Kleine Einführung in die Philosophie

Der vorliegende Aufsatz zur Einführung in die Philosophie ist für Menschen gedacht, die keine Zeit für ein Philosophiestudium haben, sich aber trotzdem nicht auf die Lektüre von Sekundärliteratur beschränken, sondern mit dem Geist der großen Philosophen - anhand von deren Werken - in Kontakt kommen wollen.

Vorwort

Der vorliegende Aufsatz zur Einführung in die Philosophie ist für Menschen gedacht, die keine Zeit für ein Philosophiestudium haben, sich aber trotzdem nicht auf die Lektüre von Sekundärliteratur beschränken, sondern mit dem Geist der großen Philosophen - anhand von deren Werken - in Kontakt kommen wollen.

Natürlich ist das nur für Menschen möglich, die auch selbst philosophieren. Was das heißt und wie das geht – davon handelt dieser Aufsatz. Ich habe ihn kurz gehalten, denn er soll zum lebendigen Umgang mit der Philosophie und den Philosophen hinführen, nicht ihn ersetzen. Auf ein Literaturverzeichnis habe ich verzichtet, da alle genannten Werke in verschiedenen modernen und antiquarischen Ausgaben im Buchhandel oder in Bibliotheken zu bekommen sind.

Was behandelt die Erkenntnistheorie?

Alle Erkenntnis beruht auf Erfahrung. Es gibt äußere und innere Erfahrungen. Die äußere Erfahrung basiert auf unseren Sinneswahrnehmungen: Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken. Innere Erfahrungen zeigen sich uns als Träume, Gedankenblitze, Einfälle, Handlungsimpulse, innere Bilder u.a. Darüber, wie sie zustande kommen, gibt es keinen Konsens.

Die Verifikation äußerer Erfahrungen ist prinzipiell dadurch möglich, dass ich die eine Sinneswahrnehmung durch eine andere ergänze. Wenn ich ein Haus sehe und mich davon überzeugen will, ob ich mir das nur einbilde, kann ich hingehen und seine Mauern berühren.

Ich kann auf etwaige Geräusche achten, die aus den Fenstern dringen. Falls ein Fensterrahmen gerade frisch gestrichen ist, kann ich das riechen. Ebenso kann ich den Bratenduft riechen, der durch ein offenes Küchenfenster dringt.

Leider gibt es in der Praxis zahlreiche Fälle, in denen die Verifikation äußerer Erfahrungen mit Schwierigkeiten verbunden oder sogar häufig unmöglich ist. Zum Beispiel sagen nicht alle Menschen die Wahrheit. Aber die meisten wollen nicht bei einer Lüge ertappt werden. Noch schwieriger wird es, wenn ich äußere Erfahrungen aus zweiter Hand mache, etwa, indem ich ein Buch lese oder einen Dokumentarfilm anschaue.

Um herauszufinden, ob das, was da gesagt oder gezeigt wird, wahr ist, kann ich es mit Informationen aus anderen Quellen und mit meinen eigenen Erfahrungen vergleichen. Dabei muss ich berücksichtigen, dass Menschen sehr verschiedene Erfahrungen machen und, wenn sie diese Erfahrungen verallgemeinern wollen, sehr verschiedene Theorien darüber entwickeln können.

Die Verifikation innerer Erfahrungen ist noch schwieriger. Denn ich kann sie wiederum nur mit anderen Erfahrungen vergleichen. So kann ich etwa einen Traum dadurch interpretieren, dass ich ihn meinen Alltagserlebnissen gegenüberstelle. Doch wenn der Trauminhalt der Alltagserfahrung widerspricht, muss das nicht heißen, dass ich im Traum eine falsche Information bekommen habe. Denn der Traum kann sich auf ein zukünftiges Ereignis beziehen, das meiner bisherigen Erfahrung widerspricht.

Eine weitere Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt innerer Erfahrungen festzustellen, besteht darin, zusätzliche innere Erfahrungen hinzuzuziehen. Vielleicht fällt mir beim Erinnern des Traumes etwas ein, vielleicht hat der Traum eine thematische Beziehung zu anderen Träumen, vielleicht werde ich zur Deutung des Traumes inspiriert.

Damit sind wir bei einem neuen Problem: Wer beschert uns innere Erfahrungen? Es besteht darüber keine Einigkeit. Als Urheber innerer Erfahrungen werden je nach Inhalt verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen. Die unter Psychologen verbreitetste Ansicht ist, das Unbewusste für die inneren Erfahrungen verantwortlich zu machen. Religiöse Menschen sprechen lieber von Gott, Göttern, Engeln, Teufeln oder Dämonen. Ufologen bevorzugen dafür die Bezeichnung „Außerirdische“.

