Zur Entstehung der modernen Bibelkritik

Die antike Bibelkritik (Markion, Celsus, Dionysius der Große, Porphyrios) blieb relativ folgenlos. Die neuzeitliche Bibelkritik begann mit Spinoza. Auf ihn bezog sich Richard Simon (1638-1712), der erste christliche moderne Bibelkritiker. Er unterschied Kanonkritik (was gehört zur Bibel, was nicht?), Textkritik (was ist der ursprüngliche Wortlaut?) und historisch-literarische Kritik (wer hat wann mit welchem Ziel aufgrund welcher Quellen geschrieben?).

Bibelkritik Philosophie Im folgenden zeige ich anhand von vier Autoren, wie Bibelkritiker der Aufklärung argumentiert haben. Dabei gehe ich vor allem auf die historisch-literarische Kritik ein.

Denn ob eine Schrift in den biblischen Kanon aufgenommen wurde oder nicht, sagt nichts darüber aus, ob ihr Inhalt wahr ist oder nicht.

Dasselbe gilt für die Textkritik: ein Fehler im Original kann von einem Abschreiber korrigiert worden sein; umgekehrt können durch das Abschreiben Fehler in den Text gekommen sein.

Im „Leviathan“ (1651) von Thomas Hobbes (1588-1679) sind die frühchristliche Welt und die Bibel noch in Ordnung. Das heißt: Was wir im Alten und Neuen Testament lesen, geht letztlich auf Augenzeugen zurück. Wir können die Dinge so nehmen, wie sie dastehen, auch die Wunder. Die Juden und die frühen Christen haben nicht gefälscht oder betrogen, um bestimmte Absichten zu verfolgen. Die späteren kirchlichen Mißstände beruhen auf Fehlinterpretationen der Bibel, der Integration einer falsch verstandenen Philosophie des Aristoteles und ganz gewöhnlicher Machtpolitik.

1. Bibelkritik von Spinoza

Baruch de Spinoza (1632-1677) anerkannte in seinem „Theologisch-politischen Traktat“ (1670) die Propheten als moralische Autoritäten, doch er erklärte den Inhalt ihrer Aussagen psychologisch. Den Glauben an Wunder lehnte er ab und deutete deshalb die biblischen Texte vor allem metaphorisch.

Das anonym erschienene Buch wurde von universitärer, kirchlicher und staatlicher Seite verboten. Denn es lästere Gott und verderbe die Seelen. Wer eine Schrift herausgab, in der es auch nur zustimmend erwähnt wurde, erntete Geldstrafe und Gefängnis. Erst Lessing rehabilitierte Spinoza, der dann von Herder, Goethe, Kant, Schelling und Hegel geschätzt wurde.

Prophezeiungen und Wunderglauben führte Spinoza auf Unglück zurück, das die Menschen ratlos und unkritisch, gutgläubig und ängstlich mache. In diesem Zustand werde einem Ereignis, das an die Vergangenheit erinnert, leicht eine wahrsagerische Bedeutung untergeschoben, während etwas Ungewöhnliches zum Wunder erhöht werde. Kurz: Angst mache die Menschen wahnsinnig.

Kritik von mir: Daß Menschen in traumatisiertem Zustand nicht mehr Herr ihrer Sinne und ihres Denkens sind, ist kein Argument gegen echte Prophezeiungen und tatsächliche Wunder. Daß Spinoza Beispiele für seine Argumentation anführte, macht sie nicht besser: Daß Alexander der Große sich in der Not an Wahrsager wandte bzw. abergläubisch wurde, heißt nicht, daß es keinen echten Glauben gibt und daß die Wahrsager nicht etwas Wahres sagen können. Daß Könige als Götter verehrt wurden, heißt nicht, daß es keine Götter gab. Daß innerhalb mancher Religionen das vernünftige Denken verpönt ist (Spinozas Beispiel: die Türken), bedeutet nicht, daß nicht auch vernünftige Menschen religiös sein könnten. Daß man nach Spinoza Angehörige verschiedener Religionen nur an Äußerlichkeiten, nicht aber am Lebenswandel erkennen kann, heißt nicht, daß es überhaupt keine religiösen Menschen gibt, die ihr Leben an Gott ausrichten. Zumindest sich selbst hätte er von seiner Feststellung ausnehmen müssen, denn er lebte tatsächlich zurückgezogen und arbeitsam wie ein Heiliger.

2. Reimarus‘ Bibelkritik

Lessing veröffentlichte 1774-77 Teile der „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ von Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) unter dem Titel „Fragmente eines Wolfenbüttelschen Ungenannten“. Das führte zu der bekannten Kontroverse mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze.

Ich beschränke mich hier auf die Frage nach der Auferstehung Jesu und bringe auch hier nur ein einziges Beispiel, in dem Reimarus so argumentiert: Wenn das, was in Mt 27,62-28,15 steht, stimmen würde, hätten es die Apostel leicht gehabt. Um die Auferstehung zu beweisen, hätte es genügt, sich auf den Stadtklatsch zu berufen, sich von Pilatus die Bewachung des Grabs bestätigen zu lassen und von ihm ein Verhör der Wächter unter Folter zu verlangen. Das ist alles nicht passiert. Also ist Jesus nicht auferstanden, schließt Reimarus.

