Macht und Religion: Krieg im Namen des Allmächtigen

„Wir erleben, daß sich immer mehr Menschen auf der Welt um ein großes Zentrum scharen – und das ist Gott, der Allmächtige“, schreibt Irans Präsident Mahmud Ahmedinedschad Anfang Mai 2006 an US-Präsident George W. Bush und fragt ihn: „Möchten Sie sich ihnen nicht anschließen?“ (1)

George W. Bush

Weiß er denn nicht, wie eng verbunden sich Bush dem Allmächtigen fühlt? Der Allmächtige hat sogar eine ganze Bewegung in den USA, His Own Country, ins Leben gerufen, die der „Evangelikalen“, und sie inzwischen zu einer Anhängerschaft von 80 Millionen US-Bürgern und ­Bürgerinnen anschwellen lassen, Tendenz steigend. Weltweit soll es bereits 250 Millionen Evangelikale geben. Diesen von „Gott Erleuchteten“ ist Jesus in einem bestimmten Augenblick ihres Lebens leibhaftig erschienen und hat sie nach ihrem bisher sündigen Lebenslauf erweckt, zu höherer Moral geführt und somit wiedergeboren, so wie Er Bush jun. vom Alkoholiker und gescheiterten Geschäftsmann zum Präsidenten der einzigen Weltmacht auf Erden werden ließ.

Jesus Statue Nun ist Bush wie alle Wiedergeborenen berufen, als Werkzeug des Allmächtigen die Welt politisch in Seinem Sinne zu gestalten. Denn nichts ist dringlicher, als die Prophezeiungen und Wünsche des Allmächtigen zu erfüllen, wie sie in der Bibel nachzulesen sind und wie viele der Erweckten sie in ihrer Begeisterung auswendig gelernt haben. Wortwörtlich, ohne jegliche Auslegung sollen sie nach Überzeugung und Willen dieser Wiedergeborenen in die Tat umgesetzt werden.

So wird am nicht mehr fernen Weltenende Jesus in der Schlacht von Armageddon mit dem Satan ringen. „Sobald der letzte Baum gefällt ist, wird Christus wiederkehren“, verkündete Minister Watt vor aller Öffentlichkeit, nachdem er zuvor schon im Plenum des US-Kongresses den „Schutz der natürlichen Recourcen … angesichts der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Jesu Christi“ für „unwichtig“ erklärt hatte.

Das lesen wir bei Barbara Victor, die zahlreiche Interviews mit vielen Führungspersönlichkeiten des In- und Auslandes geführt und umfangreiches Schrifttum herangezogen hat zu ihrem Buch Beten im Oval Office. (2)

Wie sich wirklich schon jetzt alles erfüllt, ist am Kampf Israels mit dem Bösen, den Palästinensern und anderen moslemischen Völkern, ersichtlich, die um den Judenstaat herum leben und ihn bedrohen. Denn das auserwählte Volk des Allmächtigen ist dabei, das im Alten Testament ihm zugewiesene Land einzunehmen.

Wenn es das mit Hilfe all der evangelikalen und der anderen Christen, auch der den Holocaust sühnenden, vor allem mit deren Milliardenspenden an Geld und Waffen geschafft haben wird, werden „die Legionen des Antichristen angreifen, und die letzte Schlacht im Tal von Armageddon beginnt. Die Juden, die bis dahin noch nicht zum Christentum übergetreten sind, werden grauenvoll umkommen, wohingegen die wahren Gläubigen in den Himmel auffahren und in alle Ewigkeit an der Seite Jesu Christi sitzen werden.“ (3)

So war des US-Präsidenten Bush „Einmarsch in den Irak nur der Beginn eines in der Bibel prophezeiten Krieges gegen den Islam und damit ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Erlösung.“ – „Jesus Christus lebt, weil Er von den Toten auferstanden ist“, sprach im Jahr 2003 der Sohn des weltweit bekannten Massenpredigers Billy Graham, Franklin Graham, als Ehrengast beim Freitagsgottesdienst im Pentagon zu Soldaten und Zivilangestellten. Der amerikanischen Journalistin Barbara Victor erklärte er: „Die Operation Iraqi Freedom ist ein Glückstreffer für Jesus. Wir gehen dorthin, um den Irakern in Liebe unsere Hand zu reichen und sie zu erretten.“

