Johann Wolfgang von Goethes naturwissenschaftliche Schriften

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der Dichter des „Faust“, hat einen großen Teil seines Lebens mit naturwissenschaftlicher Forschung verbracht. Er befaßte sich mit Morphologie, Farbenlehre, Mineralogie, Geologie, Meteorologie und Wissenschaftstheorie.

Die Lektüre seiner naturwissenschaftlichen Schriften lohnt sich wegen der vielen eingestreuten allgemeinen Bemerkungen auch für Menschen, die keine Fachwissenschaftler sind.

1. Zur Morphologie

Goethe Johann Wolfgang Naturwissenschaft Goethe definiert die Morphologie als „Lehre von der Gestalt, der Bildung und Umbildung der organischen Körper“ (70/293), die sich fortpflanzen (70/288).

Die Gestalt wird dabei „sowohl in ihren Theilen als im Ganzen, ihren Übereinstimmungen und Abweichungen ohne alle andere Rücksichten“ betrachtet (70/292). Es wird nur dargestellt, nicht erklärt (70/293).

Insgesamt geht es Goethe um die „Betrachtung des organischen Ganzen“, bei der Naturgeschichte, Naturlehre, Anatomie, Chemie, Zoonomie, Physiologie und Morphologie vergegenwärtigt und „durch die Kraft des Geistes“ verknüpft werden (70/292).

Als Metamorphose bezeichnet Goethe „die Wirkung, wodurch ein und dasselbe Organ sich uns mannichfaltig verändert sehen läßt“ (70/26). „Aus dem Begriff der Metamorphose geht hervor, das ganze Pflanzenleben sei eine stetige Folge von merklichen und unmerklichen Abänderungen der Gestalt, von denen jene bestimmt und genannt werden, diese aber bloß als fortschreitende Zustände bemerkt kaum unterschieden, geschweige mit einem Namen gestempelt werden können“ (70/355).

Das Prinzip der Metamorphose findet Goethe auch bei Tieren (70/156). Unter Urtier bzw. Urpflanze versteht Goethe „den Begriff, die Idee“ von Tieren bzw. Pflanzen (70/20).

2. Zur Farbenlehre

Zunächst ein paar Tips zum Studium: Nach dem Kauf eines Goethe-Prismas beginnt man am besten mit der Lektüre der Chromatik (68/1-53) und schaut sich die Tafeln durch das Prisma an. Als nächstes lese man die „Confession des Verfassers“ (67/283-311) und die Zusammenfassung am Schluß des historischen Teils: „Anzeige und Übersicht des Goethischen Werkes zur Farbenlehre“ (67/387-410).

Soviel sollte auf jeden Fall hängen bleiben: Wird Licht durch ein Prisma gebrochen, sieht man die Farben an den horizontalen Rändern der Gegenstände, die man durch das Prisma anschaut.

Im Didaktischen Theil unterscheidet Goethe dreierlei Arten von Farben:

  • Physiologische oder subjektive Farben, die „dem Subject, […] dem Auge, theils völlig, theils größtens zugehören“ (64/1).
  • Physische Farben, „zu deren Hervorbringung gewisse materielle Mittel nöthig sind, welche aber selbst keine Farbe haben, und theils durchsichtig, theils trüb und durchscheinend, theils völlig undurchsichtig sein können. Dergleichen Farben werden also in unserm Auge durch solche äußere bestimmte Anlässe erzeugt, oder, wenn sie schon auf irgend eine Weise außer uns erzeugt sind, in unser Auge zurückgeworfen“ (64/57).
  • Chemische Farben „nennen wir diejenigen, welche wir an gewissen Körpern erregen, mehr oder weniger fixiren, an ihnen steigern, von ihnen wieder wegnehmen und andern Körpern mittheilen können, denen wir denn auch deßhalb eine gewisse immanente Eigenschaft zuschreiben. Die Dauer ist meist ihr Kennzeichen“ (64/200).

Im Polemischen Theil befaßt sich Goethe mit der „Enthüllung der Newtonischen Theorie, welche einer freien Ansicht der Farbenerscheinungen bisher mit Gewalt und Ansehen entgegengestanden“ (64/XII). Seine Kritik an Newtons Optik faßt er folgendermaßen zusammen: „Die Newtonische Theorie hat das Eigene, daß sie sehr leicht zu lernen und sehr schwer anzuwenden ist“ (65/273).

