Martin Bubers politische Schriften

Martin Buber (1878-1965) unterrichtete an der Universität Frankfurt am Main von Dezember 1923 - 1933 Religionswissenschaft und jüdische Ethik (Wehr 138) oder jüdische Philosophie (Gethmann-Siefert 354). Er legte seine Honorarprofessur wegen der Machtergreifung der Nationalsozialisten nieder, welche ihm im Februar 1935 verboten, sich öffentlich zu betätigen.

1938 emigrierte Buber nach Palästina und unterrichtete bis 1951 Philosophie und Soziologie (MEL 846) oder Sozialphilosophie (Wehr 138) oder Religionssoziologie (Gethmann-Siefert 354) an der Hebrew University in Jerusalem. 1958 starb seine Frau Paula. 1961 schloß er die Bibelübersetzung ab, die er 1925 zusammen mit Franz Rosenzweig (1886-1929) begonnen hatte.

Die Texte des von Abraham Melzer herausgegebenen Sammelbands mit Martin Bubers "Politischen Schriften", den ich hier zusammenfassend wiedergebe, hat der Autor selbst ausgewählt.

Martin Mordechai BuberDas Judentum fordert laut Buber "Recht und Wahrheit zwischen den Völkern" (S. 42). Den Imperialismus lehnte er ab. Buber meinte, nur die arabischen Großgrundbesitzer hätten die Balfour-Deklaration (1917) zurückgewiesen, mit der der britische Außenminister den Juden die Gründung einer "nationalen Heimstätte" (national home) zusagte (MEL 3/403).

Die Juden hätten versäumt, "den Fellachen klarzumachen, daß sie von der jüdischen Einwanderung eine Hebung ihrer Lebenshaltung zu erwarten hatten" (S. 43f). Die Verwaltung Palästinas sei nur auf die Sicherung der Gegenwart, nicht auf die Vorbereitung der Zukunft bedacht gewesen. Sie hätte die Juden schikaniert und die Palästinenser aufgehetzt, was zum Pogrom von Jerusalem (1920) geführt habe.

Buber war nichtmarxistischer Sozialist. Er meinte damit das "messianische Ideal, das eine spätere Zeit […] verkleinert, verendlicht und Sozialismus genannt hat" (S. 256). Dem modernen Sozialismus schrieb Buber "zwei psychologische Quellen" zu: die auf Platon zurückgehende "kritische Einsicht in die Wesenheit des Zusammenlebens von Menschen" und das jüdische "Verlangen nach einem reineren, schöneren, wahrhafteren […] Zusammenleben" (S. 273). Den dirigistischen Sozialismus "von oben" lehnte er zugunsten eines spontanen "Sozialismus von unten" ab, "der aus dem wirklichen Leben der Gesellschaft herauswächst" (S. 217).

Buber, der den "Ursprung des modernen Nationalismus […] in der französischen Revolution" sah (S. 47), wollte die asiatischen Völker befreien und sie "von der Besessenheit des falschen, machtgierigen, aggressiven Nationalismus erlösen" (S. 46). Den Willen zur Macht hielt er für "problematisch", wenn er "nicht die Auswirkung einer 'von selber' entstandenen inneren Macht" ist, "sondern die Erlangung […] von Macht erstrebt". Wer nicht mächtig, sondern mächtiger als jemand anders sein wolle, werde "zerstörerisch. Nicht die Macht, die Machthysterie ist böse" (S. 48).

Volk, Nation und Nationalismus beschrieb Buber gleichnishaft: "Volkstum ist, wie wenn man einfach sehkräftige Augen im Kopf hat; Nation, wie wenn man deren Tätigkeit fühlen, um ihr Amt wissen gelernt hat; Nationalismus, wie wenn einem die Augen erkrankt sind und er sich nun dauernd mit der Tatsache befaßt, daß er Augen besitzt. Volk ist, ein Phänomen des Lebens; Nation […] eins des Bewußtseins, Nationalismus eins der Überbewußtheit" (S. 50).

Durch den Exodus aus Ägypten sei das Judentum zum Volk, durch das Königtum zur Nation geworden. Die "Grenze zwischen dem rechtmäßigen und dem unrechtmäßigen Nationalismus" (S. 51) leitet Buber "aus der Erkenntnis der übernationalen Verantwortung" ab (S. 52). Dem "Herrschaftsnationalismus" (S. 57) stellt er einen Nationalismus gegenüber, der "kein fremdes Recht beeinträchtigen" will (S. 58). Er betrachtet die Zusammenarbeit zwischen Palästinensern und Juden als einzigen "Weg, der zum Heil des Landes und seiner beiden Völker führen kann" (S. 59).

Der Konflikt in Palästina sei durch drei miteinander unvereinbare Versprechen der Briten entstanden, die James Ramsay MacDonald (1866-1937) so zusammenfaßte:

1. Wenn die Araber den Briten im Krieg helfen, bekommen sie "'ein arabisches Reich'".

2. Die Juden bekommen "'Palästina als Heimstätte'".

3. Syrien, Palästina und Mesopotamien werden "'zwischen England und Frankreich aufgeteilt'" (S. 62).

Dazu kam noch MacDonalds Befürchtung, "'daß gewisse Kreise sehr darauf aus sind, den Haß zwischen den Arabern und den Juden zu schüren'" (S. 63).