Als am 13.12.2003 Saddam Hussein in Tigris festgenommen war, soll George W. Bush nach Benachrichtigung seiner engsten Berater die ersten fünf Anrufe an seinen Vater, Billy und Franklin Graham, Justizminister John Ashcroft und seinen Gemeindevorsteher von der United Methodist Church in Dallas gerichtet haben. Zwanzig Minuten später rief er mit „Ashcroft an seiner Seite und den drei Predigern in einer Konferenzschaltung seine Eltern erneut an. Als alle zugeschaltet waren, bat Präsident George W. Bush Reverend Franklin Graham, als Vorbeter zu agieren.

Der Präsident und der Justizminister knieten im Oval Office nieder und senkten den Kopf, während Graham betete: „Jesus, diese Mission trägt Deine Handschrift, und es ist Dein Werk, o Herr, daß das Böse, das Saddam Hussein verkörpert, der Gerechtigkeit zugeführt wird. Im Namen Jesu Christi danken wir Dir für dieses großartige Geschenk, das Du dem rechtschaffenen Volk der gesegneten Vereinigten Staaten von Amerika gemacht hast.“ (4)

Die Frage Ahmedinedschads, ob Bush sich nicht in die Scharen um den Allmächtigen einreihen wolle, ist somit beantwortet: Bush ist längst unter ihnen. Auch der US-amerikanische Generalleutnant William Boykin gehört zu ihnen. Allerdings macht der einen klaren Schnitt zwischen Jahweh und Allah. Dieser sei ein Götze, jener aber ein wahrer Gott. „In Zeiten wie diesen sind wir in einer Armee Gottes“, wird er in der Los Angeles Times (16.10.03) zitiert. So haben „evangelikale Vorstellungen über einen besonderen Bund Gottes mit dem amerikanischen Volk einen quasi religiösen Nationalismus gefördert.“ Selbst der orthodoxe Jude und demokratische Senator aus Connecticut Joseph Lieberman sagte 2004: „Wir sind jetzt alle Evangelikale.“ (Victor)

„Lobet den Herrn!“ riefen die etwa zweihundert Menschen vor Pastor Ron, als er seine Predigt in ein „ohrenbetäubendes Crescendo gesteigert hatte“, und „wiegten ihre Leiber hin und her und vor und zurück, zuckten und zitterten, schrieen, hüpften auf und nieder, warfen die Hände in die Luft und schüttelten die Finger“, ja fielen am Ende der Veranstaltung gar in Ohnmacht. Als sie auf Wunsch der anwesenden Autorin Victor gefragt wurden: „Wer ist der Teufel?“, lautete die einmütige Antwort: „Moslems, Araber, Terroristen, die Amerikaner töten.“ Und auf die zweite Frage: „Ist George W. Bush ein guter Präsident?“ kam prompt die wiederum einmütige Antwort: „Von Gott gesegnet!“

Die Evangelikalen und Israel

Es wird den jüdischen Lobbyisten in all ihren einflußreichen Organisationen in den USA wunderbar entgegenkommen, daß sich die evangelikalen Gojim so für sie und ihre Ziele begeistern und von Liebe für Israel und das Judentum überquellen und – spenden. Doch so richtig geheuer scheint dieser Überschwang nicht allen Juden zu sein. Schon Nahum Goldmann klagte: „De facto ist Israel heute ein Satellit Amerikas, was meiner Ansicht nach eine Travestie der jüdischen Geschichte darstellt. Wir haben nicht die Propheten, die Bibel und die ganze Kultur gehabt, damit wir nach 2000 Jahren ein Satellit Amerikas im Nahen Osten sind…“ (5)

Karte von Israel Doch zunächst einmal sind Juden und Evangelikale in ihren beiden gemeinsamen Nahzielen freundschaftlich verbunden, nämlich:

