Nahum Goldmann - Gestalter der jüdischen Geschichte im 20. Jahrhundert

Teaser: Nahum Goldmann war ein Staatsmann ohne Staat, der wie kein anderer die Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert prägte. Erfahren Sie in dem Artikel von Adelinde Bauer, wie er es schaffte das Schicksal eines zerissenen Volkes zu gestalten.

Von Adelinde Bauer

Nahum Goldmann war ein Staatsmann ohne Staat. Nicht nur, daß er in Jahrhunderten dachte, was er als Kennzeichen eines wahren Staatsmannes ansah, sondern er wirkte auch entscheidend und führend dabei mit, die politischen Verhältnisse der Völker und vor allem seines jüdischen Volkes völlig neu zu gestalten. In seinem spannenden Buch "Das jüdische Paradox" (1) gewährt er Einblick in sein Denken und Handeln und in das vieler Machthaber seiner Zeit.

Er war "herzeigen dem Volke" (2), seinem jüdischen, und zeichnete sich dadurch aus, daß er selbst immer wieder verwirklichte, was er von einem Staatsmann erwartete: Dieser "schaut zuerst auf die Ziele seiner Gegner, um gemeinsam mit ihnen einen annehmbaren Kompromiß zu finden."

"Ben Gurion warf mir eines Tages vor, ich sei ein ewiger Jude. Ich antwortete ihm, daß einige Menschen ihre Wurzeln in sich selbst tragen, ohne es nötig zu haben, sie in diesen oder jenen Boden zu verpflanzen ... dorthin, wo ich gehe, nehme ich meine Wurzeln mit mir. Ich passe mich sofort an ..."

Seine Wurzeln legten sein Großvater, ein Schriftsteller und Landarzt in Litauen, und drei Tanten in den ersten fünf Jahren seiner Kindheit in ihn, als seine Eltern aus dem "in Litauen wütenden zaristischen Regime" nach Deutschland gegangen waren, um dort zu studieren. In Frankfurt ließen sie sich endgültig nieder und holten Nahum zu sich.

Salomonische Weisheit von Pauli: "Ein Rabbiner lehrte mich privat die Bibel, und dieser Frieden, diese Freundlichkeiten und die Aufmerksamkeiten, die mich umgaben, verliehen mir ein Gefühl großer innerer Sicherheit ... Ich hatte im Laufe meines öffentlichen Lebens oft mit hochgestellten Persönlichkeiten zu tun, empfand aber zu keiner Zeit Unterlegenheit oder Schwäche ihnen gegenüber."

Und an anderer Stelle fügt er hinzu: "... ich bin nicht Zionist geworden, ich bin es immer gewesen." "Eines Abends", erzählt er aus seiner Frühkindheit in Litauen, "als meine Tanten mich ins Bett schickten, weigerte ich mich standhaft, mein Abendgebet zu sprechen. Man kann ein Kind dazu zwingen, diese oder jene präzisen Dinge zu tun, aber es kann nicht dazu gezwungen werden zu beten. Von diesem Tage an hatte ich instinktiv erfaßt, daß Religion eine freiwillige Aktivität sein muß oder aber nichts taugt."

Auch damit begründete er seine innere Unabhängigkeit, die ihm Gelassenheit verlieh und seine staatsmännischen Erfolge sicherte. "Ich selbst hörte mit 17 Jahren auf, in traditionalistischem Sinn religiös zu sein; das heißt, ich beachtete nicht mehr die Gesetze, ging nicht mehr in die Synagoge und nahm nicht mehr an den Feiertagen teil, außer natürlich am Jom Kippur, unserem Versöhnungsfest."

"Das jüdische Paradox"

Goldmann bezeichnet "das jüdische Volk (als) das paradoxeste der Welt", paradox hinsichtlich seiner Struktur, seiner Geschichte, seines Charakters, die sich von denen aller anderen Völker der Erde unterscheiden, paradox aber auch "in seinen Widersprüchen". "Während seiner 2000jährigen Geschichte hat der größte Teil des jüdischen Volkes außerhalb Palästinas gelebt", fern seines Ursprungslandes, mit dem es aber "gefühlsmäßig, religiös und durch rein mystische Bande" verbunden sei wie kein anderes Volk mit seinem Land.

