Kaum ein Autor hielt seiner Zeit einen so scharfen Spiegel vor wie Kurt Tucholsky. Mit Witz, Ironie und sprachlicher Präzision entlarvte er die politischen und gesellschaftlichen Missstände der Weimarer Republik – und regt damit bis heute zum Nachdenken an.
Einführung
Kurt Tucholsky (1890-1935) studierte Jura, Geographie und Psychologie in Berlin, Jura auch in Jena und Genf. 1907 erschienen in der humoristische Beilage Ulk des Berliner Tageblatts anonyme Beiträge von Tucholsky.
1911 war er mit Else Weil in Rheinsberg (vgl. die gleichnamige Erzählung, 1/50-74). In Prag lernte er Max Brod und Franz Kafka kennen. Außerdem engagierte er sich im Wahlkampf für die SPD. 1914 trat Tucholsky aus der jüdischen Gemeinde Berlin aus. 1915 wurde er mit einer Dissertation über Hypothekenrecht promoviert. 1916 erschien das erste Heft seiner eigenen Zeitschrift Der Flieger. 1913-31 arbeitete er für die Berliner Wochenschrift Die Schaubühne, die später in Die Weltbühne umbenannt wurde.

Nach dem Wehrdienst 1915-18 ließ sich Tucholsky protestantisch taufen. 1918-20 leitete er den Ulk. 1920 trat er der USPD bei. Als sich deren linke Mehrheit mit der KPD vereinigte, schloß sich Tucholsky mit der Minderheit der USPD der SPD an. Im selben Jahr heiratete er Dr. med. Else Weil, von der er sich 1924 scheiden ließ. Ebenfalls 1924 heiratete er Mary Gerold, die er seit 1917 kannte, und wurde Freimaurer.
Nach seiner Tätigkeit als Volontär, später Privatsekretär von Hugo Simon in der Bank Bett Simon & Co in Berlin und der Mitgründung des Cabarets Die Gondel (1923) ging er 1924-29 als fester Mitarbeiter der Weltbühne und der Vossischen Zeitung nach Paris. Außerdem schrieb er für die Zeitschriften Vorwärts, Freiheit, Simplicissimus, Arbeiter-Illustrierte, Uhu, Berliner Illustrirte Zeitung und Dame. 1927 lernte Tucholsky Lisa Matthias kennen, die er in seinen Werken als Lottchen porträtierte.
1929 zog Tucholsky nach Schweden, nachdem sich Mary von ihm getrennt hatte. 1931 trat er aus dem Schutzverband deutscher Schriftsteller aus. 1933 ließ sich das Ehepaar scheiden, weil Tucholsky um Marys Sicherheit besorgt war – sie trug schließlich seinen Namen. Die Nationalsozialisten hatten mehrfach ihr Haus durchsucht.
Ebenfalls 1933 wurde Tucholsky die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Seine Verlagsrechte, Honorare u.a. wurden beschlagnahmt, seine Bücher verboten und verbrannt. Tucholsky selbst erklärt das in seinem Lebenslauf für die Beantragung eines schwedischen Ausländerpasses vom 22. Januar 1934 so: Er war für den Pazifismus eingetreten und hatte 1931 in einem Gedicht einen der nationalsozialistischen Führer angegriffen. Auf die Angriffe des Propagandaministeriums 1933 hat Tucholsky nie geantwortet. Er betrachtete die Aberkennung der Staatsangehörigkeit als Rechtsbruch.
Jana Richter begründet die Verfolgung der Freimaurer mit dem Vorwurf der Nationalsozialisten, sie hätten „im 19. Jahrhundert die Emanzipation der Juden gefördert und damit ‚artfremde‘ Einflüsse ins deutsche Geistesleben lanciert […]. Der Geheimbundcharakter der Freimaurer begünstigte zudem nationalsozialistische Verschwörungstheorien. Zwischen 1933 und 1935 führte staatlicher Druck zur schrittweisen Selbstauflösung der deutschen Großlogen und Logen. Alle Logenvermögen, Archive und Bibliotheken wurden eingezogen, zahlreiche Freimaurer verhaftet“ (ENS 470).
Daß Tucholsky sich hatte taufen lassen, schützte ihn nicht vor der Verfolgung als Jude, da die Nationalsozialisten unter dem Begriff „Juden“ „eine rassische Einheit und eine international agierende Macht“ verstanden. „Die Realität und die Reaktionsmöglichkeiten standen dieser Kategorisierung diametral entgegen: Die deutschen Juden verfügten gemäß ihrer diversen Orientierungen erst seit 1928 über eine lockere Gesamtvertretung, aus der die spätere Reichsvertretung der deutschen Juden hervorging“ (Johannes Heil, in: ENS 532).
In der Praxis wurde zwar Tucholsky von vielen Menschen „nicht für einen Juden gehalten“. Den Antisemitismus bekam er „nur in den Zeitungen zu spüren“ (B 333). Doch Gerhard Zwerenz meint, die Nationalsozialisten hätten Tucholskys Austritt aus der jüdischen Gemeinde ignoriert und „ihre Judenhetze voll gegen“ ihn gerichtet (Zwerenz 297).
Tucholsky schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Der Grund: Sein Verleger Siegfried Jacobsohn „konnte in der winzigen Zeitschrift [Weltbühne] einfach nicht soviel drucken, wie Tucholsky schrieb“ (Zwerenz 47). Es gab wegen seinen Veröffentlichungen mehrere Gerichtsverfahren, doch die meisten endeten mit einem Freispruch oder wurden eingestellt.
Nur in einem Fall wurde Tucholsky wegen Beleidigung verurteilt: Er hatte in „einem Aufsatz über das deutsche Militär […] zwei Namen durcheinandergeworfen und eine Mißhandlung, die nach dem Reichstagsbericht ein Offizier begangen haben sollte, seinem Kommandeur in die Reiterstiefel geschoben“ (W 4/141).
Er schrieb Essays, Erzählungen, Reportagen, Songs, Sittenbilder, psychologische Betrachtungen, Possen, Reiseberichte, Rechtskritiken, Erotisches, Erbittertes, Appelle, Affronts, Camouflagen, Couplets, Justizschelten, Jokes, Gedichte, Geschichtslektionen, Travestien, Tragisches … (vgl. Zwerenz 51).
Erich Kästner charakterisierte Tucholskys schriftstellerische Tätigkeit folgendermaßen: „Er teilte an der kleinen Schreibmaschine Florettstiche aus, Säbelhiebe, Faustschläge. Die Männer des Dritten Reiches, Arm in Arm mit den Herren der Reichswehr und der Schwerindustrie, klopften ja damals schon recht vernehmlich an Deutschlands Tür. Er zupfte sie an der Nase, er trat sie gegen das Schienbein, einzelne schlug er k. o. – ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“ (Kästner 8/197).
Tucholskys Selbstmord
Tucholsky vergiftete sich mit Veronal, weil er über den Erfolg der Nationalsozialisten verzweifelt war: „Wenn Hitler siegte, wollte Tucholsky nicht überleben“ (Zwerenz 58). „Sein Tod ist das Eingeständnis der Niederlage, die die unbewaffnete Vernunft erlitten hatte“ (Zwerenz 232).
In den letzten Briefen an Dr. Hedwig Müller („Nuuna“) steht: „Mit mir ist nicht viel los, ich fühle mich nicht sehr gut, und ich habe das bis zum Sterben satt, alles miteinander“ (BN 236). „Ich bin müde, fühle mich krank, und diese Dinge gehen an mir vorüber, wie Wasser an der Gans“ (BN 241). Er fühlte sich „so down […], daß mir alles gleichgültig ist“ (BN 249).
Ein weiterer Grund war, daß sich Tucholsky „in der menschlichen Natur so schwer getäuscht“ hat: „ich hatte von Deutschland nie etwas andres erwartet, wohl aber von den andern.“ Er erwartete von ihnen „eine klare und gesunde Abkehr von diesem Misthaufen, und vor allem: von den Pulverfässern, die darunter liegen. Darin habe ich mich getäuscht, und nun mag ich nicht mehr“ (BN 245).
In Tucholskys Brief an Arnold Zweig vom 15.12.1935 heißt es, daß es ihm gesundheitlich „nicht gut“ gehe (B 333). Seit 1929 sei er „immer stiller geworden. Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren.“ Mit Deutschland habe er „nichts mehr zu schaffen. Möge es verrecken – möge es Rußland erobern – ich bin damit fertig“ (B 337). Gegen Schluß des Briefs schrieb Tucholsky noch, er sei „ein aufgehörter Schriftsteller“ (B 339).
Im Abschiedsbrief an Mary vom 19.12.1935 schrieb Tucholsky u.a., er beklage in und an ihr „unser ungelebtes Leben“ (BM 545). Er habe „nur ein Mal in seinem Leben geliebt“, nämlich Mary. Aber: „Es war wie Glas zwischen uns – ich war schuld.“ Mary erwartete von ihm Witzigkeit, doch er traute sich nicht. Er war eifersüchtig. Schließlich hat er „immer stiller und stiller gelebt, jetzt ist wie an den Strand gespült, das Fahrzeug sitzt fest, will nicht mehr“ (BM 546).
Tucholsky schrieb auch noch Abschiedsbriefe an Gertrude Meyer, die fünf Jahre lang seine Gefährtin war, und wahrscheinlich auch an Nuuna. Außerdem schrieb er einen Zettel „mit der Bitte ‚Laisse moi mourir en paix‘ (Laß mich in Frieden sterben)“ (Zwerenz 208). Daraus wurde nichts: Gertrude Meyer ließ Tucholsky ins Krankenhaus bringen. Dort starb er zwei Tage später, am 21.12.1935. Gertrude Meyer verbrannte den Zettel und die beiden Briefe.
