Naturalismus: Ein Essay zur Naturalismuskritik

Der Naturalismus ist eine Philosophierichtung, die einen enormen Einfluss auf moderne Erkenntnistheorien - wie die Wissenschaftslehre - ausübt. Dennoch gibt es es auch zum Naturalismus Kritik, die ich im folgenden Artikel besprechen und reflektieren will.

Was ist Naturalismus?

Naturalismus NaturalismuskritikGrundlage einer naturalistischen Weltsicht sind die Naturwissenschaften und die Naturgesetze. Metaphysische und transzendente philosophische Positionen werden abgelehnt, ebenso sogenannte übernatürliche Phänomene. Insofern ist der Naturalismus an sich atheistisch und antireligiös.

In diesem Kontext ist der im nachfolgenden Essay beschriebene Naturalismus als „erkenntnistheoretischer Naturalismus“ zu verstehen.

Neben dem erkenntnistheoretischen Naturalismus werden in der Wissenschaftstheorie weitere Arten des Naturalismus (z. B. anthropologischer Naturalismus, ethischer Naturalismus, materialistischer Naturalismus, methodologischer Naturalismus etc.) beschrieben, welche grundsätzlich die gleiche philosophische Position einnehmen, jedoch in ihren Schlussfolgerungen je nach Wissenschaft unterschiedliche Aussagen machen.

Dem Naturalismus verwandte geistige Haltungen sind Materialismus, Realismus, Existenzialismus, Humanismus und andere mehr. Der Naturalismus wird - wie jede andere Philosophierichtung oder Erkenntnistheorie - kritisiert und bewertet. Daher will ich mich in diesem Essay einer Besprechung und Reflexion der Naturalismuskritik widmen.

Problem der Definition von "Naturalismus"

Eine kritische Bewertung des Naturalismus stellt die Kritiker vor das Problem, dass es keine exakte, umfassende Aussage über den Inhalt des Begriffs Naturalismus gibt. Allgemein wird Naturalismus als eine Weltsicht beschrieben, welche die Komplexität unserer Welt als das Ergebnis natürlichen Geschehens erklärt.

Insofern lässt sich der Naturalismus als allumfassendes, wegen seiner Vielfältigkeit jedoch als wenig aussagekräftiges Erklärungsmodell verwenden. Eine Methode, die alles erklärt, käme einer Weltformel gleich. Alle Versuche eine Weltformel zu konstruieren sind bis dato gescheitert. Berühmte Beispiele sind die Versuche von Albert Einstein und Werner Heisenberg.

Stephen Hawking, wohl der profilierteste Astrophysiker unserer Zeit, glaubte lange, dass es gelingen könne. Seine letzten Äußerungen dazu lassen jedoch Resignation erkennen. Die Vorstellung ein unwiderlegbares Welterklärungsmodell, eine "Welttheorie" finden zu können, muss sich als Illusion erweisen.

Weil eine eindeutige Definition des Begriffs Naturalismus scheinbar nicht zu formulieren ist, können sich kritische Aussagen über den Inhalt des Naturalismus immer nur auf Teilaspekte beziehen. Der Philosoph Wilfrid Sellars, der eine Position des naturalistischen Realismus vertrat, sagte, dass zur Beschreibung und Erklärung der Welt, die Naturwissenschaften das Maß aller Dinge sind.

Andere naturalistische Theorien erklären im gleichen Sinn, dass naturwissenschaftliche Methoden zur Erklärung der Welt philosophischen Theorien überlegen seien. Diese Behauptung ist jedoch nicht ausreichend gerechtfertigt, weil jede Wissenschaftstheorie, gleich ob naturwissenschaftlich oder geisteswissenschaftlich, ohne philosophische Reflexionen nicht erzeugt werden kann.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer auch philosophische Erkenntnisse. Neben der sachlichen Methodologie müssen beispielsweise Fragen zur Wahrheit und Ethik, neben weiteren philosophischen Fragestellungen behandelt werden.

Trennung oder Synthese von "Geist" und "Materie"?