Dennoch "denkt die breite Mehrheit des jüdischen Volkes nicht daran", jetzt, da es möglich ist, nach Israel zurückzukehren. "Weniger als 20% der Juden auf der Welt leben in Israel." Und heute erfahren wir sogar, daß viele Juden ihr Land wieder verlassen wollen.

Die Geschichte der Juden begänne schon außerhalb des Heimatlandes, im Exil in Ägypten, "als Moses sie heraus- und ins Gelobte Land führte". Nach der Zerstörung des "Ersten Tempels" sahen sich die Juden dann wieder im Exil, diesmal im babylonischen. Cyrus führte die Juden erneut heim, doch die Römer zerstörten den "Zweiten Tempel" und das "Königreich Judäa". "Damit begann eine Diaspora, die seit 2000 Jahren anhält." 1948 wurde der Staat Israel gegründet, der sich, wie wir täglich verfolgen können, wiederum in höchster Gefahr befindet.

Ein weiteres Paradox sieht Goldmann darin, daß die Juden einerseits "das separatistischste Volk der Welt" darstellten, andererseits "das universalistischste". Ihre separatistische Seite zeigten sie dadurch, daß sie sich jahrhundertelang in Ghettos von den nichtjüdischen Gastvölkern als "auserwähltes Volk" getrennt hielten, bis heute Mischehen verwürfen und "eine Mauer nach der andern" errichteten. Die letzte, heute zwischen Israel und Westjordanien im Bau befindliche, hat Goldmann nicht mehr erlebt. (3)

"Sie haben ihre Ghettos selbst erbaut ... Die Politik der Gojim ... interessierte sie nicht: diese Welt war ihnen fremd, und sie fühlten sich wie auf der Durchreise; eines Tages würde der Messias kommen und sie nach Israel mitnehmen." So "gelang es den Juden, das zu überstehen, was jedes andere Volk zugrunde gerichtet hätte."

GlobusDie universalistische Seite dagegen sei die religiöse: "die grandiose, beinahe undenkbare Idee eines einzigen Gottes für die gesamte Menschheit ist die geniale Erfindung des Judentums". Hier zeigt sich Goldmann hoch begeistert, weist aber mit seiner Wortwahl - unbeabsichtigt - auch schon auf die Absurdität dieses "Gottes" hin: Er ist eine "Erfindung". Nach Immanuel Kant und Mathilde Ludendorff ist geklärt, daß Gott ist, nicht aber erfunden, mit der Vernunft erfaßt, sondern nur im Ich der Menschenseele erlebt werden kann.

Weiterhin zeige sich das jüdische Volk widersprüchlich durch seinen Glauben an die eigene "Überlegenheit", "die in der klassischen Formel des auserwählten Volkes ausgedrückt" ist, und gleichzeitig dadurch, "so verbissen selbstkritisch" zu sein. "Es genügt, sich an die von Moses gegen sein Volk ausgesprochenen Verwünschungen nach dem Zwischenfall mit dem Goldenen Kalb oder an Stellungnahmen einiger früherer oder derzeitiger führender Repräsentanten wie Weininger oder Tucholsky zu erinnern; man würde bei keinem anderen als bei uns solche echten "jüdischen Antisemiten" finden."

Darin allerdings müssen wir ihm als Zeitzeugen des heutigen Deutschland widersprechen: Unser deutsches Volk läßt sich von keinem anderen Volk der Welt in seinem "deutschen Antigermanismus" übertreffen.

Gern und zurecht erinnert Goldmann dann noch an das Paradox, daß nach der jüdischen Emanzipation Juden als bedeutende Staatsmänner der Völker hervortraten. "Auch wenn sie es nicht zugeben wollen, bleiben sie immer mit dem Problem einer doppelten Gefolgschaft belastet. Ich habe den Vorzug gehabt, mehrere jüdische Staatsmänner wie Léon Blum, Henry Kissinger, Pierre Mendès-France, Bruno Kreisky und andere persönlich zu kennen, und bin sicher, daß, obwohl sie perfekte Patrioten in ihren jeweiligen Ländern waren und sind, ihre jüdische Herkunft sie beschäftigt hat ...

Sogar Disraeli selbst, Jude der Herkunft nach und als kleines Kind getauft, der der eigentliche Gründer des britischen Empire des 19. Jahrhunderts war, bewies eine gewisse Größe, als er zugab, daß das jüdische Problem für ihn existierte; seine Romane und seine Taten legen Zeugnis dafür ab."