1. Israels Eroberung des Landes, das der Allmächtige dem jüdischen Volk zugesprochen hat: „Alle Örter, darauf eure Fußsohle tritt, sollen euer sein; von der Wüste an und von dem Berge Libanon und von dem Wasser Euphrat bis ans Meer gegen Abend soll eure Grenze sein. Niemand wird euch widerstehen können. Furcht und Schrecken vor euch wird der Herr über alles Land kommen lassen, darauf ihr tretet, wie er euch verheißen hat.“ (5. Mos. 11, 24 und 25)

2. Erfüllung der Weissagung: „… der Herr wird … zusammenbringen die Verjagten Israels und die Zerstreuten aus Juda zuhauf führen von den vier Enden des Erdreichs; und der Neid wider Ephraim wird aufhören, und die Feinde Judas werden ausgerottet werden“ (Jesaja 11,11-13).

Hier nimmt „Jakob“ – dem Segen seines Vaters Isaak gemäß – die Dienste seines Bruders „Esau“ gern an, wenn der auch nur ein Goi (Akum oder Nochri) ist, der nach dem jüdischen Gesetzbuch – gleichsam einer jüdischen Scharia namens Schulchan Aruch – klar als Nichtmensch anzusehen ist. Doch so unentbehrlich die Gojim dem Judenstaat in seinem Krieg gegen die Nachbarn auch sind, auf was werden diese bibeltreuen Christen nach Erreichung jener Nahziele verfallen, wenn die Auserwählten es dann immer noch nicht über sich gebracht haben werden, Jesus als ihren Messias anzusehen?

Hatte doch beispielsweise Bush „1993 einem jüdischen Journalisten erklärt, daß nach seiner Überzeugung „alle, die nicht an Christus glauben, zur Hölle fahren, darunter die Juden eingeschlossen.“ (Victor) Da wird möglicherweise eine Schlacht geschlagen werden, die alles in den Schatten stellt, wozu der Allmächtige sich zur Erreichung Seiner Ziele bis dahin an Grausamkeit gegenüber der Menschheit genötigt gesehen hat.

Denn dann wird es nicht nur zwei Fronten, sondern mindestens ihrer drei geben: Moslems gegen Christen und Juden, Christen gegen Juden und Moslems, Juden gegen Moslems und Christen, ganz zu schweigen von den „Schläfern“ aller Religionsgruppen des Allmächtigen, die – verstreut in allen Städten – das Kampfgetümmel hinter den Fronten als Partisanen noch weiter aufmischen werden. Dann fielen Armageddon und das Ende zumindest der abrahamitischen Welt in eins, und der Allmächtige säße da ohne seine Heerscharen, wäre also kein „Herr Zebaoth“ mehr.

Doch Politiker wie der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert machen den ersten Schritt vor dem zweiten und freuen sich über die Unterstützung der so folgerichtig denkenden Evangelikalen, die wissen, daß sie den Juden nichts weniger als ihre ganze, sie so herrlich erleuchtende Religion zu verdanken haben. Diese Unterstützung „ist nicht die einzige Basis“, sagte Olmert der Journalistin Victor, „aber sie ist eine sehr wichtige Basis für unsere Existenz, ganz zweifellos. Amerika ist eine christliche Gesellschaft, und die USA sind von allen Ländern der Welt dasjenige, das zur Existenz des Staates Israel am meisten beiträgt.“

Andere Führer unter Anleitung des Allmächtigen

Als „die vielleicht einflußreichste evangelikale Organisation aller Zeiten“ wird The Family bezeichnet (6), 1935 gegründet von dem norwegischen Einwanderer und Wanderprediger Abraham Vereide. „Es handelt sich um eine im Verborgenen agierende Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Männer von Macht und Einfluß zu Jesus zu führen und Diplomatie hinter den Kulissen zu betreiben.“ Ihre „Anziehungskraft über die Parteigrenzen hinweg“ besteht bis heute.

