Kleine Einführung in die Philosophie von Karl R. Popper

Sir Karl Raimund Popper (1902-1994) "war sicher der in der Bundesrepublik am meisten nicht gelesene Autor. Dann entdeckten ihn auch die Politiker der verschiedensten Parteien" (Hochkeppel 175).

Einführung Philosophie PopperWer noch nichts von Popper gelesen hat, fängt am besten mit seiner Autobiographie "Ausgangspunkte" (1974) an. In ihr macht Popper vor allem seine denkerische Entwicklung nachvollziehbar, erzählt aber auch Begebenheiten aus seinem Leben. Seine beiden Eltern waren jüdischer Herkunft, sind aber zum Protestantismus übergetreten (S. 146f). Durch die Nationalsozialisten hat Popper 16 seiner nächsten Verwandten verloren, "teils in Auschwitz, teils durch Selbstmord", sagte er als 83-Jähriger in seinem Vortrag über "Die Erkenntnistheorie und das Problem des Friedens" (1985, in: Alles Leben ist Problemlösen, S. 113).

Poppers Biographie ist im Gegensatz zu der eines Kant oder Hegel ungewöhnlich vielfältig. In Stichworten: Tischlerlehre, Kirchenmusikstudium, Lehrerausbildung, Tätigkeit als Erzieher und Sozialarbeiter, Promotion über ein psychologisches Thema ("Zur Methodenfrage der Denkpsychologie") bei Karl Bühler (1879-1963), Tätigkeit als Hauptschullehrer, Diskussionen mit Angehörigen des Wiener Kreises, 1937 Emigration aus Österreich nach Neuseeland, Tätigkeit als Hochschullehrer, 1946 Umzug nach England (vgl. EPhW 3/289).

Die Werke von Popper sind sehr gut lesbar, da er sich um eine klare, deutliche Sprache bemüht.

1. "Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie" (1930-33)

Popper formulierte diesen Titel in Anlehnung an Schopenhauers "Die beiden Grundprobleme der Ethik" (1841). Schopenhauer und Russell waren seine beiden "unerreichbaren Vorbilder" in der Philosophie (Vorwort 1978, S. XIII). Insgesamt bewegt sich Popper mit seinen Ausführungen in den Fußstapfen Kants, zu dem er sich auf S. 320 ausdrücklich bekennt. Dort zitiert er eine längere Stelle aus der "Kritik der reinen Vernunft", die er "als Motto" seiner Arbeit betrachtet.

Die von Popper behandelten Grundprobleme sind das Induktions- und das Abgrenzungsproblem. Ersteres lautet: "Können Wirklichkeitsaussagen, die sich auf Erfahrung gründen, allgemeingültig sein?" Poppers Antwort: nein. Und Letzteres: Wie kann man "Sätze der empirischen Wissenschaften von metaphysischen Behauptungen […] unterscheiden"? (S. 422). Poppers Antwort: anhand des Kriteriums der Falsifizierbarkeit.

Begründung: Ich kann noch so viele weiße Schwäne gesehen haben – die Sichtung des ersten schwarzen Schwans widerlegt die allgemeine Aussage, daß alle Schwäne weiß sind. Allgemein formuliert: Falsifikationen sind wichtiger als Verifikationen. Denn Verifikationen sind nur bei "besonderen Wirklichkeitsaussagen" möglich, nicht bei "streng allgemeinen Wirklichkeitsaussagen" (S. 301), die "mehr"aussagen, "als empirisch überprüft werden kann" (S. 305).

"Metaphysisch" nennt Popper alle Sätze, die empirisch nicht falsifiziert werden können. Zwei Beispiele: sein Abgrenzungskriterium, das er als "philosophische These" bezeichnet (S. XXVII); psychoanalytische Erklärungen des Verhaltens von Menschen (S. XXVIII; mehr darüber in Kap. 12 des vorliegenden Aufsatzes).

Voraussetzung von Falsifikationen ist die Akzeptanz der Korrespondenztheorie der Wahrheit, nämlich der "These, daß die Wahrheit eines Satzes seine Übereinstimmung mit den Tatsachen ist" (S. XXV).