Die Täuschungsmöglichkeiten bei inneren Erfahrungen sind um ein Vielfaches größer als bei äußeren Erfahrungen. Nach meinem bisherigen bewussten Umgang mit inneren Erfahrungen kann ich nur sagen: Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen.

Der Einfluss innerer Erfahrungen auf unser aller Leben ist sehr viel größer, als die meisten von uns denken. Denn von Kindheit an werden wir mit Gegebenheiten konfrontiert, die zumindest zum Teil auf innere Erfahrungen zurückgehen: Religionen, Weltanschauungen, Ideologien, Meinungen anderer Menschen.

Schon dass die Vielfalt so groß ist, zeigt, dass sie alle sehr durchwachsen sind, d.h., dass in ihnen Wahrheit und Irrtum bzw. Lüge vermischt ist. Schon wer eine innere Erfahrung einigermaßen zutreffend beschreiben will, stößt auf Schwierigkeiten, da unser Wortschatz fast ganz an der äußeren, physischen Welt ausgerichtet ist.

Andererseits sind wir früh mit Wörtern konfrontiert worden, die sich auf innere Erfahrungen beziehen: Gott, Seele, Freiheit, Wille oder Prophezeiung. Alle Menschen haben innere Erfahrungen, doch manche wollen diesen Erfahrungskreis gezielt erweitern und bedienen sich dafür verschiedener spiritueller Techniken. Sie begeben sich auf einen sogenannten „inneren“ oder „spirituellen Weg“. Das Beschreiten eines solchen Weges beschert nicht nur neue Erfahrungen, sondern verlangt von uns auch Entscheidungen.

Je nachdem, wie wir uns an einer „Weggabelung“ entschieden haben, fallen unsere zukünftigen Erfahrungen aus. Das kann man durchaus mit einer Reise in der äußeren Welt vergleichen: Wenn ich in einem Mittelmeerland Urlaub mache, werde ich andere Erfahrungen machen, als wenn ich in Deutschland wandere.

Um was geht es in der Ethik?

Ethik ist die Lehre vom rechten Handeln. Zum Einstieg empfehle ich die „Nikomachische Ethik“ des Aristoteles. Sie ist sehr trocken wie Aristoteles' Werke überhaupt, doch sie enthält ein wunderschönes Kapitel über die Freundschaft. Wer sich für die Liebe interessiert, lese die Memoiren von Casanova. Es gibt nichts Besseres über dieses Thema, da kein Philosoph so ehrlich von sich erzählt und sein tatsächliches Leben so gründlich reflektiert.

Ethik ist eigentlich keine wissenschaftliche Disziplin. In der Ethik wird nichts erkannt, sondern etwas aufgestellt oder gefordert. Die Begründungen der einzelnen Philosophen fallen verschieden aus. In der Regel sind sie biografisch zu verstehen.

Hegel etwa hatte nie irgendwelche sittlichen Probleme und hat folgerichtig keine Ethik geschrieben. Er war fest verankert im protestantischen Christentum und den Inspirationen des Wesens, das er als „absoluten Geist“ empfand. Seine hohe Sittlichkeit spürt man bei jedem Satz, wenn man einmal dafür empfänglich geworden ist. Auch von Platon gibt es keine eigene Ethik – bei ihm durchzieht das Sittliche alle Dialoge.

Der bekannteste aller Ethiker ist Kant geworden („Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, „Kritik der praktischen Vernunft“ und „Die Metaphysik der Sitten“). Doch wer diese drei Werke lesen möchte, sollte vorher die „Kritik der reinen Vernunft“ hinter sich bringen.

Deren Inhalt ist übrigens einfach zusammenzufassen: Kant kritisiert die „reine“ Vernunft, d.h. ein Denken, das nicht auf Anschauung (Wahrnehmung) beruht. Er sagt: Mit dem bloßen Denken kann man alles und auch dessen Gegenteil beweisen.

Außerdem zeigt er, dass unsere Wahrnehmung durch bestimmte Gedankeninhalte vorgeprägt ist: Wenn wir aus dem Fenster schauen, denken wir in den Begriffen von Raum, Zeit, Bewegung, Licht, Schatten usw. Einen Teil derartiger Begriffe klassifizierte Kant nach dem Vorbild von Aristoteles und den mittelalterlichen Scholastikern als „Kategorien“.

Die modernen Ethiker befassen sich vornehmlich mit praktischen Fragen wie Genmanipulation, Abtreibung, Gefahren der Technik usw. Das Hauptproblem bei der Abtreibung besteht darin, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens darüber gibt, was ein Embryo ist.

