"Der Stern der Erlösung" - Kleine Einführung in die jüdische Philosophie

In diesem Artikel gibt Gunthard Heller einen kleinen Einblick darüber, was Jüdische Philosophie ist und beschreibt einen Überblick über deren Geschichte.

1. Franz Rosenzweig als Höhepunkt der jüdischen Philosophie

Franz Rosenzweig (1886-1929) ist heute vor allem durch die gemeinsam mit Martin Buber (1878-1965) verfaßte Übersetzung der hebräischen Bibel ("Die Schrift") bekannt. "In seinem Hauptwerk 'Stern der Erlösung' (1921, 31954) – entstanden aus der Auseinandersetzung mit dem Christentum – vertritt Rosenzweig über die Verbindung von Theologie und Philosophie eine Rückkehr zur jüdischen Tradition" (MEL 20/342f).

Heinrich und Marie Simon fassen zusammen, wie es dazu kam:

"Aus allgemein religiöser Weltanschauung heraus, zu der er gelangt war, entschied er sich im Anschluß an Hegel für das Christentum als die höchste Stufe der Religion. Doch wollte er seinen Entschluß erst nach bewußtem Abschied von seiner jüdischen Existenz in die Tat umsetzen und nahm darum an dem ganztägigen jüdischen Gottesdienst des Versöhnungstages teil. Das Erlebnis stimmte ihn um und bewirkte seine Entscheidung für das Judentum […].

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges erschien ihm als Bestätigung seiner Ansicht, der Staat sei keineswegs die Wirklichkeit der sittlichen Idee, wie Hegel gemeint hatte" (S. 307).

"Der Stern der Erlösung" ist schwierig zu lesen und setzt die Kenntnis der Bibel sowie der Philosophiegeschichte voraus: v.a. Platon, Aristoteles, die "Dialektik" der mittelalterlichen Scholastik (sic et non = "so und nicht (so)", also "ja und nein"), Kant, Hegel, Schelling, Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche.

Was sofort auffällt, sind die scharfen Grenzen, die Rosenzweig zwischen den Religionen (Heidentum: griechische, indische und chinesische Religion, Judentum, Christentum und Islam) zieht. Während wir heutzutage eher gewohnt sind, das Verbindende zu sehen, nämlich die individuelle Beziehung zur geistigen Welt, die Arbeit an sich selbst und die Nächstenliebe, setzt Rosenzweig neben seine Abgrenzungen einen doppelten Kontrapunkt zu Hegel: Er stellt das Judentum über das Christentum und versucht, dem Islam gerecht zu werden (der nicht in Hegels System paßte und von ihm ziemlich stiefmütterlich abgefertigt wurde).

Rosenzweigs Begründung für die Bevorzugung des Judentums gegenüber den anderen Religionen: "Das jüdische Volk ist für sich schon an dem Ziel, dem die Völker der Welt erst zuschreiten. Es besitzt die innere Eintracht von Glauben und Leben, die als Eintracht von fides [Glaube] und salus [Heil, Rettung, Leben] Augustin wohl der Kirche zuschreiben darf, die aber den Völkern in der Kirche nochein bloßer Traum ist" (S. 368).

Rosenzweigs Anlehnung an Hegel ist rein äußerlich: Das Buch ist in drei Teile zu je drei Büchern gegliedert. Der erste Teil handelt von Gott, der Welt und dem Menschen, der zweite von der Schöpfung, der Offenbarung und der Erlösung, der dritte vom ewigen Leben ("Feuer"), dem ewigen Weg ("Strahlen") und der ewigen Wahrheit ("Stern"). Die Dreiteilung wird dadurch durchbrochen, daß jedem Teil eine Einleitung vorangestellt (über das Erkennen, das Wunder und das Reich) und eine Schlußbetrachtung ("Übergang", "Schwelle", "Tor") angehängt ist.

Der Stern war schon "in der babylonischen Keilschrift […] das Ideogramm für ilu = Gott" (Manfred Lurker, in: WS 688).

Rosenzweig schreibt darüber folgendes:

  • "Diese Hoffnung auf das zukünftige Reich der Sittlichkeit wurde der Stern, nach dem der Glaube seine Weltfahrt richtete" (S. 111).
  • "In der innersten Enge des jüdischen Herzens leuchtet der Stern der Erlösung" (S. 457; vgl. S. 123: die menschliche Seele als "Licht Gottes").
  • "Im Stern der Erlösung, in dem wir die göttliche Wahrheit Gestalt werden sahen, leuchtet so nichts andres auf als das Antlitz, das Gott uns leuchtend zuwandte. Ja den Stern der Erlösung selber, wie er uns nun endlich als Gestalt aufging, werden wir nun wiedererkennen im göttlichen Angesicht" (S. 465).
  • "Der Stern der Erlösung, in dem die Wahrheit Gestalt gewinnt, kreist nicht. Was oben steht, steht oben und bleibt oben stehn" (S. 469).

