Kleine Einführung in die Philosophie von Dante Alighieri

Die Frage, ob es sich heute noch lohnt, die Werke von Dante Alighieri (1265 geb. in Florenz, 1321 gest. in Ravenna) zu lesen, wurde konträr beantwortet:

Dante Alighieri Philosophie Einführung Ernst von Aster hielt Dante für „die erste große und markante Dichterpersönlichkeit der Neuzeit“, die in ihren „philosophischen Grundlagen […] durchaus und bewußt in den Bahnen des Thomas von Aquino“ wandele (S. 171).

Bertrand Russell meinte: „Dantes Denkweise ist nicht nur an sich interessant, sondern auch charakteristisch für das Denken des damaligen Laien; aber es war ohne jeden Einfluß und hoffnungslos veraltet“ (PhA 479). Es handele sich um die vielleicht „größte Synthese des mittelalterlichen Denkens“ (DA 222).

Hans Joachim Störig wies darauf hin, wie sehr Dante die Gedanken seiner Vorgänger übernommen hat: „Natürlich sind es im wesentlichen nicht von ihm selbst geschaffene Gedanken, die dabei ausgesprochen werden, sondern auf naturwissenschaftlichem Gebiet hauptsächlich die des Albert, in der Theologie und Politik die des Thomas.“ Der Meister dieser beiden sei Aristoteles gewesen, dem Dante eine „überragende Stellung“ eingeräumt habe (S. 181).

Dantes Leben könnte der Stoff eines Abenteuerfilms sein:

1274 (?) begegnete der Neunjährige der achtjährigen (?) Beatrice. 1277 wurde er mit Gemma Donati verheiratet, die ihm zwischen 1285 und 1295 mehrere Kinder gebar. Belegt sind eine oder zwei Töchter (manche meinen, Antonia habe als Nonne den Namen Beatrice angenommen) und drei Söhne (Giovanni, Pietro und Jacopo). Zwischen 1297 und 1300 verschuldete sich Dante.

Bei dem Streit zwischen den Cerchi (später Bianchi bzw. weiße Guelfen genannt) und Donati (später Neri bzw. schwarze Guelfen genannt) stellte sich Dante auf die Seite der Cerchi. Vom 14.6.-14.8.1300 war Dante zusammen mit fünf anderen der Cerchi Prior von Florenz. Als die Cerchi sich spalteten, schloß sich Dante nicht der gemäßigten Mehrheit, sondern der radikalen Minderheit an. Er war dagegen, dem Papst weiterhin Waffen zu liefern, dessen Kondottiere Karl von Valois zu unterstützen und politische Flüchtlinge aus der Toskana aufzunehmen. Gegenüber Siena wollte er hart durchgreifen. Außerdem wollte er Colle di Val d’Elsa annektieren.

Am 1.11.1301 zog Karl von Valois in Florenz ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Doch in der Nacht vom 5. auf den 6.11.1301 mordeten und plünderten die Donati. 1302 wurden Dante und vier andere angeklagt, weil sie die Wahl der Prioren illegal beeinflußt, dem Papst und den Valois Widerstand geleistet und den Stadtfrieden in Pistoia gebrochen hätten. Keiner der Angeklagten stellte sich. In der zweiten Klageschrift kamen zehn weitere Angeklagte hinzu. Alle wurden verbannt.

1304 trennte sich Dante von den Cerchi. Zwischen 1306 und 1310 hielt er sich wahrscheinlich in verschiedenen Städten auf. 1315 wurde ihm die Rückkehr angeboten, falls er sich schuldig bekannte, sich einer Buße unterzog und Lösegeld zahlte. Dante lehnte ab und wurde deshalb zusammen mit seinen Söhnen zum Tod verurteilt, aber nicht gefaßt. Er lebte noch sechs Jahre.

Das neue Leben (1283-95)

Diesem Jugendwerk liegt Dantes unerwiderte Liebe zu Beatrice zugrunde, die hier dichterisch als „verklärte Herrin meines Geistes“ (S. 4) überhöht wird. „Von da an […] beherrschte die Liebe meine Seele“, so „daß ich vollkommen nach ihrem Gefallen zu tun genötigt ward“ (S. 4f). Dante läßt Beatrice am 9.6.1290 sterben. Da sie ihm nach ihrem Tod erscheint, liebt er keine andere Frau mehr.