„The Family war einer der wichtigsten Förderer der im Untergeschoß des Justizministeriums abgehaltenen Gebetsfrühstücke des damaligen Generalstaatsanwalts Ashcroft … Diese Gebetsfrühstücke … werden vom Kongreß gesponsert … Alljährlich bezahlen 3000 Delegierte aus Dutzenden von Ländern jeweils 425 Dollar, um beim Frühstück dabei sein zu dürfen.“

Frühstück The Family sucht sich daraus „Reiche und Mächtige“ zu kleineren Gebetsrunden aus, um sie in einer spirituellen Offensive auf ihre Ziele hin auszurichten, auf Vereides Vision einer neuen Weltordnung. „Als John F. Kennedy 1960 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, war die spirituelle Offensive von The Family auf jedem Kontinent vertreten, die Antarktis ausgenommen. Dort ging sie 1980 an Land und eröffnete ein Büro.“ (Victor)

Nach dem Willen Vereides jedoch hatte die „Führerschaft unter Anleitung Gottes“ ab 1966 nur noch bei wenigen Männern zu liegen. Es werde, „wie stets in der Geschichte der Welt, einen Mann oder einen kleinen Kern von Männern geben, die … im Verbund miteinander die Vision gestalten können, die mir Gott vor Jahren hat zuteil werden lassen.“ Zu dieser Führerschaft auf anderen Erdteilen gehörte neben anderen Diktatoren auch der blutrünstige indonesische Diktator Suharto.

The Family „fordert von ihren Mitgliedern Stillschweigen über die Organisation und ihre Aktivitäten“, sie „operiert unter vielen Deckmänteln“ (National Organization for Leadership; International Christian Leadership; National Leadership Council; Fellowship House; Fellowship Foundation; National Fellowship Council; International Foundation). (Victor)

Der Generalstaatsanwalt und Justizminister John Ashcroft, engster Berater von Bush jun., „hat seine privaten theologischen Überzeugungen konsequent in Gesetzesinitiativen umgesetzt und neue Gesetze durchgeboxt, statt sich an die Verfassung und die bestehenden Gesetze des Staates zu halten und sie anzuwenden.“ Das hört sich an wie die Schaffung einer christlichen Scharia, und man sieht, wie leicht und schnell die mühsam errungene Freiheit sich gleichsam über Nacht davonmacht, sobald Erleuchtete ans Werk gehen und den Gottesstaat herbeiführen.

„Als einer der maßgeblichen Architekten des „Patriot Act“ („Gesetz zum Schutz des Vaterlands“), der es dem Justizminister erlaubt, mutmaßliche Terroristen festzunehmen und ohne Anklage, ohne Rechtsbeistand und zeitlich unbegrenzt in Haft zu halten, gab er [Ashcroft] folgende Erklärung ab: „Es gibt eine höhere Berufung als den Dienst an der Allgemeinheit, nämlich den Dienst für Gott.“ (Victor)

Und so kommen die evangelikalen Christen ihrem erklärten Feind, den Moslems, auffallend nahe, wenn sie wie diese im Namen des Allmächtigen mit religiösen Sondergesetzen und als Wächter über Tugend und Ordnung alle Welt – vor allem die Frauen – notfalls mit Gewalt unter ihre Kontrolle zwingen wollen. Die religiöse Rechte der USA zeigt einmütig den Willen, die Trennung von Staat und Religion aufzuheben, und sieht im Verfassungszusatz zur Gleichberechtigung einen Angriff auf die biblische Lehre, wonach die Frau „in der Gemeinde“ zu schweigen habe, will Abtreibung verbieten und Homosexuellenrechte aufheben.

Etliche Vorgänger des derzeitigen US-Präsidenten waren ebenfalls Evangelikale, so Bill Clinton, Ronald Reagan und Jimmy Carter. Dieser war stark beeinflußt durch seine Schwester, eine evangelikale Geistliche, „die Menschen durch „Handauflegen“ kurierte und bekehrte.“ Als Carter 1976 zum Präsidenten der USA gewählt war, „erklärten die Nachrichtenmagazine Time und Newsweek das Jahr 1976 zum „Jahr der Evangelikalen“.

Carter war erklärter wiedergeborener Christ“. Dennoch hielt er streng an der Trennung von Staat und Kirche fest, war für Abtreibung und Homosexuellenrechte. Diese Abweichung sei es noch nicht gewesen, was seinen politischen Untergang einläutete, das war vielmehr das Friedensabkommen zwischen Anwar As Sadat und Menachem Begin unter seiner Schirmherrschaft, meint Victor. Land herzuschenken, das der Allmächtige laut Bibel den Juden zugesprochen hat, ist unverzeihlich.

