Humberto Maturana: Biologie und Erkenntnis

Dieser Artikel erklärt in einfachen Worten die Erkenntnistheorie des berühmten Biologen H. Maturana. Die Frage nach den biologischen Grundlagen unserer Wahrnehmung und Erkenntnis ist nicht nur für Philosophen interessant, sondern auch für Kommunikationstrainer, Erzieher, Lehrer oder Seminarleiter - sprich für alle Menschen, die Wissen in irgendeiner Art vermitteln wollen.

Maturanas Forschungsergebnisse zeigen auf, daß die bisher bekannten Theorien über Kommunikation- oder Wissensvermittlung falsch sind. Seine Erkenntnisse belegen, daß unsere Wahrnehmung völlig anders funktioniert als wir es bislang angenommen haben. Mit diesem Wissen können Sie Ihren Unterricht völlig neu gestalten. Entdecken Sie die Grenzen und Möglichkeiten unserer Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit - übertragen Sie dieses Wissen erfolgreich in Ihre tägliche Praxis!

Vorwort

Die Wissenschaftler sind bemüht, objektive Aussagen über die Welt zu machen. Sie suchen nach "Wahrheiten", die eine Übereinstimmung von rationaler (Ratio = Vernunft) Erkenntnis und Realität widerspiegeln. Sie sind der Meinung, daß z.B. bei einem Versuch im Labor nicht subjektive Wünsche, Meinungen oder Vorurteile maßgebend sind, sondern allein die Sachverhalte auf die sich ihre Theorien beziehen.

Ihre Annahme, daß es eine meßbare Wirklichkeit gibt, spiegelt sich in der Abbildtheorie von RJ. Hirst wieder. In dieser Theorie definiert Hirst Wahrnehmung als "die Entdeckung der Existenz und der Eigenschaften der äußeren Welt mit Hilfe der Sinne".

Durch eine derartige Herangehensweise bleiben dann aber grundlegende Fragen unbeantwortet, nämlich: Wie erkennen wir? Wie wissen wir?

Maturanas Theorie beantwortet diese Fragen. Er geht sie von den biologischen Wurzeln des Verstehens aus an. In dieser Abhandlung wird seine Sicht vorgetragen, welche Erkennen als ein andauerndes Hervorbringen einer Welt (durch den Prozeß des Lebens) betrachtet.

Er definiert Erkennen (bzw. die Wahrnehmung) nicht als eine (originalgetreue) Abbildung der "Welt da draußen". Der Biologe H.R. Maturana bezeichnet Erkenntnis (Kognition) als einen biologischen Prozeß. Und in seinem Buch erklärt er, wie genau der Prozeß der Erkenntnis funktioniert. Dazu geht er näher auf den Menschen als lebendes System, als Einheit ein. Denn wir müssen den Menschen als ein Ganzes sehen. Wir können ihn nicht durch die Aufzählung seiner Einzelteile verstehen.
Und weiterhin geht er näher darauf ein, wie die Sinnesorgane bzw. wie Wahrnehmung funktioniert. Dazu müssen Fragen geklärt werden, wie z.B.: "Was bedeutet 'Information einholen'?" oder "Wie werden 'Informationen' im Nervensystem verarbeitet?"

Durch eine Beantwortung dieser Fragen wird ein revolutionäres Modell aufgestellt, welches völlig neue (und gewöhnungsbedürftige) Dimensionen der Erfahrung eröffnet.

Vielleicht hat Sie diese Einleitung angeregt, sich die Erkenntnisse von Maturana einmal genauer in diesem Kurs anzusehen. Eines verspreche ich Ihnen, nach dem Studium seiner Erkenntnisse werden Sie nicht mehr derselbe sein!

Ein Wahrnehmungs-Experiment

Um gleich als erstes eine praktische Erfahrung dieser Theorie zu vermitteln, beginnen wir mit einem kleinen Experiment:

Anmerkung des Autors: Dies ist Auszug eines Fun-Teiles, "Optische Täuschung selbst gemacht" von Andreas Trepzik. Es gibt viele optische Täuschungen als Zeichnungen oder Grafiken in Zeitschriften oder dem Internet. Nur lassen sie sich schwer herausschneiden, bzw. der PC wird ungern herumgetragen um diese "Irreführungen des menschlichen Auges" anderen zu zeigen.

Warum machen wir uns nicht selbst eine? Das ist ganz einfach:
Man zeichnet auf weißem Papier ein Quadrat von 14 cm Seitenlänge und teilt zwei gegenüber liegende Seiten in je sechsundfünfzig gleiche Abschnitte, also von je 2,5 mm für jeden. Dann zieht man die fünfundfünfzig parallelen Verbindungslinien. Endlich schlägt man um den Mittelpunkt des Quadrates einen Kreis von 69 mm Radius.

Diese Zeichnung wird auf Pappe aufgeklebt und danach ausgeschnitten.

Es soll nun alles in eine schnelle Rotation versetzt werden. Zu diesem Zwecke sticht man eine nicht zu kurze Stecknadel durch den Mittelpunkt, hält sie an der Spitze und schlägt an den Rand der Scheibe, so daß sie sich schnell dreht.