Das Gastmahl (1303-08)

Hans Rheinfelder betrachtet das Werk als „Hilfsbuch für das Verständnis der Göttlichen Komödie„. Es sei auf den ersten Blick „recht fremd“, in einigen seiner Schlußfolgerungen nicht überzeugend, in anderen langweilig. Doch insgesamt sei es reizvoll „mit trefflichen Gedanken, mit tiefen menschlichen Erkenntnissen, mit kraftvoll geprägten dichterischen Aussagen“ (S. 6).

Dante will mit dem Buch, das drei Traktate zu drei Kanzonen enthält, „die Menschheit zu Wissenschaft und Tugend führen“ (S. 37). Hauptthema ist die Liebe. Doch Beatrice wird lediglich zweimal namentlich erwähnt (S. 54 und 75). Ansonsten gedenkt Dante von ihr hier „nicht weiter zu sprechen“ (S. 75). Später erklärt er, nach ihrem Tod („Als die Wonne meiner Seele […] für mich verloren war …“, S. 84) sei die Philosophie „die Herrin meines Geistes“ geworden (S. 140). Mit diesen Worten hatte er in „Das neue Leben“ Beatrice bezeichnet.

Die Wirkursache der Philosophie sei die Wahrheit, ihr „Endzweck“ sei „jene hocherhabene Liebe, die keine Unterbrechung und keinen Mangel kennt, die wahres Glück ist, das in der Betrachtung der Wahrheit erworben wird“ (S. 143). Als „liebevoller Umgang mit der Weisheit“ geschehe die Philosophie „hauptsächlich in Gott […], denn in ihm ist höchste Weisheit, höchste Liebe und höchste Tätigkeit, die irgendwo anders nur sein kann, sofern sie von ihm ausgeht. So ist also die göttliche Philosophie ein Teil des göttlichen Wesens, denn in ihm gibt es nichts, was seiner Wesenheit hinzugefügt werden könnte“ (S. 147).

Von den mittelalterlichen Scholastikern hat Dante seine Ausführungen zur Hermeneutik übernommen. Er unterscheidet 1. Wortsinn (geht nicht über die Wörter hinaus), 2. allegorischen Sinn (Wahrheitssuche hinter dem Deckmantel schöner Lügen), 3. moralischen Sinn (Ableitung von sittlichen Grundsätzen) und 4. anagogischen Sinn (Verweis auf Übersinnliches).

Die Unsterblichkeit der Seele ist Dante so wichtig, daß er deren Verleugnung für die „dümmste, elendeste und verdammenswerteste“ „unter allen Gemeinheiten“ hält (S. 75). Gott definiert er als „die allgemeinste Ursache von allen Dingen“ (S. 121).

Im Gegensatz zu den acht Himmeln des Aristoteles behauptet Dante, daß es zehn Himmel gibt, die er zu den Wissenschaften in Analogie setzt: 1. Mondhimmel (Grammatik), 2. Merkurhimmel (Dialektik), 3. Venushimmel (Rhetorik), 4. Sonnenhimmel (Arithmetik), 5. Marshimmel (Musik), 6. Jupiterhimmel (Geometrie), 7. Saturnhimmel (Astrologie), 8. Fixsternhimmel (Physik), 9. Kristallhimmel (Moralphilosophie), 10. Empyreum (Theologie).

Über die Monarchie (um 1310)

Dante äußert sich hier zum Machtkampf zwischen Papst und Kaiser. Sein Eintreten für Heinrich VII. rührt auf seiner Hoffnung, er würde die Verbannung aufheben. Nicht dem Papst, sondern nur Gott schulde der Kaiser Rechenschaft. Herbert Frenzel nennt das Werk „eines der ersten Zeugnisse der neueren Geschichtsphilosophie“ (KNLL 1/320).

Sein Plädoyer für die Monarchie begründet Dante so: „Nun steht fest, daß die ganze menschliche Gattung auf Eines hingeordnet ist […]. Also muß es einen einzigen geben, der die Vorschriften erläßt oder herrscht. Und dieser muß Monarch oder Kaiser genannt werden. […] Und auf diese Weise ist klar, daß für das Wohl der Welt eine Monarchie oder ein Imperium notwendig ist“ (S. 77).

Gottes Wille sei identisch mit dem Recht. Das „Recht in den Dingen“ sei „nichts anderes […] als eine Ähnlichkeit des göttlichen Willens“ (S. 121). Dante betrachtet den Monarchen nur bezüglich des Wegs als Herrscher. Mit Hinblick auf das Ziel sei er der „Diener aller“ (S. 99). Denn „das Ziel jeglichen Rechts“ liege „im Gemeinwohl“ (S. 133).