Dasselbe gilt für Goldmann: "Frankfurt kannte keine Ghettos ... mit Begeisterung nahm ich ... die deutsche Kultur in mich auf. Noch heute ist sie meine fundamentale Kultur geblieben. Ich spreche 5 Sprachen fließend: englisch, französisch, hebräisch, jiddisch und deutsch. Ich verstehe italienisch und habe das Russische fast vergessen, da ich es zu wenig gesprochen habe. Ich bin sehr viel herumgereist, aber mein zweites Geburtsland ist Deutschland ... Ich konnte problemlos mein jüdisches Bewußtsein und meine Pflicht, dem jüdischen Volk mit meiner ganzen Energie zu helfen, mit meiner Anpassung an die deutsche Kultur in Einklang bringen."

"Während des Ersten Weltkrieges ... war für alle Juden in der Welt die Lage einfach: das zaristische Rußland war der schlimmste Feind der Juden und des Judentums - und die Deutschen kämpften gegen Rußland, also waren wir für die Deutschen." In eine Spezialabteilung im Außenministerium berufen, "die mit der Verbreitung deutscher Ideologiepropaganda im Ausland beauftragt war ... befand ich mich in einer kuriosen Situation: einerseits wurde ich als Feind betrachtet, der sich zweimal wöchentlich bei der Polizei melden mußte, andererseits gehörte ich zum Außenministerium und verfügte über einen deutschen Diplomatenpaß ... zu dieser Zeit hing das Schicksal der Juden ausschließlich von Deutschland ab: Litauen und Polen, mit einer jüdischen Bevölkerung von beinahe 14 Millionen Menschen, waren von den Deutschen besetzt; Palästina befand sich in den Händen der Türkei, aber die Türkei war mit Deutschland verbündet.

Die jüdische Abteilung wurde also geschaffen, und ich leitete sie bis Kriegsende. ... Bis zum Auftauchen Hitlers, der die Abteilung sofort auflöste, hatte somit das deutsche Außenministerium als einziges eine jüdische Abteilung gehabt."

Nicht nur in jener Zeit sah sich Nahum Goldmann selbst in einer paradoxen Lage, sondern so gut wie in seinem ganzen Leben, das er "der jüdischen Politik geopfert" habe, in dem er aber gleichzeitig "immer Zweifel gegenüber der zeitgenössischen jüdischen Politik" hegte. Er "leitete die wichtigsten jüdischen Organisationen" und zitiert einen amerikanischen Journalisten, der sagte, es sei Goldmann "gelungen, einer der Maßgebenden des jüdischen Establishments zu werden und gleichzeitig der Oppositionsführer dieses Establishments zu sein."

Auf dem Weg zum 2. Weltkrieg

Knapp entkam Nahum Goldmann 1933 der Gestapo, indem er sich in die Schweiz absetzte. In Genf bereitete er die mit seinem Freund Stephen Wise geplante Einberufung des Jüdischen Weltkongresses vor. Er "wollte, daß es auf internationaler Ebene einen jüdischen Widerstand gegen den Nazismus gab." Dieser Jüdische Weltkongreß zeigte sich unter seiner Präsidentschaft dann vor allem auch geeignet, die verschiedensten einander widerstreitenden jüdischen Organisationen unter seinem Dach zu vereinigen.

Da Goldmann zugleich Präsident der "Jewish Agency" war, konnte er nun in doppelter Funktion seine zionistischen Ziele bei der Mandatskommission und beim Völkerbund vertreten. Eine seiner ersten Taten für sein Volk in diesen Funktionen war, nach der Volksabstimmung im Saarland 1935, die die Rückkehr dieses Landesteils zu Deutschland brachte, 20 000 saarländischen Juden das Recht zu erwirken, "das Saarland mit ihrem Vermögen in französischen Francs verlassen zu können.

Aber die Kommission für das Saarland wurde von Italien geleitet, von Mussolini. Also traf ich mit dem Duce zusammen, der damals, so außergewöhnlich es auch scheinen mag, projüdisch und antinazistisch eingestellt war." Er versprach und hielt Wort, sich zu weigern, "die Wiedereingliederung des Saarlandes an Deutschland zu ratifizieren, solange die Deutschen unsere Bedingungen nicht angenommen hatten ... Natürlich fand dieses Treffen vor der äthiopischen Affäre statt, d.h. bevor die Alliierten Mussolini in die Arme Hitlers trieben."

