Hannah Arendt und das Böse – Lektüretips

Hannah Arendt (1906-1975) hielt sich nicht für eine Philosophin, sondern bezeichnete ihr Fachgebiet im Fernsehgespräch mit Günter Gaus als „politische Theorie“ (in: Ich will verstehen, S. 44). Ihr wesentliches Anliegen war das „Verstehen“ (ebd. S. 46).

Wer
nur ihre politischen Schriften (z. B. "Was ist Politik?",
"Übungen im politischen Denken I/II", "Über
die Revolution") liest, kennt Arendt jedoch nicht ganz. Was sie
für ein Mensch war, zeigen ihre Briefwechsel: In ihren Briefen
an ihren zweiten Mann Heinrich Blücher erfahren wir sie als
liebende Frau, die vor Leben und Zärtlichkeit sprüht, in
ihren Briefen an Karl Jaspers als zeitkritische Philosophin (der
Briefwechsel mit Mary McCarthy lohnt die Lektüre nicht).

In
ihren biographischen Porträts ("Rahel Varnhagen",
"Menschen in finsteren Zeiten") erleben wir Arendt als
Menschenkennerin. Ihre eigentlichen philosophischen Werke ("Vita
activa", "Vom Leben des Geistes") sind unsagbar
trocken und langweilig.

Hannah Arendt über das Böse Antisemitismus Totalitarismus Im
vorliegenden Aufsatz beschränke ich mich auf Arendts
Auseinandersetzung mit dem Bösen, das heißt konkret: mit
dem Antisemitismus und dem Totalitarismus in der Gestalt von
Nationalsozialismus und Stalinismus.

Arendt,
jüdischer Herkunft, schrieb aus persönlicher Betroffenheit
heraus über die Nationalsozialisten: 1933 wurde sie von der
Berliner Gestapo verhaftet, weil sie den Zionisten half,
antisemitische Veröffentlichungen zu sammeln. Nach ihrer
Freilassung floh sie über Prag, Genua und Genf nach Paris. 1937
verlor sie die deutsche Staatsangehörigkeit. 1938/39 arbeitete
sie für die Pariser Jewish Agency.
1940 wurde sie im KZ Gurs (Südfrankreich) interniert, aber nach
fünf Wochen wieder freigelassen. 1941 reiste sie mit Blücher
und ihrer Mutter über Lissabon in die USA (vgl. Heuer).

1.
"Über das Böse" (1965)

In
dieser Ethikvorlesung stellte Arendt fest: "Das größte
begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde,
das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen
zu sein" (S. 101). Solche Wesen findet man am ehesten in der
Bürokratie "mit ihrer unvermeidlichen Tendenz, welche aus
Menschen Funktionäre, schlichte Rädchen in den
Verwaltungsmaschinen macht, sie also entmenschlicht" (S. 22).

2.
"Eichmann in Jerusalem" (1963)

Das
Paradebeispiel eines solchen Wesens lernte Arendt als
Berichterstatterin über den Eichmann-Prozeß kennen. Hier
sah sie jemand, der Befehle befolgte anstatt zu denken, der
angesichts seiner Mitwirkung bei der Ermordung von 5-6 Millionen
Juden (so Eichmanns Schätzungen, vgl. Hilberg 1280) "kein
spezifisches Unrechtsbewußtsein" (Hans Mommsen, a.a.O. S.
20) entwickelte, so daß Arendt ihm lediglich "Realitätsferne
und Gedankenlosigkeit" bescheinigen konnte (S. 57).

Für
dieses Buch auf der Basis von Prozeßakten und Hilbergs Destruction of the European Jews als
Hauptquellen wurde Arendt heftig angegriffen.
Streitthemen waren folgende Fragen:



  • Hätten "die
    Juden sich […] wehren können oder müssen" (S.
    53)?


  • Hat die Führung der Juden versagt?

Julius
H. Schoeps beruft sich in seinem Artikel "Zwischen Kollaboration
und Widerstand – Die Judenräte im historischen Urteil der
Nachwelt" (in: Die
Zeit
vom 24.11.1978) bei der Beantwortung dieser Fragen auf Judenrat.
The Jewish Councils in Eastern Europe under Nazi Occupation
von Isaiah Trunk (New York 1977). Der Sachverhalt ist eindeutig,
ebenso die Bewertung: Die Judenräte wurden gezwungen, Widerstand
war nur in der Form des Selbstmords möglich und ansonsten
aussichtslos. Einzelne, die sich korrumpieren ließen, wurden
nach Kriegsende durch jüdische Ehrengerichte verurteilt (in:
Über Juden und Deutsche 38-43).