Robin Hood hätte in Dantes Augen keine Gnade gefunden: „Wenn ein Dieb mit seiner Beute einen Armen unterstützt, darf man dies noch nicht als Almosen bezeichnen, sondern es ist eine Handlung, welche die Form von Almosen besäße, sofern die eigene Habe die Grundlage darstellte“ (S. 143).

Für Logiker sind Dantes Syllogismen bzw. seine Widerlegungen der Syllogismen anderer interessant (Beispiele: S. 123, 143, 171f, 191ff, 199, 205ff, 219).

Die Göttliche Komödie (um 1307-21)

Russell betrachtete das Werk als „Kompendium des mittelalterlichen Denkens mit Abschweifungen und Anspielungen“ (DA 222).

Der uns seltsam anmutende Titel „Komödie“ rührt laut einem Brief von Dante an Cangrande della Scala daher, daß es „’schrecklich‘ beginnt und ‚glücklich‘ ausgeht“, daß es „in der Nationalsprache verfaßt ist und daß es weiterhin im ‚komischen‘ Stil geschrieben ist“, d.h. „sich in allen Stilbereichen und Stilhöhen bewegt.“ Das Adjektiv „göttlich“, das Boccaccio hinzufügte, wurde vom Herausgeber Lodovico Dolce 1555 übernommen (Herbert Frenzel und Redaktion KLL, in: KNLL 1/313f).

Dante gibt uns hier eine Vision vom Jenseits, das er mit Vergil (Hölle und Fegefeuer) und Beatrice (Paradies) als Führer eine Woche lang durchwandert hat, vom 8. bis zum 14. April 1300. Er begegnet dort in 14233 Versen, deren Lektüre sehr mühsam ist, fast 600 Personen aus Mythologie und Geschichtsschreibung.

Seine Visionen innerhalb des Epos bezeichnet Dante als „‚Gesichte'“ (S. 221f, 238), Wahrnehmungen „‚aus innrer Schau'“ (S. 222, vgl. a. S. 228, 232) vermittels „‚des Geistes Auge'“ und der „‚Schauenskraft'“(S. 232) oder „im Traume“ (S. 237). Allheilmittel ist die Liebe (S. 229, 232), die in der „‚Kraft des Schauens'“ wurzelt (S. 426). Auch eine Prophezeiung von Dantes Zukunft ist in der „Göttlichen Komödie“enthalten, nämlich seine Verbannung aus Florenz (S. 375ff).

Im 24. Gesang legt Dante sein Glaubensbekenntnis ab:

„‚So hör: Ich glaub an einen Gott, der reget

Die Himmel all durch Liebe und Verlangen,

Der Ewig-Eine, selber unbeweget. […]

Ich glaub auch an des Ewigen drei Gestalten,

Vereint in einem Wesen: Drei und Eins –

Er ist; sie sind: muß beides recht behalten'“ (S. 409).

© Gunthard Rudolf Heller, 2016

Literaturverzeichnis

ASTER, Ernst von: Geschichte der Philosophie (1932), durchgesehen und ergänzt von Ekkehard Martens, Stuttgart 181998

DANTE ALIGHIERI: La vita nuova / Das neue Leben, in: Dantes Werke, italienisch und deutsch, hg. v. Erwin Laaths, Wiesbaden o.J., S. 3-60

  • Das Gastmahl, aus dem Italienischen übertragen und kommentiert von Constantin Sauter, mit einem Geleitwort von Hans Rheinfelder, München 1965
  • Monarchia, lateinisch/deutsch, Einleitung, Übersetzung und Kommentar von Ruedi Imbach und Christoph Flüeler, Stuttgart 1989
  •  Die Göttliche Komödie, deutsch von Friedrich Freiherrn von Falkenhausen, Frankfurt am Main 1974

KINDLERS NEUES LITERATURLEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996 (KNLL)

LEONHARD, Kurt: Dante mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek bei Hamburg 81995

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

RUSSELL, Bertrand: Philosophie des Abendlandes (A History of Western Philosophy, London 1945), aus dem Englischen von Elisabeth Fischer-Wernecke und Ruth Gillischewski, durchgesehen von Rudolf Kaspar, München/Zürich 2004 (PhA)

  • Denker des Abendlandes – Eine Geschichte der Philosophie (Wisdom of the West, London 1959), aus dem Englischen von Károly Földes-Papp, München 51997 (DA)

STÖRIG, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 111970

Gunthard Heller

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