Popper akzeptiert diese These aufgrund von Überlegungen Alfred Tarskis (1901-1983): Um festzustellen, ob der Satz "Hier schläft eine Katze" wahr ist, brauchen wir drei verschiedene Arten von Sprachen – eine Objektsprache (dient der Beschreibung von Tatsachen), eine Metasprache (dient der Beschreibung von Aussagen) und eine semantische Metasprache (dient der Beschreibung von Tatsachen und Aussagen). Die semantische Metasprache ermöglicht die Feststellung, ob Tatsachen und Sätze übereinstimmen (korrespondieren) oder nicht. Die Unterscheidung von Objekt- und Metasprache illustriert Popper anhand des englischen Satzes "'A cat is here asleep'", über den man in der deutschen Sprache reden kann (S. XXIII). Natürlich geht das auch innerhalb einer einzigen Sprache.

Popper betrachtet seinen Standpunkt, den er später als "kritischen Rationalismus" bezeichnete (S. 14), als "Synthese von Elementen des Rationalismus und des Empirismus" (S. 10). Ein strenger Empirist (Positivist) kann im Grund "nur zusammenfassende Berichte über Beobachtungen" (S. 43) geben. Das ist Popper zu wenig. Unter Erkenntnis versteht er allgemeingültige Aussagen (Theorien, Naturgesetze), die über Einzelbeobachtungen hinausgehen und Vorhersagen über zukünftige Ereignisse ermöglichen. Theorien oder Naturgesetze enthalten also ein spekulatives Moment und müssen aus eben diesem Grund durch weitere Beobachtungen überprüft werden.

Mit anderen Worten: Es geht Popper darum, durch vernünftige Überlegungen (Rationalismus) zusätzliche Beobachtungen zu provozieren (Empirismus). Oder: Popper will den Ertrag von Beobachtungen dadurch erweitern, daß er ihnen etwas hinzufügt, das Vorhersagen ermöglicht. Diese Vorhersagen will er durch weitere Beobachtungen überprüfen. Zusammenfassende Berichte betrachtet er nicht als Erkenntnis, da man aus ihnen nichts bisher Unbekanntes ableiten kann. Das machen erst allgemeine Aussagen möglich.

Kritik: Der Schritt zur Verallgemeinerung ist spekulativ. Die logischen Schlüsse aus den Verallgemeinerungen können nichts enthalten, was nicht in den Prämissen selbst enthalten ist. Poppers Erkenntnistheorie läuft also lediglich darauf hinaus, etwas zu vermuten, und diese Vermutung zu überprüfen.

Die "Bewährung" einer Hypothese oder Theorie ist nach Popper dann gegeben, wenn sie allen Prüfungen standgehalten hat und die aus ihr abgeleiteten Prognosen verifiziert wurden. Je unwahrscheinlicher die Hypothese ist und je mehr Verifikationen vorliegen, desto höher ist der "Wert der Bewährung" (S. 153). Die erste Falsifikation macht die Bewährung zunichte (S. 154).

Poppers Manuskript umfaßte ursprünglich über 1200 Seiten, von denen 1955 noch alle erhalten waren. Leider ging der zweite Band über das Abgrenzungsproblem bis auf einige Fragmente verloren. Der ungeheure Umfang der Arbeit kommt dadurch zustande, daß sich Popper ausführlich mit 12 verschiedenen erkenntnistheoretischen Positionen auseinandersetzt, die er zum Teil ablehnt, zum Teil übernimmt: Rationalismus, Empirismus, Intuitionismus, Induktionstheorie, Gewöhnungstheorie, strenger Positivismus, Apriorismus, Wahrscheinlichkeitspositionen, Scheinsatzpositionen, Pragmatismus, Konventionalismus und Fiktionalismus. Eine Zusammenfassung kann ich mir hier ersparen, da Popper sie auf den Seiten 322-325 selbst gibt. Seine Zusammenfassung seiner Lösung des Induktionsproblems steht auf den Seiten 325-329. Wer graphische Darstellungen bevorzugt, findet diese auf den Seiten 330-337.

