Jean-Jacques Rousseau: Menschenrechtler, Freiheitsverfechter oder diktatorischer Pseudodemokrat?

Jean-Jacques Rousseau wurde 1712 in Genf geboren und verstarb 1778 in Ermenonville in der Nähe von Paris. Er gilt als bedeutender Aufklärer und Wegbereiter der Französischen Revolution. Zudem wird ihm ein großer Einfluß auf die politischen Themen des 19. bis 20. Jahrhunderts zugeschrieben.

Einleitung

Die Schriften von Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) kann jeder ohne weiteres verstehen, ohne daß sie einer Einführung bedürfen. Sie bieten nur eine einzige Schwierigkeit - sie sind sehr umfangreich: "Bekenntnisse" 867 Seiten, "Emil" 530 Seiten, "Julie" 795 Seiten, zwei Bände mit kleineren Schriften zu 563 und 760 Seiten sowie der "Gesellschaftsvertrag" mit 153 Seiten (Angaben jeweils ohne Einführung, Vorwort, Anhang).

Wer das alles hinter sich gebracht hat, fragt sich unwillkürlich: Was ist jetzt eigentlich hängen geblieben? Was hat die Lektüre gebracht? Und das Seltsame ist: Es bleibt keine Erinnerung an eine Philosophie zurück, sondern das Bild von einem Menschen, den man kennengelernt hat. Dieser Mensch strebte aus dem religiösen Gefängnis heraus nach einer neuen Natürlichkeit, nach einer ungezwungenen Menschlichkeit und erinnert insofern unwillkürlich an die Hippies und Blumenkinder der 1960er Jahre.

Rousseau Einführung PhilosophieDer Katholischen Kirche war Rousseau ein Dorn im Auge, und so landeten mehrere seiner Schriften auf dem Index der verbotenen Bücher. Der "Emil" und der "Gesellschaftsvertrag" kamen in Paris und Genf sogar auf den Scheiterhaufen. Rousseau verteidigte sich mit dem Brief an Beaumont (in: Schriften 1/497-589), der jedoch ebenfalls verurteilt wurde. Dasselbe Schicksal ereilte die "Briefe vom Berge" (in: Schriften 2/7-252) und die "Julie". Einem Haftbefehl entging Rousseau durch Flucht in die Schweiz. Von dort trieb ihn eine Verbannung schließlich nach England, wohin Hume ihn eingeladen hatte, bevor er wegen schlechter Presse wieder nach Frankreich zurückkehrte.

Die Gründe für die Verurteilungen sind heute nur noch schwer einzusehen: Im "Gesellschaftsvertrag" wehrte sich Rousseau gegen den Zwang monarchischer Gesetze, obwohl die Könige als "'von Gott eingesetzt'" galten. Also urteilte Ambrosius von Mailand, der ab 1760 als Berater der Indexkongregation tätig war: "'Dies nun ist schismatisch und aufrührerisch, fügt der monarchischen Gewalt Unrecht zu und widerspricht vollkommen der Autorität der Schriften.'" Des weiteren zerstöre Rousseau den "'Respekt der Söhne vor den Vätern'" – "'Wie viele Unruhen würden so entstehen, wie viele Aufstände und Gemetzel?'" (zit. n. Godman 267) Weitere Sünden Rousseaus im "Gesellschaftsvertrag" seien, daß er Calvin und Machiavelli lobe, für Revolutionen gegen das Königtum eintrete und die Kirche kritisiere.

Im "Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars" (in: "Emil" 275-334) leugne Rousseau die Erbsünde, bezweifle die Schöpfung durch die Annahme, die Materie habe schon immer existiert, und stelle die Nächstenliebe über das Evangelium. Außerdem beanstande er Zölibat, priesterliches Machtstreben und die Lehre von der Transsubstantiation bei der Eucharistie.

