Perspektiven der Erkenntnis

Über Volk, Gott und Erkenntnistheorie aus der Sicht von Naturwissenschaft
und Philosophie

Absteckung eines Argumentationsrahmens

In einem sehr grundsätzlichen Artikel der Wochenzeitung »Junge
Freiheit« (1) wurde vor zwei Jahren von einem einheitlichen Gesichtspunkt
aus die Lebenssituation und -einstellung jener Generation recht flott erläutert,
die derzeit in die verantwortlichen Positionen von Staat, Gesellschaft und Familie
einrückt. Es wurde in diesem Zusammenhang auch geäußert, daß
man heutzutage »trotz Philosophiestudium« nichts »Brauchbares
zur politischen Theorie der Rechten« mehr zu Papier bringen könne.

Die Autorin, Angelika Willig, Jahrgang 1963, ist selbst studierte und promovierte
Philosophin und war die frühere verantwortliche Kultur-Redakteurin der
»Junge Freiheit«. Ihr Urteil kann also durchaus mit einiger Aufmerksamkeit
zur Kenntnis genommen werden. Die Schlußfolgerung dieses Urteils ist schon
im Titel genannt: »Abschied von rechts«. Die Begründung für
diesen persönlichen Abschied, der auch eine lebhafte Leserbrief-Reaktion
hervorgerufen hat, hatte in dem Satz gegipfelt: »Auf ein ,Höheres‘,
heiße es Gott, Vaterland oder zukünftige Gesellschaft … lassen
sich die Leute nicht mehr ein.« (1)

Da diese These, wie deutlich wurde, auf Erfahrung mit philosophischer Auseinandersetzung
beruht, kann sie eigentlich auch nur von dieser Seite her wirklich substantiell
entkräftet werden. Daß eine solche Entkräftung möglich
ist, scheint gerade in heutiger Zeit noch naheliegender zu sein, als in früheren
Zeiten, so paradox das klingen mag! Das aufzuzeigen bemühen sich die folgenden
Ausführungen.

So »abgehoben« die folgenden Ausführungen vielleicht dem einen
oder anderen »unbedarfteren« Leser streckenweise klingen mögen,
so sollte doch nicht übersehen werden, daß sie sehr direkte Auswirkungen
auf die konkrete Lebenssituation und -einstellung jedes einzelnen Karriere-
oder sonstigen Menschen (ja, sogar jedes Politikers) haben können. Und
zwar dies vor allem deshalb, weil sie im Einklang mit dem Standpunkt und dem
Selbstverständnis der modernen Naturwissenschaften argumentieren.

Die Gesamtheit, Totale der menschlichen Erfahrungsmöglichkeit

In
der klassischen griechischen Antike ist Philosophie einmal definiert worden
als »logo di donai«, das heißt als »sich Rechenschaft geben
über«, sich Rechenschaft geben über die allgemeinsten Fragen unseres Seins,
unseres Lebens, unserer persönlichen, individuellen Situation und der Situation
der Menschheit insgesamt in diesem Weltall und auf dieser Erde.

Von vielen Philosophen – besonders betont aber von Georg Wilhelm Friedrich
Hegel (1770-1831) – ist die These vertreten worden: Die Wahrheit ist das Ganze,
kann nur das Ganze sein. Wenn ich nur Teilbereiche all dessen betrachte, was
ich überhaupt betrachten kann, wenn ich nur Teilbereiche dessen betrachte, worüber
ich mir überhaupt Rechenschaft ablegen kann, gerate ich in die Gefahr einseitiger
Beurteilung, verzerrter Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Aus diesen beiden Gedanken kann die Schlußfolgerung gezogen oder Forderung
aufgestellt werden, daß die Untersuchung der Herkunft, Qualität und
Reichweite des menschlichen Erkenntnisvermögens immer und jederzeit parallel
gehen muß zu dem, was von diesem Erkenntnisvermögen erkannt werden
kann, was Gegenstand dieses Erkenntnisvermögens sein soll, also parallel
gehen muß mit der Untersuchung der Gesamtheit, Totale der menschlichen
Erfahrungsmöglichkeit.