Tucholsky lesen
In seiner Einleitung (1982) zu den Briefen an Mary (1917-1935) schreibt Fritz J. Raddatz: „Man wird das Werk des Kurt Tucholsky von jetzt ab anders lesen müssen. Nur das rechtfertigt die Herausgabe dieser Briefe“ (BM 12). Gerhard Zwerenz gibt zwar zu bedenken: „Es ist ein wenig gefährlich, von den Briefen auf das offizielle Werk zu schließen“ (Zwerenz 35) – aber er tut es doch.
Im folgenden versuche ich, Tucholskys Hauptvorwurf gegenüber dem Faschismus, er habe keinen festen Standpunkt, auf ihn selbst anzuwenden, d.h. nach seinem Standpunkt zu fragen. Ich bespreche nicht der Reihe nach seine Briefe und Werke, sondern frage: Was will Tucholsky sagen? Inwiefern unterscheidet er sich von allen andern, denen er Vorwürfe macht?
Hier ist der Kern dieser Vorwürfe: „Was ich vermisse, überall vermisse, ist der feste Standpunkt, gepaart mit einem glühenden Willen. Der Faschismus hat keine Gegner, nur unwillige und aufgeschreckte Leute. Denen aber ist er überlegen, eben weil er das hat, was denen fehlt: eine Doktrin wie die Russen, eine Methode wie die Italiener, und eine, wenn auch gußeiserne Festigkeit wie die Deutschen. Der Schweizer Dickkopf ist defensiv gut – als Kampfmittel nach außen ist er gar nichts“ (BN 218).
Tucholskys Justizkritik
Fritz J. Raddatz nennt die deutsche Justiz Tucholskys „Hauptfeind Nr. 1“ (W 1/29). Martin Swarzenski hat die einschlägigen Texte von Tucholsky unter dem Titel „Politische Justiz“ zu diesem Thema zusammengestellt.
Tucholsky wirft den Deutschen allgemein vor, daß sie mehr verbieten als erlauben. Er beanstandet, daß es „bei politischen Tatbeständen“ weder eine Rechtsprechung noch eine Rechtsfindung gebe (PJ 16). Er wirft dem Richterstand vor, daß er „immer adäquate, niemals heterogene Elemente“ als Nachwuchs aufnimmt, die „sich dem Gruppengeist“ anpassen (PJ 18).
Eine „Reform von oben“ (PJ 19) erfolge nicht. „Reform von unten ist auf friedlichem Wege nicht möglich“ (PJ 20). Abgesehen von einem „antidemokratischen, hohnlachenden, für die Idee der Gerechtigkeit bewußt ungerechten Klassenkampf“ gebe es noch kleinere Mittel wie den „Schutz durch öffentliche Kontrolle“, die „Öffentlichkeit des Verfahrens“ im Strafprozeßrecht (PJ 24), die Aufklärung der Angeklagten über ihre Rechte, die Konzentration auf die Tat (anstatt auf die Person), die unvoreingenommene Befragung von Zeugen, die Überwindung der „Überheblichkeit des Tones“ (PJ 23).
Außerdem sollten Richter mehr zuhören als reden und die Tat, nicht das Verhalten des Beklagten vor Gericht beurteilen. Tucholsky empört sich darüber, daß Angeklagte während der Gerichtsverhandlung stundenlang stehen müssen, und er wirft den Richtern vor, daß nur die wenigsten „den Unterschied zwischen zwei und drei Jahren Zuchthaus“ einschätzen können (PJ 55).
Tucholsky bestreitet ein „staatliches Recht des Strafens. Es gibt nur das Recht der Gesellschaft, sich gegen Menschen, die ihre Ordnung gefährden, zu sichern“ (PJ 20). In puncto Sexualität wendet er sich gegen die staatliche Prüderie. Außerdem verbittet er es sich, daß Richter des Reichsgerichts „uns kulturelle Lehren […] erteilen“ (PJ 42).
Die Kriminalreportage hält Tucholsky für den schlimmsten „Teil eines deutschen Kriminalverfahrens“ (PJ 62). Gerade Erpressungen seien nur möglich, weil die Menschen Angst davor haben, „von der Presse angefallen zu werden“ (PJ 63). Sonst würden sie sofort zur Polizei gehen.
Die Verurteilung des Zeichners und Malers George Grosz (1893-1959) wegen Gotteslästerung (1928) zeigt die Bedeutung der Kunstfreiheit auf. Das Gericht fand, Grosz habe die Christusverehrung angegriffen, Grosz selbst sagte, „er habe die ans Kreuz geschlagene Menschheit darstellen wollen“ (PJ 47), an die die Worte „Maulhalten und weiter dienen“ unter dem Bild gerichtet seien (PJ 46). Tucholsky schloß sich der Interpretation von Grosz an und schrieb, die Worte seien an die Menschheit gerichtet, „die in den Krieg getrieben wird – unter dem Zeichen des Kreuzes.“ Die Richter hätten das Bild falsch interpretiert, ihre Deutung sei sinnlos (PJ 48).
Beim Strafvollzug kritisiert Tucholsky das Mißverhältnis zwischen Schuld und Strafe. Er betrachtet die Haft als Quälerei mit dem Ziel, die Häftlinge „leidensfähig“ zu erhalten (PJ 69). In seiner Auseinandersetzung mit dem Artikel „Das Sexualproblem im Strafvollzuge“ von Werner Gentz macht sich Tucholsky Gedanken über „die Freiheit des Sexualverkehrs der Gefangenen, unter Aufrechterhaltung der nötigen Maßregeln für die öffentliche Sicherheit“ (PJ 73). Dabei vergleicht er die Sexualität mit Hunger und Durst.
Er beklagt das Problem, daß Zuchthäusler nach Verbüßung ihrer Strafe nur schwer oder gar keine Arbeit bekommen. Das liege nicht nur an den Arbeitgebern, sondern auch an den Arbeitnehmern, die nicht mit Vorbestraften zusammenarbeiten wollen.
Tucholsky beanstandet, daß gegen Linksextremisten unvergleichlich härter vorgegangen wird als gegen Rechtsextremisten. Beispiele:
- Die Verhandlung gegen die Mörder von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sei quasi in „eigner Sache“ (PJ 95) erfolgt.
- Der Mordanschlag auf den jüdischen Journalisten Maximilian Harden sei in Form einer netten Plauderei in der „Atmosphäre […] eines freundlichen Fünf-Uhr-Tees“ verhandelt worden (PJ 100).
- Der Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky sei in einem „Hexenprozeß“ zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden (PJ 106). Doch Tucholsky findet: „Nicht die Enthüllung hat geschadet – die Tatsachen haben geschadet“ (PJ 107). Ossietzky habe „gute Ware“ geliefert, das Urteil gegen ihn sei ein „Gummiknüppel“, kein Argument (PJ 108).
Fazit: „… in Deutschland quälen wir die Leute korrekt zu Tode“ – per Justiz (PJ 116).
Tucholskys Kirchenkritik
Angesichts ihrer „völlig negativen Leistungen im Kriege“ spricht Tucholsky 1929 der Kirche das Recht ab, „uns ihre Feiertage aufzuzwingen“, „unsern Kindern ihre Lehre aufzuzwingen“, „sich mit Glockengeläute und Gesetzgebung eine Beachtung zu verschaffen, die ihr nicht zukommt“, „sich in allen Bildungsfragen aufzudrängen und in alle Kinderhorte einzudrängen, denn sie repräsentiert nicht das einzige mögliche Weltbild, sondern nur eines, und das noch sehr unvollkommen. Sie versuche zu überzeugen – sie siege im Zeichen des Kreuzes, nicht im Zeichen des Landgerichtsdirektors. Sie schweige“ (W 7/55).
Tucholsky beanstandet 1931, daß manche Geistliche „auf den Kanzeln […] muntere politische Hetzreden“ abhalten. „Sie bleiben Hetzreden, auch wenn sie in getragenem und feierlichem Tonfall vorgebracht werden“ (W 9/205).
Er wendet sich gegen die Annahme, „daß außerhalb der christlichen Moral keine Sittlichkeit bestehe, und daß, wenn die Grundlagen der christlichen Ethik gefallen sind, wie es ja tatsächlich schon in weiten Bezirken der Fall ist, damit jede Ethik dahinschwände“ (W 9/205).
Fazit: „Die christliche Religionsgemeinschaft ist nicht der Hort aller Sittlichkeit. Es gibt kein religiöses Monopol der Ethik. Millionen von anständigen und sittlich gefestigten Menschen schmähen die Kirche nicht, leben aber bewußt und ganz und gar an ihren Lehren vorbei, und sie tun recht daran. Es ist unrichtig, daß der, der die Lehren der Kirche überwunden hat, ein sittlich minderwertiges Individuum ist. Wer so versagt hat, wie das Christentum im Kriege, sollte uns nichts von Sittlichkeit erzählen. […]
Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus“ (W 9/205).
Wie sehr die Kirche am Volk vorbei predigte, zeigt folgende Notiz von Tucholsky: „Der Papst hat in einer Rundfunkrede als Grundübel der Gegenwart drei Dinge genannt: den Stolz, die Geldgier und die Fleischeslust. Wie wir hören, haben die Reichswehroffiziere, die auf deutschen Gütern angestellten polnischen Arbeiter und der Reichsverband Deutscher Fleischermeister dagegen protestiert“ (W 10/52).
Tucholskys Pressekritik
Tucholsky meint, daß Fritz Mauthner recht hat, wenn er darüber klagt, „daß zuviel geschrieben wird, daß vielleicht der einzelne gar nicht so viel schreiben will, daß er aber muß: die Redaktionen verlangens, und Geld bringts auch“ (W 1/184).