Die
Reaktionen auf Arendts Buch waren heftig: "Fast
alle jüdischen Organisationen in den USA verurteilten das Buch
[…] mit dem Argument, es liefere
den Antisemiten Argumente" (Heuer
60). Am 20. Oktober 1963
berichtete Arendt darüber an Karl Jaspers: "Es ist ein klassischer Fall von
Rufmord; die Methode ist immer die gleiche: man behauptet, ich hätte
Dinge gesagt, die ich nie gesagt habe, um zu verhindern, daß
man erfährt, was ich wirklich gesagt habe. Augenblicklich wird
die deutsche Ausgabe als ungeheuer gefährlich dargestellt, da
ich die Deutschen exkulpiert hätte – Implikation: die
Wiedergutmachung steht auf dem Spiel!" (Arendt/Jaspers 559)

Jaspers
kommentierte am 25.
Oktober 1963: "Dazu
kommt dann die Organisation der Meinungsbildung. Sie wirkt, weil sie
auf eine Bereitschaft stößt. Wenn das so ist, wird bei
‚den Juden‘ an Dir hängen bleiben, Du seist keine Jüdin,
wie an mir, daß ich kein Deutscher sei. Das hilft ihnen nicht.
Es kommt die Zeit, die Du nicht mehr erlebst: daß Juden Dir,
wie jetzt dem Spinoza in Israel, einen Granitstein setzen, und Dich
stolz für sich in Anspruch nehmen, und auch dann noch wird es
Juden geben, die wie vor kurzem H. Cohen und Rosenzweig haßerfüllt
der Synagoge gegen den
Verräter recht geben, Dich verwerfen. Aber es sind niemals ‚die
Juden‘, auch wenn sich jetzt noch kein Jude Dir öffentlich
zuzustimmen wagt" (ebd. S. 653).

3.
Was ist Antisemitismus?

In
ihrem Aufsatz "Ceterum Censeo …" (1941; in: Vor
Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher, S. 29-35)
schrieb Arendt über den Antisemitismus: "Es
ist nicht wahr, daß wir immer und überall die unschuldig
Verfolgten sind. Wäre es aber wahr, so wäre es furchtbar:
Es würde uns nämlich endgültiger ausscheiden aus der
Geschichte der Menschheit als alle Verfolgungen
"
(S. 31).

Der
Begriff "Antisemitismus" stammt von W. Marr (1879) und "ist
insofern irreführend, als antisemitische Bestrebungen gegen die
Juden, nicht gegen die Gesamtheit der semitischen Völker
gerichtet sind." Er "entzündete sich primär an
der religiösen und sozialen Absonderung der Juden von den
Einwohnern des Gastlandes, die die jüdischen Minderheiten schon
vor der Durchsetzung des Christentums als fremdartig erscheinen ließ"
(MeL 2/345).

Während
der Antisemitismus in der Frühzeit der NSDAP (1919-1923)
"lediglich eine Verdichtung und Radikalisierung der
völkisch-imperialistischen Ideen aus der Zeit vor 1918"
darstellte, wandelte er sich später zu einem Amalgam aus
"Rassenutopie, Gesellschaftsbiologie und Rassenhygiene […].
Das ‚internationale Judentum‘ wurde als treibende Kraft hinter allen
innen- wie außenpolitischen Problemen gesehen, da ihm ein
Streben nach Weltherrschaft zugeschrieben wurde" (Werner
Bergmann, in: EdN 366).

Seit
der Ausrufung des Staates Israel am 15.
Mai 1948 wird die Haltung zu diesem Staat in die Definition des
Antisemitismus eingeschlossen und als "neuer Antisemitismus"
bezeichnet. So heißt es im
3. Kapitel der Broschüre
"Die Diffamierungskampagne gegen Israel", die die Botschaft
des Staates Israel im Jahr 2010 herausgegeben hat: "Eine
berechtigte, wenn auch negative Analyse der israelischen Politik
sollte nicht als antisemitisch angesehen werden, genauso wenig wie
Kritik an anderen Ländern als rassistisch zu betrachten ist."
Erst wenn
die Grenze zur Verunglimpfung überschritten werde,
gelte eine derartige Kritik als antisemitisch. Daß die Grenzziehung
schwierig sei,
wird ausdrücklich eingeräumt (S. 5). Kurz: "Rational
begründete Kritik an Israel hat nichts mit Antisemitismus zu
tun" (S. 6).

Wer
jedoch den israelischen Staat als böse betrachtet und die
Israelis mit den Nationalsozialisten vergleicht (Dämonisierung),
an Israel andere Maßstäbe als an andere Staaten anlegt
(Doppelstandard) oder Israel das Existenzrecht abspricht
(Delegitimierung), gilt nach dem Aufsatz "Anti-Semitism in 3-D"
(2004) des früheren Ministers Nathan Sharansky als Antisemit (S.
5f).