Gefühle einer etwas tieferen Unruhe

Dies könnte als ein sehr hoher Anspruch verstanden werden. In welcher
Weise aber kann er eingelöst werden? In der Regel werden zwei verschiedene
Arten der Erkenntnisgewinnung unterschieden, die Erkenntnisgewinnung in den
Naturwissenschaften und diejenige in den Geisteswissenschaften. In der tieferen
Auslotung des Unterschiedes zwischen diesen beiden Arten der Erkenntnisgewinnung
könnte der Schlüssel für die Lösung einiger wichtiger Fragen
unserer Zeit liegen. Es ist also durchaus nicht ganz fernliegend, wenn – vor
allem in den USA und Frankreich – in den letzten Jahren um diese Fragen erregtere
Erörterungen in der Öffentlichkeit geführt wurden, wobei auch
so gewisse Kratzer an dem Ansehen so mancher »postmoderner« (oder
auch »existentialistischer«), »linker« Philosophen und
ihnen folgender Literaten zurückgeblieben sind. (2 – 4)

Diese Erörterungen nahmen unter anderem von Gefühlen ihren Ausgangspunkt,
Gefühlen einer etwas tieferen Erregtheit, einer etwas tieferen Unruhe,
die nicht ganz unberechtigt zu sein scheinen, und die in Sätzen wie etwa
dem folgenden artikuliert werden: »Während um uns herum eine überbevölkerte
Welt aus den Nähten platzt, blutige Kriege toben, fanatischer Terrorismus
sich breit macht, wachsende Arbeitslosigkeit und soziale Gegensätze unerträglich
werden, lebenswichtige Ressourcen verschmutzen oder versiegen, behaupten nicht
wenige Philosophen, daß es diese uns so sehr bedrängende Wirklichkeit,
recht besehen, gar nicht gebe.« (2)

Verschiedene Arten menschlicher Erkenntnis

Diesem Gedanken kann an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden (ähnlich
gelagerte Irritationen formuliert: 5). Im folgenden soll statt dessen von einfacheren
Tatsachen der Ausgang genommen werden: In den Naturwissenschaften steht vor
allem die Logik, das Einordnen des Forschungsgegenstandes in die menschlichen
Denkformen Raum, Zeit und Ursächlichkeit im Vordergrund des Forschens,
der Erkenntnisgewinnung.

In
den Geisteswissenschaften steht die Methode des »Erlebens«, des
»Nacherlebens«, des »Verstehens« im Vordergrund der
Erkenntnisgewinnung. Diesen Unterschied hat vor allem der Philosoph Wilhelm
Dilthey (1833 – 1911) ausführlich umsonnen (um zu einer eigenständigen Begründung
der Geisteswissenschaften als Wissenschaften zu gelangen). Tatsächlich reicht
ja auch für die Erforschung der »Ursachen« von Kunstwerken, politischen
Handlungen, von Dichtung und so weiter ein einfaches Einordnen des jeweils erforschten
Gegenstandes in Raum und Zeit (wie dies in den Naturwissenschaften geschieht)
keineswegs aus.

Erkenntnisgewinnung über die Methode des Erlebens, des Nacherlebens enthält
wesentlich mehr subjektive Elemente, als dies für die Erkenntnisgewinnung
im Bereich der Naturwissenschaften gesagt werden kann. Als eine Folgerung aus
dieser Tatsache hat sich Geisteswissenschaftlern auch die Einsicht in die Notwendigkeit
von persönlichen Reifungsprozessen für eine adäquate Art des
Verstehens (des Nacherlebens) und der Beurteilung von Geisteswerken (Kunstwerken
und vieles andere) herausgestellt. Mit dieser Einsicht wird Selbstbescheidung,
der Wille zu wissenschaftlicher und persönlich-subjektiver Redlichkeit,
auch methodische Sauberkeit wesentlicher Bestandteil des »Ethoses«
des Geisteswissenschaftlers.

Intuition

Der Erlebnischarakter der Erkenntnisgewinnung im Bereich der Geisteswissenschaften
wird auf die Spitze getrieben im Bereich der Erkenntnisgewinnung durch Intuition,
der plötzlichen und spontanen intuitiven Erfassung von Zusammenhängen,
nachdem sich der Forscher lange Zeit intensiv mit einem bestimmten Gegenstand
oder Gegenständen der Erkenntnis beschäftigt hat.