2. "Logik der Forschung" (1934)

Dieses Buch ist eine gekürzte und mehrfach überarbeitete Version des zweiten Bands von "Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie". Unter "Logik der Forschung" versteht Popper "die Untersuchung der Regeln des Wissenschaftsspiels, der Forschungsarbeit" (S. 26).

Laien kann ich von der Lektüre des Werks nur abraten, da es umfangreiche Spezialkenntnisse der Logik, Mathematik und Physik voraussetzt.

Insgesamt macht die "Logik der Forschung" auf mich den Eindruck dogmatischer Verfestigung. Es sieht so aus, als habe Popper sich verrannt, weil er sich mit seinen eigenen Abstraktionen von der Wirklichkeit zu weit entfernt hat. Das führt dann zu solch seltsamen Äußerungen wie den folgenden:

  • Popper lehnt die Zurückführung der Erfahrungswissenschaften auf Sinneswahrnehmungen bzw. Erlebnisse ab (S. 60).
  • Popper behauptet, der Satz "'Hier steht ein Glas Wasser'" könne "durch keine Erlebnisse verifiziert werden" (S. 61).

Man faßt sich an den Kopf und denkt: Ich kann dieses Glas Wasser doch sehen, es anfassen, den Finger hineintauchen. Wenn ich es auf den Boden schmettere, zerbricht es zu Scherben, wie Glas gewöhnlich zerbricht. Jeder andere kann, wenn seine Sinne und sein Verstand einigermaßen intakt sind, meine Beobachtungen nachprüfen … Mit anderen Worten: Was für Probleme macht sich Popper?

Ja, natürlich ist der Satz theoriegeladen: Das "hier" impliziert eine theoretische Auffassung von Raum, das Präsens des "steht" setzt ein Verständnis von Zeit voraus, was Glas ist, muß man zuallererst einmal definieren (als Material und als Form).

"So ist die empirische Basis der objektiven Wissenschaft nichts 'Absolutes'; die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund. Es ist eher ein Sumpfland, über dem sich die kühne Konstruktion ihrer Theorien erhebt; sie ist ein Pfeilerbau, dessen Pfeiler sich von oben her in den Sumpf senken – aber nicht bis zu einem natürlichen, 'gegebenen' Grund" (S. 75f).

"Zweifellos", kann man da nur kommentieren.

Popper bewegt sich in einem erkenntnistheoretischen Wolkenkuckucksheim, das letztlich durch Umdefinitionen entstanden ist. Ein Beispiel: "Man könnte meinen, daß durch die Forderung der Beobachtbarkeit doch ein psychologistisches Element in unsere Überlegungen Einlaß findet. Daß das nicht der Fall ist, sieht man daran, daß wir den Begriff 'beobachtbar' zwar auch psychologistisch erläutern können, aber, wenn wir wollten, statt von einem 'beobachtbaren Vorgang' auch von einem 'Bewegungsvorgang an (makroskopischen) physischen Körpern' sprechen könnten […]. Die Bemerkung, unsere Auffassung sei psychologistisch, wäre also sozusagen gleichberechtigt mit der, daß sie mechanistisch [oder materialistisch] sei, woraus man am besten sieht, daß sie derartigen Kennzeichnungen gegenüber neutral ist. Diese Überlegungen stellen wir nur an, um den Ausdruck 'beobachtbar' ('beobachtbarer Vorgang') von seinem psychologistischen Beigeschmack zu befreien (Beobachtungen, Wahrnehmungen mögen etwas Psychologisches sein, nicht aber Beobachtbarkeit)" (S. 68f).