Er zeigt damit, daß er die historische Situation überhaupt nicht im Blick hat. Die Apostel galten als Anhänger eines Verbrechers, konnten also an Pilatus keinerlei Forderungen stellen und mußten schweigen, um kein Aufsehen zu erregen. Sogar Petrus hatte gelogen (Mt 26,69-75). Zu einem Stadtklatsch konnte es auch nicht kommen, weil die Wächter allen Grund zu schweigen hatten: aus Angst vor dem Erlebten und aus Furcht, wegen ihres Versagens lächerlich gemacht zu werden. Falls Pilatus sie bestrafte, war das für sie schon schlimm genug.

Die folgenden Einwände beziehen sich auf Reimarus‘ gesamte Bibelkritik: Er las die Bibel zwar genau, aber sehr selektiv. Aus widersprüchlichen Aussagen darf man nicht schließen, daß ihnen keine reale Begebenheit zugrunde liegt. Auch die grundsätzliche Reduktion spiritueller Erfahrungen auf innerpsychische Vorgänge halte ich für falsch. Visionen sind keine Einbildungen. Im Hinblick auf die Untauglichkeit der Schriftbeweise hat Reimarus allerdings auf der ganzen Linie recht: Die Prophezeiungen im Alten Testament sind nicht spezifisch auf Jesus gemünzt.

3. Lessing

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) teilte die Ansichten des Reimarus nicht. Ihm war der gesunde Menschenverstand wichtiger als die Theologie. Die unkritische und deshalb unvernünftige Theologie war ihm sogar lieber, weil er die kritische Theologie für eine Form der Bestechung der Vernunft hielt, gegen die man sich schwerer zur Wehr setzen könne.

Er war der Auffassung, daß zwar die Vernunft über die Offenbarung entscheide, doch daß es geradezu ein Beweis für die Offenbarung sei, wenn sie Dinge enthalte, denen die Vernunft nicht gewachsen sei. Außerdem warf er Reimarus vor, daß er nicht zwischen Kern- und Erläuterungssätzen des Christentums unterscheide. Er bekämpfe keine christlichen Lehren, sondern Folgerungen daraus: daß die Vernunft untauglich zur Erkenntnis göttlicher Dinge sei; daß man nur selig werden könne, wenn der Glaube klar und deutlich sei; daß die Autoren der biblischen Bücher von Gott inspiriert seien.

Über die Auferstehung dachte Lessing folgendes: Augenzeugen und Evangelisten seien nicht identisch (auch Jesu Liebling sei nicht bei allen Erscheinungen des Auferstandenen dabei gewesen). Es gebe keine Widersprüche hinsichtlich von Ereignissen, bei denen ein Evangelist dabei war. Es gebe auch keine Widersprüche verschiedener Berichte über dasselbe Ereignis. Daß Zeugen einander widersprechen, sei eine alltägliche Lebenserfahrung. Sogar wenn derselbe Zeuge zu verschiedenen Zeiten berichte, kämen Abweichungen vor. Echte Widersprüche könnte nur ein Verhör klären, das aber nicht vorliege. Das Christentum habe den Prozeß gewonnen, denn es sei ja vorhanden. Eine Revision sei nicht erforderlich, da es nicht um Aussagen gehe, sondern lediglich um Berichte über Aussagen. Eine detaillierte, vollständige Widerlegung der von Reimarus aufgelisteten Widersprüche stehe noch aus.

4. Semler

Johann Salomo Semler (1725-1791) achtete in seiner „Beantwortung der Fragmente eines Ungenannten“ (1779) vor allem auf die historischen Gegebenheiten, die der Interpretierende berücksichtigen müsse. Ich beschränke mich hier wieder auf ein einziges Beispiel.

Reimarus trennte die Aussagen Jesu, der selbst nichts geschrieben habe, von denen der Apostel. Semler behauptete dagegen die Einheit der Lehre Jesu und der Apostel. Als Belege führte er die zweierlei Lehren für Anfänger und Fortgeschrittene an (Mk 4,33f; Joh 3,12; 6,63; 16,12; 1 Kor 2,14f; 3,2; Hebr 5,11-14; 1 Joh 2,12f; Jud 19).

Doch das widerlegt die Behauptung des Reimarus nicht. Wer Jesu Eintreten für Wahrheit und Freiheit (vgl. Joh 8,32) und seinen Umgang mit dem Gesetz (vgl. Mt 5,22.28.32.34.39.44) mit der Auseinandersetzung des Paulus mit dem Gesetz vergleicht (vgl. Röm 2,13; 4,15; 7,22; 8,2; 10,4), merkt, daß es da schon Unterschiede gibt.

© Gunthard Rudolf Heller, 2016

Gunthard Heller

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