Es ist allerdings eine mehr oder weniger vorhandene Selbstverständlichkeit
in den Wissenschaften – deren Bedeutung sich die meisten Menschen nur selten
wirklich ausreichend klar machen -, daß auch in den Naturwissenschaften
dem intuitiven Erfassen von Erkenntis-Zusammenhängen eine sehr wesentliche
Rolle zuzusprechen ist. Auch in den Naturwissenschaften hat »Erlebnishaftes«
und über das rein Logische Hinausgehendes Anteil an den meisten Erkenntnisprozessen
und an der Begeisterung der Forscher für ihren Forschungsgegenstand. (vgl.
etwa: 6, S. 177)

Dieser Umstand ist ablesbar an der Erfahrung der (natur-) wissenschaftlichen
Praxis und an vielerlei Erlebnisberichten vor allem der genialeren, bedeutenderen
Naturwissenschaftler im 20. Jahrhundert. Viele, vielleicht sogar die Mehrheit
der heutigen Nobelpreisträger und Sachbuchautoren geben hierüber Auskunft
(zur Einführung sehr geeignet etwa: 7, 8). Umgekehrt ist natürlich
darauf hinzuweisen, daß in den Geisteswissenschaften das streng logische
Einordnen der Gegenstände der Erkenntnis wie etwa Kunstwerke – in Raum
und Zeit natürlich eine ebenso notwendige Voraussetzung für Erkenntnis
ist – auch wenn dies hier im Forschungsalltag meist nicht so stark vorherrschend
ist wie in den Naturwissenschaften.

Das Kernargument der vorliegenden Ausführungen

An dieser Stelle werden nun Ausführungen zu dem Kernargument innerhalb
des abzusteckenden Argumentationsrahmens gebracht. 150 Jahre lang ist Naturwissenschaft
als der strengste »Beweis« oder doch Hinweis auf das Nichtvorhandensein
Gottes in der Welt seitens der breiteren Öffentlichkeit und vieler Wissenschaftler
aufgefaßt worden. Genau diese Haltung unterliegt auch – als kaum hinterfragte
Selbstverständlichkeit – etwa eingangs besprochenen Ansichten. (1) Naturwissenschaft
wurde als genauso lebenskalt und lebensfern angesehen wie die Technik. Nicht
zuletzt hat sich ja auch die Naturwissenschaft in sehr engem Wechselspiel mit
der Entwicklung der modernen Technik emanzipiert.

Doch dieser bisherigen Einschätzung ist nun das folgende entgegenzuhalten:
Gerade seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vollzieht sich auf
fast allen Gebieten der Naturwissenschaften ein kumulativer Prozeß der
Wissenserweiterung, der schlußendlich gerade und ausgerechnet die besonders
»kalt-mathematisch«, »abstrakt-gefühllos« denkenden
Physiker zu der Einsicht zurückbringt, daß es in der uns umgebenden
und naturwissenschaftlich erforschbaren Wirklichkeit Bereiche gibt, die prinzipiell
nicht vollständig in die menschlichen Denkformen von Raum, Zeit und Ursächlichkeit
einzuordnen sind, daß hier prinzipielle Grenzen des naturwissenschaftlichen
Denkens und Forschens erreicht sind.

Hier hat eine Revolution im Bereich der Naturwissenschaften stattgefunden,
die das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften bisher nur in flüchtigstem
Maße angehaucht, doch kaum tiefgehender erfaßt hat. – Zunächst
hat dieser Umstand viele Wissenschaftler und auch das »Laien-Publikum«
zutiefst »geärgert« und ärgert sie auch heute immer noch:
daß da plötzlich ganz fremdartige, dem Alltagsverstand so gänzlich
unzugängliche, »unanschauliche« Bereiche der Wirklichkeit für
die menschliche Erkenntnis vorhanden sein sollen, die sich einer vollständig
raum-zeitlichen Erfassung der uns umgebenden Wirklichkeit sperren.

»Gott würfelt nicht!«

Hierfür kann etwa als ein berühmtes Zeugnis das Wort Albert Einsteins
angeführt werden. Mit ihm brachte er seine – heute längst als überholt
erkannte – Kritik an den quantenphysikalischen Vorstellungen Werner Heisenbergs
auf den Punkt. Einstein sagte in einer frühen Reaktion auf diese: »Gott
würfelt nicht.« Heute dagegen ist die Physik über solch »einfache«
Schwierigkeiten beim Verständnis der Natur schon längst hinweggegangen!
Den Stand des heutigen Forschens versuchte der Physiker und Nobelpreisträger
Stephen Hawking einmal – im Anschluß an seinen Vorgänger Einstein
– mit dem »Bonmot« gerecht zu werden: »Manchmal wirft Gott
die Würfel so, daß man sie nicht einmal sehen kann.«

