Philosophie: Francis Bacons Mytheninterpretationen

Francis Bacon (1561 – 1626) war ursprünglich Rechtsanwalt in London. 1584 wurde er Abgeordneter im Unterhaus, später Oberster Kronanwalt, dann Lordsiegelbewahrer und 1618 Lordkanzler. 1621 wurde er „wegen Korruption aus allen öffentlichen Ämtern entlassen“ (Meyers enzyklopädisches Lexikon; Friedrich Kambartel, in: Mittelstraß 1/244).

Philosophie Einführung in Francis Bacon Er galt als Päderast. Als 45-Jähriger
heiratete er ein 14-jähriges Mädchen. Da mahnte ihn seine
Mutter, er solle doch jetzt endlich die Finger von seinem Diener
Percy lassen (vgl. Schweizer 64).

Bacon
ist vor allem durch seine Staatsutopie New
Atlantis
(1627)
bekannt geworden. Sein Hauptwerk ist die unvollendete sechsteilige Instauratio magna ("Große
Erneuerung",
1605-1627), die seine wissenschaftstheoretischen Überlegungen
enthält. Am schönsten zu lesen sind seine Essays (1597, überarbeitet und erweitert 1612 und 1625), ein Zeugnis
seiner tiefen Verwurzelung in der antiken Philosophie und im
Christentum. Im Essay "Über
den Atheismus" steht Bacons bissige Bemerkung, daß nur diejenigen Gott
leugnen, denen seine Nichtexistenz zum Vorteil gereichen würde.

Ein
Kuriosum sind Bacons Interpretationen von 31 antiken Mythen, die
zuerst 1609 unter dem Titel De
sapientia veterum liber
(wörtlich: "Buch
über die Weisheit der Alten")
erschienen. Ich greife hier nur einen Mythos heraus, um die
verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten vorzuführen.

Bacon
faßt den antiken Mythos kurz zusammen: Zeus heiratet Metis
("Rat"),
verschlingt sie, als sie schwanger ist und gebiert die Athene aus
seinem Kopf.

Was
soll man damit anfangen? Bacon interpretiert es so: "Diese
monströse und auf den ersten Blick überaus albern wirkende
Sage scheint ein Geheimnis der Herrschaft (arcanum imperii) zu
enthalten, indem sie zeigt, mit welcher Verschlagenheit sich Könige
gegenüber ihren Ratgebern verhalten, um ihre eigene Autorität
und Souveränität (maiestas) unangetastet zu bewahren und
sie in den Augen ihres Volkes zu mehren und auszudehnen" (Weisheit der Alten, S. 79). Kurz: Könige geben die Weisheit
ihrer Ratgeber als ihre eigene aus.

Das klingt
plausibel, die Frage ist nur: Ist es wahr? Erklären kann man
alles irgendwie, nur: Hat man es dadurch erkannt?

Zunächst
einmal: Die von Bacon erzählte Version des Mythos ist nur eine
von mehreren. Außerdem ist sie vereinfacht. Robert von
Ranke-Graves bringt vier verschiedene Versionen der Geschichte. Nach
der ersten war Pallas der Vater von Athene, nach der zweiten Itonos,
nach der dritten Poseidon. "Sie
aber habe sich von ihm losgesagt und Zeus gebeten, sie zu adoptieren
– was dieser gern tat" (S. 37). Schon jetzt können wir die Kopfgeburt des Zeus ganz
einfach verstehen: Eine Adoption ist ja eine Angelegenheit in
Gedanken.

Doch
warum erzählten dann die Priester der Athene eine ganz andere
Geschichte, die schließlich von Bacon vereinfacht wurde?
Tatsächlich sei Metis von Zeus mit einem Mädchen schwanger
gewesen, was er durch ein Erd-Orakel erfuhr. Beim nächsten Mal
würde sie einen Jungen gebären, der ihn entmachten würde,
lautete die weitere Auskunft des Orakels. Deshalb habe Zeus Metis
verschlungen. Mit der Zeit bekam er rasende Kopfschmerzen. Hermes
stellte gleich die richtige Diagnose
und brachte Hephaistos oder Prometheus dazu, mit "Hammer
und Keil […] einen Spalt in den Schädel des Zeus zu
schlagen; und diesem entsprang die voll bewaffnete Athene mit einem
mächtigen Schrei" (S. 38).

