Metaphysik: Wie unser Weltbild und Erkenntnisfähigkeit sich gegenseitig bedingen

Teaser: Unser Weltbild ist eine Beschreibung der Welt. Erkennen können wir nur das, was unser Weltbild an Beschreibung zulässt. Wenn wir beobachtbare (reale) Phänomene nicht beschreiben können, ist das ein Indiz darauf, dass unser Weltbild zu einfach oder schlicht falsch ist. Lesen Sie in diesem Artikel, wie unsere Beschreibung der Welt (Weltbild) mit unserer Erkenntnisfähigkeit zusammenhängt.

Unsinnige Welt?

Weltbild und erkenntnisWir verstehen die Welt nicht, darum läuft so vieles schief. Unsere Hoffnung baut auf die Wissenschaft. Da gibt es immer wieder neue Impulse, wie jetzt der Physiknobelpreis 2011, der an drei US-amerikanische Astrophysiker gegangen ist, an Saul Perlmutter, Brian P. Schmidt und Adam Riess.

Diese Drei stellten beim Erforschen des Weltraums unabhängig voneinander fest, dass sich das Universum nicht nur ausdehnt, sondern - anstatt sich wie erwartet zu verlangsamen - in Wirklichkeit beschleunigt. Warum und mit welchen Konsequenzen weiß niemand. Dennoch revolutioniert es unser Weltbild.

Das reicht aber nicht, um die Welt zu verstehen, im Gegenteil, die Verwirrung wird nur noch größer. Doch gerade da liegt der Vorteil der Auszeichnung – jetzt steht fest: Unser Weltbild ist weniger geschlossen als man dachte. In der Kosmologie sind nun die Erkenntnisgrenzen so weit hinausgeschoben, dass auch andere Weltmodelle denkbar sind.

Experten sind auch wir

Schon lange bestimmt die Wissenschaft unser Weltbild. Sie ist aber nicht allein dafür zuständig. Zweifellos hat sie auf vielen Gebieten für Klarheit gesorgt. Dafür sind wir auch dankbar. Dankbar sind wir auch, dass jedem Menschen dieses Wissen zur Verfügung steht. Andererseits hat uns dieses Wissen auch vieles genommen, vor allem den festen Glauben an den Sinn der Welt und unseres Lebens.

Im Grunde können wir das der Wissenschaft allein nicht ankreiden. Wir selber schafften es nicht, mit den aufgedeckten Wahrheiten und erschlossenen Kräften sinnvoll umzugehen. Jetzt, wo es uns allen sozusagen an den Kragen geht, sollten wir uns aber daran erinnern, dass in Sachen Welt wir selber die eigentlichen Experten sind.

Wir haben die Verpflichtung, die erschlossenen Wahrheiten zu nutzen, damit wir der wahren Welt und unserem wahren Wesen näher kommen. In der Regel scheuen wir diese Arbeit, weil wir meinen, wissenschaftliches Wissen sei zu kompliziert. Was die Details betrifft, stimmt das auch. Es kommt aber auf die Resultate an, und die kann jeder verstehen.

Anfang ohne Ende

Faktisch war am Anfang der Schöpfung Energie die wirkende Kraft, aber bestimmt nicht die Ursache des Urknalls. Die Vernunft sagt: Wären die Kräfte vor dem Urknall im Gleichgewicht gewesen, wäre es nicht zur „Explosion“ gekommen. Die „Explosion“ am Schöpfungsanfang war keine Explosion wie wir sie kennen. Nach unserem Verständnis gehen Explosionen von einem bestimmten Zentrum aus und breiten sich in die Umgebung aus.

Unter dem als „Urknall“ beschriebener Schöpfungsanfang hingegen ist eine Explosion gemeint, die sich gleichzeitig überall vollzog und von Anfang an den gesamten „Raum“ ausfüllte. Dabei flog jedes Materieteilchen von allen übrigen weg. Man kann sich das vorstellen wie Punkte auf einem Luftballon, die sich voneinander entfernen, wenn er aufgeblasen wird.

Denkbar wäre, die Ursache könnte infolge eines verschobenen Gleichgewichts ein Zustand ungeheuren Drucks gewesen sein, der sich vor einem ungewöhnlichen Vakuum aufgebaut hat. Dadurch könnte der Schöpfungsprozess ausgelöst worden sein.

Die Wissenschaft nennt den Zustand vor dem Urknall „Supersymmetrie“. Den Anfang des Universums sieht sie als Übergang von der Supersymmetrie in eine atomisierte Asymmetrie. Den Weltraum bezeichnet sie als Vakuum, den die Evolution mit gebrochenen Symmetrien zu füllen begann. Bekannt ist, das „Füllmaterial“ waren in sich gegensätzliche Energiekombinationen, die sich aus einfachsten Verbindungen zu immer komplexer werdenden Formen bis hin zu Galaxien und lebenden Wesen entfaltet haben.

Die seit dem Urknall stattgefundene Komplexitätssteigerung beweist: Die Evolution gibt sich mit einfachem Füllen nicht zufrieden. Sie ist bemüht, die auseinanderstrebenden zerbrochenen Formen zusammenzutreiben, ganz so als wolle sie die verlorene Symmetrie wieder herstellen. Wir Menschen sind in dieser Hinsicht bereits gut gelungene Exemplare.