Sicherheitshalber ist zu diesen Bonmot’s zweierlei anzufügen: Erstens
hat man auch schon die – nicht vollständig vorausberechenbaren – Quantensprünge
des Elektrons in der Atomhülle nicht im trivialen Sinne »sehen«
können. Zweitens sind mit solchen Formulierungen – sowohl derjenigen Einsteins
wie derjenigen Hawkings – natürlich keinerlei Vorstellungen von einem persönlichen
Schöpfergott mehr verbunden. (9, 7)

Dennoch erscheint es interessant, daß viele Physiker in diesem Bereich
immer wieder auf jenen naheliegenden »Vorstellungsbereich«, der
insgesamt mit dem Wort »Gott« verbunden ist, zurückgreifen.
(Siehe etwa auch: 5) Und sei es oft auch nur in halb scherzhaft, halb ernsthafter,
aber selten in nur ironischer Weise.

Prinzipielle Schwierigkeiten für menschliches Erkennen in den Grenz-
(und Neugestaltungs-) Bereichen von Raum Zeit und Materie

Diese Zusammenhänge, die an dieser Stelle nur kurz angedeutet werden
können, sind vor allem deutlich geworden in dem räumlich allerkleinsten
erforschbaren Bereich (Mikrokosmos, Atomtheorie, Quantenphysik) wie auch in
dem räumlich allergrößten erforschbaren Bereich (Makrokosmos,
Universum, Relativitätstheorie). Und ebenso in dem zeitlich entferntesten
Bereich (nämlich dem Urknall vor ungefähr 14 Milliarden Jahren, als
das Weltall, der Raum, die Zeit und alle Materie, die Naturkonstanten und Naturgesetze
– aus dem Nichts – entstanden!).

In
all diesen Forschungsbereichen ist deutlich geworden, daß das naturwissenschaftliche
Denken grundsätzlich an – vor allem genau und präzise zu definierende – Grenzen
gestoßen ist und daß das Weltall und alles Sein tatsächlich von naturwissenschaftlich
Nichterkennbarem überall und fundamental durchdrungen ist. Wer an dieser Stelle
sagt, das hätte man immer schon wissen können, beachtet nicht, welche Folgen
die Auswirkungen des »Laplace’schen Dämons« auf die gesamte Kulturentwicklung
der beiden letzten Jahrhunderte hatte.

Der französische Naturforscher Laplace (1749 – 1827) war der Meinung,
alles Wirkliche würde früher oder später auch von der menschlichen
Logik durchdrungen werden können. »Sire, der Hypothese ,Gott’«,
antwortete er stolz und hochfahrend auf eine ausnahmsweise einmal bescheidenere
Anfrage Napoleons hin, »der Hypothese ,Gott‘ bedürfen meine Theorien
nicht.« Dieser kaltschnäuzigen Haltung ist sicherlich ein Großteil
der eindrucksvollen Erfolge der Naturwissenschaften zu verdanken. Heutige Naturforscher
und Sachbuchautoren weisen aber gern auf diese überholten Ansichten aus
dem 19. Jahrhundert hin, um aufzuzeigen, welche Veränderungen sich gegenwärtig
in unserem Naturverständnis vollziehen.

Denn inzwischen hat sich auch schon für viele Erkenntnisobjekte unseres
»Alltagverstandes«, also des »Mesokosmos«, die derzeit
vor allem von der sogenannten »Chaosforschung« und ähnlichen
Richtungen untersucht werden, der Laplace’sche Übermut als durchaus zu
weitgehender Hochmut erwiesen. So können zum Beispiel für den räumlichen
und zeitlichen Beginn eines so einfachen Kristallisationsprozesses wie den von
Wasser zu Eis Zeit und Ort nicht exakt und präzise vorhergesagt werden
– und zwar, was hier wichtig ist: prinzipiell nicht (Physik von »Nicht-Gleichgewichtssystemen«).
(10)

Philosophische Weiterentwicklungen seit Kant, die sich weitgehend nahtlos
in das moderne naturwissenschaftliche Weltbild einfügen

Diese Erkenntnislage könnte reichste Gelegenheit für die Geisteswissenschaften
und die Philosophie (einführend etwa: 11) bieten, ihre uralten Fragen anhand
des neu aufgeklärten Tatsachenmaterials völlig neu und sozusagen »gereift«,
in einer zeitgemäßen Weise – und zudem vor allem: konsensbildend
– zu überprüfen und zu klären.