Er vergleicht die „bürgerliche Presse […] mit einer großen Kokotte, die ein gutes Herz hat und, wenn sie nicht gerade Grafen und Barone rupft, wohl auch einmal einen Tee für Minderbemittelte einlegt. Sie ist unberechenbar: sie schenkt heute diesem ihre Gunst und morgen jenem, verlangt von einem viel, vom anderen alles, vom dritten nichts. Sie hat ihre Lieblinge, und sie hat ihre Feinde, und in ihrem Frauengehirn spiegelt sich die Welt auf wunderbare Weise. […]
Es ist irgendwie Geld im Spiel, aber leider nicht offen und eindeutig. Man weiß meist nicht, wo und wie, und sie küßt heute, dem sie gestern die Augen ausgekratzt hat“ (W 1/210f).
Mit Walther Rathenau (1867-1922) geht Tucholsky ziemlich hart ins Gericht: Er sei ein Vielschreiber und Wendehals, der „alles über alles […] sagen“ wolle (W 2/103). Er habe das Versagen von Kaiser Wilhelm II. untertänig bemäntelt, „dauernd die spitzfindige Denktätigkeit über jede positive Reform gestellt“ (W 2/104), „mitgeholfen, die Köpfe zu benebeln, ohne Mitverantwortlichkeit, ohne den ehrlichen Willen, auch für das einzustehen, was er predigte, ohne männliches Rückgrat – ein ganzer Kaiser. Wir lehnen ihn ab“ (W 2/105).
Zum Vergleich: „Als sozial- und kulturphilosophischer Schriftsteller wurde Rathenau zu einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Er hegte die visionäre Utopie einer Zukunftsgesellschaft jenseits von Sozialismus und Kapitalismus, für deren Realisierung er große Hoffnungen auf die aus ihrer ‚Erbknechtschaft‘ zu befreienden Unterschichten setzte“ (MEL 19/596).
An der Kriegsberichtserstattung kritisiert Tucholsky, daß die Presse „nur ein machtloses Druckinstrument“ gewesen sei, „das sich vollkommen in Händen von Militärs, also von Offizieren befand“. Er fragt: „Aber hätte denn die Stimme der besonnenen Anständigkeit und der ruhig überlegenen Vernunft durchdringen können? Wäre nicht die Zeitung sofort verboten worden, die nicht in diesen Siegestaumel mit eingestimmt hätte, ja, sind solche Zeitungen nicht verboten worden?“ (W 2/134)
Tucholskys Pädagogikkritik
„Das Buch von Blaise“ (1904) von Philippe Monnier (1864-1911), das 1911 unter dem Titel „Blaise, der Gymnasiast“ erschien, erinnert Tucholsky an folgendes:
„… wir hier fangen an, zu viel mit den Kindern anzugeben. Statt ihnen durch eine starke und kräftige Persönlichkeit über die Jugendjahre hinwegzuhelfen, statt sie herüberzuziehen, statt sie Reiter über den Bodensee sein zu lassen, machen wir ihnen klar, daß jeder Schritt, den sie tun, entsetzliche Gefahren bringt, daß man nie wissen könne, was folgt – und so kommen diese neumodischen Kinder der großen Städte aus der Angst und der Unselbständigkeit nicht mehr heraus. Laisser faire, laisser passer! [Machen lassen, hingehen lassen!] Strenge am rechten Ort, Milde am rechten Ort und eine recht lange Leine, an der die jungen Hundchen herumlaufen können. Dann werden sie an ihre Jugend auch einmal eine solche Erinnerung haben wie Blaise, der Gymnasiast“ (W 1/223).
In der Satire „Das Elternhaus“ (W 2/60-63) führt Tucholsky eine Art Menschenzoo vor, in dem „‚die gemeinen Hauseltern'“, „‚die Eltern mit der Affenliebe'“, die „‚Nationaleltern'“, die „‚modernen Reformeltern'“, „‚die alleinstehende Hausmegäre'“, „‚der kleine Haustyrann'“ und die „‚Syndetikonfamilie'“ (die stets zusammenhockt). Nur die Familie des Zoowärters ist normal und braucht nicht eingesperrt zu werden.
Am Geschichtsunterricht hat Tucholsky auszusetzen, daß den Kindern anhand von Kriegsberichten beigebracht wird, „daß das: Blutvergießen und Generalsanmaßung das Leben und die Geschichte sei“ (W 2/128). Durch „Seelenmord und Seelenraub“ würden die Kinder zu Spießbürgern erzogen (W 2/132).
Tucholskys Kritik am Krieg
Allgemein ist Tucholsky der Ansicht, „daß moderne Kriege wesentlich auf kapitalistischen Gründen beruhen und daß alles andre ein wohl angelegter Schwindel ist. Die Volksbegeisterung und die flatternden Fahnen und die Orden und alles das“ (W 1/239).
Er hält den Krieg für organisierten „Mord“, der nur möglich sei durch ungeistige Offiziere ohne „menschliche Qualitäten.“ Denn ein Mensch mit Geist würde sich nicht „bereit finden, sein Leben und seine Person für einen solchen Quark, wie es die nationalistischen Interessen eines Staates sind, aufs Spiel zu setzen. […] Wohl wird er Führer sein wollen – aber niemals Schlächtermeister. […] Denn die Mittel und die Werkzeuge des Geistes lassen sich nicht prostituieren […] – sie sind um ihrer selbst willen da und gänzlich unpraktisch. Es war klug vom ancien régime, dem Offizier nicht so viel zum Lesen in die Hände zu geben; denn dann hätte er denken gelernt, und das war nicht gut. In den Büchern stand: Du sollst nicht töten!“ (W 2/110)
Nachdem Tucholsky in der Weltbühne den Satz „‚Soldaten sind Mörder'“ geschrieben hatte, wurde Chefredakteur Carl von Ossietzky (1889-1938), der sich während des Ersten Weltkriegs zum überzeugten Pazifisten entwickelt hatte, von Reichswehrminister Wilhelm Groener (1867-1939) wegen „Beleidigung des Heeres“ angeklagt. „Ossietzky wurde in diesem Prozeß nicht verurteilt, der Ausdruck ‚Soldaten‘ als Abstraktum gewertet, seine Anwälte führten eine Reihe Zitate von Voltaire, Goethe, Friedrich dem Großen, Kant und Herder ins Gefecht, in denen das Soldatenhandwerk unangefochten allgemein als mörderisch bezeichnet wurde. So konnte die Reichswehr den Tucholsky-Satz nicht mehr als konkreten Angriff auffassen“ (Zwerenz 173).
Ossietzky wurde 1931 als „Mitverantwortlicher für einen die geheime Aufrüstung der Reichswehr enthüllenden Artikel […] wegen Verrates militärischer Geheimnisse zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, 1932 amnestiert“ (MEL 17/774).
Gerhard Zwerenz kommentiert: „Das Urteil war formaljuristisch korrekt […]. Allerdings hätte Ossietzky nie verurteilt werden dürfen […]. Laut internationaler Verträge hatte die Weimarer Republik die Aufrüstung zu unterlassen. […] Weil in der ‚Weltbühne‘ diese unrechtmäßige Handlung des Staates aufgedeckt wurde, mußte Ossietzky ins Gefängnis“ (Zwerenz 185).
Nach dem Reichtagsbrand 1933 verhaftete ihn die Gestapo, zusammen Erich Mühsam (1878-1934) und vielen anderen „Demokraten, Sozialisten und Kommunisten“ (Zwerenz 174). „1935 erhielt Ossietzky den Friedensnobelpreis, für Hitler der Anlaß, ein Verbot der Annahme von Nobelpreisen durch Reichsdeutsche auszusprechen“ (MEL 17/774). „Anfangs versuchten die Nazis die Torturen zu leugnen, die in den Schutzhaftlager genannten KZs üblich waren“ (Zwerenz 186). „Ossietzky starb an den Haftfolgen (in einer Klinik)“ (MEL 17/774; vgl. a. Marcuse).
Über die Belagerung von Paris (1870): Deutsche und Franzosen schossen nicht nur aufeinander, sondern halfen sich gegenseitig auch mit Kartoffeln und Getränken aus. Tucholsky kommentiert: „Man könnte da von ‚Landesverrat‘ sprechen, und tatsächlich untersagte nachher ein Armeebefehl diese Annäherungen aufs schärfste.“ Es ging um „eine Diskreditierung des Krieges. […] Offenbar waren doch der Nationalhaß, der Zorn, der angeblich das ganze deutsche Volk auf die Beine rief, nicht mehr so groß, wie damals Unter den Linden, als es noch nicht galt, auf seine Mitmenschen zu schießen. Damals hatte mancher mitgebrüllt, weil alle brüllten, und das verpflichtete zu nichts“ (W 1/99).
Über den Ersten Weltkrieg (1914-18):
- „Vier lange Jahre. / Es hieß sich immer wieder, wieder ducken / und schweigen und herunterschlucken. / Der Mensch war Material und Heeresware“ (W 1/350).
- „Jeder Krieg ist ein Verbrechen, dieser war ein doppeltes – am Land und am Geist. Es gibt keinen deutschen Kirchenmann, der seine Mithilfe an diesem Morden versagt hätte“ (W 3/427).
Auch die Philosophen hätten versagt, bis auf Leonard Nelson (1882-1927), der „die zur Psychologie entwickelte Selbstbeobachtung für die letzte unmittelbare Erkenntnisquelle“ hielt (Gerrit Haas / Reiner Wimmer, in: EPhW 2/986).
Tucholsky meint, der „Tod der zehn Millionen“ im Ersten Weltkrieg sei „sinnlos gewesen – sie sind für nichts gefallen.“ So begründet er seine Auffassung, daß noch „der niedrigste Pazifismus […] gegen den edelsten Militarismus tausendmal recht“ habe (W 9/157).