Die Wissenschaft oder die wissenschaftliche Forschung insgesamt liefert eine allgemeine Erklärung der Welt so, wie wir sie heute sehen und soweit uns die Strukturen unserer Welt bekannt sind. Solange es noch Wesentliches gibt, das uns unbekannt ist, wie zum Beispiel die Unvereinbarkeit zwischen Relativitätstheorie und Quantenmechanik oder die völlig offene Frage was "Dunkle Materie" und "Dunkle Energie" sind und woraus sie bestehen oder was geschieht in einem "Schwarzen Loch" und andere unbeantwortete Fragen mehr, kann ein vollständiges unwiderlegbares Welterklärungsmodell nicht abgebildet werden.

Naturalismus Geist und MaterieDie Unwissenheit berührt auch Fragen zur "Philosophie des Geistes" und dort insbesondere die Schnittstelle zu den Naturwissenschaften, welche wiederum Fragen zum Monismus, wie zum Beispiel bei Roger Penrose oder zum Dualismus, wie zum Beispiel bei Erwin Schrödinger aufwerfen.

Verschiedene Naturalismuskritiker suchen Naturalismus fein säuberlich von der Philosophie des Geistes zu trennen und sehen den Geist als absolute, immaterielle Einheit. Nach den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Informatik, die experimentell bewiesen haben, dass Gedanken eine Form von Energie sind und diese einen Rechner in Aktivität versetzen können, ist diese Trennung mehr als fraglich geworden.

Trotz vieler unterschiedlicher Hypothesen ist in der Philosophie des Geistes das Leib-Seele-Problem, die Frage nach dem/den Verhältnis/sen zueinander, bis heute ungelöst. Naturwissenschaftler, Geisteswissenschaftler, Neurowissenschaftler haben zu diesem Problem Erklärungen abgegeben, ohne dass daraus eine unfalsifizierbare, allgemein akzeptierbare Theorie formuliert werden könnte. Bei diesem Thema scheiden sich in der Tat die Geister.

Dem Naturphilosophen ist dabei die Aussage von Roger Penrose am sympathischsten. Über die reine Sympathie hinaus stützt sich seine Erklärung auf die Logik der Naturwissenschaften und den Determinismus zwischen Geist und Körper. Geist/Seele ist nicht existent ohne Körper und Körper ist nicht existent ohne Geist/Seele.

Folglich findet der Geist sein Ende, wenn der Körper stirbt. Das wirft die Frage auf, was zuerst endet. Der Körper oder der Geist. Oder enden beide gleichzeitig? Dass die Seele, der Geist, weiterleben soll, ist eine Glaubensfrage und insofern in diesem Kontext nicht relevant. Was den Determinismus angeht, so kann man daraus schließen, dass Leib und Seele einen gemeinsamen Ursprung haben müssen.

In der modernen Philosophie wird auch der Standpunkt vertreten, dass man sich den aktiven Geist ohne seinen Körper vorstellen könne und alles, was vorstellbar sei, auch möglich oder gar existent sein könnte. Dagegen kann man einwenden, dass man sich in Gedankenexperimenten eine Vielfalt fantastischer Objekte und Situationen vorstellen kann, deren Realität jedoch als sehr unwahrscheinlich einzuschätzen ist, ohne sie kategorisch zu verneinen.

Der menschliche Geist ist allerdings auch in der Lage, surreale Gebilde zu produzieren, die mit den Naturgesetzen nicht vereinbar sind. So kann man sich beispielsweise fantasievoll ausmalen, dass König Friedrich II., dessen Standbild das Forum Fridericianum, Unter den Linden in Berlin begrenzt, plötzlich lebendig wird und in vollem Galopp das Brandenburger Tor durchquert, was man getrost als unmöglich bezeichnen kann.

Ab welchem Stadium entwickelt sich bei der Entstehung eines Menschen im Mutterleib Geist? Ab wann ist dieser sich entwickelnde Mensch "beseelt"? (beseelt, hier nicht im theologischen Sinn verstanden) Kann bereits im embryonalen Entwicklungsstadium eines Menschen von einem "geistigen Wesen" gesprochen werden? Ab welchem Entwicklungsstadium gilt der Mensch als Individuum oder Person?

Dies kann beispielsweise juristisch festgelegt werden, nicht jedoch absolut. Sicher scheint zu sein, dass ein Mensch ab einem bestimmten Entwicklungsstadium ein "geistiges Wesen" ist. Demzufolge wäre die geistige Entwicklung eines Menschen von einem bestimmten naturalistischen Entwicklungsstadium abhängig. Dieser Logik folgend wäre der Geist, die Seele, die Psyche, naturalistisch begründbar und keine "Substanz" im dualistischen Sinn. Der Tod an sich und der Prozess des Todes ist ein naturalistisch-materialistisches Naturgesetz. Der Geist ist nicht fähig dieses Naturgesetz zu ändern.

