Heidegger – Von der Verfallenheit des „JederMan“““

… oder den Abwegen des Daseins

Ich will Ihnen hier eine kleine Meditation zu den Abwegen oder der Verfallenheit des Jedermann vorstellen. Heidegger unterscheidet zwischen dem eigentlichen und dem uneigentlichen Dasein, wobei das uneigentliche Dasein sich selbst im „Man“ – der Öffentlichkeit bzw. „im Besorgen in der Welt“ – verloren hat. Verloren in dem Sinne, daß es sein eigentliches Wesen vergessen hat und damit den eigenen Lebensinn aus dem Blick verliert. Dem eigentlichen Dasein ist zueigen, daß es ihm „in seinem Sein, um sein Sein geht“ – in anderen Worten, daß es fähig ist, aus sich selbst heraus zu Leben und einen eigenen Sinn-Horizont in der Zukunft zu erschaffen. Wie der einzelne Mensch sich selbst im öffentlichen Jedermann verlieren kann, soll die folgende Meditation veranschaulichen.

Das Man

Wer ist MAN?

Stell dir vor, du bist allein in einer Großstadt: Um dich herum aschfahle, leblose Gesichter, die eilig an dir vorüberziehen. Du bist unterwegs beim Einkaufen und bahnst dir deinen Weg durch eine namenlose Masse von Körpern. Niemand beachtet dich – niemand nimmt Notiz von dir.

  • Bild: Hektischer Trubel beim Weihnachtseinkauf in einer Großstadt.

Neonreklame In dieser Menschenmasse bist du einer von vielen – einsam – unauffällig – ein auswechselbares Element. Doch wer ist das MAN? Das MAN ist die Öffentlichkeit – das Viele – die öffentliche Meinung – ein Niemand.

Du findest das Gerede des MANs in der Zeitung, im Fernsehen, im Radio, in der Kantine deiner Firma. Überall dort, wo über andere gesprochen wird und niemand mehr von sich selbst spricht. Du findest es als Idol, Star und Sternchen, als Rockstar oder Schauspieler über den MAN sich das Maul zerreißt. Überall dort wo der einzelne Mensch nichts mehr über sich selbst zu sagen weiß.

Wenn das Dasein sich von sich selbst entfernt – wenn es sich in seinen Besorgungen in der Welt verliert – wenn es vergißt nach dem Sinn im Leben zu fragen – sich beschäftigt, um beschäftigt zu sein – dann verfällt das Dasein – und steigt hinab ins MAN.

Abständigkeit

Beißender Abgasgestank weht dir entgegen Da – eine Leuchtreklame blinkt auf und verschwindet. Du gehst weiter unter diesen vielen Menschen und wunderst dich, wie man unter so vielen Wesen so einsam sein kann. Du wirst nachdenklich und beobachtest die Leute die an dir vorübergehen. Doch woran kann man dieses „MAN“ erkennen?

  • Bild: Die Leute rempeln sich leicht beim Vorbeigehen an, ohne weiter voneinander Notiz zu nehmen.

Abständigkeit – Was bedeutet dies? MAN ist bestrebt einen Unterschied zwischen sich und den Anderen zu machen. MAN ist darauf aus Unterschiede besonders zu betonen oder einzuebnen. MAN sichert sich einen Vorrang vor anderen. MAN versucht die Konkurrenten niederzuhalten.

Die Bösen sind immer die anderen! Die Anderen, die keine Ahnung haben, wo es lang geht. Die Anderen die nicht deiner Vorstellung entsprechen.

Der Politiker, der die Steuern erhöht hat, so daß dir weniger zum Leben bleibt. Der Nachbar mit dem du nicht redest. Der Kollege in deiner Firma, den du nicht leiden kannst. Die Freaks mit denen du nichts zu tun haben willst.

Du kennst sie alle – diese namenlosen, austauschbaren Anderen, ohne die die Welt viel besser, schöner und glücklicher wäre. Das MAN braucht den Unterschied zu anderen, damit es über die anderen reden kann. Das MAN braucht die Abständigkeit – den Abstand zum anderen – um das Gerede in Gang zu halten.