Sein Nachfolger Reagan, der als populärer Gouverneur von Kalifornien „mehr an Astrologie als an die Bibel glaubte“, wurde von den einflußreichen evangelikalen Präsidenten-Machern Ed McAteer und Jerry Falwell als so lenkbar angesehen, „daß er perfektes präsidiales Material“ abgeben würde, wenn sie ihn erst einmal unter ihre Fittiche genommen haben würden. Und wirklich: Der Schauspieler „Reagan lernte schnell dazu.“ So konnte man schon bald in den Medien vorformulierte Sätze perfekt von ihm vorgetragen hören wie die des ultrareligiösen Rabbi der Gusch-Bewegung in Israel Eleazar Waldman: „Erlösung“ bedeutet nicht nur die Erlösung Israels, sondern die Erlösung der ganzen Welt, denn die Erlösung der Welt hängt von der Erlösung Israels ab.“

Was die christliche US-Nation aber vollends von dem „Erweckten“ Carter abfallen und zu dem kalifornischen Schauspieler der Evangelikalen hinneigen ließ, war das Bild auf der ersten Seite der New York Times, das Carter – nachdem am 4.11.1979 der iranische Mob in der US-Botschaft in Teheran 70 Amerikaner zu Geiseln genommen hatte – auf Knien im Oval Office zeigte. Die Bildunterschrift lautete: „Präsident Carter und sein Kabinett beten für die Freilassung der amerikanischen Geiseln.“

Diese hilflos passive Haltung war nun doch nicht das, was die gedemütigte Weltmacht-Nation von ihrem Präsidenten erwartete. Die aufkommende Volksstimmung wahrnehmend, meldeten sich nur wenige Tage danach „evangelikale Stimmen zu Wort, die den Islam als böse verteufelten und Bibelstellen zum Heiligen Krieg des Islam gegen das Christentum zitierten.“ (Victor)

Die Feindschaft, die seit den Kreuzzügen der Christen gegen die Moslems im 11. Jahrhundert zwischen diesen beiden Religionslagern des allmächtigen Gottes Abrahams besteht, hatte neue Nahrung gefunden. Über ein Jahr, genau 444 Tage blieben die amerikanischen Geiseln in der Gewalt des Feindes. Seitdem herrscht Funkstille zwischen Teheran und Washington, die nun nach 27 Jahren von Seiten des iranischen Präsidenten mit seinem Brief an den US-Präsidenten erstmals durchbrochen wurde.

Wechselbäder – Wechselspiele

„Es ist eine Ironie, daß die iranische Revolution dadurch, daß sie den fundamentalistischen Islam im eigenen Land an die Macht brachte, im Zuge einer Gegenreaktion das fundamentalistische Christentum in den USA stärkte“, sinniert Victor, doch sollte sie nicht übersehen, daß zuvor die USA den Fundamentalismus im Iran angeheizt hatten:

Die iranische Verfassung von 1906 hatte die konstitutionelle Monarchie begründet, in der dem Schah nur noch symbolische Macht zugebilligt wurde. Mit den Reformen Mohammed Mossadeghs (7) , des vom Volk verehrten und geliebten, gegen britische Machtbestrebungen im Iran einschreitenden Staatsmannes, verlor der – nicht nur wegen seiner maßlos verschwenderischen Hofhaltung – ungeliebte Schah Mohammed Resa Pahlewi soweit an Einfluß, daß Mossadegh die Staatsangelegenheiten endlich der Verfassung gemäß führen konnte.

Karte vom Iran Der Schah hatte lediglich die Generäle, die USA und Großbritannien hinter sich, nicht aber das Volk so wie Mossadegh. Als der in seiner Amtszeit als Ministerpräsident die in britischem Besitz befindliche Anglo-Iranian Oil Company verstaatlichte, setzten sich die beiden Westmächte gegen ihn in Bewegung.

1953 erschien der Enkel Theodor Roosevelts, Kermit Roosevelt, mit etwa einer Million Dollar in Teheran. Mit denen bestach er Herausgeber von Zeitungen, die mit unwahren Schlagzeilen die Iraner zu Unzufriedenheit mit Mossadegh aufstacheln sollten, und er bezahlte Protestmärsche in Teheran.