Alle neuere Philosophie nimmt in der am wenigsten umstrittenen Weise ihren
Ausgangspunkt von Immanuel Kant (1724 – 1804). Von der Grundlage des heutigen
naturwissenschaftlichen Weltbildes her können die Erkenntnisfortschritte
in der Philosophie seit Kant ungefähr wie folgt erläutert werden.

Zunächst ist festzustellen, daß das Erkennen der grundsätzlichen
Grenzen des physikalischen Forschens als eine klare Bestätigung der großen
philosophischen Intuition Immanuel Kants angesprochen werden kann, deren Leistung
es ist, gerade diese Grenzen der menschlichen Vernunft herausgearbeitet zu haben.
Dies leistete Kant noch ganz ohne unser heutiges Wissen um die evolutionäre
Herkunft unseres Erkenntnisvermögens und ohne unser heutiges physikalisches
Wissen. Hierbei handelt es sich aber um eine Bestätigung, die gerade von
vielen eingefleischten »Kantianern« lange Zeit keineswegs so recht
verstanden worden war – wohl im Grunde, weil sie zu einfach und zu schlicht
die Kantischen Erkenntnisse bestätigte. Sie war also, das bleibt festzuhalten,
nicht im mindesten vorausgesehen worden und ist auch von niemandem in dieser
Weise erwartet worden.

Es haben nun Philosophen wie Nicolai Hartmann (1882-1950) (6), Mathilde Ludendorff
(1877-1966) (12) und Konrad Lorenz (19031989) (13, 8), sowie der Schüler
des Letzteren, der Verhaltensbiologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt (geb. 1928)
die genannte grundlegende Wende in der Entwicklung der Naturwissenschaft, die
sich nach 1900 angebahnt und nach 1945 zur vollen Blüte entwickelt hat,
aufgenommen. Sie haben die sich daraus ergebenden Erkenntnisverhältnisse
zu dem übrigen menschlichen Wissen und Erleben und den kulturellen Erfahrungen
in ein, wie deutlich werden könnte, hinreichend adäquates Verhältnis
gesetzt.

Heute gültige Zugänge zum »meta-physischen« Bereich

Jene Welt, die jenseits der menschlichen, naturwissenschaftlichen Vernunft
liegt, ist von Immanuel Kant mit dem Ausdruck »Ding an sich« benannt
worden. Dieser Bereich wird von der Philosophie seit dem griechischen Philosophen
Aristoteles auch als der »metaphysische« Bereich angesprochen. Immanuel
Kant siedelte in diesem Bereich die Lösungen über die Fragen nach
»Gott, Freiheit und Unsterblichkeit« an, die die Menschheit immer
schon umsonnen hat. Kant selbst hat den Zugang zu dieser metaphysischen Welt
(die er, wie angedeutet, klar von all dem abgrenzte, was von der Vernunft erkennbar
ist) vor allem im Bereich des Moralischen gesucht. Dabei hat Kant unter anderem
seinen berühmten »kategorischen Imperativ« entwickelt.

Der Philosoph Friedrich Schiller (1759-1805) hatte die Philosophie Immanuel
Kants begeistert aufgenommen und einige in ihr liegende »Verrenkungen«
im Bereich der Moral, besonders aber im Bereich der Ästhetik gerade gerückt
und vom Standpunkt des selbst schaffenden Künstlers aus nun gültiger
geklärt. Schiller, dessen Einfluß auf die deutsche und abendländische
Kulturentwicklung ja auch heute noch gar nicht vollständig übersehbar
ist (denn das Einflußreichste ist oftmals das Verborgenste), hat vor allem
das Schönheitserleben des Menschen (die Ästhetik) als den wesentlichsten
Zugang des Menschen zum sogenannten »Ding an sich«, zum »metaphysischen«
Bereich herausgestellt.