Solche Haarspaltereien machen Popper offensichtlich Spaß. Das gibt er sogar ausdrücklich zu, wenn er schreibt, "daß wir uns bei unseren Festsetzungen in letzter Linie von unserer Wertschätzung, von unserer Vorliebe leiten lassen. Wer, wie wir, logische Strenge und Dogmenfreiheit schätzt, wer praktische Anwendbarkeit sucht, wer gefesselt wird von dem Abenteuer der Forschung, die uns immer wieder vor neue, unvorhergesehene Fragen stellt und uns anregt, immer wieder neue, vorher ungeahnte Antworten zu erproben, der wird den Festsetzungen, die wir vorschlagen werden, wohl zustimmen können" (S. 12f).

Leider ist das Ergebnis von Poppers Vorlieben in sich widersprüchlich:

  • Einerseits lehnt Popper die Berufung auf die Sinneswahrnehmung als Psychologismus ab, andererseits braucht er sie, um einen Satz zu lesen, ihn zu schreiben oder ihn zu prüfen.
  • Einerseits unterscheidet er ganz richtig zwischen empirisch und logisch falschen Sätzen (S. 58), andererseits behauptet er, der Erkenntnistheoretiker interessiere sich nur für "den logischen Begründungszusammenhang der wissenschaftlichen Sätze" (S. 65).
  • Einerseits lehnt er den Konventionalismus wegen seiner Immunisierungsstrategien ab (S. 49), andererseits erweckt sein eigenes System selbst den Eindruck des Konventionalismus: Es geht nicht um die Abbildung der Realität, sondern um die Definition von Erkenntnisräumen durch "Begriffe und Kategorien" (Peter Prechtl, in: MPhL 302).

So wirkt die folgende Passage wie eine Rechtfertigung Poppers auf der Basis eines schlechten Gewissens: "Wir können, ähnlich wie der Konventionalismus, sagen: die Auszeichnung der jeweils bevorzugten Theorie ist Sache des praktischen Handelns. Aber dieses praktische Handeln ist für uns Anwendung der Theorie und Festsetzung der Basissätze im Zusammenhang mit dieser Anwendung, während für den Konventionalismus eher ästhetische Motive maßgebend sind" (S. 74).

"Basissätze" nennt Popper übrigens "Sätze, die behaupten, daß sich in einem individuellen Raum-Zeit-Gebiet ein beobachtbarer Vorgang abspielt" (S. 69). Sie "sind (a) objektiv kritisierbare Prüfsätze; (b) transzendente […] Hypothesen, ebenso wie allgemeine Sätze […]; (c) im nächsten Kapitel werden sie verwendet, um die grundlegende Idee von Graden der Prüfbarkeit oder des empirischen Gehaltes einzuführen" (S. 76).

Poppers Gesamtergebnis ist ziemlich ernüchternd: "Unsere Wissenschaft ist kein System von gesicherten Sätzen, auch kein System, das in stetem Fortschritt einem Zustand der Endgültigkeit zustrebt. Unsere Wissenschaft ist kein Wissen [epistēmē]: weder Wahrheit noch Wahrscheinlichkeit kann sie erreichen. […] Zwar geben wir zu: Wir wissen nicht, sondern wir raten." Doch die Vermutungen der Wissenschaftler "werden klar und nüchtern kontrolliert durch methodische Nachprüfungen" (S. 223).

Im "Neuen Anhang" weist Popper darauf hin, daß er in späteren Werken sein Abgrenzungskriterium "zum Kriterium der Kritisierbarkeit" erweitert habe: "die empirischen Sätze oder Satzsysteme sind dann die, die durch Tatsachenberichte kritisierbar, also empirisch widerlegbar, sind" (S. 254).

3. "Das Elend des Historizismus" (1944/45)

Historizismus ist das Hineintragen von Ideen (Sinnsuche, Tendenzen, Erklärungen) in die Geschichtsschreibung zum Zweck von Vorhersagen, was Popper ablehnt.

Kritik: Diese Ablehnung widerspricht Poppers Erkenntnistheorie, die ja im Hinblick auf Naturerkenntnis darauf beruht, Vermutungen aufzustellen und zu überprüfen. Warum sollte man das nicht auch in der Geschichtsphilosophie tun?