Unter "Erlösung" versteht Rosenzweig die Versöhnung von "Offenbarung und Schöpfung" (S. 348). Anders ausgedrückt: Erlösung ist "dies, daß das Ich zum Er Du sagen lernt" (S. 305).

Der Sinn dieser Sätze ist klar: Erlösung bedeutet, daß sich das göttliche Wort (Offenbarung) mit dem göttlichen Werk (Schöpfung) versöhnt, daß der Mensch (Ich) mit Gott (Er) in einen Dialog tritt ("Du" zu ihm sagen lernt).

Konkret bezieht sich Rosenzweig auf den sechszackigen Stern (Hexagramm) aus "zwei übereinandergelegten Dreiecken" (S. 470). "Das Symbol ist in vielen Kulturen anzutreffen, im Judentum ist es unter der Bezeichnung Davidstern – von wenigen Ausnahmen abgesehen – erst vom Mittelalter an verbreitet. […] Im 19. Jh. wird der Davidstern zum religiösen Symbol des Judentums, er erscheint an Synagogen und auf Zeremonialgegenständen, vergleichbar etwa dem Kreuz im christlichen Raum. Seit dem 1. Zionistenkongreß 1897 in Basel ist er das Wahrzeichen des Zionismus. […] 1948 wurde der Davidstern in die Staatsflagge, die Handelsflagge und in die Flagge der Streitkräfte Israels aufgenommen" (MEL 6/313; s.a. Scholem: Judaica 75-118).

Norbert M. Samuelson faßt den Inhalt des Buchs im Hinblick auf zwei Ziele zusammen. "Das erste Ziel ist polemisch, das zweite rein philosophisch. Das polemische Ziel besteht in der Beantwortung der Frage: Warum ist es für einen intelligenten, zivilisierten, gebildeten, modernen deutschen Juden sinnvoll, weiterhin Jude zu bleiben? […]

Das zweite Ziel des Buchs ist philosophisch. Rosenzweig wollte ein Bild des Universums malen. Dieses Bild ist ein Magen David [hebräisch: "Schild Davids"], der Judenstern. Das ganze Werk, Der Stern der Erlösung, zeichnet dieses Bild und erklärt es dem Leser als das wahre Bild des Universums" (S. 243).

Samuelson, der Rosenzweigs Buch für das beste Werk der jüdischen Philosophie hält (S. 9), ordnet die "'Elemente'" Gott, Mensch und Welt, die die Wirklichkeit ausmachen, und die "'Bahnen'", über die sie miteinander in Verbindung stehen, zu sechs Punkten an, die den Stern bilden: "Gott und Mensch sind durch Gottes Offenbarungsakt, Gott und die Welt durch Gottes Schöpfungsakt miteinander verknüpft. Mensch und Welt sind durch den menschlichen Erlösungsakt verbunden. Aus diesen sechs Punkten ist der explizit formulierte Stern gebildet" (S. 239f).

2. Was ist jüdische Philosophie?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn: "Es hat niemals eine jüdische Philosophie in dem Sinne gegeben, in dem es eine griechische oder römische, eine deutsche oder französische gibt. Die jüdische Philosophie ist seit der Antike ihrem Wesen nach Philosophie des Judentums, wenn sie auch im Mittelalter […] zeitweise über ihr religiöses Zentrum hinausgreift. […] Sie ist Religionsphilosophie in dem spezifischen Sinne, der durch die Eigenart der monotheistischen Offenbarungsreligionen gegeben ist" (Guttmann 10).

In diesem Sinne beginnt die jüdische Philosophie bereits mit Werken, die in die hebräische Bibel aufgenommen wurden: dem Buch Hiob, den Sprüchen, dem Hohen Lied und dem Buch Kohelet.

Noch vor diesen Schriften wurden die Gebote der Thora (= "Lehre, Weisung, Gesetz", MEL 23/445; gemeint sind die Bücher Genesis, Exodus, Numeri, Leviticus und Deuteronomium) mündlich ausgelegt und kommentiert. Daraus entstand nach der Befreiung der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft durch Kyros (539 v. Chr.) der Talmud (v. hebr. lilmod = lernen oder lelamed = lehren, vgl. Rosten 592).