Der »hypothetische Realismus« von Nicolai Hartmann, Konrad Lorenz
und Mathilde Ludendorff (6, 12, 13) hat dann auch für den Bereich der Erkenntnis
des »Wahren« anerkannt, daß das »absolut Wahre«
über diese Welt gerade nicht in den Grenzen der rein logisch naturwissenschaftlich
denkenden Vernunft gefunden werden kann. Nach ihm können wir unsere Welt
– letztlich – nur »hypothetisch« als »real«, »wirklich«,
»wahr« erkennen. Jedoch kann – entsprechend eines weiterführenden
Gedankenganges – dem hypothetischen Charakter aller Wahrheits- und Wirklichkeitserkenntnis
aufgrund aller Begleitumstände eine sehr große Wahrscheinlichkeit
zugesprochen werden, tatsächlich »wahr«, »real«
und so weiter zu sein.

Neue Gesamtdeutung der alten platonischen Trias

Die Naturwissenschaft, unter anderem die Soziobiologie, die Evolutionäre
Anthropologie und Evolutionäre Psychologie liefern gegenwärtig fortlaufend
Neuerkenntnisse über die evolutionären Ursprünge der drei soeben
genannten menschlichen Denk- und Erlebnisbereiche, die seit dem griechischen
Philosophen Platon mit den Worten »das Wahre, das Gute und das Schöne«
umschrieben werden (Erkenntnistheorie, Moral und Ästhetik).

Mit
den an dieser Stelle nur äußerst knapp angerissenen philosophischen Fortschritten
nach Immanuel Kant (die verdeckt werden durch zahlreiche, heute gut aufzeigbare
fehlerhafte Grenzüberschreitungen der Kantischen Vernunftgrenzen durch die philosophische
Richtung des »Deutschen Idealismus«, die in erster Linie für die
tiefe Zerklüftung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften seit mehr als 150
Jahren verantwortlich zu machen ist (13, S. 26 – 331), gelangt man gerade von
der Naturwissenschaft her zurück zu einer modern-gereiften, philosophisch überzeugenden,
ja fast als allgemeinverbindlich anzusprechenden Gesamtdeutung dieser alten
(platonischen) Trias vom Wahren, Guten und Schönen als den Urgrundprinzipien
allen Seins und aller Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang werden dann auch die aufzeigbaren Wechselbeziehungen,
die Einheit zwischen den Bereichen des Wahren, des Guten und des Schönen
wichtig: Ein »schönes« Kunstwerk, das nicht im vollgültigen
Sinne als »wahr« bezeichnet werden kann, wird allgemein als »Kitsch«
betrachtet. (Intuitiv erfaßte) Schönheit gilt auch für viele
Naturwissenschaftler inzwischen in selbstverständlicherer Weise als »Wahrheitskriterium«.
(14, S. 68 ff.) Ihnen ist etwa die »Schönheit« einer mathematischen
Gleichung zugleich auch ein erster Hinweis darauf, ob sie stimmen könnte
oder nicht. Und weiterhin: Eine gute Handlung hat auch ästhetische Aspekte.
In dem Wort »edel« schwingen diese zum Beispiel mit. Hierüber
hat sich wiederum der Philosoph Friedrich Schiller ausführlich geäußert.

Die Philosophin Mathilde Ludendorff hat das freiwillige Erleben des Wahren,
Guten und Schönen – und das Handeln aus diesem Erleben heraus – als den
Sinn allen Lebens in den Mittelpunkt der menschlichen Lebensgestaltung gestellt.
Sie hat es zudem (scheinbar in überraschendem Einklang mit dem »Anthropischen
Prinzip« der modernen Kosmologie) als Ursprung und Ziel der Weltentstehung
gedeutet. Dieses Erleben hat sie zusammengefaßt mit dem Begriff »Gotterleben«
benannt. (12)

Eine solche philosophische Deutung soll(te) letztlich nur eine nüchterne,
zusammenfassende, gültige Deutung all dessen sein, was – sowieso – schon
da ist, was sowieso schon – überall – geschieht oder was geschehen ist
und von Menschen immer schon so oder in ähnlicher Weise erlebt und als
das Wesentliche des Lebens herausgestellt worden ist. (Zu dem hier abgesteckten
Argumentationsrahmen insgesamt: 10)

Wie ordnet sich in diesen Argumentationsrahmen das Phänomen »Volk«
ein?