Klarer wird die
Geschichte durch die ausführlichere Version nicht. Bacons
Interpretation paßt gleich gut bzw. gleich schlecht darauf: Ein
König hat davor Angst, daß seine Ratgeber ihn entmachten.
Deshalb gibt er ihre Ratschläge als seine eigenen Ideen aus und
verkündet sie mit öffentlichem Pomp.

Wie Bacon auf seine
Interpretation gekommen ist, scheint offensichtlich: Er war ja selbst
eine Art Berater von König Jakob I. und sah dessen Maßnahmen
zum Machterhalt aus unmittelbarer Nähe.

"1621
wurde Bacon beschuldigt und überführt, in zahlreichen
Fällen Geschenke und Bestechungsgelder angenommen zu haben. Das
war zwar damals üblich, der Vorfall setzte aber seiner
politischen Laufbahn ein jähes Ende. Die Geld- und
Freiheitsstrafe wurde ihm allerdings bald im Gnadenwege erlassen […].
Resigniert bekennt er im Rückblick auf seine gescheiterte
politische Laufbahn: ‚Männer in hohen Stellungen sind dreifach
Diener; sie dienen dem Oberhaupt des Staates, dem Ruhme und den
Geschäften, so daß sie weder über ihre eigene Person
noch über ihre Handlungen, noch auch über ihre Zeit frei
verfügen … Der Aufstieg zu Stellungen ist mühsam,
und durch Anstrengungen gelangt man zu noch größeren
Anstrengungen; manchmal ist der Aufstieg anrüchig, und viele
gelangen durch unwürdiges Tun zu Würden. Der Boden ist
schlüpfrig, und das Zurück bedeutet entweder Sturz oder
mindestens ein Verlöschen’" (aus dem Essay "Über
hohe Stellungen",
zit. n. Störig 210).

Zurück zum
Mythos: Bacon hat ihn praktisch benutzt, um seine eigene Situation zu
durchdenken. Das ist therapeutisch legitim, doch ist es
wissenschaftlich redlich?

Ranke-Graves führt
zunächst die Interpretation des Mythos von Jane E. Harrison an.
Danach stellt dieser Mythos den Übergang dar von der
matriarchalen Auffassung, daß die Weisheit weiblich sei, zur
patriarchalen Auffassung, daß sie eine Domäne der Männer
sei.

Was
Ranke-Graves über Pallas schreibt, übergehe ich hier. Als
dritte Interpretation führt er an: "Athenes
Ablehnung der Vaterschaft des Poseidon bezieht sich auf einen frühen
Wechsel der Oberherrschaft über die Stadt Athen" (S. 39). Mehr darüber erfahren wir in einem späteren
Kapitel:

"Der
Versuch Poseidons, von gewissen Städten Besitz zu ergreifen, ist
politische Sage. Der Streit um Athen läßt an einen
erfolglosen Versuch denken, sich anstelle Athenes zur obersten
Gottheit der Stadt zu machen. Athenes Sieg wurde allerdings durch das
Zugeständnis an den Patriarchalismus geschmälert: Die
Athener gaben die kretische Sitte, den Namen der Mutter anzunehmen,
die in Karien bis in das Klassische Zeitalter (HERODOT I, 173) herrschte, auf. VARRO,
der darüber berichtet, stellt das Göttergericht als eine
Abstimmung von Männern und Frauen Athens dar.

Es
ist offensichtlich, daß die ionischen Pelasger, die Athen
bewohnten, von den Aiolern besiegt wurden und daß Athene ihre
Oberherrschaft nur durch ein Bündnis mit den Achaiern des Zeus
wiedergewinnen konnte. Diese zwangen sie später, der Vaterschaft
des Poseidon zu entsagen und ihre Geburt aus dem Haupte des Zeus
anzuerkennen" (S. 52).