Die Schuld an diesem Krieg gab Tucholsky Deutschland allein: Deutschland habe ihn „heraufbeschworen, verschuldet und durch eigne Schuld verloren“ (W 2/91). „Aber weil er nun einmal verloren ist, laßt uns daran arbeiten, daß dergleichen nicht wiederkehrt“ (W 2/136).
Seine ausführliche Kritik am deutschen Militarismus (W 2/8-38) faßt Tucholsky selbst zweimal zusammen:
- Während des Ersten Weltkriegs sei die deutsche Armee „ein trüber Haufe voller Qual und Greuel“ gewesen. „Weltenklüfte zwischen Offizier und Mann, Unterschlagung und Diebstähle von Lebensmitteln zugunsten der höhern Ränge, Requisitionen ohne Ziel und Maß, falsche Schwäche und falsche Härte den fremden Landeseinwohnern gegenüber, Vaterländischer Unterricht, Mantel der Lüge über all den Jammer und alle Verbrechen: ‚Unser Militär'“ (W 2/23).
- „Die Stellung des deutschen Offiziers zum Mann war etwa die eines Dresseurs zu einem verprügelten Hund. Das Offizierkorps hat sich im Kriege auf dem Dienstwege Verbesserungen in der Verpflegung verschafft, die ihm nicht zukamen. Das Offizierkorps hat von unrechtmäßigen Requisitionen seiner Angehörigen gewußt und hat sie stillschweigend geduldet. Der deutsche Offizier hat in sittlicher Beziehung im Kriege versagt. Der Geist des deutschen Offizierkorps war schlecht“ (W 2/28).
Tucholskys Gegner warfen ihm Generalisierung vor. In zahlreichen Leserbriefen hieß es: „Wenn wirklich […] einige oder selbst viele Offiziere – wie zugegeben sein mag – solche Dinge begangen haben, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß das gesamte deutsche Offizierkorps solche Vorwürfe verdient, wie sie hier erhoben worden sind“ (W 2/28).
Dagegen meinte Tucholsky, er greife nicht einzelne Offiziere an, sondern, wie gesagt, den „Geist des deutschen Offizierkorps“ (W 2/31), der durch Arroganz, Menschenverachtung, mangelnde Bildung und fehlende Bestrafung von Dienstvergehen gekennzeichnet sei. Außerdem war er der Ansicht, daß die Übergriffe der deutschen Offiziere die Friedensbedingungen verschlimmert hätten.
Auch folgendes gehört zu Tucholskys Kritik am deutschen Militarismus: „Die Deutschen sind noch lange nicht dazu erzogen, miteinander zu arbeiten. Sie können nur wirken, wenn man sie einen über den andern stellt“ (W 2/120).
Über die Freikorps (die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet hatten): Tucholsky wendet sich dagegen, daß in der Technischen Hochschule in Charlottenburg „ein Verbindungsoffizier der Freikorps“ sitzt (W 2/87), der „für den Eintritt in die Freikorps“ „wirbt und agitiert“, so daß aus der Hochschule „eine Art Soldatenmarkt“ wird (W 2/88).
Anhand der Dokumentensammlung „‚Vorgeschichte des Waffenstillstands‚“, die die Reichskanzlei im Auftrag des Reichsministeriums herausgegeben hat, kritisiert Tucholsky Erich Ludendorff (1865-1937), der neben Hindenburg das Militär im Ersten Weltkrieg leitete: Er habe die Reichsleitung mit seinem Rücktritt erpreßt, als sie zusätzlich zu seinen Angaben noch andere Auskünfte einholen wollte. Er habe weder die deutsche Seele noch die Seele ausländischer Völker gekannt. Als Stratege habe er nicht „mit der Realität“ gerechnet (W 2/148). Er habe seine Stellung dazu mißbraucht, Politik zu treiben. Er habe den Krieg verlängert, damit die Offiziere sich weiter bereichern konnten. Trotzdem sei er „straflos“ geblieben (W 2/147f).
Zum Vergleich: „Ludendorff verkörperte […] den modern-technokratischen Fachmann des Kriegshandwerkes, der den Erfordernissen des ersten totalen Krieges alle Politik unterordnete“. Er „setzte sich für expansionistische Kriegszielprogramme ein, erzwang im Januar 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und trug im Juli 1917 maßgeblich zum Sturz des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg bei. […] Politisch wollte er, unter Mißachtung der Friedensresolution des Reichstages (Juli 1917), bis zum militärischen Zusammenbruch innere und soziale politische Reform durch Expansion ersetzen“ (MEL 15/289f).
Tucholskys Politikkritik
Otto von Bismarck-Schönhausen (1815-1898) habe, „wie kaum ein zweiter, die deutsche Kultur veräußerlicht, untergraben und zerstört“ (W 2/176), meint Tucholsky.
Zum Vergleich: „Äußerlich war Bismarck eine ‚Kraftnatur‘, dabei aber hochsensibel und leicht verletzbar. Außerordentliche Belastungen führten später mehrfach zu Nervenzusammenbrüchen. Die ‚Ochsentour‘ in der Staatsverwaltung erschwerte er sich durch Neigung zum Spiel, Liebesaffären und Abwesenheit ohne Urlaub“ (MEL 4/272).
„Bismarck glaubte ’nicht an Ideen, sondern an Interessen‘.“ Er „bekämpfte den politischen Katholizismus und die zu einer Massenorganisation angewachsene Sozialdemokratie; er förderte entscheidend den Zerfall des Liberalismus, um der Unterwerfung der monarchischen Exekutive unter das Votum parlamentarischer Mehrheiten vorzubeugen“ (MEL 4/274).
„Obrigkeitsstaat und Untertanengeist, Militarismus und die politische Isolierung der Arbeiterschaft im neuen deutschen Nationalstaat sind ebenfalls Ergebnisse der Bismarckschen Politik“ (MEL 4/275).
Anhand eines Artikels über den „Fall Berliner“ in der Kreuz-Zeitung äußert sich Tucholsky über den Umgang mit Juden in Deutschland: Ein Ingenieur namens Berliner wurde in Rußland ein Vierteljahr lang festgehalten, ohne daß sich deutsche Behörden einschalteten. Denn er galt als Jude.
Tucholsky kommentiert bissig: „Denn wenn er einer wäre, käme er überhaupt nicht in Betracht, bekanntlich werden die Juden nur als Steuerzahler unter die Rubrik ‚Deutsche‘ gebucht, und wenn draußen einer gefangen wird, dann haben wir drinnen einen weniger“ (W 1/214).
Während die Engländer wegen einer Gouvernante „keine Flottendemonstration scheuen“, gibt Deutschland im Ausland „kriechend klein“ bei, „weil es keine Autorität mehr hat.“ Dabei geht es den Engländern nicht um die Gouvernante, sondern um das Ansehen ihres Landes im Ausland. Es „ist kein Kunststück, wehrlose Streikende mit Polizeifäusten zu regalieren, es ist aber wohl eins, einer schikanierenden fremden Bürokratie den Standpunkt klarzumachen“ (W 1/214). Dagegen ist der „russische Autokrat […] immerhin ein Kerl und verbittet sich jede Einmischung“ (W 1/215).
Überhaupt bestehe die deutsche Außenpolitik „ja traditionell zum größten Teil aus Schadenfreude“ (W 6/222).
Gustav Noske (1868-1946), der 1918 als Gouverneur von Kiel den Matrosenaufstand unterdrückte und im Frühjahr 1919 als Leiter des Militärressorts des Rats der Volksbeauftragten bzw. Reichwehrminister „in Berlin und anderen Teilen des Reichs revolutionäre Erhebungen“ niederschlug, taucht in Tucholskys Gedichten als „Pater“ (W 2/106) oder „Vater Noske“ (W 2/114) auf. Er „legte den Grundstein für eine neue Heeresorganisation, ohne allerdings die bewaffnete Macht in den republikanischen Staat zu integrieren. Nach dem Kapp-Putsch (1920) mußte er zurücktreten“. 1920-33 war er Oberpräsident von Hannover, 1939 und 1944 wurde er inhaftiert (MEL 17/446).
Tucholsky wirft ihm vor, daß er die Tradition von Ludendorff fortgesetzt habe, anstatt ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Er habe durch die Neugründung eines Heeres den Friedensvertrag verletzt. Dabei seien „weder das Polizeipräsidium noch der Justizminister noch die berliner Stadtverwaltung gefragt worden“ (W 2/164). So „bereitet sich die Konservierung des dreimal verfluchten militärischen Geistes vor“ (W 2/165).
Noske sei ein politischer Wendehals: „Er hat der Monarchie gedient (die auf Sozialdemokraten schießen ließ) – er dient den Sozialdemokraten – und er wird wohl auch einem gemischten System dienen“ (W 2/165). Er sei zwar „beliebt“, aber „ein kopfloser Mann. Ich habe eigentlich noch niemals in der deutschen Politik – außer beim Kaiser – ein solch erschreckendes Maß an Einsichtslosigkeit in alle tiefern Zusammenhänge gesehen. […] Er weiß nicht, daß der Militarismus eine geistige Gefahr ist“ (W 2/226).
Tucholskys Kritik am Kolonialismus
Unter dem Titel „Grimms Märchen“ (W 6/215-222) bespricht Tucholsky den Roman „Volk ohne Raum“ (1926), den er zu „den Bibeln des Deutschtums“ rechnet (W 6/215), und „Die dreizehn Briefe aus Deutsch-Südwest-Afrika“ von Hans Grimm (1875-1959).
In der „Blut und Boden“-Ideologie der Nationalsozialisten wurde „die Eroberung von Lebensraum im Osten als unausweichlich“ dargestellt (Uffa Jensen, in: ENS 400).