Immer wenn du hinter dem Rücken der Anderen über sie redest. Deine Probleme nicht löst, sondern andere für dein Leben verantwortlich machst. Wenn du nach Schuldigen suchst, die etwas falsch gemacht haben, dann begibst du dich in die Abständigkeit des MAN.

Aber willst du diese Entfremdung von anderen Menschen wirklich?

Bild (setzten Sie sich in einen Sessel, schließen Sie die Augen und imaginieren Sie folgendes Bild)

  • Schließe deine Augen und gehe mit geschlossenen Augen vorsichtig durch diese leblose Stadt. Benutze deine Hände, Arme und Füße um dir den Weg durch die Stadt zu suchen. Bleib in Bewegung vorsichtig fühlend. Wenn du Kontakt aufnimmst sei vorsichtig – versuche den Weg des Anderen zu erfühlen. Scheu dich nicht ihn zu berühren – versuche herauszubekommen, wie sich eine Begegnung anfühlt.
  • Ist sie zaghaft oder forsch. Ist sie einfühlsam oder bestimmend. Fliehst du selbst vor einer Berührung oder kannst du sie zulassen und die Nähe des Anderen genießen.
  • Beobachte dabei deine Gefühle. Was fühlst du? Bist du genervt oder neugierig? Freust du dich über eine Begegnung mit dem anderen oder versuchst du sie zu vermeiden?
  • Du mußt unter Menschen nicht einsam sein. Es ist immer deine Entscheidung, ob du Kontakt zu anderen willst oder ihm lieber aus dem Weg gehst.
  • Öffne nun wieder die Augen und gehe weiter durch die Stadt. Mach dir bewußt, daß es deine Entscheidung ist, ob du jemanden begegnen oder ignorieren willst.

Durchschnittlichkeit und Einebnung

Ein Motor heult…wird übertönt durch einen explosionsartigen Knall …Scheinwerfer blenden dich… Ein Kind fängt an zu schreien…

Als du an einem Park vorbeikommst siehst du einen gepflegten Rasen. Ein Gärtner ist dabei Grashalme zu schneiden – hohe schöne Blumen, die über das anonyme Meer des Grases herausragen. Das MAN ist ein eifersüchtiger Niemand. Das Besondere – das Individuum ist ein Feind des MAN – das MAN wacht neidisch darüber, daß wir alle gleich sind und gleich bleiben.

Wie groß ist das Geschrei, wenn es jemand wagt, stolz zu sein, aufrecht zu gehen, besser zu sein als andere. Seht – wie arrogant dieser Großkopf ist – schreit das MAN. Seht, wie er sich mit Lorbeeren schmückt, die ihm nicht zustehen. Wie er prächtige Kleider trägt, während wir nichts zu essen haben.

Wir sind doch alle gleich – wie kann er es wagen so hochnäsig zu sein? Werft diesen selbst ernannten König von seinem Thron – lästern die Vielen und ergötzen sich an ihrer Gleichheit.

Heißt es nicht im Liber Legis – Sei du stolz und mächtig unter den Menschen?

Bild – Imaginieren Sie folgendes Bild

  • Gehe nun stolz und aufrecht.
  • Lege den Stolz und die Würde eines Königs oder einer Königin in deinen Gang. Bewege dich mit dem Stolz und der Würde eines Sterns, der hier auf Erden wandelt. Schenke dein Licht und deine Anerkennung auch den anderen Sternen, die um dich herum ihre Bahnen ziehen.
  • Wenn du jemanden begegnest sieh ihm in die Augen – suche den Blickkontakt und halte ihn während du an ihm vorüberziehst. Versuche die Einzigartigkeit jedes Einzelnen um dich herum wahrzunehmen.
  • Kannst du an dem der dir begegnet etwas besonderes entdecken? In der Art, wie er sich bewegt? In der Art wie er seinen Kopf hält? In der Art wie er dich anlächelt?
  • Kannst du selbst akzeptieren, daß es andere einzigartige Könige um dich herum gibt?
  • Beobachte deine Gefühle. Was fühlst du? Bist du neidisch auf die Schönheit eines anderen? Spürst du eine Abneigung selbst stolz und mächtig sein zu wollen? Oder freust du dich über die anderen Sterne und deren Besonderheiten?

