Jean-Paul Sartre: Tips zur Lektüre seiner Werke

Jean-Paul Sartre (1905-1980) mochte sich selber nicht. Er hielt sich für häßlich und mußte darum kämpfen, authentisch zu sein, während er seiner Partnerin Simone de Beauvoir eine natürliche Authentizität bescheinigte.

Jean Paul Satre Er nahm weder sich noch sein Werk ernst und hielt Leute, die seine Werke ernst nahmen, für "Schafsköpfe" (Tagebucheintrag vom 13.3.1940).

Natürlich ist es fraglich, ob diese Aussage ernstzunehmen ist, denn die Tagebücher gehören zu den Werken – Sartre schrieb sie im Hinblick auf die Veröffentlichung. Auch seine Autobiographie "Die Wörter" gehört zu den Werken – so bleiben also nur die Briefe für den wahren Sartre übrig.

Dort fallen die ständigen Liebesbeteuerungen zu Beauvoir auf, die reichlich unecht wirken, da sie einerseits übertrieben sind, andererseits durch die Erzählungen anderweitiger Liebschaften und sexueller Abenteuer entkräftet werden. Beauvoir tat es Sartre übrigens in diesem Punkt gleich.

Sartre mochte die Hälfte der Menschheit nicht, nämlich alle Männer, zumindest insofern sie männliche Männer waren. Sein umfangreichstes Werk "Der Idiot der Familie" schrieb er über einen Dichter, den er nicht ausstehen konnte: Flaubert.

Die Romane von Sartre ("Der Ekel", "Die Wege der Freiheit") sind eine mühsame Lektüre. Die Dramen und Drehbücher sind zum Teil hinreißend, nämlich insofern Sartre geschichtliche, politische, künstlerische und psychologische Probleme behandelt ("Die Troerinnen des Euripides", "Die Eingeschlossenen", "Nekrassow", "Kean", "Im Räderwerk"). Die Dramen über Metaphysisches und Religiöses wirken dagegen falsch und überzeugen nicht ("Bei geschlossenen Türen", "Der Teufel und der liebe Gott", "Das Spiel ist aus"). Auch "Die Fliegen" (eine Verfremdung des Atridenstoffs) ist mißraten.

Sartres philosophische Werke ("Das Imaginäre", "Das Sein und das Nichts", "Kritik der dialektischen Vernunft") sind wegen ihrer Abstraktionen eine extrem schwierige Kost. Sartre fiel es schwer, sich fremde Philosophien anzueignen. Hatte er es aber einmal getan, wie bei Hegel, Marx, Freud, Husserl und Heidegger, übernahm er deren Vokabular und zerstörte damit den Wirklichkeitsbezug und die eigene Authentizität als Autor.

Mich überzeugte kein einziges von Sartres philosophischen Werken, und so überlegte ich, woran das liegen konnte. Ich mag Sartre insofern als Mensch nicht, als er log, stahl, seine Partnerinnen betrog, Beauvoir verriet, ein Wahlergebnis fälschte, anstatt für sich einzustehen und "Nein" zu sagen – man könnte die Aufzählung fortsetzen. Warum lese ich ihn dann? Ist gerade das die beste Voraussetzung für die Lektüre eines Autors, der sich selbst und andere nicht mag, daß man ihn nicht mag?

Es ist noch schlimmer: Sartre deckt in den Tagebüchern den psychoanalytischen Hintergrund seiner Ontologie auf, die er vor allem in "Das Sein und das Nichts" ausführte. Es handelt sich um die anale Phase des Kindes, allgemein gesprochen um den Drang zur Füllung eines Loches, das Sartre als Nichts interpretiert (Eintrag vom 21.12.1939). Das Kind wäre demnach eine Spielart des Seins, Sartres Werk der Versuch, eine Leere auszufüllen, konkret: die gedankliche Unbedarftheit der Schafsköpfe, die seine Werke ernst nehmen. Ist "Das Sein und das Nichts" also als Hirnfüllung für Idioten gedacht? Oder ist man ein Schafskopf, wenn man auf diese Weise Sartres Gedanken zu Ende denkt, weil man ihn beim Wort nimmt?

Zuzutrauen ist das Sartre jedenfalls, wenn man berücksichtigt, wie schonungslos er andere, aber auch sich selbst analysierte. Seine Kriegskameraden warfen ihm allerdings zweierlei Maß vor: Er beurteile sich selbst milder als andere. Doch sie kannten aus Sartres Tagebüchern wahrscheinlich nur die Stellen über sich, nicht die über ihn selbst – Sartre notierte die Gespräche mit ihnen und las sie ihnen vor, was sie fuchsteufelswild machte. Sie rächten sich dadurch, daß sie bei ihm Fehler suchten und triumphierten, wenn sie einen entdeckt hatten.

Sartre war Atheist. Sogar den Begriff des Unbewußten lehnte er ab; wenn er ihn verwendet, wirkt er also authentisch. Von daher rührt das Abgeschlossene von allem, was er schrieb: Es weist nicht über sich hinaus. In den Wörtern ist alles gegeben, man braucht nicht mehr vermuten, als da steht. Sucht man trotzdem, findet man höchstens psychoanalytische Erklärungen.

Zumindest zeitweise war Sartre Marxist. Doch die meisten Marxisten fühlten sich von ihm nicht verstanden. Den Widerspruch zwischen dem marxistischen Determinismus und der eigenen existentialistischen Freiheitsauffassung bügelte er in der Einleitung zur "Kritik der dialektischen Vernunft" ("Marxismus und Existentialismus") damit weg, daß er sagte, der Determinismus der Marxisten sei ein von außen in den Marxismus eingedrungener Fremdkörper.

Was bleibt von Sartre? Warum sollte man ihn lesen? Was ist die eigentliche Botschaft, was ist das Wertvolle, das er uns auch heute noch zu geben hat?

Es ist die Bewußtheit der Lebensführung und des Denkens. Bei Sartre weiß man stets, woran man ist. Er macht weder sich noch den Lesern etwas vor. Er wollte schreiben und hat es getan. Das war seine Art, der Welt zu zeigen, was Freiheit ist.

Wenn man Sartre liest, sollte man viel von ihm lesen. Am besten beginnt man mit den Dramen – oder den autobiographischen Schriften: "Die Wörter", Tagebücher, Briefe, Interviews. Wem das zuviel ist, beginne mit dem schönsten aller Bücher über Sartre: "Die Zeremonie des Abschieds" von Simone de Beauvoir.

© Gunthard Rudolf Heller, 2016

Gunthard Heller

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