„Innerhalb von vier Tagen … wurde der käufliche, junge Schah wieder an die Macht gebracht, wofür er Kermit Roosevelt mit den berühmten Worten dankte: „Ich verdanke meinen Thron Gott, meinem Volk, meiner Armee und Ihnen.“ Es war ein zutiefst demütigender Moment für die Iraner, die zusehen mußten, wie die Vereinigen Staaten in ihre Politik eingriffen, so als ob ihr Land irgendein annektiertes rückständiges Nest sei, dessen Führer ganz nach Laune eines amerikanischen Präsidenten und seiner CIA-Berater ein- oder abgesetzt werden konnten.

Der Schah ordnete einen Militärprozeß für Mossadegh an … Der Richter fällte ein Todesurteil, sagte jedoch, er würde die Strafe auf drei Jahre Gefängnis herabmildern, um der unendlichen Gnade des Schahs Tribut zu zollen“, berichtet die Friedensnobelpreisträgerin und ehemalige Gerichtspräsidentin von Teheran Shirin Ebadi (8). Später hingen seine Antwortbriefe, die er nach Verbüßung der Gefängnisstrafe seinen erschütterten Getreuen „in seiner feinen, klaren Handschrift“ geschrieben hatte, „eingerahmt in den Büros führender Iranischer Oppositioneller, die den Schah ein Vierteljahrhundert später während der Revolution von 1979 entmachten sollten.“

Mossadegh, „einer der größten Führer unserer Geschichte“, hatte den Iran „während des nach vielen Jahrhunderten ersten Aufflackerns der Demokratie regiert.“ Sein Sturz rief „einen dauerhaften Groll gegen den Westen, insbesondere die USA“ hervor. Mossadegh wurde „wie ein großer Held und Märtyrer betrauert“, als er gestorben war. (Ebadi)

Die nun folgenden Wechselbäder und Wechselspiele mit Demütigungen und Aufschaukelungen des gegnerischen Fundamentalismus zwischen Iran und USA hatten eindeutig die allerchristlichsten US-Kapitalisten begonnen.

Schon der alte Resa Schah, der Vater des Mohammed Resa Pahlewi, hatte damit begonnen, das Land zu modernisieren, und unterstützte zu diesem Zweck die Emanzipation der Frauen, „indem er den Schleier, das Symbol des Jochs der Tradition, verbot.“ Dennoch hatte die spätere Freiheitskämpferin Ebadi in ihrer Jugend ein Erlebnis, das mit aufgeklärter Vernunft unvereinbar erscheint: In der Sorge um ihre kranke Mutter erflehte sie „auf dem Dachboden“ die Hilfe Allahs.

„Plötzlich überkam mich ein unbeschreibliches Gefühl, das sich von meinem Magen bis in die Fingerspitzen ausbreitete. Innerlich aufgewühlt erschien es mir, als würde Gott mir antworten … und ich wurde von einer seltsamen Euphorie erfaßt. Seit jenem Augenblick ist mein Glaube an Gott unerschütterlich.“ Die Begegnung mit dem Allmächtigen in Gestalt Allahs rief also im Iran ähnliche leibseelische Zustände hervor wie die Begegnung mit Ihm in Gestalt Jesu in den USA.

Trotz Hochbegabung, großer Stärke ihrer Persönlichkeit und ungewöhnlichem Mut ließ Ebadi sich später in den Jahren 1978 bis 1979 von der Revolution gegen das Schah-Regime mitreißen, obwohl der muslimische Fundamentalist Ayatollah Khomeini in seinem Pariser Exil sichtbar nur darauf wartete, daß die Iraner ihm mit dem Sturz des Schahs den Weg freikämpften zu seiner Machtergreifung und damit zu der des islamischen Fundamentalismus im Iran.