4. "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (1945)

Mit diesem Werk machte sich Popper gleich dreifach unbeliebt (vgl. Hochkeppel 175):

  • bei den Platonikern (Popper interpretiert Platons Politeia als Schilderung eines totalitären Staates),
  • den Hegelianern (Popper betrachtet Hegels Philosophie als Brücke zum Faschismus und zum Marxismus)
  • und den Marxisten (Popper kritisiert Marx' deterministische Soziologie).

Er begann mit der Abfassung im März 1938, nachdem er von Hitlers Einmarsch in Österreich erfahren hatte. Thema ist die Kritik totalitärer Staaten, insbesondere derjenigen von Nationalsozialisten und Kommunisten (vgl. das Vorwort zur 7. deutschen Auflage 1992, 1/IX, und KNLL 13/558f).

Worin das Ideal der offenen Gesellschaft besteht, fassen die Herausgeber des Sammelbandes "Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie II" im Rahmen ihres Überblicks über den Beitrag von Peter Clever "Kritischer Rationalismus und Konservatismus" (S. 345-366) folgendermaßen zusammen: Die offene Gesellschaft ist "demokratisch und tolerant". In ihr sollen "Konflikte durch rationale Argumentation" gelöst werden. In ihr wird "angesichts menschlicher Unzulänglichkeit jeder Zwang zur Anerkennung von Autoritäten und absoluten Wahrheiten abgelehnt" (Einführung, S. 17).

5. "Objektive Erkenntnis" (1972)

In dieser Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen vertritt Popper wie in der "Logik der Forschung" den Standpunkt, "daß menschliches Wissen aus fehlbaren Vermutungen besteht, die aufgrund der Erfahrung unter Umständen als falsch widerlegt, aber nicht als wahr bewiesen werden können" (Gunnar Andersson, in: KNLL 13/557).

6. Helmut Kohl: "Zwischen Ideologie und Pragmatismus" (1973)

Als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz schrieb der spätere Bundeskanzler im Unterkapitel über "Kritische Rationalität": "Rationalität, eine Denkweise also, die von Vernunft und Einsicht bestimmt ist, bedeutet zugleich, daß wir kritisch bleiben, auch gegen uns selbst, daß wir stets von neuem am Maßstab der Vernunft alle Erkenntnisse und Vorsätze überprüfen, daß wir uns bewußt bleiben, wie sehr wir alle in unserem Denken und Handeln der Gefahr des Irrtums ausgesetzt sind" (S. 11).

In späteren Kapiteln ergänzte er: "Kritische Rationalität als Stil der Politik verlangt Offenheit gegenüber jeglicher Kritik, besonders auch gegenüber jenen Argumenten, die von den großen gesellschaftlichen Gruppen außerhalb der Parteien vorgetragen werden" (S. 26). "In der Politik ist Rationalität Voraussetzung für Humanität" (S. 29; vgl. a. S. 35).

7. "Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie" (1975)

Das Vorwort zu diesem von Georg Lührs, Thilo Sarrazin, Frithjof Spreer und Manfred Tietzel herausgegebenen Sammelband schrieb Helmut Schmidt, der am 16. Mai 1974 zum Bundeskanzler gewählt worden war. Er hat das Konzept der offenen Gesellschaft von Popper nach eigener Aussage nicht übernommen, sondern bei ihm "'wiederentdeckt'" (Krause-Burger 271).

Schmidt empfahl die Lektüre von Marx, Popper und Kant, um Einseitigkeiten zu vermeiden. Vom Leser erwartete er, daß er alles Gelesene "an der Wirklichkeit […] und […] am eigenen […] moralisch begründeten Werturteil" prüft (S. XV).

Das Diskutieren hatte Schmidt schon als Kind geübt. Auf die Frage, warum er und Hannelore ("Loki") Glaser befreundet seien, antworteten die beiden damals Zehnjährigen: "Wir konnten uns so gut zanken." Im Alter von 84 Jahren kommentierte Hannelore Schmidt: "Das Wort 'diskutieren' wurde ja früher nicht benutzt" (Schmidt/Buhl 67).