Im Historischen Theil treibt Goethe Wissenschaftsgeschichte, wobei er seine Polemik gegen Newton wieder aufnimmt.

Die Chromatik „enthält die Revision, um derentwillen vorzüglich die Paragraphen mit Nummern versehen worden“, d.h. „Nachträge, Zusätze und Verbesserungen“, „Citate“ und „einzelne Aufsätze“ (64/XVII).

3. Mineralogie und Geologie

Goethe beschreibt ausführlich Mineralien und Landschaften. Er gibt auch Stichwörter über die Entstehung der Erde (73/268-279). Kurz zusammengefaßt: „Nach meinem Anschauen baute sich die Erde aus sich selbst aus“ (73/264).

Seine Bemerkungen über den Konsens der Wissenschaftler sind auch heute noch beherzigenswert:

„Das Schrecklichste was man hören muß ist die wiederholte Versicherung: die sämmtlichen Naturforscher seien hierin derselben Überzeugung. Wer aber die Menschen kennt der weiß wie das zugeht: gute, tüchtige, kühne Köpfe putzen durch Wahrscheinlichkeiten sich eine solche Meinung heraus; sie machen sich Anhänger und Schüler, eine solche Masse gewinnt eine literarische Gewalt, man steigert die Meinung, übertreibt sie und führt sie, mit einer gewissen leidenschaftlichen Bewegung, durch Hundert und aber Hundert wohldenkende, vernünftige Männer, die in andern Fächern arbeiten, die auch ihren Kreis wollen lebendig, wirksam, geehrt und respectirt sehen, was haben sie Bessers und Klügers zu thun als jenen ihr Feld zu lassen und ihre Zustimmung zu dem zu geben, was sie nichts angeht. Das heißt man alsdann: allgemeine Übereinstimmung der Forscher“ (73/257f).

4. Allgemeine Naturlehre

Es handelt sich um eine Zusammenstellung kleinerer Aufsätze zu ganz verschiedenen Themen.

In Der Versuch als Vermittler von Object und Subject (75/21-37) behandelt Goethe die Problematik des Experimentierens. Er plädiert für Teamwork und schnelle Veröffentlichung (im Gegensatz zum Kunstwerk, das man bis zur Fertigstellung zurückhalten soll). Hypothesen durch Versuche bestätigen zu wollen, hält Goethe für gefährlich, da man leicht Irrtümern erliegt, besonders dadurch, daß man nur diejenigen Tatsachen auswählt, die einem in den Kram passen.

In Bedeutende Förderniß durch ein einziges geistreiches Wort gibt Goethe über seine wissenschaftliche Methode Auskunft: „Findet sich in der Erfahrung irgend eine Erscheinung, die ich nicht abzuleiten weiß, so lass‘ ich sie als Problem liegen, und ich habe diese Verfahrungsart in einem langen Leben sehr vortheilhaft gefunden: denn wenn ich auch die Herkunft und Verknüpfung irgend eines Phänomens lange nicht enträthseln konnte, sondern es bei Seite lassen mußte, so fand sich nach Jahren auf einmal alles aufgeklärt in dem schönsten Zusammenhange“ (75/63).

5. Meteorologie

Goethe interessierte sich vor allem für die Wolken. Die von Luke Howard 1830 „eingeführten Wolkenbezeichnungen Stratus, Cumulus, Cirrus und Nimbus“ ergänzte Goethe um den Terminus paries. „Goethe erschaute die Wandlungsfähigkeit der einzelnen Wolkenbilder und sah, ohne die physikalischen Voraussetzungen zur Wolkenbildung zu kennen, daß jede Grundform sich in einer anderen für sie typischen Schicht der Atmosphäre bildet, und daß die einzelnen Formen sich auseinander entwickeln können“ (Strauss 91).

Literaturverzeichnis

GOETHE, Johann Wolfgang von: Werke, herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen, Weimarer Ausgabe 1887-1919, 143 Bände, Nachdruck München 1987

STRAUSS, Fritz: Goethes Forschungen zur Morphologie, in: Abhandlungen zu Goethes Naturwissenschaft von Ernst Grünthal und Fritz Strauss, Bern 1949, S. 65-115

Gunthard Heller

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