Besonders abstoßend für Muslime waren Bilder, die „in den Abendnachrichten“ vom Neujahrsbesuch des US-Präsidenten Carter in Teheran gezeigt wurden, auf dessen Wohl der Schah – der Führer eines islamischen Volkes! – Champagner trank, Alkohol! Das brachte am nächsten Tag die in den Startlöchern hockenden „Seminaristen in der heiligen Stadt Qom“ zum Aufsprung: Sie veranstalteten einen Protestmarsch zum Schrein Fatimas und forderten die Rückkehr Ayatollah Khomeinis.

Minaret Die Mullahs hatten den Wink des Allmächtigen erkannt und die Gelegenheit beim Schopf gefaßt. Die blutige Revolution nahm ihren Lauf, in der „die Stimmen der Mullahs die lautesten“ waren, „deren Netzwerk von Moscheen sich über das Land ausdehnte“ und die damit über die Schaltzentralen des Geschehens verfügten.
Mit der Flucht des Schahs aus dem Iran am 16. Januar 1979 „gingen zwei Jahrtausende der Herrschaft persischer Könige zu Ende. Die Menschen strömten auf die Straßen und feierten …

Am 1. Februar 1979 stieg Ayatollah Khomeini mit ernstem Gesicht und schweren Augenlidern aus einem Air-France-Düsenflugzeug.“ Er „sprach an jenem Tag nicht von einem islamischen Staat … er rief Gott an, den Feinden des Iran die Hände abzuhacken,“ und bald darauf das iranische Volk, ab 21 Uhr auf den Dächern ihrer Häuser „Allahu akbar, Gott ist groß, zu rufen. Es war eine raffinierte Methode, sich die Dynamik der Protestmärsche zunutze zu machen, die Wut und Unzufriedenheit buchstäblich hervorzurufen, ohne daß sich die Menschen auf der Straße aufstellen mußten und riskierten, [von Militär oder Polizei] erschossen zu werden [die Ausgehverbot ab 16 Uhr verhängt hatten].

Mehr als alles andere zeigte diese Taktik, wie gut der Ayatollah es verstand, in seiner Kampagne gegen den Schah mit den Gefühlen der Massen zu spielen.“ Auch Ebadi und ihr Mann „bellten treu und brav … Allahu akbar, bis wir heiser waren.“ Von ihrem Dach aus sahen sie dabei, „soweit das Auge reichte,“ wie „Menschen auf den niedrig gebauten Häusern herumliefen und den Kopf zum Nachthimmel erhoben, damit ihre Stimmen emporsteigen konnten.

Die herrliche, hymnenartige Melodie dieser Schreie hing über der still gewordenen Stadt und hatte eine so ergreifende Spiritualität, daß selbst meine gleichmütigen zynischen Freunde davon bewegt waren.“ Monatelang zog sich diese Anrufung Allahs hin, bis Militär und Polizei kapitulierten und damit die Revolution den Sieg errungen hatte.

Keinen Monat dauerte es, „bis mir klar wurde, daß ich tatsächlich bereitwillig und voller Enthusiasmus an meinem eigenen Ende mitgewirkt hatte. Ich war eine Frau, und der Sieg der Revolution verlangte meine Vertreibung aus dem Amt.“ Die Gerichtspräsidentin Shirin Ebadi hatte wie alle Frauen im Iran nun ihr Haar zu bedecken und zur Kenntnis zu nehmen, daß ihr als Frau nur die Hälfte des Wertes eines Mannes eignet, daß sie es zu ertragen hätte, wenn es ihrem Mann einfallen sollte, weitere drei Frauen als Ehefrauen ins Haus zu bringen, daß ihr kein Recht auf Scheidung mehr zustand, daß ihre zukünftigen Kinder, falls ihr Mann die Scheidung ausspräche, ihrem Mann zu- und ihr abgesprochen werden würden. Der Mann „blieb eine Person, während ich zu einer beweglichen Habe wurde.“

Als am 4. November 1979, dem Jahrestag, an dem Ayatollah Khomeini 1964 ins irakische Exil gegangen war, eine Gruppe junger Studenten die US-Botschaft in Teheran besetzte und die darin befindlichen 70 amerikanischen Diplomaten als Geiseln festhielt, feierte Khomeini diese Tat als „zweite Revolution“, und niemand wagte mehr, ihm öffentlich zu widersprechen aus Angst, „als amerikanischer Agent beschuldigt und ins Gefängnis geworfen zu werden … Der Ayatollah hatte gesagt: „Amerika kann absolut nichts unternehmen“, und dieser Slogan war bald überall in Teheran zu lesen. Ein trügerischer Stolz nahm von den Menschen Besitz. Sie dachten, mit der erfolgreichen Besetzung der US-Botschaft hätten sie Amerika besiegt … und schrien: „Tod Amerika!“