Schon vor der Saar-Abstimmung war Goldmann mit dem sowjetischen Außenminister Maxim Litwinow, einem antizionistischen Juden, in Genf zusammengetroffen. Schnell einigen sich die beiden so gegensätzlichen Juden, daß die saarländische Juden-Frage nicht von ihnen selbst, sondern durch einen Nichtjuden (Goi) beim Völkerbund vorgebracht werden soll, sonst "werden alle dagegen sein", und wollen den britischen Minister Eden dafür gewinnen.

Litwinow ist für ein energisches Vorgehen gegenüber Eden: "Ich habe meine Erfahrungen gemacht, wenn Ihre jüdischen Weltorganisationen sich nachdrücklich äußern, müssen die westlichen Demokratien nachgeben." Goldmann entgegnet dem mit der Schilderung seiner kürzlichen Begegnung im Vatikan mit Kardinal Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., "der über die große Macht des internationalen Judentums sprach. Ich nahm es ihm nicht übel; er ist katholisch, was weiß er also von jüdischen Dingen. Daß aber Sie, Herr Litwinow, mit Ihrer jüdischen Intelligenz eine solche Bemerkung machen, ärgert mich wirklich."

Litwinow sieht ein, "eine dumme Bemerkung" gemacht zu haben, und uns Lesern ist es überlassen zu raten, für wie mächtig Goldmann die Judenheit denn wirklich hielt. "Wenn wir in den Gängen des Völkerbundes herumwanderten, versuchten die Journalisten, uns gemeinsam zu fotografieren, aber dann rannte Litwinow wie ein Hase, aus Angst, neben einem führenden Zionisten auf einem Foto gesehen zu werden."

Wie hätte er es sonst auch z.B. wagen können, mit einer 14köpfigen sowjetischen Delegation in Genf zu erscheinen, von der 11 Juden waren! "In den dreißiger Jahren bildeten die Juden die Internationale", erklärt Goldmann.

Nach dem Münchner Abkommen prophezeite Litwinow in einer Rede vor dem Völkerbund den bevorstehenden Krieg. Danach sagte er zu Goldmann: "Ich kehre heute nachmittag nach Moskau zurück und werde von dort aus keine Verbindung mehr mit Ihnen halten können. Hören Sie mir gut zu: wenn Sie eines Tages in den Zeitungen lesen, daß ich von meinem Posten als Außenminister zurückgetreten bin, werden Sie wissen, daß Stalin beschlossen hat, mit Hitler einen Pakt zu schließen. ... Aber nicht ich werde diesen Pakt unterzeichnen; denn Hitler wird dafür nie einen Juden akzeptieren. Wenn Sie also von meiner Demission erfahren, werden Sie daraus entnehmen, daß der deutsch-sowjetische Pakt zustande gekommen ist. Das bedeutet, daß es dann einige Wochen später Krieg geben wird ..."

Drei Wochen später erfuhr Goldmann, daß Litwinow zurückgetreten war, telegrafierte "sofort nach New York an Stephen Wise", daß in absehbarer Zeit der Krieg ausbrechen werde, und dieser "begab sich sofort zu Unterstaatssekretär Sumner Welles, einem Freund von Präsident Roosevelt", um zu berichten.

Der Krieg brach kurz danach aus, und Goldmann übersiedelte in die USA. Dort fand er die amerikanischen Juden zumeist als politisch "gescheitert". "Sie waren reich, fühlten sich mächtig und waren eifersüchtig." Ausnahmen bildeten z.B. Chaim Weizmann und Stephen Wise. Und nun kam Goldmann dazu, der für mehrere wichtige jüdische Organisationen die Verantwortung trug, hier "gewissermaßen Präsident der Präsidenten" war und als "Diktator des amerikanischen Judentums" bezeichnet wurde, was Goldmann aber "als leicht übertrieben" abtut. Den Einfluß von Wise schildert er als "erheblich. Er agierte schon hinter den Kulissen, als Roosevelt noch Gouverneur des Staates New York war."

06.02.2013 © seit 05.2006 Philognosie Team  
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