Damit unterliegen Leib, Geist und Seele den Naturgesetzen und müssen ursächlich naturalistisch sein. Aus dieser Weltsicht formuliert heißt das: Leib und Seele sind deterministische, dynamisch-energetische Strukturen aus der gleichen Materie.

Naturalismus und Wissenschaft

Eine von Gegnern des Naturalismus formulierte These, dass die naturalistische Weltsicht anderen Weltbildern oder Glaubensauffassungen argumentativ in keiner Weise überlegen sei, bezieht sich auf das Fehlen einer allgemein gültigen Wissenschaftsmethode. Methodenstreit als wissenschaftliche Auseinandersetzung wird aus verschiedenen Disziplinen berichtet. So zum Beispiel der "Positivismusstreit" im Diskurs über die am besten zielführende Vorgehensweise zu Theorien in den Sozialwissenschaften.

Naturalistische Argumentation bezieht ihre Inhalte aus der Kausalität physikalisch-chemischer Prozesse und dem systematisch reproduzierbaren Experiment oder anders formuliert, aus deduktiven Erkenntnismethoden, welche mit induktiven Methoden zu überprüfen sind. Diese Vorgehensweise wird als Methodenlehre der exakten Naturwissenschaften (Physik und Chemie) unter Einbeziehung der Mathematik bezeichnet. Neue, aufschlussreiche Argumentationshilfe für eine naturalistische Weltsicht liefert der Erkenntnisgewinn durch die Untersuchungen und Experimente innerhalb der Neurowissenschaften. Die naturalistische Argumentation bezieht demnach ihre Beweise aus Tatsachen und deren Schlussfolgerungen.

Ein Experiment ...

Mit dem folgenden gedanklichen Experiment soll versucht werden den Phänomenen Geist, Seele, Psyche auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, wo sich diese mentalen Gebilde verbergen und wie sie sich verhalten, wenn man sie erregt oder herausfordert und ihnen nachspürt. Das Experiment untersucht die geistigen, seelischen, psychischen Vorgänge eines Menschen in verschiedenen, alltäglichen Verhaltenssituationen.

Um seine "inneren Vorgänge" zu beobachten, wird in seinem Gehirn nachgeforscht. Dabei stelle man sich vor, ein Beobachter könne die geheimen Gehirngänge dieses Menschen durchstreifen, so, wie ein Naturforscher den Dschungel. Das zu untersuchende Objekt sei das Gehirn eines gewissen Herrn G., welcher gerade dabei ist, ein Buch zu lesen. Er ist in die Lektüre vertieft. Sie scheint sehr interessant zu sein.

Der Buchtext, den er mit den Augen aufnimmt, erzeugt Bilder in ihm. Diese Bilder setzen sich aus Situationen, Erlebnissen, Erfahrungen zusammen, welche Herr G. in seinem Leben "erlebt" hat. Sein Gehirn wäre nicht imstande Bilder aus Teilen zusammenzusetzen, die Herr G. noch nie gesehen hat und ihm vollkommen unbekannt sind. So kann sein Gehirn nur Bilder erzeugen, aus Begebenheiten, die auf seiner "internen Festplatte" gespeichert sind. Was das Gehirn nicht weiß, kann es nicht erzeugen, obwohl es keinen Augenblick im Leben eines Menschen gibt, in welchem sein Gehirn nicht dazulernt.

Auch Ideen zu entwickeln oder kreativ zu sein gelingt nur aus Bestandteilen, die bereits gewusst werden. Zu sagen, sein Gehirn "produziert" oder "erzeugt", ist nur umgangssprachlich akzeptabel. Vielmehr sind es energetisch-neuronale Abläufe in seinem Zentralnervensystem, welches sich in seinem Kopf und im Rückenmark befindet, ausgelöst durch Sinneseindrücke und Empfindungen, die auch als Wahrnehmungen bezeichnet werden. Der umherschleichende Beobachter im Gehirn des Herrn G. ist geradezu überwältigt, von den Abläufen und Vorgängen, die er sieht.

16.06.2016 © seit 10.2014 Horst Decker
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