel Sekunde hatten sich zum größten Teil Quarks und Antiquarks gegenseitig vernichtet, aber es gab danach ca. ein Milliardstel mehr Quarks als Antiquarks.

Dieser geringfügige Überschuss an Quarks entging der Vernichtung, aus ihm bildeten sich dann Protonen und Neutronen und letztlich die gesamte Materie, sodass deshalb ein Universum aus Materie und nicht aus Antimaterie wurde. Für dieses Ungleichgewicht ist in der physikalischen Welt keine Erklärung zu finden. Doch im Vergleich der absoluten Extreme des Weltganzen kommt man philosophisch der Sache näher.

Auf der einen Seite des gesamten Seins ist das absolute Alles, auf der anderen das Nichts. Der Wert des Alles ist absolut, der des Nichts hingegen kann niemals absolut sein, denn wäre er absolut, dann gäbe es absolut nichts. Daher kann das „Nichts“ als Gegensatz zum Alles nur relativer Art sein. Folglich besteht zwischen den Extremen des Seins ein elementarer Wertunterschied. Dieser macht sich auf allen Ebenen des Daseins bis hin zu unserer Gedankenwelt bemerkbar.

Von der gesamten Materie, die es konkret geben muss, um die Welt zusammenzuhalten, kann die Wissenschaft, trotz größtem Aufwand, nur 5 Prozent erkennen. 95 Prozent entfallen auf die dunkle Materie und die dunkle Energie. Der Philosoph Wolfgang Welsch schreibt hinsichtlich unseres Wissens um die Welt in seinem aufschlussreichen Buch Mensch und Welt: „Nüchtern gesehen, ist unser gängiges Bild vom Kosmos ziemlich naiv.“ – Das wäre nicht schlimm, wenn diese reduzierte Weltsicht wenigstens Sinn vermitteln könnte.

Was wir jetzt bräuchten, wäre ein Weltbildweg, der unser Sinnvakuum überbrückt. – Den Hinweis dazu gibt es. Es ist das System unseres eigenen Lebens. Beim Betrachten der biologischen Evolution und unseres eigenen Werdegangs als Mensch fällt ins Auge, dass sich bei unserer Entstehung im Mutterleib die Stufen der Evolution des Lebens wiederholen: Aus der Verbindung einer männlichen mit einer weiblichen Keimzelle wird zuerst ein fischähnliches Wesen, danach wird es reptilienartig und mutiert dann zum Land- und Säugetier, bis es schließlich Menschenform annimmt. Weitere bedeutende Entwicklungsschritte setzen sich dann nach der Geburt im Gehirn fort. Dieser Tendenz der Weltergreifung, die wir an uns und an der Natur sehen, verdanken wir die Fähigkeit, uns denkend und handelnd der Welt und schließlich auch unserem eigenen Wesen zu nähern.

17.09.2012 © seit 09.2012 Heinz Altmann
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