Die Antwort der USA waren Wirtschaftssanktionen, die die Wirtschaft des Landes auch tatsächlich zerrütteten. Tugendwächter und „wie Pilze aus dem Boden schießende islamische Gesellschaften“ machten es sich zur Aufgabe, „die Reinheit der Revolution zu schützen“, und so erlebte das Volk, „wie die islamischen Revolutionäre Tag für Tag ihre Wertvorstellungen neu erfanden.“ Kritik aber „war das Werk der Feinde.“ Die Liste dieser sogenannten Konterrevolutionäre wurde immer länger. Sie „wurden meistens hingerichtet.“ (Ebadi) Am 22. September 1980 marschierte Saddam Hussein in den Iran ein, hoch aufgerüstet vom Westen, vornehmlich von den Vereinigten Staaten von Amerika.

Dem hatte der Iran lediglich seine Menschenmassen entgegenzusetzen. Im Innern bewirkte der Krieg, daß sich das Volk nun notgedrungen unter seinem Mullah-Regime zu einer „ambivalenten Einigkeit“ gezwungen sah und damit das Regime festigte. Als Saddam nach dem iranischen Sieg im verlustreichen Kampf um die Grenzstadt Khorramshar nach dem ersten Kriegsjahr einen Waffenstillstand anbot, lehnte Ayatollah Khomeini folgerichtig ab. Denn ihm kam es weniger darauf an, Menschenleben zu schonen, als vielmehr darauf, seine schiitische Revolution unter dem willkommenen Einigungszwang der „heiligen Verteidigung“ zu vollenden.

Weitere 7 Jahre durften Iraker und Iraner sich zu Vorteil und Freude der biblisch-kapitalistischen Dritten die Köpfe einschlagen. Immer mehr Iraner flohen aus dem Land, nach groben Schätzungen 4 bis 5 Millionen in den folgenden zwei Jahrzehnten, „unter ihnen die klügsten Köpfe des Landes“, schreibt Ebadi. Sie selbst hält ihrem Volk die Treue und bleibt im Iran, um dort den Entrechteten unter eigener Lebensgefahr beizustehen. Trotz ihres heldenhaften Einsatzes und ebensolchen Einsatzes einzelner anderer unerschrockener Frauen und Männer, die dafür nicht selten in Gefängnissen unter Folterqualen zu Grunde gerichtet wurden, ist die Freiheit bis heute nicht in den Iran zurückgekehrt.

Ganz offensichtlich ist und bleibt der Allmächtige, was Er immer war: ein freiheitsfeindliches Wahngebilde. Nach wie vor führt der Weg zu ihm über induziertes Irresein. Sein Markenzeichen ist das Foltergefängnis, das seine Tugendwächter aufrichten, wo immer auf Erden sich seine Macht ausbreitet.

Von Adelinde Bauer

Quellennachweis:

1. Hamburger Abendblatt, 10.5.06
2. Pendo München und Zürich o. J., wohl 2005: „James Watt … am 5. 2. 1981“
3. George Monbiot in The Guardian, 20.4.04, zit. von Barbara Victor in Beten im Oval Office
4. aus namentlich nicht genannter „Quelle der Autorin“ Victor
5. Neue Politik, 9/1982
6. „Die Informationen und Zitate, die sich auf The Family beziehen, stammen aus Jeffrey Sharlets Artikel Jesus Plus Nothing, Erstveröffentlichung im Harpers-Magazin, März 2003.“ (Victor)
7. (1881 – 1967); 1920 Justiz-, 1921 Finanz-, 1923 Außenminister, seit 1939 Führer der Nationalen Front im Parlament, 1951-1953 Ministerpräsident
8. Shirin Ebadi, Mein Iran, Pendo München und Zürich 2006

Philognosie Team

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