Machiavelli als Demokrat - eine Einführung

Machiavelli wird oft als rücksichtsloser Machtpolitiker beschrieben, der seinen Willen mit allen Mitteln durchsetzte. Demzufolge wird der Begriff "Machiavellismus" als abwertende Bezeichnung für fehlgeleitetes politisches Verhalten gebraucht - egozentrische Politik ohne Moral und Sittlichkeit. Doch wird ihm diese Beschreibung wirklich gerecht?

Wenn Sie sich nicht nur von Urteilen anderer leiten lassen wollen, müssen Sie selbst einen Einblick in das Leben und Werk von Machiavelli nehmen.

Machiavelli Einführung in seine PhilosophieDamit Sie nicht das komplette Werk studieren müssen, finden Sie in dem folgenden Artikel eine Reihe von wichtigen Thesen und Zusammenhängen seines Werks.

Machen Sie sich selbst ein Bild zu diesem bedeutenden Staatsphilosophen der Neuzeit.

Es erwarten Sie Aufsätze, die wie folgt unterteilt sind:

  • Machiavelli und Il Principe
  • Discorsi
  • Der Index librorum prohibitorum - "Verzeichnis verbotener Bücher"
  • Komödien
  • Istorie fiorentine - Machiavellis Hauptwerk
  • Literaturverzeichnis

In diesem Aufsatz wird nicht das gesamte Werk von Machiavelli dargestellt, sondern nur einige wichtige Auszüge. Dabei soll das Vorurteil ausgeräumt werden, dass Machiavelli ein "Machiavellist" gewesen sein soll.

Machiavelli und Il Principe

"Seine politische Objektivität ist allerdings bisweilen entsetzlich in ihrer Aufrichtigkeit, aber sie ist entstanden in einer Zeit der äußersten Not und Gefahr, da die Menschen ohnehin nicht mehr leicht an das Recht glauben noch die Billigkeit voraussetzen konnten" (Jacob Burckardt 51).

Il Principe

Obwohl Machiavelli (1469-1527) Il Principe ("Der Fürst", entstanden 1513/14) geschrieben hat, ist sein schlechter Ruf deswegen nicht berechtigt. Um es kurz zu machen: In Il Principe hat Machiavelli die Politik von Cesare Borgia (1475-1507) dargestellt, mit dem er als Diplomat seiner republikanischen Heimatstadt Florenz einige Monate lang zu tun hatte. Zu seinen Lebzeiten erschien nur eine lateinische Übersetzung (1522). Erst fünf Jahre nach Machiavellis Tod (1532) wurde das Büchlein auf Italienisch gedruckt. Schließlich wurde es zur "Grundlage und zum Typus einer ganzen Schule des Staatsrechts, des Machiavellismus" ("Der Fürst", Klappentext, S. 2).

In Meyers enzyklopädischem Lexikon werden gleich drei verschiedene Bedeutungen von Machiavellismus aufgelistet:

1. "zusammenfassende Bezeichnung für die politischen Theorien Niccolò Machiavellis";
2. "von den Gegnern Machiavellis in einer Vielzahl von antimachiavellistischen Schriften verbreitete abwertende Bezeichnung für eine über alle sittlichen Rücksichten sich hinwegsetzende skrupellose Interessenpolitik";
3. "allgemeine Bezeichnung für eine durch keinerlei moralische Bedenken gehemmte Machtpolitik" (die Abkürzungen habe ich ausgeschrieben).

Wie sehr Spinoza im Gegensatz zu vielen anderen Machiavelli verstanden hat, zeigt der § 7 von Kapitel V aus seinem ab 1675 entstandenen, leider unvollendeten "Politischen Traktat":

"Welche Mittel ein nur von Machtgier getriebener Fürst anwenden muß, um seine Herrschaft zu festigen und zu bewahren, hat der höchst scharfsinnige Machiavelli ausführlich beschrieben. Es ist nicht ganz klar, welchen Zweck er damit verfolgte; war es ein guter, wie man bei einem weisen Manne annehmen muß, dann wollte er zeigen, wie töricht es ist, einen Tyrannen beseitigen zu wollen, ohne doch die Ursachen beseitigen zu können, die einen Fürsten zum Tyrannen werden lassen. Vielmehr kommen diese Ursachen um so stärker zur Geltung, je mehr ein Fürst Anlaß zur Furcht hat. Und das ist der Fall, wenn das Volk an einem Fürsten ein Exempel statuiert hat und dann noch den Mord an ihm als Heldentat preist. Vielleicht wollte Machiavelli weiterhin zeigen, daß ein freies Volk sehr darauf bedacht sein muß, sein Schicksal nicht ganz und gar einem einzigen anzuvertrauen, der, falls er nicht eitel ist und allen gefallen zu können glaubt, täglich mit einem Attentat rechnet und sich daher gezwungen sieht, mehr für seine Sicherheit zu sorgen und seinerseits das Volk zu disziplinieren, statt für es zu sorgen. Ich neige daher sehr dazu, diesem wirklich klugen Manne Glauben zu schenken, weil er bekanntlich für die Freiheit eingetreten ist und zu ihrer Erhaltung erfolgversprechende Ratschläge erteilt hat" (S. 38).