Je nachdem, als was man ihn betrachtet, ist eine Abtreibung verschieden zu bewerten. Wenn der Embryo eine menschliche Ganzheit ist, ist die Abtreibung Mord. Ist er eine Verbindung aus Geist, Seele und Körper, ist die Abtreibung Diebstahl, denn dadurch zwinge ich die Seele, diesen Körper zu verlassen. Das ist so ähnlich, wie wenn ich jemand seine Wohnung wegnehme. Ist der Embryo lediglich ein Klumpen Fleisch, ist die Abtreibung eine Art Schönheitsoperation, bei der Überflüssiges entfernt wird.

Die Frage, was ein Embryo ist, gehört nicht in den Bereich der Ethik, sondern ist ein Thema der Metaphysik.

Was behandelt die Metaphysik?

Die Metaphysik ist seit Kant in Verruf geraten. Denn Kant fand, dass man mit dem reinen Denken („Spekulation“) nichts erkennen kann und dass innere Wahrnehmungen als pathologisch zu werten sind. Er behandelte sie dementsprechend in seiner Anthropologie-Vorlesung und in seinem „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“. In den „Träumen eines Geistersehers“ machte er die innere Wahrnehmung sogar lächerlich.

Das hat dazu geführt, dass Philosophen wie Steiner und Sri Aurobindo in der Philosophiegeschichtsschreibung gar nicht vorkommen oder ein Aschenputteldasein führen. In der „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ stehen immerhin Artikel über die beiden genannten Autoren.

Daneben ist eine blühende Esoterik-Szene entstanden, in der sich alles tummelt, was früher zum Teil als Hexerei auf den Scheiterhaufen geführt hat. In einer unübersehbaren Vielzahl von Bewegungen, Gruppen und Grüppchen herrscht ein Begriffschaos sondergleichen, sodass ein eingehendes Studium notwendig ist, um einen Dialog überhaupt möglich zu machen.

Am meisten geschätzt werden in diesem Bereich die alternativen Heilmethoden (Geistheilung, Ayurveda, CranioSacral-Therapie, Shiatsu usw.). Bei ihrer Anwendung treten häufig innere Erfahrungen auf, zum Beispiel Erinnerungen an frühere Leben.

Die beste Einführung in die Metaphysik ist nicht das gleichnamige Buch des Aristoteles, sondern „Über die Geheimlehren“ von Iamblichos.

Um was geht es in der Logik?

Die Logik ist eigentlich (wie die Mathematik) keine wissenschaftliche Disziplin, sondern eine Kunst. Das heißt, es wird (ähnlich wie in der Ethik) nichts erkannt, sondern etwas geschaffen oder postuliert.

Einerseits lässt das Tohuwabohu in der Esoterikszene ein Logikstudium wünschen, andererseits bleibt es doch unfruchtbar, nachdem es absolviert wurde. Denn die Logik ist ein künstliches System mit künstlich konstruierten Beispielsätzen, die auf das lebendige Philosophieren bisher kaum einen Einfluss hatten (wenn man von grundlegenden Axiomen wie dem „Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch“ absieht).

Entsprechend ist die Logik vornehmlich ein Gegenstand der Philosophie ohne praktischen Nutzen geblieben.

Über Ästhetik und Bindestrich-Philosophien

Bevor man sich mit der philosophischen Ästhetik auseinandersetzt, sollte man mindestens eine der schönen Künste (Musik, Malerei, Plastik, Architektur, Dichtung, Fotografie, Film) näher kennen.

Dasselbe gilt auch für die sogenannten Bindestrich-Philosophien: Man sollte zuerst die Materie studieren, über die philosophiert wird. Natur- oder Geschichtsphilosophie etwa kann man nur mit Gewinn treiben, wenn man sich wenigstens mit einer naturwissenschaftlichen Disziplin (Physik, Biologie, Chemie, Medizin, Geologie, auch Archäologie, Anthropologie, Ethnologie) bzw. der Geschichtsschreibung näher vertraut gemacht hat.

Welche Lektüre ist als Einstieg zu empfehlen?

Wer die Philosophen kennenlernen will, muss ihre Werke lesen. Prinzipiell ist es besser, einen Philosophen ganz kennenzulernen, als sich mit den Hauptwerken von mehreren Philosophen zu befassen. Denn um einen Philosophen wirklich zu verstehen, muss man zuerst seine Sprache lernen. Das heißt, man muss herausfinden, wie er welches Wort verwendet.

