Perspektiven der Erkenntnis

Teaser: Der Artikel befaßt sich mit den Möglichkeiten unserer Erkenntnisfähigkeit aus der Sicht der Naturwissenschaften und Philosophie. Er geht der Frage nach, ob sich ein "Höheres" - sei es Gott, Vaterland oder eine zukünftige Gesellschaft - mit den Möglichkeiten unserer Erkenntnisfähigkeit finden lassen.

Über Volk, Gott und Erkenntnistheorie aus der Sicht von Naturwissenschaft und Philosophie

Absteckung eines Argumentationsrahmens

In einem sehr grundsätzlichen Artikel der Wochenzeitung »Junge Freiheit« (1) wurde vor zwei Jahren von einem einheitlichen Gesichtspunkt aus die Lebenssituation und -einstellung jener Generation recht flott erläutert, die derzeit in die verantwortlichen Positionen von Staat, Gesellschaft und Familie einrückt. Es wurde in diesem Zusammenhang auch geäußert, daß man heutzutage »trotz Philosophiestudium« nichts »Brauchbares zur politischen Theorie der Rechten« mehr zu Papier bringen könne.

Die Autorin, Angelika Willig, Jahrgang 1963, ist selbst studierte und promovierte Philosophin und war die frühere verantwortliche Kultur-Redakteurin der »Junge Freiheit«. Ihr Urteil kann also durchaus mit einiger Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen werden. Die Schlußfolgerung dieses Urteils ist schon im Titel genannt: »Abschied von rechts«. Die Begründung für diesen persönlichen Abschied, der auch eine lebhafte Leserbrief-Reaktion hervorgerufen hat, hatte in dem Satz gegipfelt: »Auf ein ,Höheres', heiße es Gott, Vaterland oder zukünftige Gesellschaft ... lassen sich die Leute nicht mehr ein.« (1)

Da diese These, wie deutlich wurde, auf Erfahrung mit philosophischer Auseinandersetzung beruht, kann sie eigentlich auch nur von dieser Seite her wirklich substantiell entkräftet werden. Daß eine solche Entkräftung möglich ist, scheint gerade in heutiger Zeit noch naheliegender zu sein, als in früheren Zeiten, so paradox das klingen mag! Das aufzuzeigen bemühen sich die folgenden Ausführungen.

So »abgehoben« die folgenden Ausführungen vielleicht dem einen oder anderen »unbedarfteren« Leser streckenweise klingen mögen, so sollte doch nicht übersehen werden, daß sie sehr direkte Auswirkungen auf die konkrete Lebenssituation und -einstellung jedes einzelnen Karriere- oder sonstigen Menschen (ja, sogar jedes Politikers) haben können. Und zwar dies vor allem deshalb, weil sie im Einklang mit dem Standpunkt und dem Selbstverständnis der modernen Naturwissenschaften argumentieren.

Die Gesamtheit, Totale der menschlichen Erfahrungsmöglichkeit

In der klassischen griechischen Antike ist Philosophie einmal definiert worden als »logo di donai«, das heißt als »sich Rechenschaft geben über«, sich Rechenschaft geben über die allgemeinsten Fragen unseres Seins, unseres Lebens, unserer persönlichen, individuellen Situation und der Situation der Menschheit insgesamt in diesem Weltall und auf dieser Erde.

Von vielen Philosophen - besonders betont aber von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) - ist die These vertreten worden: Die Wahrheit ist das Ganze, kann nur das Ganze sein. Wenn ich nur Teilbereiche all dessen betrachte, was ich überhaupt betrachten kann, wenn ich nur Teilbereiche dessen betrachte, worüber ich mir überhaupt Rechenschaft ablegen kann, gerate ich in die Gefahr einseitiger Beurteilung, verzerrter Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Aus diesen beiden Gedanken kann die Schlußfolgerung gezogen oder Forderung aufgestellt werden, daß die Untersuchung der Herkunft, Qualität und Reichweite des menschlichen Erkenntnisvermögens immer und jederzeit parallel gehen muß zu dem, was von diesem Erkenntnisvermögen erkannt werden kann, was Gegenstand dieses Erkenntnisvermögens sein soll, also parallel gehen muß mit der Untersuchung der Gesamtheit, Totale der menschlichen Erfahrungsmöglichkeit.

Gefühle einer etwas tieferen Unruhe

Dies könnte als ein sehr hoher Anspruch verstanden werden. In welcher Weise aber kann er eingelöst werden? In der Regel werden zwei verschiedene Arten der Erkenntnisgewinnung unterschieden, die Erkenntnisgewinnung in den Naturwissenschaften und diejenige in den Geisteswissenschaften. In der tieferen Auslotung des Unterschiedes zwischen diesen beiden Arten der Erkenntnisgewinnung könnte der Schlüssel für die Lösung einiger wichtiger Fragen unserer Zeit liegen. Es ist also durchaus nicht ganz fernliegend, wenn - vor allem in den USA und Frankreich - in den letzten Jahren um diese Fragen erregtere Erörterungen in der Öffentlichkeit geführt wurden, wobei auch so gewisse Kratzer an dem Ansehen so mancher »postmoderner« (oder auch »existentialistischer«), »linker« Philosophen und ihnen folgender Literaten zurückgeblieben sind. (2 - 4)

Diese Erörterungen nahmen unter anderem von Gefühlen ihren Ausgangspunkt, Gefühlen einer etwas tieferen Erregtheit, einer etwas tieferen Unruhe, die nicht ganz unberechtigt zu sein scheinen, und die in Sätzen wie etwa dem folgenden artikuliert werden: »Während um uns herum eine überbevölkerte Welt aus den Nähten platzt, blutige Kriege toben, fanatischer Terrorismus sich breit macht, wachsende Arbeitslosigkeit und soziale Gegensätze unerträglich werden, lebenswichtige Ressourcen verschmutzen oder versiegen, behaupten nicht wenige Philosophen, daß es diese uns so sehr bedrängende Wirklichkeit, recht besehen, gar nicht gebe.« (2)

06.08.2019 © seit 04.2004 Erich Meinecke
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