Discorsi

Auch das zweite, leider nicht so bekannte Werk von Machiavelli, die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio ("Erörterungen über die erste Dekade von Titus Livius", entstanden 1513-1522) erschien erst nach seinem Tod, im Jahr 1531. Hier beschreibt Machiavelli seinen Landsleuten die Politik der antiken römischen Republik als Vorbild. Im Mittelpunkt steht die virtù, lat. virtus (Mannhaftigkeit, Tatkraft, Tapferkeit, Mut, Standhaftigkeit, Entschlossenheit, Tüchtigkeit, Tugend).

Im 26. Kapitel der Discorsi wird die Politik eines Fürsten kritisiert, der um des Machterhalts willen Städte zerstört, Menschen umsiedelt und von sich abhängig macht: "Das sind grausame Mittel! Sie widersprechen nicht nur dem christlichen, sondern jedem menschlichen Gefühl. Jeder Mensch sollte sie fliehen und lieber im Bürgerstand bleiben, als zum Verderben so vieler Menschen die Krone tragen" (S. 88f).

1559 wurden beide Werke, Il Principe und die Discorsi, "gemeinsam auf den kirchlichen Index gefährlicher Bücher gesetzt" (Henningsen 806). Während das beim Principe ohne Weiteres verständlich ist, ist es bei den Discorsi aus Machiavellis Religions- und Kirchenkritik heraus zu erklären: Der Autor stellt im 11. Kapitel fest, "wie sehr die Religion zum Gehorsam im Heere, zur Eintracht im Volke, zur Erhaltung der Sittlichkeit und zur Beschämung der Bösen beitrug. […] Denn wo Religion ist, läßt sich leicht eine Kriegsmacht aufrichten, wo aber Kriegsmacht ohne Religion ist, läßt sich diese nur schwer einführen" (S. 53).

Damit es keine Missverständnisse gibt: Diese Sätze sind nicht pazifistisch zu verstehen. Machiavelli beurteilt hier die Religion positiv ("Kritik" kommt von griech. krinein = scheiden, sichten, sondern, unterscheiden, auswählen, bestimmen, urteilen, beurteilen, richten, zur Rede stellen, anklagen, verhören).

"In der Tat gab es nie einen außerordentlichen Gesetzgeber bei einem Volke, der sich nicht auf Gott berufen hätte, weil seine Gesetze sonst gar nicht angenommen worden wären", heißt es im selben Kapitel. Und: "Wie aber die Gottesfurcht die Ursache für die Größe der Staaten ist, so ist ihr Schwinden die Ursache ihres Verfalls" (S. 54).

Das 12. Kapitel dagegen fordert die Kirche schon in der Überschrift heraus: "Wie wichtig es ist, die Religion zu erhalten, und wie Italien durch die Schuld der römischen Kirche die seine verlor und dadurch in Verfall geriet" (S. 56). "Nichts zeigt mehr den Verfall des Glaubens als die Tatsache, daß die Völker am wenigsten Religion haben, die der römischen Kirche, dem Haupt unsres Glaubens, am nächsten sind" (S. 57). Anschließend geht Machiavelli konkret auf die Zustände in Italien ein:

"Erstens hat das Land durch das schlimme Beispiel des päpstlichen Hofes alle Frömmigkeit und Religion verloren, was zahllose Mißstände und endlose Wirren zur Folge hat. […] Wir Italiener haben es also in erster Linie der Kirche und den Priestern zu danken, daß wir gottlos und schlecht geworden sind. Wir haben ihr aber noch etwas Schlimmeres zu danken, was die Ursache unsres Verfalls ist: ich meine, daß die Kirche unser Land in Zersplitterung erhalten hat und noch hält. […] Da also die Kirche nicht imstande war, Italien zu erobern, aber auch nicht erlaubte, daß es von einem andern erobert wurde, hat sie es verschuldet, daß es nicht unter ein Oberhaupt kam, sondern unter vielen Fürsten und Herren blieb. Dadurch entstand solche Uneinigkeit und Schwäche, daß Italien nicht nur zur Beute mächtiger Barbaren, sondern eines jeden wurde, der es angriff. Das danken wir Italiener der Kirche und niemand anderem" (S. 57ff).

In England und Amerika wurden den Discorsi, im kontinentalen Europa wurde Il Principe mehr Beachtung geschenkt.

04.04.2017 © seit 09.2011 Gunthard Heller

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