Hitler übernahm Grimms Titel: „Deutschland sei […] ein ‚Volk ohne Raum‘ (Grimm) und müsse im immerwährenden Kampf der Völker durch biologische Expansion Lebensraum im Osten Europas gewinnen, um für den Geburtenüberschuß Siedlungsgebiete zu erschließen, eine autarke Wirtschaft aufzubauen […] und erfolgreich Krieg führen zu können. Nach der Schaffung eines europäischen Kontinentalimperiums war die Realisierung kolonialer Bestrebungen im Weltmaßstab geplant. Ohne die rassistisch-sozialdarwinistische Annahme eines deutschen Herrenvolkes und der Minderwertigkeit der slawischen Völker […] ist das Lebensraum-Konzept nicht denkbar“ (Uffa Jensen, in: ENS 565).
„Durch Lesungen aus dem Roman verbreitete Grimm seine kolonialistischen Vorstellungen, die dazu noch antibritische, antisemitische, rassistische und Blut-und-Boden-Anspielungen enthielten. Die Lektüre ausgewählter Abschnitte seines Buches auf Tagungen und bei Gruppenlagern nationalistischer Kreise und Bünde wirkte als Multiplikator seiner Gedanken, die lebhafte Aussprachen über ‚Siedlung, Raumnot und völkische Zukunftsaufgaben‘ in Gang setzten“ (Günter Neliba, in: ENS 783).
Laut Tucholsky ist Hans Grimm „ein im tiefsten Kern anständiger Mann […]; die üble Ausnutzung, die der Roman durch deutsch-nationale Annexions-Politiker erfahren hat, mag ihm selber nicht behaglich sein“ (W 6/215).
Nachdem Tucholsky kurz über den Verlust der deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg berichtet hat, geht er auf Grimms Klage ein, das „ehemalige Deutsch-Südwest“, das vom Völkerbund der Südafrikanischen Union anvertraut wurde, sei „im besten Zuge, von der Union verschluckt und damit englisch zu werden oder doch unter englischen Einfluß zu kommen. Im übrigen trete man die Rechte der dort ansässigen Deutschen mit Füßen und quäle sie durch Nichtanerkennung der deutschen Sprache und nicht sehr freundliche Behandlung“ (W 6/216).
Grimm gestehe zwar ein, daß das Land nicht deutsch sei, argumentiere aber so: „die Deutschen hätten es dem Handel erschlossen, […] und es gebe […] einen Eigentumsbegriff, der durch Arbeit und durch Verbesserung des Objekts entsteht“ (W 6/216).
Tucholsky hält das beides für richtig. Doch er kritisiert an den Befürwortern des Kolonialismus, daß sie „die Klassiker der Armee-Lügen, die Heeresberichte, zum Vorbild“ hätten. „Was an der Sache auffällt, ist eine unerträgliche Vermanschung von Lyrik und Geschäft, von Handelsinteressen und gehobenem Patriotismus, von höher klopfenden Herzen und Nationalwirtschaft“ (W 6/217).
Er selbst fragt, wozu Deutschland überhaupt Kolonien braucht. „Des Landwertes wegen? […] Für die Ausfuhr?“ Tucholsky verneint beide Fragen, denn Deutsch-Südwest sei arm, und jeder Export wäre eine Form der Nothilfe. Auch die Übervölkerung ist für ihn kein Grund, da Deutschland „seine Bebauungsfläche noch niemals richtig ausgenutzt“ habe. Außerdem werde das Geld für die Aufrüstung zum Fenster hinausgeworfen (W 6/217), und „der deutsche Menschenüberschuß“ sei „nie, niemals in die deutschen Kolonien abgewandert“ (W 6/218).
Deshalb sucht Tucholsky nach anderen Gründen der Kolonialisierung. Er findet folgendes:
- Es gebe eine Sorte von Deutschen, die immer recht hätten und eine Niederlage in einen moralischen Sieg umdeuten würden. Doch der Erste Weltkrieg sei eben verloren worden.
- Außerdem gebe es „deutsche Psychopathen“, die ihren Sadismus „nicht mehr in Lichtenberg an den Arbeitern, sondern in der Wüste an den Kaffern austoben“ wollen (W 6/219).
Er kritisiert auch den Widerspruch zwischen einheimischem Nationalismus und Grimms übernationalem Lösungsversuch für die Übervölkerung Mittel- und Westeuropas. Die Deutschen würden „immer lieber die Freiheit der Griechen, der Buren und der Chinesen“ besingen, „als sich die eigne zu erringen“ (W 6/220). Daß „die Deutschen […] unter den Nationen“ das sind, „was die Juden unter den Deutschen“, gesteht Tucholsky zu (W 6/222). Die Zukunft gehöre Rußland und dessen Gegnern.
Was mir bei der Lektüre des Romans von Hans Grimm aufgefallen ist: Die Äußerungen über die Notwendigkeit von Kolonien und Auswanderung wirken wie Fremdkörper, als in den Roman eingestreute hohle Phrasen ohne Herzblut, als Kopfgedanken, mit denen man jemand nach dem Mund redet:
- Anne Friebott ist gegen eine Auswanderung in die USA, denn Amerika sei „’nicht einmal deutsch!'“
- Förster Dilling setzt seine Hoffnung auf die „’neuen Kolonien'“ (Grimm 82).
- Görge Friebott meint, in der deutschen Heimat sei nur „’nicht genug Platz […], nur nicht genug Platz'“ (Grimm 96).
- Bei einer Kneipendiskussion fragt der Bürgermeister: „‚Doch wie kriegen wir Land?'“ (Grimm 139)
- Leutnant Reinhart findet: „‚Deutschland allein ist zu klein geworden für uns, dagegen ist die Welt groß genug für alle'“ (Grimm 191).
- Der Sozialdemokrat Martin Wessel schwärmt von der mächtigen „‚Fülle des Raumes'“ in Südafrika (Grimm 256).
- Ein Redner auf einer Versammlung von Sozialisten, der aber keinen Anklang findet, sagt: „‚Die Volksmasse kann nur von zweierlei leben, von der Arbeit oder vom Lande, und wo von beidem zu wenig ist, werden die Menschen weder gut noch gesund'“ (Grimm 279).
- Der Bure Jan Steyn sagt: „‚Und Gottes Geschöpf braucht Raum!'“ (Grimm 373)
Die Lektüre des Romans lohnt sich trotzdem wegen der Darstellung der feinen Nuancen im zwischenmenschlichen Bereich, in der Liebe zwischen Mann und Frau und zwischen Eltern und Kind. Grimms Einstellung zur Emanzipation der Frau ist seiner Zeit voraus: Anne Friebott sagt, daß die Arbeit des Mannes Anfang und Ende hat, die Arbeit der Frau aber nicht. Ein Mann könne das Leben köstlich finden, eine Frau müsse aufpassen, daß sie nicht verzehrt werde.
Tucholskys Kampf gegen die Zensur
In dem Gedicht „Zensurdebatte“ schildert Tucholsky, wie es im Reichstag zugeht: Der Mißbrauch der Zensur ist bekannt, die Regierungsvertreter meinen, man müsse die Zensur „ertragen, aber nicht loben.“ Doch Auskünfte über das Militär seien in der Presse tabu. Besonders über Alfred von Tirpitz (1849-1930) dürfe man nichts sagen (der die Torpedos entwickelte, die Rivalität zwischen der deutschen und englischen Flotte mitverursachte, darwinistisch und imperialistisch dachte, das Parlament umging, im Ersten Weltkrieg den U-Boot-Krieg einschränken wollte und die Deutsche Vaterlandspartei mitbegründete).
Die „härteste und unerbittlichste deutsche Zensur“ schreibt Tucholsky nicht den Behörden, sondern dem Publikum zu, das „keinem Künstler“ erlaube, „auch nur einen Fingerbreit von der herkömmlichen Linie abzuweichen“ (W 2/93f).
Aphorismen:
- „Der Kampf gegen die Zensur darf nicht aufhören“ (W 10/70).
- „Einem Staat kann nur dann das Recht eingeräumt werden, Zensur auszuüben, wenn er überhaupt weiß, was er will“ (W 10/71).
- „Was in Deutschland getrieben wird, ist eine dreiste Anmaßung vermuffter Bürgerkreise, die gern das Interesse eines Beamtentums mit dem Deutschlands gleichstellen“ (W 10/71).
- „Alles, was nicht unmittelbar gegen berechtigte öffentliche Interessen verstößt, sei frei. […] Was aber keinesfalls zu dulden ist, das ist die freche Anmaßung kleinerer Bürgerkreise, ihre zufällig vorhandenen geistigen Anschauungen zum Maß aller Dinge zu machen“ (W 10/72).
- „Man stelle sich vor, es gäbe nur eine Zeitung in Deutschland, und man stelle sich vor, diese Zeitung werde von der Regierung herausgegeben – möchtet ihr die lesen? Ich nicht“ (W 10/73).
- „Warum soll Hitler nicht im Rundfunk sprechen? Natürlich nur dann, wenn man Thälmann sprechen läßt – paritätisch geht’s schon. Wobei, wie bei jeder Demokratie, der Gedanke auftaucht, wie denn das nun ist: Muß sich die Demokratie gefallen lassen, daß jemand ihre Meinungsfreiheit benutzt, um sie zu unterdrücken? Meiner Ansicht nach muß sie das nicht“ (W 10/73).
- „Daß der Ruf nach der Pressefreiheit keinen Sinn mehr hat, weiß ich; die ‚Einflußnahme‘ auf die Presse ist so groß …“ (W 10/73).
- „Uns interessieren die sittlichen Anschauungen der Zensoren überhaupt nicht; es hat sie keiner danach gefragt“ (W 10/73).
- „Jede, jede, jede Zensur ist vom Übel. So erzieht man kein Volk“ (W 10/74).
- „Die Zensur ist der Schutz der Wenigen gegen die Vielen“ (W 10/74).