Es sind nun noch zwei Bemerkungen als Ergänzung des Ausgeführten
anzufügen:

  1. inwieweit es bei den Menschen und Völkern naturwissenschaftlich nachweisbare,
    genetisch verankerte, also angeborene, unterschiedliche Haltungen, »Neigungen«
    und Herangehensweisen gegenüber »dem Göttlichen« (dem
    metaphysischen Bereich) gibt, die dann kulturell durchgestaltet werden; inwieweit
    weiterhin Verantwortungsübernahme für das genetische Überleben
    der einander (genetisch) ähnlichen (verwandten) Menschen ein Weg zum
    moralisch »Guten«, zur »Gottverantwortung« werden
    kann – von der dann letztlich auch der Philosoph Hans Jonas spricht (»Prinzip
    Verantwortung«) -, all dies ist für die vorliegende Argumentationskette
    von besonderer Bedeutung, muß jedoch weiteren Beiträgen vorbehalten
    bleiben.
  2. Der in diesem Aufsatz erläuterte Gedankengang kann abschließend
    noch einmal gut in Abgrenzung zu den Grundanliegen des auf der Akademie ebenfalls
    abgehaltenen Seminars »Kunst und anschauliches Denken« erläutert
    werden. In dem zuletzt genannten Seminar ist in redlichem Bemühen versucht
    worden, Beurteilungskriterien für Kunst jenseits des »vernünftig-logischen
    Denkens« zu finden. Sie sind hier in einem sogenannten »anschaulichen
    Denken« gesucht worden. In dem Verlauf der Ausführungen konnte
    den Teilnehmern klar werden, daß dieses anschauliche Denken, bei dem
    vor allem (Ausdruck von) »Bewegung« im Kunstwerk gesucht wird,
    sich vornehmlich durch die Einordnung des Gesehenen in raum-zeitliche Begründungszusammenhänge
    (in denen ja auch »Bewegung« verläuft) vollzieht.

Prinzipielle Grenzen auch im Bereich der Kunst?

Bei dem Diskurs dieses Themas wurde – zumindest im Seminar – eine prinzipielle
Grenze hin zu Beurteilungskriterien, die jenseits auch des »anschaulichen«
Denkens liegen könnten, nicht überschritten, bzw. nicht als Ausgangspunkt
der Bewertung vorausgesetzt. Ein metaphysischer Bereich als Urgrund und Quelle
allen Seins und aller Kunst wurde hier nicht in Rechnung gestellt. (- Vielleicht
fehlt ohne tiefergehende physikalische Kenntnisse heute dazu einfach der Mut?)

Andererseits wurden aber dann auch die biologischen Wurzeln des menschlichen
Schönheitserlebens, die, wie heute immer deutlicher wird, sehr viel auch
mit dem Willen zur Fortpflanzung und überhaupt zum genetischen überleben
zu tun haben, nicht in Rechnung gestellt.

Man kann zu der Ansicht gelangen, daß erst von diesen beiden genannten
Ausgangspunkten her Bewertungskriterien für künstlerisches Schaffen
erhältlich sind, die so in allgemeinere Argumentationszusammenhänge
eingeordnet sind und dann nicht mehr so willkürlich, isoliert und zusammenhanglos
zu den übrigen Bereichen menschlichen Wissens und menschlicher Erfahrung
stehen, daß schon allein von dieser Positionierung innerhalb des Gesamtbaues
unseres Wissens her ihnen auch größere Allgemeingültigkeit zugesprochen
werden kann.

Die heutige Erkenntnislage sollte also zu einer Neu- und Aufwertung solcher
Kunstphilosophen wie etwa Friedrich Schiller oder Mathilde Ludendorff führen,
die die genannte Grenze des raumzeitlichen Denkens klar anerkannten aber nicht
an ihr innehielten oder umkehrten, sondern sie deutlich herausgestellt als Ausgangspunkt
ihrer Kunstphilosophie (und dann natürlich auch politischen Theorie!) wählten.
So dichtete Friedrich Schiller zum Beispiel den scheinbar widersinnigen (»paradoxen«)
Satz, entnommen seinem Gedicht »Worte des Wahns«:

»Was kein Ohr vernahm was die Augen nicht sahn, ist dennoch das Schöne,
das Wahre!«

Es sollte hierbei darauf hingewiesen werden, daß der philosophische [»Deutsche«]
Idealismus als eine bestimmte philosophische Denkrichtung und »Idealismus«
als eine lebenspraktische, geistige Haltung und Gesinnung zwei ganz unterschiedliche
Paar Schuhe sind. Dem »Deutschen Idealismus« als philosophischer
Richtung ist Friedrich Schiller keineswegs zuzurechnen.