Als ich etwa zum ersten Mal die „Philosophie der Freiheit“ (GA 4) von Rudolf Steiner in die Hand nahm, verstand ich überhaupt nichts, obwohl ich die Bedeutung aller Wörter kannte. Als ich aber damit anfing, seine Schriften der Reihe nach zu lesen (GA 1-13), lernte ich nach und nach alles verstehen.

Bei Kant ging es mir ähnlich: Nachdem ich seine Anthropologie-Vorlesung hinter mir hatte, machten mir seine drei Kritiken keine Schwierigkeiten mehr. Ebenso Hegel: Der beste Einstieg sind seine frühen theologischen Schriften.

Die Platon-Lektüre beginnt man am besten mit der „Apologie“ und dem „Kriton“, gefolgt von „Phaidon“ und „Symposion“. Schopenhauer teilt selbst mit, was man kennen muss, um sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu verstehen: die Upanishaden, Platon, Kant und seine Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“.

Rousseau und Augustinus lernt man am besten durch ihre „Bekenntnisse“ kennen, Heidegger durch seine Vorlesungen über Platon – falls man Platon bereits gelesen hat. Auf der anderen Seite gibt es Philosophen, die sofort eingängig sind wie etwa Nietzsche, Plotin, Hannah Arendt, Jaspers, Kierkegaard oder Michel de Montaigne – und Philosophen, bei denen alles schwierig ist, wie z.B. Husserl (am besten mit seiner „Ersten Philosophie“ beginnen).

Um herauszufinden, zu welchem Philosophen man sich hingezogen fühlt, ist es am einfachsten, ein Werk in die Hand zu nehmen und darin herumzublättern oder eine Philosophiegeschichte durchzulesen. Es gibt zwei Arten von Philosophiegeschichten: neutrale und tendenziöse Darstellungen.

Mit „tendenziös“ meine ich, dass der Autor nicht nur die Philosophiegeschichte darstellt, sondern auch seine eigene Philosophie verkündet bzw. die Philosophiegeschichte über deren Kamm schert.

Unter den neutralen Darstellungen empfehle ich die Philosophiegeschichten von Störig, Aster und Helferich, unter den tendenziösen die Bücher von Russell („Denker des Abendlandes“, „Philosophie des Abendlandes“), Steiner („Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt“), Jaspers („Die großen Philosophen“), Hegel („Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“) und Bloch („Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie“). Die beste Einführung in die griechische Philosophie ist des Iamblichos' „Buch über das pythagoreische Leben“.

Wer sich für ein bestimmtes Thema interessiert, muss selbstverständlich anders vorgehen. Um herauszufinden, welcher Philosoph über welches Thema etwas geschrieben hat, ist es am einfachsten, ins „Historische Wörterbuch der Philosophie“ zu schauen.

Es ist nach Sachbegriffen wie „Seele“, „Freiheit“, „Tod“, „Unsterblichkeit“ oder „Gott“ usw. geordnet. Eine Warnung: Um einen Überblick zu bekommen, sind die Artikel zu lang, um das Thema wirklich kennenzulernen, sind sie zu kurz.

Deshalb empfehle ich, nur nach den Namen und Werktiteln der genannten Philosophen zu schauen (mit genauen Stellenangaben). Natürlich kann man auch kleinere philosophische Wörterbücher verwenden. Doch hier werden je nach Umfang nur Definitionen gegeben oder nur wenige Namen aufgeführt.

Bei der Lektüre ist es sinnvoll zu fragen, welche Art von Erfahrung den gelesenen Sätzen zugrunde liegt, und zu notieren, was einem auffällt oder aufstößt. Man kann sich Fragen an den Autor aufschreiben und nach dem Durchlesen eines Werks nochmals vornehmen, um zu sehen, ob sie inzwischen beantwortet sind. Die Lektüre von Sekundärliteratur lohnt sich (mit Ausnahme von Biografien) nur, wenn man einen Philosophen schon gut kennt. Sonst kann man nicht beurteilen, was einem vorgesetzt wird.

Je größer die Fremdsprachenkenntnisse, desto besser. Der Aufwand, einen Autor in der Originalsprache zu lesen, wenn sie nicht die eigene Muttersprache ist, ist allerdings hoch. Mit dem großen Latinum ist es nicht möglich, Cicero zu lesen, sondern nur, ihn zu übersetzen. Mit griechischen Texten steht es ähnlich. Von Vorteil ist es jedenfalls, Alphabet und grundlegende Grammatik der Sprachen zu lernen, damit man wenigstens einzelne Wörter des Originals nachschlagen kann.

16.06.2016 © seit 02.2010 Gunthard Heller
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