Wir sind so komplex, dass wir den Entwicklungsweg, angefangen von der Supersymmetrie bis hin zur heutigen Welt und ihrem Streben nach symmetrischer Ganzheit, sowie den Phasen des Scheiterns, denken können. Wir können auch feststellen, dass unser eigenes Streben, trotz aller Schwächen und allem Versagen, offensichtlich dem elementaren Streben nach Ganzheit folgt.

Fehler im System?

Der Vorschöpfungsdruck, kann man sagen, war Drängen in einen leeren Raum, oder besser gesagt, in ein Vakuum. Der „Raum“ aber war offenbar von einer Gegenkraft so lange verschlossen, bis die ominöse drängende Kraft die Oberhand gewann und dann mit explosionsartiger Gewalt das Vakuum zu füllen begann. Soweit so gut, wie aber erklärt sich die Zunahme der ausdehnenden Anfangsgeschwindigkeit? Druck allein kann es nicht gewesen sein.

Erwiesen ist, der Kosmos ist voller Materie, schätzungsweise 100 Milliarden Galaxien gibt es im All, die sich gegenseitig anziehen. Diese gewaltige, aber bislang ungeklärte Schwerkraft müsste logischerweise den Schub des Urknalls irgendwann so weit abbremsen, dass das Universum in sich zusammenfällt, sozusagen implodiert.

Die Untersuchungsergebnisse der genannten Nobelpreisträger legen aber das Gegenteil nahe: Die Expansion des Alls nahm im Laufe der Zeit nicht ab, sondern zu – ganz so, als ob eine geheimnisvolle Kraft die Galaxien auseinander triebe. Gibt es vielleicht zu der Gravitation eine entgegengesetzte Kraft, welche die kosmischen Massen anzieht, aber lange nicht in Erscheinung trat? Vermessungen des Alls ergaben, dass sich die Ausdehnungsgeschwindigkeiten bis vor etwa 7,5 Milliarden Jahren verlangsamten und danach wieder zunahmen.

In unserem Weltbild gibt es dafür keine Erklärung. Es sei denn, die Beschleunigung kommt von der unbekannten Dunklen Energie und Dunklen Materie (das ist die fehlende Energie- und Materiemenge, die es eigentlich geben müsste, um die Naturgesetze und nun auch die gesteigerte Beschleunigung erklären zu können.)

Wir kennen aber nur 5 Prozent von dem, was das All erfüllt. Wenn also in diesen 5 Prozent die Ursache nicht zu finden ist, dann sollte das Weltsystem untersucht werden. Wahrscheinlich haben wir eine falsche Vorstellung. Denn beim richtigen System wäre unsere Welt, ihr Anfang und ihr Ziel, nicht so rätselhaft – und unser eigenes Dasein auch nicht.

Unser Problem ist die Tradition

Das Weltbild war seit Menschengedenken rund und geschlossen. Rund sehen wir es auch heute noch, aber nicht mehr ganz so geschlossen. Göttliches war im Verständnis unserer Ahnen am Anfang der Welt und auch an ihrem Ende. Heute ist am Anfang der Urknall und am Ende ist, wie es anlässlich des Physiknobelpreises Bild der Wissenschaft fragend formuliert, ... „Feuer oder Eis?“

Anders sähe es bei einem schleifenförmigen Weltbild aus. Da wäre endloses lebendiges Fließen und endloser Austausch möglich. Nicht nur seit Einstein wissen wir, dass das absolut Größte ebenso wie das absolut Kleinste raumzeitlos ist. Beides also ist an diesem „Punkt“ identisch. Doch das allein reicht nicht, um das Weltsystem zu verstehen. Es macht die Welt scheinbar rund, erklärt aber nicht ihre Funktion.

Doch es muss eine Erklärung geben, weil ein Universum, für dessen Existenz und Funktionssystem es keinen einsehbaren Grund gibt, sinnlos wäre. Sinnlos wäre dann nicht nur das Weiterforschen, alles andere wäre auch sinnlos. Irgendwie also müssen wir unser Weltbild ändern.

Vielleicht kann bei diesem Dilemma die biblische Schöpfungsgeschichte einen kleinen Hinweis geben: (Mose 2-5). Da heißt es, „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“. Der Urheber dieser Geschichte wusste zwar nichts von moderner Wissenschaft, aber er hatte ein Gefühl für Elementares.

Wie der Autor der Genesis, so wissen auch wir, am Anfang war nicht nichts. Wir wissen, da war zuerst das Chaos, und über oder vor diesem müsste nach den Regeln der Vernunft eine impulsgebende Macht gewesen sein. Der Autor nennt sie „Gott“. Insofern ist dieser Text zwar kryptisch, aber nicht dumm.

Er würde zu einer Welt mit einem raumzeitlosen Punkt passen, allerdings nur, wenn dieser ihr Zentrum wäre. Dann wären nämlich alle Informationen in diesem Zentrum enthalten. Auf dieses träfen dann Attribute wie raumzeitlos, supersymmetrisch, ewig und omnipräsent zu. Insofern könnte man diesen Punkt tatsächlich „Gott“ nennen.