Ergebnis: Angelika Willig liegt falsch!

Aus dem in dem vorliegenden Aufsatz erläuterten Argumentationsrahmen
sollte deutlich werden können, daß die eingangs angeführte pessimistische
Sicht Angelika Willigs (1) nur solange Allgemeingültigkeit für sich
beanspruchen kann, solang ein großer Teil der Bevölkerung und der
»aufgewachter« Denkenden einen der wesentlichsten Erkenntnisbereiche
unserer modernen Zeit in größerem Umfang der Nichtbeachtung anheimfallen
lassen.

Von jedem heutigen Zeitgenossen kann es anhand der naturwissenschaftlichen
Sachbücher einer durchschnittlich bestückten Buchhandlung oder in
Gesprächen mit Physikern, bzw. Physikstudenten überprüft werden:
Wer sich mit der modernen Physik redlich und mit einem recht ernsthaft-persönlichen
Anliegen auseinandersetzt, ist förmlich mehr oder weniger dazu gezwungen,
sich (endlich wieder) auf ein »Höheres« einzulassen.

Zumindest jedoch eigenen sich die modernen Naturwissenschaften keinesfalls
mehr als Grundlage für einen »Abschied von rechts« insofern
damit gemeint ist ein Abschied von allem »Höheren«, etwa von
»Gott, Vaterland oder zukünftiger Gesellschaft«. Um so früher
dieser Sachverhalt von um so mehr Menschen eingesehen wird um so besser wird
dies für unser Volk sein.


Schrifttum:
Diese Abhandlung ist die Zusammenfassung eines Seminars, das auf einer Akademie
der bündischen Jugend gehalten wurde. Es wird deshalb nur z. T. sehr pauschal
eine einführende Auswahl von Literaturbelegen gegeben. (Detaillierteres
findet sich unter: 10)

  1. Willig, Angelika: Abschied von Rechts. (Forum-Artikel) In: Junge Freiheit,
    16. Oktober 1998, S. 16
  2. Sokal, Alan: Experimente eines Physikers mit den Kulturwissenschaften. (Einleitung
    des Übersetzers: Niemann, Hans-Joachim: Die verleugnete Wirklichkeit.
    Ein Bericht über die Sokal-Affäre.) Weltnetz-Beitrag auf: www.sicetnon.cogito.de
    (Erlangen 1997)
  3. Weinberg, Steven: Sokals Experiment. In: Merkur, Jan. 1997, S. 30 – 40
  4. Sokal, Alan; Bricmont, Jean: Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne
    die Wissenschaften mißbrauchen. Verlag C.H. Beck, München 1999
  5. Ulmschneider, Peter: Ewige Wahrheiten? – Harte unumstößliche
    Gesetze. Zwei Leserbriefe aus New Scientist und Spektrum der Wissenschaft.
    Übersetzt, bzw. wiederabgedruckt in: Mensch und Maß, Folge 10,
    23.5.2000, S. 478 – 480
  6. Hartmann, Max: Die philosophischen Grundlagen der Naturwissenschaften. Erkenntnistheorie
    und Methodologie. Gustav Fischer Verlag, (2. Aufl.) Stuttgart 1959
  7. Fritzsch, Harald: Vom Urknall zum Zerfall. Die Welt zwischen Anfang und
    Ende. Piper-Verlag, (4. Aufl.) München 1987
  8. Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen. Piper-Verlag, München 1983
  9. Hawking, Stephen: »Wir alle wollen wissen, woher wir kommen.«
    Spiegel-Gespräch mit dem Astrophysiker Stephen Hawking über Gott
    und das Weltall. In: Der Spiegel (Titel) Nr. 42/1988, S. 246 – 270
  10. Leupold, Hermin: Philosophische Erkenntnisse in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft.
    Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution
    des Weltalls und des Bewußtseins. Herausgeber: Die Deutsche Volkshochschule
    e. V., 23845 Bühnsdorf 2001
  11. Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen
    in Alltag und Denken. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994
  12. Ludendorff, Mathilde: Des Menschen Seele. Ludendorffs Verlag, München
    1941 (Erstauflage 1923)
  13. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte
    des menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1977
  14. Davies, Paul: Die Urkraft. Auf der Suche nach einer einheitlichen Theorie
    der Natur. dtv-Sachbuch, München 1990

Erich Meinecke

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