"Kritischer Rationalismus" ist die "Bezeichnung für eine an K. R. Poppers Programm einer Logik der Forschung anknüpfende philosophische und wissenschaftstheoretische Schule." Deren Vertreter sind davon überzeugt, "daß alle Erkenntnis stets vorläufigen Charakter hat und sich in empirischen Prüfungen bewähren muß" (Carl F. Gethmann, in: EPhW 3/466).

Die Zielsetzung des Sammelbands ist es "zu zeigen, daß die Erkenntnistheorie des Kritischen Rationalismus auch Elemente einer politischen Theorie besitzt […], welche natürlich nicht parteigebunden ist, aber in ihren Konsequenzen eine enge Verwandtschaft mit sozialdemokratischem Gedankengut aufweist" (Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie II, S. 8).

In "Was ist Dialektik?" (S. 167-199) kritisiert Popper den Anspruch der Dialektiker, daß "Widersprüche fruchtbar" seien. Das sei nur dann richtig, wenn "wir entschlossen sind, keine Widersprüche zu dulden und jede Theorie zu ändern, die Widersprüche enthält" – wer Widersprüche akzeptiere, könne kein Wissenschaftler sein, da man aus widersprüchlichen Aussagen "jede beliebige Aussage logisch gültig" ableiten könne, was "den völligen Zusammenbruch der Wissenschaft" bedeute (S. 173f).

"Utopie und Gewalt" (S. 303-315) ist ein Plädoyer Poppers für den "Kampf gegen Gewalt und Aggression", gegen "Barbarei und Brutalität" (S. 303). Er sieht "im Standpunkt der Vernunft die einzige Alternative zur Herrschaft der Gewalt". Bei Entscheidungsschwierigkeiten gebe es prinzipiell zwei Wege: das vernünftige "Argument (zum Beispiel vor einem Schiedsgericht oder einem internationalen Gerichtshof) oder die Gewalt", den vernünftigen Kompromiß oder die Vernichtung des gegnerischen Interesses (S. 304). Sich selbst bezeichnet er als Rationalisten, der lieber im Wortstreit verlieren als durch Gewalt siegen wolle. Er will nicht nur überzeugen, sondern kann sich auch überzeugen lassen. Der Streit wird also durch gemeinsame Wahrheitssuche ersetzt.

Das geht allerdings nur, wenn beide Parteien dazu bereit sind – Vernunft und Toleranz sind begrenzt: "Mit einem, der lieber schießt, als sich überzeugen zu lassen, kann man keine rationale Diskussion führen […]. Man darf nicht bedingungslos von dem Grundsatz ausgehen, auch alle die, die intolerant sind, zu tolerieren. Denn sonst vernichtet man nicht nur sich selbst, sondern auch die Toleranz" (S. 305). Außerdem ist es wichtig, zwischen "Angriff und Verteidigung" zu unterscheiden (S. 306).

Mit "Utopismus" bezeichnet Popper das Verfahren, sein Handeln auf abstrakte Ziele (z.B. idealer Staat, Reichtum, Macht) auszurichten. Er lehnt dieses Verfahren ab, da eine wissenschaftliche Bestimmung solcher Ziele nicht möglich ist: Der Utopist muß versuchen, "seine Konkurrenten [...] zu überreden und, wenn das nicht gelingt, mit Gewalt zu unterdrücken" (S. 309). Denn "man kann niemanden mit Hilfe von Argumenten dazu zwingen, Argumente anzuhören. Und man kann mit Hilfe von Argumenten nicht die bekehren, denen alle Argumente verdächtig sind und die eine gewalttätige Entscheidung einer rationalen Entscheidung vorziehen" (S. 308).

Als Alternative zum Utopismus schlägt Popper deshalb den Weg der "politischen Reformen" vor. Sein Imperativ lautet: "Arbeite lieber für die Beseitigung von konkreten Mißständen als für die Verwirklichung abstrakter Ideale. […] Das Suchen nach Glück sollte unserer privaten Initiative überlassen bleiben" (S. 311).

20.05.2016 © seit 02.2013 Gunthard Heller
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