Alsbald sieht man statt der geraden Querlinie eine Anzahl konzentrischer Kreise. Eigentümliche Farbeffekte kann man überdies hervorrufen, wenn man die bis dahin weißen Zwischenräume in der Mitte der Scheibe abwechselnd rot oder grün färbt. Auch kann man, statt die Streifen zu zeichnen, farbige schmale Papierstreifen auf den Pappkreis kleben.

In dem Versuch hat sich herausgestellt, daß unser Auge nicht die Zeichnung der Scheibe wahrnimmt, sondern uns Muster vorgaukelt, die gar nicht vorhanden sind. Unsere Sinne sind also doch nicht so verläßlich, wie man gewöhnlich annimmt. Wir nehmen tatsächlich einen kontinuierlichen Raum wahr. Im Bereich der Wahrnehmung gilt anscheinend das Gesetz, daß man nicht merkt, wenn man etwas nicht wahrnimmt. Die Welt erscheint uns vollständig und geschlossen, obwohl viele Aspekte, allein schon aus physiologischen Gründen, nicht erkannt werden, wie wir im Experiment gesehen haben.

Die Situation ist vergleichbar mit einem vorgestellten 2-dimensionalen Wesen, das auf einer Kugel lebt: Es kann auf der Kugel in alle Richtungen gehen und stößt dabei nie an ein Ende. Diese geschlossene Fläche entspricht seiner geschlossenen aber beschränkten Sicht der Welt.

Zweites Experiment mit dem Blinden Fleck:

Das Experiment funktioniert so: Fixieren Sie den Stern, während Sie Ihr linkes Auge zuhalten. Bewegen Sie sich vor der Abbildung vor und zurück bis Sie bei einem Abstand von ca. 40 cm den Kreis nicht mehr sehen. Wenn der Kreis verschwindet sehen Sie nicht etwa, daß Sie an dieser Stelle nichts sehen, sondern der Kreis scheint einfach nicht da zu sein. Sie kommen gar nicht auf die Idee, daß Sie irgendetwas übersehen. Die Erklärung für dieses Phänomen ist, daß in dieser Position die Abbildung des Kreises auf den Bereich der Netzhaut trifft, der für das Licht unempfindlich ist. Dieser Bereich wird "blinder Fleck" genannt. Dort laufen alle Nerven zusammen und verlassen das Auge in einem Nervenstrang.

Sichtweise des "Beobachters"

Im Text ist sehr häufig vom "Beobachter" die Rede. Er soll darum zuerst, am besten anhand eines praktischen Beispiels, erklärt werden. Probieren Sie bitte folgendes einmal aus:

LichtexperimentNehmen Sie eine rote und eine weiße Lichtquelle (Lampen) und postieren Sie diese so, daß sich die beiden Lichtkegel auf einer weißen Fläche überschneiden (z.B. einem Blatt Papier). Bringen Sie dann Ihre Hand in den Lichtkegel.

Sie werden bemerken wie Ihre Hand in einer bestimmten Position (siehe Abbildung) einen grünlichen Schatten auf den weißen Hintergrund wirft. Aber wie ist das möglich? Jeder "gesunde Menschenverstand" hätte eine rötliche Schattierung erwartet.

Und selbst der auf Objektivierung ausgerichtete, Forschergeist hätte keine Freude an diesem Experiment. Denn die Wellenlänge des Lichtes (in dem grünlich wahrgenommenen Schatten) entspricht keineswegs der von grünem oder blauem Licht, sondern der von weißem Licht! Schlußfolgernd können wir sagen, daß unsere Erfahrung einer farbigen Welt unabhängig von der Zusammensetzung der Wellenlänge des Lichtes ist. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, daß unsere Wahrnehmung durch die Struktur des Nervensystems bestimmt wird. Man kann eine Korrespondenz zwischen der Benennung von Farben und Zuständen neuronaler Aktivität feststellen. Wir sehen nicht den "Raum" der Welt, sondern wir erleben unser visuelles Feld.

1. Leitsatz: "Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt."

Oder: Alles was wir sagen können, sagen wir aus einer persönlichen, subjektiven Perspektive. Wenn wir diese Schlußfolgerung auch auf alle weiteren Bereiche der Wahrnehmung und der Erfahrung ausdehnen, müssen wir erkennen, daß alle Wahrnehmungen auf unserer eigenen Nerven-Struktur (bzw. auf unserem Modell der Welt) beruhen. Wie wir unser Modell der Welt bilden wird kurz und prägnant ausgedrückt:

2. Leitsatz "Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun."

In anderen Worten - aus jeder Handlung ziehen wir bestimmte Erfahrungen, Erkenntnisse, welche die Grundlage für unser weiteres Tun bilden. Und jede Erkenntnis ist ein Prozeß.

Diese zirkuläre (kreisförmige) Verkettung von Handlung und Erfahrung zeigt uns, daß jeder Akt des Erkennens eine Welt hervorbringt. Denn jede Erfahrung von einem Objekt der Umwelt wird auf besondere Weise durch die menschliche (Nerven-)Struktur konfiguriert (angeordnet), welche das Objekt, das in der Beschreibung entsteht, erst möglich macht. Es geht in diesem Kurs also darum, wie der Beobachter funktioniert und wie er erkennt. Außerdem wird uns interessieren, welche praktischen Schlußfolgerungen wir daraus ableiten können.

04.04.2017 © seit 03.2006 Sabrina Ulbrich

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