Tot oder lebendig?

Wenn unsere Welt aber die einzige ist, dann ist sie ein geschlossenes System. Und der raumzeitlose Punkt ist ein toter Punkt. Von ihm ist kein Gott und keine strukturierende Kraft zu erwarten. Wäre sie hingegen ein offenes System, dann müsste es noch mehr Welten geben, mit denen unsere Welt kraft des raumzeitlosen Punktes in Verbindung steht.

Der raumzeitlose Punkt wäre dann sowohl Zentrum der Welt als auch des totalen Seins – als solcher wäre er nicht tot. Prinzipiell könnte dieses System mit unserem eigenen Wesen verglichen werden. Da ist das Zentrum auch immateriell bzw. raumzeitlos. Deshalb können wir in Kontakt mit der Welt sein. Deshalb sind wir auch in der Lage das Nichts und alles andere („Gott“ auch) denken zu können.

Hinzu kommt noch ein für uns bedeutender Umstand: Weil unser Wesenszentrum mit dem Zentrum der Welt und ihrem System identisch ist, ist es in seiner Abstraktheit nicht nur hochkomplex, sondern auch ewig existent. Die Konsequenz daraus wäre: Sterben wird zwar der Körper, doch unser Wesen bleibt.

Zur Gottähnlichkeit des Menschen gibt es auch bei Moses einen Hinweis. (1. Mose 1,26) Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

Und zum Tod heißt es bei Markus: (Mk 9,43-48) Wenn dich dein Auge zum Abfall verführt, so wirf's von dir! Es ist besser für dich, daß du einäugig in das Reich Gottes gehst, als daß du zwei Augen hast und wirst in die Hölle geworfen, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlöscht. Heute weiß man, in Genen und elektromagnetischen Feldern ist das Wesen des Menschen gespeichert. Was davon Substanz hat bzw. was der Realität entspricht, das hat Bestand. Alles andere löst sich in zusammenhanglose Energieformen auf. Das wäre dann ein zweites Sterben.

Auch das war in früheren Zeiten nicht unbekannt. In der Offenbarung des Johannes ist von einem zweiten Tod die Rede: (Offb 20,14) Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl. Feuriger Pfuhl, das passt zur puren Energie mit ihren komprimierten Daten.

Aus der Psychologie wissen wir: Im Unterbewusstsein ist der ganze Organismus und das persönliche Leben mit allem Tun und Lassen gespeichert. Das ist gewissermaßen der innere Mensch. Die Biologie weiß, dass alle Lebewesen Spuren aus der ganzen Entwicklungsgeschichte ihrer Art in ihren Genen tragen. Und die Quantenphysik weiß, dass Quanten nichts vergessen.

Logische Folge all dessen wäre: Wenn der grobstoffliche Körper stirbt und den feinstofflichen Menschen nicht mehr tragen kann, dann besteht die Chance, dass der feinstoffliche Mensch von den gespeicherten Daten der Realität getragen wird. Der materielle Körper verschwände dann im ewigen Kreislauf der Energie, nicht aber der wesenhafte Mensch.

Kreis kontra Schleife

Wie gesagt, unser Weltbild ist kreisförmig und unverständlich. Vieles aber, was heute erwiesen ist, weist eher auf ein schleifenförmiges Weltsystem hin, ganz besonders die jetzt entdeckte Beschleunigung im Kosmos. Doch für diese Beschleunigung gibt es keinen Anhaltspunkt. Es sei denn, die Impuls gebende Kraft des Anfangs hätte eine doppelte Wirkung, nämlich eine abstoßende und zugleich eine anziehende.

Das wäre aber bei einem kreisförmigen System undenkbar. Hingegen würde es zu einem schleifenförmigen System passen. Wenn nämlich die abstoßende Kraft nur leicht im Verhältnis zur anziehenden überwiegt, endet nicht alles im Anfangspunkt, sondern gerät in veränderter Form über diesen Punkt hinaus. Es endet also nicht im Kreis, sondern setzt sich in anderer Form, z. B. in Schleifenform, fort.

Stephen Hawking schreibt in seinem berühmten Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ (Rowohlt): Warum sollte es so viel mehr Quarks als Anti­quarks geben? Warum gibt es nicht von jeder Sorte eine gleiche Anzahl? Jedenfalls können wir uns glücklich schätzen, dass die Zahlen ungleich sind, denn wären sie es nicht, hätten sich im frühen Universum fast alle Quarks und Antiquarks gegenseitig vernichtet und ein Universum voller Strahlung, aber fast ohne Materie zurückgelassen. Dann hätte es keine Galaxien, Sterne oder Planeten gegeben, auf denen sich menschliches Leben hätte entwickeln können“.

Stephen Hawking und die neuen Physiknobelpreisträger können sich freuen. – Mit dem Beweis der Ausdehnungsbeschleunigung des Universums ist die Chance gestiegen, den Weg zu einem besseren Weltsystem zu finden.

29.11.2011 © seit 11.2011 Heinz Altmann
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