Tucholskys Kritik an der Bürokratie
Die Befürchtung, daß nicht die Menschen die Maschinen, sondern die Maschinen die Menschen beherrschen, überträgt Tucholsky auf die Bürokratie: „Nicht die Deutschen beherrschen die selbstgeschaffenen Apparate zur Vervollkommnung des Lebens – die Apparate beherrschen die Deutschen“ (W 1/336).
Er findet, daß der Apparat „nur ein Hilfsmittel“, „kein Zweck“ sein soll (1/337). Er „soll nicht herrschen“, sondern „dienen“ (W 1/338). Doch die Realität sehe so aus: „Daß überhaupt organisiert wird, flößt uns viel mehr Hochachtung ein als was und wie eigentlich organisiert werde“ (1/336). „Es braucht einer nur hinter einem Schalter zu sitzen, um ein durchaus höheres Wesen darzustellen“ (W 1/338).
„Die Seele des Apparates ist die Verfügung. […] Der Apparat ist ein Automat: innen ist ein Räderwerk von Verfügungen, oben wirft man bescheidentlich ein Gesuch hinein, und unten fällt etwas heraus: in der Regel eine Dummheit“ (W 1/337), die mit weitschweifigen Erklärungen durch die betreffende Behörde bemäntelt werde.
Tucholskys Kritik an der SPD
Hans Grimm stellt in „Volk ohne Raum“ die Vorurteile gegenüber der SPD so dar: Sie seien Atheisten, die den Kaiser verjagen oder töten wollen und die ihre Nachbarn bestehlen wollen. So denkt Cornelius Friebott als Bauer und Handwerker über diese „‚Leute'“ und deren „‚Zeug'“. So hört und liest man es. An der Oberweser sei einer von ihnen ein „‚Ramenter'“ (Krachmacher), einer ein Säufer und einer ein Dieb (Grimm 161). Außerdem werde man vor ihnen im Unterricht als Umstürzler gewarnt.
Sein Bekannter Martin Wessel, der ihn zu missionieren versucht, stellt die SPD dagegen folgendermaßen dar: Beim Sozialismus komme zuerst das Geben, dann das Empfangen, nie aber das Nehmen. Die Sozialisten würden allen helfen, das zu werden, was sie wollen. Sie würden für die Schüler kostenlosen Unterricht und Verpflegung fordern. Bisher bevorzuge der Staat bei seiner Förderung die Studenten vor den Besuchern höherer Schulen und vor allem der Volksschulen. Wer seine Arbeitskraft verkaufe, lebe nur für seine Freizeit und werde ausgebeutet. Er könne ohne die Unterstützung der Sozialisten keine Karriere machen.
Cornelius wendet ein, daß das für Bauern und Handwerker nicht gelte. Sein Vater würde freiwillig im Steinbruch arbeiten und werde wieder zur Landwirtschaft und zum Fuhrgeschäft zurückkehren, sobald es möglich sei. Er selbst wolle Handwerker werden. Die Sozialisten würden Handwerker und Bauern ablehnen, weil sie ihre Arbeit noch lieben.
Martin gesteht, daß auch er seine Arbeit liebe und deshalb „’sogar […] im Büro beobachtet'“ werde (Grimm 165). Ein Betrieb, der seine Produktionsmittel nicht aus eigener Tasche ersetzen könne, werde untergehen. Der Sieg der Sozialisten werde die ganze Menschheit befreien. Nur, wer für Lohn arbeite und an keinem Besitz hänge, könne die Gesellschaft verwandeln. Auch Bauern, Handwerker und Geistesarbeiter würden zum Proletariat gehören und im Gegensatz zu den Kapitalisten und Ausbeutern stehen.
Cornelius denkt sich seinen Teil: Martin sei zwar studiert und sprachgewandt, aber was er sage, sei selbstherrlich, selbstgerecht und aufschneiderisch. Laut fragt er, ob diese Theorien von Arbeitern oder von feigen Rauchern und Klugschwätzern erdacht worden seien. Immerhin ist er so beeindruckt, daß er auf dem Heimweg Selbstgespräche führt und wünscht, daß sich die sozialistischen Forderungen erfüllen.
Auch Hans Grimm denkt sich seinen Teil: Martin spreche „in der bald papieren nüchternen, bald wirtshausgellen, bald talmudistisch spitzfindigen Redeweise der Parteilehrer und ihrer Schriften“ (Grimm 166).
In dem Tal, in dem Hilwartswerder liegt und in dem Cornelius mit seinen Eltern wohnt, ist der Sozialismus geächtet: Wenn sich einer „als Roter angab oder Anlaß gab zu solcher Nachrede, dann wurde dies wirklich als Makel für ihn und sein Haus empfunden; und der Abscheu kam am meisten von dem Flegelwesen der neuen Genossenschaft her und wurde viel weniger von der ungeschickten Abwehr hochfahrender Gegner veranlaßt. Die alten und die durch gegenseitige Beobachtung vorsichtigen Dorfmenschen fühlten, es geschehe eine heimtückische Sünde an jedem Menschenleben, wenn Ehrfurcht und Andacht so billig zerstört wurden“ (Grimm 241).
Ein Pfarrer, der sein kirchliches Amt aufgegeben hat, leitet die Sozialdemokratie bei einer Rede vor seinen Genossen aus der christlichen Selbst- und Nächstenliebe ab: „‚Lieben heißt glücklich machen und glücklich sein.'“ Jesu Lehre sei eine höchst gesunde Verbindung von „‚Egoismus und Altruismus'“, anders ausgedrückt: Er habe die „‚Solidarität aller'“ gelehrt. „‚Gemeinschaftsdienst ist Gottesdienst […]. Nur Not ist nicht nötig, Not hat kein Recht, Not will bekriegt und erschlagen sein“ (Grimm 273).
„‚Was wäre edler, sittlicher, berechtigter, als daß der Mensch in Not und Gebundenheit sich der Not und Gebundenheit entledige?'“ Und zwar „dadurch, daß er die Fesseln überhaupt entfernt und die ganze Menschheit zu erheben trachtet, damit alle ein gleich glückliches, ein gleich menschenwürdiges, Geist, Leib und Wesen befreiendes Dasein sollen leben können. […] Für dieses Ziel kämpft die Sozialdemokratie ununterbrochen seit fast vierzig Jahren'“ (Grimm 274).
Hans Grimm selbst unterscheidet drei Arten von Sozialisten: die ersten wollen stehlen, die zweiten wollen „Ehrgeiz und Herrschsucht“ befriedigen, die dritten wollen „dem neuen Menschen und seinem grenzenfreien Reiche dienen“ (Grimm 333).
Tucholsky kritisiert die SPD im Zusammenhang mit der Zensur: „Jede, jede, jede Zensur ist vom Übel. So erzieht man kein Volk. Was haben die Bildungsbonzen der SPD zusammen geheulmeiert, als das Schmutz- und Schundgesetz mit ihrer Hilfe durchging! Falsch ist das, kleinbürgerlich und dumm“ (W 10/74).
In „Der Geist von 1914 beklagt Tucholsky, daß es keine „ethische Gegenströmung“ gegen den Krieg gab: „die Sozialdemokraten, die das Sozialistengesetz nicht mehr erlebt hatten, waren niemals konsequente Pazifisten und viel zu treue Staatsbürger, um die Verweigerung der Wehrpflicht aus Gewissensgründen auch nur in Gedanken zu wagen“ (W 3/426).
„1927 ergrimmten die Sozialdemokraten Tucholsky bis aufs Blut. Einmal in den Reichstag gelangt, vergaßen sie ihre gute Vergangenheit, bauten tüchtig mit an der Fassaden-Demokratie, konnten die (kritischen) Freunde nicht von den tatsächlichen Feinden unterscheiden“ (Zwerenz 102).
Tucholsky wetterte los: Werde die SPD als Opposition das Maul aufreißen, die Faust gegen Hindenburg erheben, die Steuern gerechter verteilen, die Zensur abschaffen, für die Freiheit kämpfen, die deutschen Richter kritisieren, sich für die Republik einsetzen, obwohl sie Tucholsky im „Kampf gegen die Militärschweinerein“ allein gelassen haben? (W 5/152)
Er behauptete, „die schlimmsten Dinge“ seien zu der Zeit geschehen, als die SPD „an der Macht“ war. Sie hätten die heutigen Mißstände erst möglich gemacht, „Arbeiterblut vergossen“ und der jetzigen Regierung zur Macht verholfen. Die SPD sei keine Opposition, sondern vom Untertanengeist beseelt wie die Regierung (W 5/152).
1928 schrieb Tucholsky in einem Aufsatz über „Gebrauchslyrik“ (W 6/316-320): „Die sozialdemokratische Partei hat in ihrer guten alten Zeit mit den Intellektuellen zusammengearbeitet, denn Eisner und Landauer und Jogiches und Liebknecht sind keine Metallarbeiter gewesen und haben sich auch niemals so kostümiert. Sie ist gut dabei gefahren, die Partei. In ihrer schlechten Zeit hat sie das getan, was heute so viele Kommunisten tun: sie hat die brauchbaren, anständigen und saubern Intellektuellen zurückgestoßen, sie wollte abstoßen, und sie tat es – und das Resultat war bei der SPD eine Versumpfung auf der ganzen Linie, die selbst den klaren Willen der großen Provinzopposition durch die geriebene Taktik ehrgeiziger verkrachter Studenten oder geölter Funktionäre glatt an die Wand spielt“ (W 6/320).