Auf einmal bekommen
wir ein historisches Geschehen in den Blick: Es handelt sich um
Machtkämpfe verschiedener Stämme, die verschiedenen Göttern
dienten. Gehen wir noch einen Schritt weiter und fragen: Wenn das
alles ist, wieso wurde dann daraus ein solcher Mythos gestrickt? Die
alten Griechen waren doch fähig zu einer seriösen
Geschichtsschreibung! Es sei denn, sie erlebten Dinge, die sie
denkerisch nicht bewältigen konnten, weil die Wörter dazu
fehlten.

Die
präastronautische Interpretation des Mythos beruht auf folgenden
Prämissen: 1. Die alten Götter waren Kulturbringer. 2. Die
alten Götter kamen vom Himmel und konnten mit technischen
Mitteln fliegen. 3. Die Flugzeuge der Götter wurden ebenso wie
die ihnen zugeordneten Planeten mitunter mit den Göttern
identifiziert – Kurt Schildmann interpretiert "Athena
Parthenos" als "Raumschiff
der unsterblichen strahlenden Jungfrauen" (S. 90). 4. Zur Benennung der Flugzeuge wurden Vogelnamen (Adler,
Rabe, Eule), die Bezeichnungen "Schiff,
Barke, Boot" usw., aber auch die Bezeichnung "Ei" verwendet. 5. Die Götter hatten schreckliche Waffen (vgl. die
Donnerkeile und Blitze des Zeus). 6. Die Götter zeugten
Nachkommen mit Menschenfrauen bzw. Göttinnen mit
Menschenmännern.

Vor diesem
Hintergrund könnte der Mythos der Versuch einer Wiedergabe des
folgenden Geschehens sein: Zeus schläft mit Metis. Sie wird von
ihm schwanger. Er nimmt sie mit in sein Raumschiff. Dort gibt es
Krach zwischen den beiden. Zeus bekommt Kopfschmerzen, Hermes erklärt
ihm, woher sie kommen. Nun will Zeus Metis wieder loswerden, doch da
klemmt die Luke seines Raumschiffs. Deshalb müssen Hephaistos
bzw. Prometheus mit Hammer und Keil anrücken. Schließlich
fliegt aus dem Mutterschiff (Kopf des Zeus) ein bewaffnetes
Zubringerschiff (Athene), deren Besatzung den Griechen Kunst und
Wissenschaft bringt. Der Schrei der Athene entsteht durch die lauten
Motoren.

© Gunthard Rudolf Heller (2012)

Literaturverzeichnis

BACON, Francis:
Neues Organ der Wissenschaften, Übersetzung von Anton Theobald
Brück (Leipzig 1830), Darmstadt 1990

  • Essays oder
    praktische und moralische Ratschläge, Übersetzung von
    Elisabeth Schücking, Stuttgart 1970
  • Weisheit der Alten (De
    sapientia veterum liber
    ,
    1609; Of the
    Wisdome of the Ancients
    ,
    1619), Übersetzung von Marina Münkler, Frankfurt am Main 1990

DOPATKA, Ulrich:
Lexikon der außerirdischen Phänomene, Bindlach 1993

JENS, Walter (Hg.):
Kindlers neues Literatur-Lexikon, 21 Bände, München 1996

MEYERS
ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

MITTELSTRASS, Jürgen
(Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 4
Bände, Stuttgart/Weimar 2004

RANKE-GRAVES,
Robert von: Griechische Mythologie – Quellen und Deutung (The
Greek Myths
),
autorisierte deutsche Übersetzung von Hugo Seinfeld unter
Mitwirkung von Boris v. Borresholm, Reinbek bei Hamburg 1987

SCHILDMANN,
Kurt: Als das Raumschiff "Athena" die Erde kippte – Indus-, Burrows-Cave- und Glozel-Texte
entziffert, Suhl 11999

SCHWEIZER, Frank
(Hg.): Nur einer hat mich verstanden … Philosophenanekdoten,
Stuttgart 2006

STÖRIG,
Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie,
Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 111970

DER UTOPISCHE STAAT
– Morus: Utopia, Campanella: Sonnenstaat, Bacon: Neu-Atlantis,
Übersetzung von Klaus J. Heinisch, Reinbek bei Hamburg 1989

VOLPI,
Franco/NIDA-RÜMELIN, Julian: Lexikon der philosophischen Werke,
Stuttgart 1988

Gunthard Heller

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