Michael Haringer (1817 – 1887), ebenfalls Berater der Indexkongregation, ging auf Rousseau als Mensch los, indem er dessen Leben folgendermaßen zusammenfaßte: "'Geboren wurde Rousseau in Genf im Jahre 1712; sein Elternhaus war kalvinistisch. Als junger Mann hat er in Turin der Ketzerei abgeschworen und den katholischen Glauben angenommen. Später jedoch hat er die katholische Religion – und eigentlich jegliche Religion – wieder abgeleugnet. Von einer Dienerin, die er sich in Paris als Ehefrau oder Gefährtin erwählt hatte, hatte er vier Söhne, die er allesamt ins Waisenhaus steckte. Er, der ein Buch über die Erziehung schrieb [den "Emil"], trat seine väterliche Pflicht mit Füßen und war nicht willens, seine eigenen Söhne zu erziehen. Seinen Wohltätern gegenüber erwies er sich als undankbar; die, die ihm zunächst Freunde waren, überschüttete er später mit Haß. In seinen letzten Lebensjahren befiel ihn die Melancholie, und er sah überall nur noch Feinde und Verfolger. Im Jahr 1778 raffte ihn ein plötzlicher Tod dahin, und nicht wenige hegten den Verdacht, er habe sich selbst das Leben genommen'" (zit. n. Godman 275f).

Das ist eine böswillige Hetze, auch wenn sie den Schein der Wahrheit erweckt. So schrieb Rousseau am 17. Februar 1763 in Sachen Religion an Paul Moultou: "Mein Lieber, ich bin in meiner Religion duldsam aus Grundsatz, denn ich bin ein Christ; ich dulde Alles, nur die Unduldsamkeit nicht; aber jede Inquisition ist mir verhaßt. Ich betrachte alle Glaubensrichter als Trabanten des Teufels. Aus diesem Grunde mag ich ebenso wenig in Genf als in Goa [dort gab es das Inquisitionsgericht bis 1815!] leben. Nur die Atheisten können in solchen Ländern in Frieden leben, weil jedwedes Glaubensbekenntniß Diejenigen nichts kostet, welche gar keins im Herzen haben, und wie wenig ich auch an dem Leben hänge, so bin ich doch nicht begierig, das Schicksal Servets [wurde 1553 bei Genf auf dem Scheiterhaufen verbrannt] zu theilen. Adieu denn, ihr Herren Verbrenner! Rousseau ist nicht euer Mann; da ihr von ihm nichts wissen wollt, weil er tolerant ist, so mag er nichts von euch wissen aus dem entgegengesetzten Grunde" (Rousseau's ausgewählte Briefe S. 140f).

Rousseau "ist vermutlich der egozentrischste 'Denker in der Geschichte der Philosophie" (Weischedel 160). Und doch kann man ihm das nur schwer vorwerfen, wenn man seine Schriften und Briefe gelesen hat. Gegenüber seinen Freunden konnte er leider Fakten, Verdacht und Mißtrauen nicht immer auseinanderhalten. Ein gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer.

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Bekenntnisse

Im Winter 1770/71 las Rousseau daraus im Salon der Comtesse d'Egmont vor. Die Zuhörer waren entrüstet, die Polizei untersagte weiteres Vorlesen. So wurde das Werk erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Ich greife nur einen Punkt heraus: Wie kann jemand ein Buch über Erziehung schreiben, aber seine Kinder ins Findelhaus stecken? In Rousseaus Worten: Wie kann jemand "ohne jedes Bedenken die süßeste aller Pflichten" mit Füßen treten? "Auch keinen einzigen Augenblick lang ist Jean-Jacques jemals in seinem Leben ein gefühlloser, ein herzloser Mensch und ein unnatürlicher Vater gewesen", schreibt er über sich selbst. "Wohl habe ich mich täuschen können, aber innerlich verhärtet bin ich darum doch niemals gewesen" (S. 501).

Viel über seine Gründe erfahren wir in den "Bekenntnissen" nicht: "Es hieße allzuviel wagen, wollte ich die Gründe anführen, die mich verleitet haben, denn da sie mich verführen konnten, würde es ihnen auch noch bei anderen gelingen, und ich möchte die jungen Männer, die mich vielleicht lesen, nicht der Gefahr aussetzen, sich von denselben Trugschlüssen irreführen zu lassen" (S. 501).