Tucholsky schimpfte 1931 sogar: „Gott schuf Kluge, Dumme, ganz Dumme und Geschäftsführer der SPD-Presse“ (W 9/213). Zwerenz hält das für „aphoristisch verkürzt“ (Zwerenz 103). Tucholsky wußte es auch ausführlicher:
„Aber wer hilft den jungen Menschen? Man müßte glauben, daß die sozialistischen und kommunistischen Blätter dazu noch am ehesten prädestiniert wären. Über die ‚Rote Fahne‘ als journalistisches Erzeugnis ernsthaft zu reden, ist leider nicht möglich – ich sage ‚leider‘, weil mir ihre Grundgesinnung sehr nahe ist. Aber wie sieht das aus! Wie ist das geschrieben! – Der ‚Vorwärts‘ ist heute noch so verkalkt wie damals, als ich bei ihm anfangen wollte – über ein paar Glossen hinaus habe ich es da nie gebracht, und beim mechanischen Abdruck ist es geblieben. Von Ermunterung war wenig zu spüren“ (W 6/15).
In seinem Aufsatz über die „Parteiwirtschaft“ (1931) wirft Tucholsky der SPD vor, daß sie nicht begriffen habe, nach der gewonnenen Wahl „ihre Macht zu gebrauchen […]: Sie hat stets nur Kompromisse gemacht, und die zu ihrem Schaden. Sind die Rechten an der Macht, so benutzen sie ihre Macht, und sie tun recht daran“ (W 9/305).
1932 meinte er bissig: „Das Gerücht, die SPD werde im Falle eines Verzichts Hindenburgs für Ludendorff als Reichspräsidenten stimmen, entspricht noch nicht den Tatsachen“ (W 10/51).
Ebenfalls 1932 schrieb Tucholsky einen Aufsatz über „Redakteure“ (W 10/83-90). Darin heißt es: „Einmal haben sie einen SPD-Redakteur in der Provinz gezwungen, nie wieder etwas von mir zu drucken; der Mann hatte Frau und Kind und gab nach“ (W 10/85f).
In seinem Brief an Arnold Zweig vom 15.12.1935 sah Tucholsky „eine Sozialdemokratie, die erst siegen wird, wenn es sie nicht mehr gibt – und zwar nicht nur, weil sie charakterlos und feil und feige gewesen ist (und wer war denn das anders als eben wieder Deutsche) – sondern die die Schlacht verloren hat, weil die Doktrin nicht taugt – sie ist falsch. […] Man muß von vorn anfangen“ (B 337). „Es gehört dazu […] eine Jugendkraft, die wir nicht mehr haben“ (B 338).
Da die SPD „die wichtige Rolle der Propaganda nicht erkannte“, bezeichnet Gerhard Zwerenz sie als „Partei der Spätmerker“ (Zwerenz 103), im Gegensatz zu dem „Schnellmerker“ Tucholsky (Zwerenz 104).
Tucholskys Kampf gegen die Nationalsozialisten
Die prophetische Ader von Tucholsky zeigte sich im Mai 1914, als er in sein Notizbuch „eine Phantasie schreiben“ wollte, „wie es aussähe, wenn ein Krieg ausbräche“ (W 1/309).
Als er 1918 die „Walpurgisnacht“ verfaßte, wußte die Welt noch nichts von Hitler und den Nationalsozialisten. Bei den Hexen, die Tucholsky schildert, geht es straff militärisch zu. Der Satan „reckte den rechten Arm in die Höhe – in seiner Faust flatterte die Flamme einer Fackel“, „und das ganze Regiment folgte der Fackel des Führers […] zum Blocksberg“, angetrieben durch den wagnerischen Schlachtruf „Hoi-ho-to-ho!“ (W 1/294) Alle sind auf ihrem Platz: „Mann, Führer und Unterführer“ (W 1/295).
1919 schrieb Tucholsky in dem Gedicht „Achtundvierzig“: „Der Feind steht rechts!“ (W 2/8) Etwas ausführlicher wird er in dem Gedicht „Preußische Presse“: Deutschland soll aufwachen und sich besinnen, denn es habe nur einen Feind: „Der Feind steht rechts!“ (W 2/109) Am Schluß des Gedichts „Die Morgenpost“ wiederholt er den Satz gleich zweimal (W 2/214).
In dem Gedicht „Krieg dem Kriege“ (ebenfalls 1919) prophezeite Tucholsky den Zweiten Weltkrieg, der 1939 begann: Die Imperialisten „schenken uns wieder Nationalisten. / Und nach abermals zwanzig Jahren / kommen neue Kanonen gefahren“ (W 2/113).
In seinem Aufsatz über das Buch „Gesunde und kranke Nerven“ des Nervenarztes Dr. L. Paneth schrieb Tucholsky über die Nationalsozialisten: „Nichts zeigt die erschreckende Geistlosigkeit dieser deutschen Bewegung, gehätschelt von den Richtern, geduldet von zahllosen Polizeiverwaltungen, bezahlt von den Unternehmern, die eine Garde gegen die Wut der Arbeitslosen brauchen und zwei Garden gegen ihre eignen Arbeiter, bejubelt von ratlosen, ausgepowerten Proletariern, besonders auf dem Lande … nichts zeigt die traurige Geistesverfassung dieser Leute so an, wie die völlige Verständnislosigkeit gegenüber der Zeit, in der sie leben. Sie sehen nicht. Sie hören nicht. Und der irdische Kirdorf ernährt sie doch“ (W 8/248f). Hitler sei weder neurotisch noch besessen (W 8/250).
Der Großindustrielle Emil Kirdorf (1847-1938) sah in der nationalsozialistischen Bewegung „die Rettung des ‚Deutschtums'“. 1927 lernte er Hitler persönlich kennen und trat in die NSDAP ein. „Auf Drängen Kirdorfs verfaßte Hitler schließlich eine für Industriekreise bestimmte, unter der Hand verteilte Werbeschrift (Der Weg zum Wiederaufstieg).“ Er bekannte sich öffentlich zu Hitler und versuchte, „in den Kreisen der Ruhrindustrie Anhänger für die NSDAP zu gewinnen.“ Da er das wirtschafts- und sozialpolitische Programm von Gregor Straßer ablehnte, trat er 1928 aus der NSDAP aus und kehrte in die DNVP zurück. Doch er unterhielt „weiterhin enge persönliche Beziehungen zu Hitler“, nahm am NSDAP-Parteitag 1929 in Nürnberg teil und spendete wiederholt Geld. 1934 trat er wieder in die NSDAP ein. Er wurde mit dem Goldenen Parteiabzeichen und dem Adlerschild des Deutschen Reiches ausgezeichnet. An der Trauerfeier anläßlich seines Todes nahm Hitler persönlich teil (Ulla-Britta Vollhardt, in: Weiß 264).
In seinem Gedicht „Joebbels“ (1931) ging Tucholsky entgegen seiner sonstigen Ritterlichkeit unter die Gürtellinie: Er nannte ihn „Lauseknacker“, „kleener Mann“ mit „Klumpfuß“ (Goebbels hinkte), „Buckel“ und großer „Fresse“, der mit seiner „Schnauze“ nichts riskiere, ein Zukurzgekommener, der sich räche, den „Heros“ markiere, der zwar „laut“, aber unwichtig sei, der ein „Porzellanzerschmeißer“, kein „Führer“, nur ein „Reißer“ sei – und so gesehen „een jroßer Mann“ (W 9/138).
Auch in „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“ (1931) kommt er vor: „Wenn der Mensch ‚Loch‘ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels“ (W 9/153).
In seinem Artikel über den Stabschef der SA Ernst Röhm (1887-1934) meint Tucholsky: „Man sollte niemals die lächerlichen Titel gebrauchen, die Hitler seinen Leuten verleiht; so wie man nicht die von den Nazis gegebenen Kategorien annehmen soll“ (W 10/69).
Dagegen wendet er sich gegen die Angriffe auf Röhm wegen dessen Homosexualität: „Gegen Hitler und seine Leute ist jedes Mittel gut genug. Wer so schonungslos mit andern umgeht, hat keinen Anspruch auf Schonung – immer gib ihm! Ich schreckte in diesem Fall auch nicht vor dem Privatleben der Beteiligten zurück – immer feste! Aber das da geht zu weit – es geht unsretwegen zu weit“ (W 10/70).
Begründung: „Zunächst soll man seinen Gegner nicht im Bett aufsuchen.“ Nur wenn die Nationalsozialisten behaupten, „Homosexualität, Tribadie und ähnliches“ sei „von den Russen erfunden worden, die es in das edle, unverdorbene, reine deutsche Volk eingeschleppt haben“, dann dürfe man sagen: „Ihr habt in eurer Bewegung Homosexuelle, die sich zu ihrer Veranlagung bekennen, sie sind sogar noch stolz darauf – also haltet den Mund“ (W 10/70).
Den Geist von Goebbels erkenne man an seinem fauligen Geruch, „Adolf Hitlers Geist“ aber daran, daß „gar kein Geist erscheint“ (W 10/74). In der Parodie eines mit „Sehr gut!“ (W 10/80) benoteten Schulaufsatzes über „Hitler und Goethe“ heißt es: „Hitler zerfällt in 3 Teile: in einen legalen, in einen wirklichen und in Goebbels, welcher bei ihm die Stelle u. a. des Mundes vertritt“ (W 10/78). Das ist übrigens die einzige Stelle, in dem Aufsatz, die man halbwegs ernst nehmen kann.
1932 befand Tucholsky:
- „Kerle wie Mussolini oder der Gefreite Hitler leben nicht so sehr von ihrer eignen Stärke wie von der Charakterlosigkeit ihrer Gegner“ (W 10/21).
- „Das schlimmste Verbrechen, das Hitler begangen hat: er hat die echte Jugend in seiner Partei verraten“ (W 10/109).