Gerede und Neugier

Gehe nun stolz und aufrecht durch die Stadt des JederMAN. Ich will die nun eine weiteres Zerrbild des MANs zeigen. Ein Zerrbild, daß den Menschen von sich selbst entfremdet. Ein Entfliehen und auf der Flucht bleiben vor sich selbst und anderen – ich nenne es Gerede und Neugier.

Doch was bedeutet dies? Das Gerede ist das Reden um des Redens willen. Ein Reden, um das Gespräch in Gang zu halten – ein Reden über alles und nichts, was mit dir nichts zu tun hat. Um dieses Gerede in Gang zu halten bedarf es der Neugier. Die Neugier ist das Reden in Assoziationen – die Suche nach einem interessanten Thema, daß die Aufmerksamkeit nur für kurze Zeit in Beschlag nimmt.

MAN redet über die Kornkreise, die neusten Verschwörungstheorien, daß der CIA bereits mit Außerirdischen in Kontakt ist und dies vor dem normalen Volk verheimlicht.
MAN redet über die neusten Katastrophen, die sich irgendwo auf dem Planeten ereignet haben. Über den amerikanischen Imperialismus und vergleicht Bush mit einem Diktator.
MAN redet über China und deren menschenunwürdige Politik im eigenen Land.
MAN redet über den Nachbarn, der sich wieder einmal ein neues Auto gekauft hat.
MAN lästert über die Kollegin, die doch so unvorteilhaft in ihrem neuen Kostüm aussieht.

Jeder versucht den anderen mit noch imposanteren Thesen und Infos zu übertreffen. Wird ein Skandal angesprochen, so sucht man noch einen größeren. MAN versucht originell zu sein – mit Sensationen aufzuwarten, um sich selbst interessant zu machen. Man versucht originell zu sein, verwendet nette Sprachspielchen – versucht den anderen in seiner Redegewandtheit zu übertreffen. MAN präsentiert seine Sachkenntnis und wartet mit ungewöhnlichen Themen auf, um den eigenen Intellekt glänzen zu lassen.

Doch eines ist allem Gerede gleich – man redet nicht über sich selbst – nicht darüber, wie es mir selbst geht – nicht darüber, was mir selbst wichtig ist. Doch nicht nur sich selbst läßt man im Gerede aus, man ignoriert auch die andern.

Doch nicht nur sich selbst entfernt MAN aus dem Gerede – auch der andere wird unwichtig. Bei einem Gespräch fragt MAN nicht danach, was der andere meint. In einem Sprichwort heißt es – People don‘t listen – they reload. Man hört nicht mehr zu, was der andere sagt, sondern, „Lädt seine Antwort“ schon nach, während der andere noch am sprechen ist. MAN ist hektisch im Gespräch und fällt dem anderen ins Wort, bevor er zum Ausdruck gebracht hat, was er meint.

MAN weiß ja, was der andere meint und braucht nicht mehr zuzuhören. MAN doziert vor dem anderen – wie ein Meister vor einem Schüler. MAN will ihn belehren, die Dinge „richtig“ zu sehen. MAN hat Recht und will Recht haben.

Das Gerede tötet nicht nur das eigene Selbst – es degradiert die anderen auch zu Dingen, die gefälligst den eigenen Erwartungshaltungen entsprechen sollen.

Abschluß

Diese Meditation ist ein Geschenk für das eigentliche Selbst der Menschen, die sich noch nicht im MAN verloren haben.

Ein möglicher Schritt hin zum eigentlichen Dasein ist …

  • Aufeinander hören
  • Zueinander sprechen
  • Füreinander handeln

Hier gibt es viele Geheimnisse und viel Schönheit zu entdecken, für den, der sie entdecken will. Doch diejenigen die nichts suchen, werden auch hier nichts finden.

Aris Rommel

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