Arthur Ruppin (1876-1943), der Gründer des Studienkreises Brit Schalom (Friedensbund), erklärte 1925 auf dem 14. Zionistenkongreß in Wien, Palästina werde unter dem Mandat der Briten ein Zwei-Völker-Staat sein, in dem Juden und Araber gleichberechtigt sein sollten.

Als Weg zu einer Kooperation zwischen Juden und Arabern betrachtete Buber eine "auf die Erschließung, Entfaltung des ganzen Landes, auf die Interessen auch der eingesessenen Bevölkerung" ausgerichtete Politik (S. 77).

Er kritisierte, daß die Juden zu wenig über die Araber und den Islam wüßten. Er meinte, die Juden würden zwar zwischen Arabern und arabischen Banden unterscheiden, doch er traute es den Arabern nicht zu, zwischen Juden und jüdischen Terroristen zu unterscheiden. "In Australien sind aus deportierten Verbrechern Menschen von sozialem Verantwortungsgefühl geworden, in Zion sind aus Menschen, die unter heiliger Fahne herkamen, Verbrecher geworden. Und wir tragen an diesem Verbrechen mit" (S. 153).

Dieses Verbrechen ist nicht nur physischer Natur: Die Israelis machten die Araber zu zweitklassigen Bürgern. "Der Jude hat seine Suche nach seiner Identität als Israeli gefunden – auf Kosten der Vernichtung der Identität des Palästinensers. Das ist einfach die Feststellung einer Tatsache – der Stacheldraht, der uns trennt" (S. 222).

Was sich von der Aufgabe des Zionismus sagen lasse, sei, "daß es hier nicht um personhaftes Leben und nicht um geistiges Leben, sondern um Gemeinschaftsleben geht" (S. 71). Der Zionismus sei ein "Streben nach Regeneration". Die jüdische Einwanderung in Palästina und das "Streben nach Selbständigkeit" seien nur Mittel zu diesem Zweck (S. 194). Die Juden hätten ein dreifaches Recht auf Palästina: 1. durch ihre Verbundenheit mit dem Land durch die messianische Hoffnung; 2. durch ihre produktive Tätigkeit in dem Land; 3. durch die Entstehung eines Neuen in dem Land, indem sie ihre ursprüngliche Aufgabe wiederaufnehmen.

Doch Buber war sich dessen bewußt, daß die Juden den Arabern durch ihre Einwanderung Unrecht tun: "Vergegenwärtigen wir uns, daß wir in Palästina wären und die anderen kämen zu uns, dann werden Sie verstehen, was das heißt." Aber auch das schränkte er ein: Die Juden wollen nur soviel Unrecht tun, als lebensnotwendig ist. "Leben heißt Unrecht tun. Atmen, sich ernähren, wachsen, alle organischen Funktionen des Lebens schließen Unrecht ein" (S. 75).

Hans Kohn schrieb 1929 dementsprechend, daß der Zionismus nur auf der Basis sittlicher Fundamente eine Zukunft habe. "Sind die Mittel Lüge und Gewalt, kann das Ergebnis nicht gut sein" (S. 83). Sie werden laut Buber "das geschichtliche Los alles Falschen erfahren" (S. 539). Zion dürfe nur auf der Grundlage der Gerechtigkeit aufgerichtet werden. Es gelte, die Ansprüche von Juden und Arabern miteinander zu versöhnen. "Unter einem echten Frieden verstanden und verstehen wir, daß die beiden Völker gemeinsam das Land bewirtschaften sollen, ohne daß eins dem andern seinen Willen aufzwingen darf" (S. 100).

Nur die Wahrheit könne irgendwelche Lösungen bringen. Wer sich auf List verlasse, verfalle auf die "falschen Mittel" (S. 114). Wer um des Guten willen betrüge, vergifte und zersetze das Gute. Der Weg müsse dem Ziel "in seinem Wesen gleichen" (S. 539). "In jeder Phase und in jeder Situation, immer kann man etwas tun, das uns der Wahrheit näher bringt, und auf irgendeine Weise die nächste Stunde und die Art der nächsten Situation bestimmt" (S. 114). Man dürfe nicht verzweifeln und seine Zuflucht in einem "Fiktionsrausch" suchen (S. 171). "Meine Ethik ist eine Exekutive meiner Religion: der Wille, die Macht Gottes auf Erden zu mehren und die Macht des Übels zu mindern" (S. 495).

Die Teilung Palästinas lehnte Buber ab; er hielt sie für einen Ausdruck von "Minimalzionismus" (S. 136) und meinte, ein kleiner Judenstaat sei nationaler Selbstmord. Wenn nicht beide Seiten hätten politisch mehr durchsetzen wollen, als sie wirklich brauchten, wäre eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern möglich gewesen.

Als Alternative befürwortete Buber eine vorderasiatische Föderation, bei der "jedem der beiden Partner die volle nationale Autonomie gewahrt bleibt" (S. 235). Voraussetzung dafür sei ein echtes Gespräch, "in dem sich gegenseitige Aufrichtigkeit und gegenseitige Anerkennung verbinden" (S. 236).