Deshalb hören wir nur soviel: Rousseau wollte seine fünf Kinder nicht durch sein schlechtes Beispiel verderben. Angesteckt von Platons Staatsutopie in der Politeia meinte er, daß sie in der Hand ausgebildeter Erzieher bessere Staatsbürger werden würden. "Mehr als einmal hat mich meine Herzenqual seitdem gelehrt, daß ich mich damals irrte, meine Vernunft hat mir jedoch niemals ähnliches offenbart, sondern ich habe im Gegenteil oft den Himmel gesegnet, meine Kinder vor dem Schicksal ihres Vaters und vor dem Los bewahrt zu haben, das sie bedroht hätte, sobald ich sie zu verlassen gezwungen gewesen wäre" (S. 502).

Das Thema ist angesichts der Forderung nach mehr Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Ganztagsschulen hochaktuell, wenn auch die Unterbringung im Waisenhaus eine für die Kinder ungleich einschneidendere Maßnahme darstellt.

Rousseau überlegte außerdem, seine Kinder der Frau von Épinay oder der Frau von Luxembourg anzuvertrauen, doch er tat es nicht, weil er sich sicher war, daß sie bei diesen Frauen gelernt hätten, "ihre Eltern zu hassen und vielleicht an ihnen zu Verrätern zu werden, und da ist es hundertmal besser, daß sie sie niemals gekannt haben" (S. 502). "Alles erwogen, wählte ich für meine Kinder das Beste oder glaubte doch wenigstens, daß es das Beste sei. Ich hätte gewollt und ich wollte noch heute, ich wäre wie sie aufgezogen und herangebildet worden" (S. 503).

Das wirft natürlich die Frage nach Rousseaus eigener Kindheit auf. Was war daran so schlimm, daß er selber seinen Kindern kein Vater sein wollte?

Rousseaus Eltern liebten einander seit ihrer Kindheit. Doch der Vater wurde nach kurz nach der Geburt von Rousseaus älterem Bruder als Uhrmacher nach Konstantinopel gerufen. Das hing wohl mit Rousseaus Onkel Bernard zusammen, der als Kriegsbaumeister unter Prinz Eugen Lorbeeren einheimste. Rousseaus Mutter blieb ihrem Gatten trotz ihrer Verehrer treu und bat ihn um seine Rückkehr. Zehn Monate später wurde Rousseau "krank und schwächlich geboren". Seine Mutter starb bei der Geburt. Sein Vater kam nie darüber hinweg. "Er glaubte sie in mir wiederzuerblicken, ohne jedoch vergessen zu können, daß ich sie ihm genommen hatte" (S. 39). Eine Schwester des Vaters und ein Kindermädchen übernahmen die Rolle der Mutter. Alle um Rousseau herum liebten ihn, und er liebte sie wieder.

Man kann also nicht sagen: Was Rousseau als Kind nicht bekommen hat, vermochte er als Vater nicht zu geben. So bleibt nach der Lektüre der "Bekenntnisse" der Eindruck zurück, daß Rousseau hinsichtlich dieses Themas gerade kein Bekenntnis abgelegt hat.

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Träumereien eines einsamen Spaziergängers

Die Angelegenheit ließ Rousseau keine Ruhe. Das spricht für ihn. So kam er in seinem letzten Werk (in: Schriften 2/637-760), an dem er bis zu seinem Tod schrieb, noch einmal darauf zurück. Ein Herr P. zeigte Rousseau die "Lobrede auf Frau Geoffrin" (Éloge de Madame Geoffrin) von Jean Le Rond d'Alembert (1717 - 1783), die Ende 1777 veröffentlicht wurde.

Während des neunten der insgesamt zehn Spaziergänge erzählt Rousseau: "Der längste und gesuchteste Abschnitt dieses Stückes handelte von dem Vergnügen, das Frau Geoffrin daran gefunden hätte, Kinder um sich zu haben und mit ihnen zu plaudern. Der Verfasser hielt diese Neigung mit Recht für den Beweis einer guten Gemütsart. Hierbei ließe er es aber nicht bewenden, sondern beschuldigte alle, die nicht den nämlichen Geschmack hätten, ganz entschieden einer schlechten boshaften Gemütsart und ging so weit, zu behaupten, daß, wenn man alle, die zum Rad oder zum Galgen geführt würden, darüber befragen wollte, sie alle eingestehen würden, sie hätten die Kinder nicht lieb gehabt" (Schriften 2/744f).