Die Juden, die in Babylonien blieben, schufen den Babylonischen, die Juden, die zurück nach Palästina gingen, den Jerusalemer Talmud. Die schriftliche Fixierung des letzteren wurde Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. beendet, die des ersteren Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. Es gibt zwei verschiedene Einteilungen: inhaltlich in Halacha (Gesetz) und Haggada (alles andere, vor allem Erzählungen), formal in Mischna (Kommentar zur Thora) und Gemara (Kommentar zur Mischna).

Der Babylonische Talmud umfaßt sechs Sektionen, die in einzelne Traktate unterteilt sind. Sektion I handelt von den Saaten, Sektion II von den Feiertagen, Sektion III von den Frauen, Sektion IV von den Schädigungen, Sektion V von den Heiligtümern und Sektion VI von der Reinheit.

Nachdem Alexander der Große 332/32 v. Chr. Syrien, Palästina und Ägypten erobert hatte, entstand eine umfangreiche hellenistisch-jüdische Literatur, die zum Teil in die Septuaginta (griechische Übersetzung der Bibel) aufgenommen wurde. Von diesen Werken kann man die Bücher Weisheit und Jesus Sirach zur jüdischen Philosophie rechnen.

Die zunächst nur mündlich überlieferte jüdische Geheimlehre und Mystik wurde nach dem hebräischen Verbum qabal = empfangen Kabbala genannt (vgl. MEL 13/287). Neben der Seelenwanderung finden wir hier auch die Seelenschwängerung (Ibbur): "Hat ein Mensch in der unteren Welt eine Tat nicht zu Ende geführt, muß seine Seele nach seinem Tod ins Leben zurückkehren, sich […] an die Seele eines lebenden Menschen anschmiegen, sich eng mit ihr zusammenschließen und sich mit ihr vereinigen, um das Versäumte nachzuholen" (Manfred Baumotte, in: Bloch 20).

"Esoterische und rätselhafte Äußerungen finden sich bereits in der hellenistisch-jüdischen Literatur, ebenso kosmogonische Spekulationen in der rabbinischen Literatur. Aber erst mit der sog. Merkabamystik (nach der Bezeichnung für den Thronwagen" in Ez 1,15-28 "und mit der Ausbildung einer Angelologie" (Engellehre) "liegt eine festumrissene Lehre vor (Hechalot-Schriften, 4.-10. Jh.). Daneben steht schon früh 1. Mos. 1 im Mittelpunkt einer kosmologischen Ausdeutung im sog. 'Werk der Schöpfung'" (Ma῾ase bereschit); "diese herrscht auch im Buch Jezira vor. Vom 8. Jahrhundert an gelangt die mystische Bewegung von Palästina nach Europa und zeigt Auswirkungen bei den sog. deutschen Chassidim […]; im 'Buch der Frommen'" (Sefer chasidim) "sind die Hauptlehren zusammengefaßt.

Vom 12. bis 14. Jahrhundert entsteht in Südfrankreich (Provence) und Spanien die Bewegung, die als Kabbala im eigentlichen Sinn bezeichnet wird. […] Ein bedeutendes Dokument dieser Zeit ist das Buch Bahir […]. Zwischen 1240 und 1280 entsteht das Hauptwerk der älteren Kabbala, das Buch Sohar" (MEL 13/288), der das "höchste Ansehen genießt" (Miers 219).

"Über den praktischen Teil der Kabbala finden sich nur Andeutungen, und diese nur in seltenen Manuskripten, die in grossen öffentlichen und privaten Bibliotheken zu finden sind. […] Derartige Manuskripte sind unter dem Namen 'Clavicula Salomonis' bekannt und bilden die Grundlage der landläufigen Zauberbücher, wie 'Albertus magnus', 'roter Drache' und 'Zauberbuch des Honorius'" (Papus 3).

Auf die Haarspaltereien, was nun "jüdisch" (vgl. Sand 21-40!) und was Philosophie ist, gehe ich hier nicht ein, da sie unfruchtbar sind. Es genügt zu sagen, daß sich die jüdische Philosophie denkerisch mit den Inhalten der Bibel auseinandersetzt. Das heißt, daß auch die Auseinandersetzung von Juden mit dem Neuen Testament zur jüdischen Philosophie gehört.

16.06.2016 © seit 08.2014 Gunthard Heller
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