Unter Religiosität verstand Buber "das stets neu werdende, stets neu sich aussprechende und ausformende, das staunende und anbetende Gefühl des Menschen, daß über seine Bedingtheit hinaus und doch mitten aus ihr hervorbrechend ein Unbedingtes besteht, sein Verlangen, mit ihm lebendige Gemeinschaft zu stiften, und sein Wille, es durch sein Tun zu verwirklichen und in die Menschenwelt einzusetzen" (S. 293).

Bei der Jugend kritisierte Buber, daß sie kein Vertrauen in den Geist habe. Man müsse in ihr die Bereitschaft erwecken, "der Berührung des Unbedingten standzuhalten" (S. 345).

Schlimmer noch, als Gott nicht standhalten zu können, sei es, ihm nur scheinbar standzuhalten. "Zum Schein nicht etwa bloß vor den andern, sondern vor sich selber." Wer Gott psychologisiere, irre schwerer ab, als wer ihm ausweiche. "In den Ausgewichenen kann doch noch irgendwie die Religiosität eindringen, in den dem Schein Verfallenen nicht. Man kann auf eine religiöse Weise Rationalist, Freidenker, Atheist sein; man kann nicht auf eine religiöse Weise Erlebnissammler, Stimmungsprotz, Gottschwätzer sein" (S. 346). Im Sozialen gilt dasselbe: "Schlimmer als die Nichtverwirklichung der sozialen Idee ist die Scheinverwirklichung" (S. 566).

Judentum bedeute, "als Volk auf den Weg Gottes bezogen zu sein" (S. 199). Von Jesus grenzte sich Buber ab: Er hätte sich weder seinen Henkern noch seinen Jüngern angeschlossen. Begründung (im Hinblick auf Mt 5,39): "Denn ich kann mir nicht verbieten lassen, dem Übel zu widerstreben, wo ich sehe, daß es daran ist, das Gute zu vernichten" (S. 105).

Das Christentum habe die Elementarkräfte überwinden wollen, die das Judentum heilige. Im übrigen sei das Urchristentum eine jüdische Angelegenheit gewesen. "Die Gottestore sind offen für alle. Der Christ braucht nicht durchs Judentum, der Jude nicht durchs Christentum zu gehen, um zu Gott zu kommen" (S. 693).

Zum Antisemitismus bemerkte Buber 1933, am fruchtbarsten von allen Beziehungen der Juden zu anderen Völkern sei die zu den Deutschen gewesen. 1939 schrieb er: "Was elementarer Judenhaß ist, […] das sah ich in Polen, in Deutschland habe ich es nicht gesehen. Daß der Apparat programmgemäß gegen die Juden arbeitet, das ist kein besonderes Problem" (S. 739).

Europa brauche die orientalische Religiosität. Ihm fehle trotz seines Wissens der Sinn, trotz seiner Disziplin der Weg, trotz seiner Kunst das (göttliche?) Zeichen, trotz seines Glaubens der Gott. "Was ihm fehlt, kann nicht die Einheitsfunktion sein, all sein Denken wurzelt in ihr; es kann nicht die Symbolfunktion sein, all sein Bilden kommt aus ihr her; es kann nicht die Kraft des Aufbaus sein. Was ihm fehlt, ist die Ausschließlichkeit der Kunde vom wahrhaften Leben" (S. 285).

Es sei die Aufgabe der Juden, anderen Völkern "in der Verwirklichung der Wahrheit" voranzugehen (S. 366). Ihre Auserwählung bedeute ein Gefühl der Bestimmung, nicht der Überlegenheit. Wer sich darauf etwas einbilde anstatt ihm zu folgen, verliere es. Wer weniger wolle, als ihm bestimmt sei, verfehle auch das. Jüdische Ideen wollen "nicht anerkannt, sondern geübt werden" (S. 503).

Die "Vollendung des Judentums" sei der Chassidismus (S. 387). Er sei allerdings entartet und habe "die Erstarrung des Volksgeistes" nicht lösen können (S. 497). Nur wer sich Gott ohne Erwarung hingebe, werde von ihm gesegnet.

© Gunthard Rudolf Heller, 2016

Literaturverzeichnis

BUBER, Martin: Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 91984

  • Das dialogische Prinzip, Gütersloh 102006
  • Politische Schriften, Frankfurt am Main 2010

BUBER, Martin/ROSENZWEIG, Franz: Die Schrift, 4 Bände, Stuttgart 1992

GETHMANN-SIEFERT: Martin Buber, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hg. v. Jürgen Mittelstraß, Stuttgart/Weimar 2004, Bd. 1, S. 354f

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)

SCHÄUBLE, Martin/FLUG, Noah: Die Geschichte der Israelis und Palästinenser, München 2013

SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986

SCHLIWSKI, Carsten: Geschichte des Staates Israel, Stuttgart 2012

WEHR, Gerhard: Martin Buber mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek bei Hamburg 1989

02.01.2017 © seit 11.2016 Gunthard Heller

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