Rousseau empfand die Passage als gezielt gegen ihn selbst gerichtet: "Ich hatte meine Kinder ins Findelhaus getan, dies genügte, einen unnatürlichen Vater aus mir zu machen, und nun war diese Vorstellung erweitert und ausgeschmückt worden, und nach und nach hatte man die augenscheinliche Folgerung daraus gezogen, ich hasse die Kinder" (ebd. 2/745).

Das entsprach seiner Meinung nach der Wirklichkeit in keiner Weise: "Denn ich glaube nicht, daß je ein Mensch mehr Vergnügen daran gefunden hat als ich, kleine Kinder herumtollen und miteinander spielen zu sehen, und ich stehe oft auf der Straße oder auf Spaziergängen still, ihren Streichen und kleinen Spielen mit einer Teilnahme zuzusehen, die ich an niemandem sonst bemerke" (2/745f).

Gerade eine Stunde vor dem Besuch des Herrn P. hatte Rousseau mit den Kindern seines Wirts Zärtlichkeiten ausgetauscht und sich darüber gefreut, daß sie sich bei ihm trotz seines Alters wohlfühlten. Also schrieb er nochmals eine Rechtfertigung hinsichtlich seiner Entscheidung, seine eigenen Kinder nicht selbst großzuziehen: Er habe den Kindern nur ein schlimmeres Schicksal ersparen wollen. Denn ihre Mutter hätte sie "verzogen", ihre Verwandten hätten "wahre Ungeheuer aus ihnen gemacht", im Findelhaus würden sie "die ihnen am wenigsten gefährliche Erziehung erhalten". Er würde sich auch jetzt wieder gleich entscheiden und er wisse, "daß es keinen zärtlicheren Vater gibt, als ich es für sie gewesen wäre, wäre die Gewohnheit nur etwas der Natur zu Hilfe gekommen" (2/746).

Was das heißen soll, führt Rousseau nicht näher aus. Ob d'Alembert, der mit Denis Diderot bis Band 7 (1758) die Encyclopédie herausgegeben hatte, die Passage aus Haß gegen Rousseau geschrieben hatte, wie dieser meinte, sei dahingestellt. Jedenfalls war d'Alembert selbst im Findelhaus aufgewachsen und hatte in seiner Lobrede seine eigenen Erfahrungen verarbeitet. Die Zuschreibung des Stachels gebührt eher Herrn P., der Rousseau "mit außerordentlich geschäftigem Eifer" (2/744) aufgesucht hatte, um ihm die Lobrede vorzulesen.

Daß gerade Erwachsene Kinder mitunter deshalb lieben, weil es ihnen selbst guttut, durchschaute Rousseau: "Frau Geoffrin lag wenig daran, ob die Kinder an ihr Vergnügen fanden, wenn sie es nur an ihnen fand. Für mich ist ein solches Vergnügen aber schlimmer als nichts, es ist negativ, sobald es nicht geteilt wird, und ich bin weder in der Lage noch in den Jahren, wo das kleine Herz eines Kindes mit dem meinigen erblühen könnte" (2/748).

Man darf nicht vergessen, daß Rousseau seine Entscheidung auch bereut hat. So hatte er am 10. Oktober 1769 geschrieben: "'Glücklich der Mann […], der seine Kinder unter seinen eigenen Augen aufwachsen sehen kann.'" Und am 17. Januar 1770: "'Das süßeste Leben, das es geben kann, ist das des Heimes … Nichts ist stärker, beständiger, eins mit uns als unsere Familie und unsere Kinder … Doch ich, der ich von Familie, von Kindern spreche … Madame, haben Sie Mitleid mit jenen, deren eisernes Geschick sie eines solchen Glückes beraubt; haben Sie Mitleid mit ihnen, wenn sie nur unglücklich sind, bemitleiden Sie sie um so mehr, wenn sie schuldig sind!'" (zit. n. Durant 16/462)

04.04.2017 © seit 05.2012 Gunthard Heller

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