Am 8.12. 1935 schrieb Tucholsky den letzten Brief an seinen Bruder Fritz: „Erfahrungen soll man weitergeben. […] Niemals – weder im Betrieb noch sonst – über jemanden etwas Böses sprechen, wenn man nicht die Macht hat, das Böse zu verwirklichen, oder wenn die Bosheit nichts bewirkt. Es fällt immer – immer – auf Dich zurück. Es wird immer hinterbracht, Du machst Dir einen Feind, und Du bist immer der Dumme. Damit empfehle ich keine Duckmäuserei, sondern ganz etwas andres. Ich habe […] zum erstenmal im Krieg […] gelernt, was für eine ungeheure Macht Schweigen ist“ (B 328f). Dachte er da an seine Erfahrungen mit den Nationalsozialisten?
Tucholskys Kritik an der KPD
In seiner Rezension des Buchs „Moskau 1920“ von Alfons Goldschmidt wirft Tucholsky dem Autor Schönfärberei vor. Wie der folgende Satz zu verstehen ist, ist unklar: „Daß da drüben, besonders im Anfang, besonders im Destruktiven (was nur die andere Seite des Konstruktiven ist) wirklich etwas gemacht worden ist, steht außer Zweifel“ (W 2/423). Ist das die Meinung Tucholskys? Oder schreibt das Goldschmidt, und Tucholsky hat ihn paraphrasiert?
Immerhin sehe Goldschmidt „das reparaturbedürftige Moskau, er sieht die Kleidernot, die Unmöglichkeit, daß sich der Arbeiter von seinem Gehalt Straßenkleidung kaufen kann, er sieht wie ganz Moskau schiebt, schiebt, schiebt – aber er stellt freundlich und kurz die Erklärung dahinter: es ist alles in bester Ordnung!
Welch ein Reich! Es gibt wenig zu essen, es gibt fast nichts anzuziehen, es wird in klarer nationalistischer Tendenz Krieg geführt – aber dies alles ist offiziell, dies alles kann umgangen werden“ (W 2/423).
Der Bolschewismus besteht offensichtlich im Organisieren. Doch Tucholsky fragt: „Ja, was organisieren denn diese Leute eigentlich? Ist überhaupt noch etwas da zum Organisieren? Ist die neue Geistesrichtung wirklich ins Volk gedrungen? Wie tief?“ (W 4/424)
In Tucholskys Erzählung „Der Wagen“ versagen die Angehörigen aller anwesenden Parteien, als es darum geht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen: „Der Deutschnationale schoß den Führer nieder, der Zentrumsmann sagte: ‚Mit Gott!‘ und blieb sitzen, der Demokrat schlug vor, die große Koalition zu bilden, der Mehrheitssozialist wolle den Karren aus dem Dreck schieben, ließ aber keinen aussteigen, die Unabhängigen schimpften und schoben mit, und die Kommunisten gaben gute Ratschläge, brüllten aber so, daß sie kein Mensch verstand“ (W 3/226f).
Aus Tucholskys Brief vom 7.5.1933 an Heinz Pol: „Wichtig erscheint mir ferner: die Haltung Rußlands gegenüber Deutschland. Wäre ich Kommunist: ich spuckte auf diese Partei. Ist das eine Art, die Leute in der Tinte sitzen zu lassen, weil man die deutschen Kredite braucht? Die ‚Tat‘ nennt das: russische Staatsraison. Und dafür die Beherrschung aus Moskau, diese jammervolle Führung, ich meine doch, man dürfe nicht einfach weiter machen, nicht so tun, als sei nichts geschehn. Es ist etwas geschehn. Die Arbeiterbewegung hat die entscheidende Niederlage erlitten, und die Linken hätten alle Grund, erst einmal bei sich auszuräumen“ (B 226f).
In seinem Brief an Heinz Pol vom 20.4.1933 schrieb Tucholsky: „Die KPD hat in Deutschland von vorn bis hinten dummes Zeug gemacht, sie hat ihre Leute auf der Straße nicht begriffen, sie hat die Massen eben nicht hinter sich gehabt. Und wie hat sich Moskau dann benommen, als es schief gegangen ist? Nach einem Bündnis mit der Reichswehr nur die kalte Schulter, weil irgend etwas nicht ‚richtig‘ gewesen ist? […] Ich pfeife darauf, ob es ‚richtig‘ ist, daß die deutschen Kommunisten so zu Grunde gegangen sind. Und dann haben die Russen nicht einmal den Mut, aus ihrer Niederlage – denn es ist ihre Niederlage – zu lernen?“ (B 227f)
Tucholsky lehnte die absolute „Totalität der Staatsherrschaft“, den „einseitigen vulgären Materialismus“, die freche „Dreistigkeit, die ganze Welt über einen Leisten zu hauen, der nicht einmal Moskau paßt“, ab (B 228).
Vor Kritikern schützte er sich so: „Ich rate keinem KPD-Funktionär, mir etwas davon zu erzählen, daß ich nur ein Intellektueller sei. Ich werde ihm antworten, daß er ein entlaufener Intellektueller ist, und ein Esel dazu. Denn meine Voraussagen sind eingetroffen, die der ‚Roten Fahne‘ aber samt und sonders nicht. […] Sie hat auch diesen Faschismus deshalb nicht vorausgesagt, weil sie jeden Tag immerzu einen vorausgesagt hat, und immer einen andern. Welche Schwäche! Welche Instinktlosigkeit! Welche Unbildung!“ (B 228)
Aus Tucholskys Brief vom 7.5.1933 an Heinz Pol: „Über die Russen ist kein Wort zu scharf. Noch die letzten Auslassungen der offiziellen moskauer Presse sind eine einzige Schande. Große Liebe und Freundschaft für Deutschland, das die Kommunisten krumm und lahm prügelt – ‚Rußland ist der beste Kunde Deutschlands‘ – die ‚Voss‘ jubelt und höhnt die deutschen Kommunisten … es ist der gemeinste Verrat, den man sich denken kann. Jahrelang Weisungen und Parolen ausgeben – dann passiert etwas, durch die Schuld Moskaus, da gibt’s nichts! Und dann: wir kennen uns nicht mehr. Hier kann es nie wieder eine Annäherung geben. Ich für meinen Teil wünsche mit keinem dieser Leute jemals wieder etwas zu tun zu haben. Mir tut jeder Satz leid, den ich aus falsch verstandenem Mitgefühl gegen Rußland unterdrückt habe. Dieser nationalistische Dreck verdient genau denselben Fußtritt wie Hitler auch. Schade – schade um jeden einzelnen Kommunisten, der heute in den Lagern malträtiert wird! Die Sache hats verdient. Rußland nicht.
Und Rußland ist nicht mehr die Sache, für die der Proletarier kämpft – es ist nicht mehr der Hort des Klassenkampfes. Ein Petroleumstaat wie jeder andere auch“ (B 229).
Würdigung und Kritik
Insgesamt habe ich den Eindruck, daß vieles, was Tucholsky wollte, inzwischen umgesetzt ist, daß die meisten Mißstände, die er anprangerte, behoben wurden. Natürlich ist das eine Generalisierung. Doch angenommen, sie sei richtig, hätte Tucholsky nicht vergeblich gekämpft.
Am meisten hapert es noch in der Politik. Tucholsky klagte darüber, es werde öffentlich gelehrt, daß Politik und Recht einander ausschließen. Das verschmutze die Sitten. In der Gegenwart macht besonders die Außenpolitik immer wieder den Eindruck, sie wolle das Völkerrecht unterlaufen, doch immerhin wird das dann auch vielfach angeprangert. Die Vertuschungsmechanismen sind dieselben geblieben (ein Angriff wird als Verteidigung hingestellt, ein Kriegsgrund wird geschaffen oder erlogen, der Feind wird schlechtgeredet usw.).
Den Gegensatz zwischen Macht und Recht formulierte Tucholsky so: „Christus hing am Kreuz. Warum hatte er auch den Macchiavelli nicht gelesen!“ (1/335) Anders ausgedrückt: Zwischen „Macht und Geist“ gebe es keinen Kompromiß (1/305).
Seine Schilderung einer sadistischen Katze, die mit einer Maus spielt, ist für Tucholsky keine Allegorie, sondern das „Leben – ist nichts andres als unser menschliches Tun auch“ (1/253).
Tucholskys Anliegen, daß jeder sich selbst bleiben solle, wird immer noch mit Füßen getreten. Die Schwarzen wollen zwar keine Weißen mehr sein, doch Männer wollen Frauen sein und umgekehrt, die Haut wird künstlich gebräunt, der Körperumfang künstlich verringert usw. (vgl. Tucholskys Gedicht „Wünsche“, 1/310). 1932 schrieb er zur „Rassenfrage“: „Die Blonden sind ganz umgängliche Menschen. Aber die Dunkeln, die gern blond sein möchten…!“ (10/48)
Tucholskys Äußerungen über Frauen sind herabwürdigend. Beispiele: „man soll Frauen keine Witze erzählen. Man muß sie ihnen immer erklären, und dann sind sie enttäuscht“ (1/308). „Frauen sind selten dankbar“ (2/162).
Mit der Jugend sprang er auch nicht besser um: Sie würde sich ins System einpassen und hätte keine revolutionäre Ader.
Das Monologisieren gegen die Wand gibt es immer noch.
Ob tatsächlich der Haß das Wesen eines Satirikers ausmacht, bezweifle ich. Tucholsky meint (in Anlehnung an 1 Kor 13,1): „Und wenn einer mit Engelszungen predigte und hätte des Hasses nicht -: er wäre kein Satiriker“ (2/171).
Tucholskys Standpunkt ist eindeutig: Er setzte sich für Demokratie (Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte), Freiheit und Frieden ein.
© Gunthard Rudolf Heller, 2026
Literaturverzeichnis
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– Unser ungelebtes Leben – Briefe an Mary, hg. v. Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg 1982 (BM)
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– Die Q-Tagebücher 1934-1935, hg. v. Mary Gerold-Tucholsky und Gustav Huonker, Reinbek bei Hamburg 1985 (Q)
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