Autoren
wie Norman G. Finkelstein, John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt
sind also keine Antisemiten, auch
wenn es in der o.g. Broschüre in
Kapitel 17 heißt,
daß die "Haltung", "dass eine jüdische oder
israelische Lobby hinter den amerikanisch-israelischen Beziehungen
steht", "nichts anderes als eine Verschwörungstheorie"
sei und "Vorwürfe in Richtung eines unverhältnismäßigen
jüdischen Einflusses […] eine Erweiterung alter
antisemitischer Mythen" seien, "die besagen, eine jüdische
Kabale würde die Medien, das Weltfinanzsystem und Regierungen
beherrschen" (S. 16).

Denn
die genannten Autoren behaupten das nicht, was ihnen hier unterstellt
wird. Sie stellen nicht in Abrede, daß die traditionelle
Freundschaft zwischen den USA und Israel auch ohne Lobbyisten
bestehen würde. Die von ihnen genannten Organisationen
existieren tatsächlich und beeinflussen die amerikanische
Politik so wie nichtjüdische Organisationen auch. Ihr Einfluß
ist nicht unverhältnismäßig, sondern leider immer
wieder objektiv schädlich, und zwar für die USA, für
Israel und für andere
Staaten. Mit antisemitischen Mythen hat all das nichts zu tun, da es
um belegbare Tatsachen geht, die jeder nachprüfen kann.

Zur
Illustration gebe ich eine
Zusammenfassung des 8.
Kapitels des Buchs "Die
Israel-Lobby" von Mearsheimer/Walt, in
dem ausführlich (S.
320-365)
dargestellt wird, wie
es zum Irak-Krieg 2003 kam:

Mitte der 70er Jahre lieferte
Frankreich dem Irak einen Atomreaktor. 1981 bombardierten ihn die
Israelis, bevor er fertig war. Von da an lief die irakische
Atomforschung im Geheimen weiter. Über den Golfkrieg 1991 waren
die Israelis begeistert, hofften sie doch, daß Saddam Hussein
gestürzt werden würde. Dazu kam es nicht, aber immerhin
wurde nun sein Waffenarsenal zerschlagen bzw. kontrolliert.

Mitte
der 90er Jahre meinte eine Gruppe von US-Neokonservativen, der Sturz
Saddams würde für die USA und Israel nützlich sein.
1998 drückten sie den Iraq
Liberation Act
durch,
um Saddam zu stürzen, eine Demokratie im Irak einzusetzen und 97
Millionen Dollar für ihr Vorhaben abzukassieren. Am 31.10.1998
unterschrieb Präsident Clinton dieses Gesetz, weil Zwischenwahlen anstanden und er wegen der
Lewinski-Affäre sein Amt zu verlieren drohte; doch er tat kaum etwas, um es umzusetzen. Auch sein Nachfolger George W. Bush
interessierte sich nicht für das Gesetz. Anfang 2000 schrieb
Condoleezza Rice, daß die USA mit einer Atommacht Irak
"durchaus leben" könnten (S. 342). Vizepräsident Dick Cheney
hielt es die ganzen 90er Jahre für falsch, den Irak erobern zu wollen.

Diese
Haltung änderte sich nach dem Attentat vom 11.9.2001. Erst jetzt
wurde ein Präventivkrieg gegen den Irak spruchreif. Paul Wolfowitz ging Bush
regelrecht damit auf die Nerven, den Irak noch vor Afghanistan
anzugreifen, wo sich Bin Laden versteckte. Am 21.11.2001 gab Bush den
Auftrag zur Entwicklung von Invasionsplänen für einen
Irak-Krieg, den Colin Powell Anfang 2003 immer noch für eine
"’fixe Idee’" hielt (S. 344). Das ganze Außenministerium
war genauso skeptisch, mit Ausnahme zweier Neokonservativer: John
Bolton und David Wurmser. CIA-Chef George Tenet unterstützte
zwar die Regierung, war aber wie die meisten Geheimdienstler nicht
für einen Krieg. Auch Generalstabschef Eric Shinseki äußerte
Bedenken und erntete dafür scharfe Kritik von Donald Rumsfeld.

Am
20.9.2001 veröffentlichten Neokonservative einen offenen Brief
an den Präsidenten. Darin stand, daß die
Terrorismusbekämpfung Saddams Entmachtung einschließen
müsse und Israel in diesem Kampf Amerikas treuester Verbündeter
sei. Es folgte nun ein anderthalb Jahre dauernder Propagandafeldzug
der Neokonservativen für den Irak-Krieg. Am 3.4.2002 schickten
sie einen zweiten offenen Brief an Bush, in dem sie ihn für die
Unterstützung Israels beim Kampf gegen die Terroristen lobten
und ihn drängten, den Sturz Saddams zu beschleunigen. Denn er
sei zusammen mit Bin Laden und Arafat eine Gefahr für die USA
und Israel. Kenneth Pollack rührte die Kriegstrommel mit seinem
Buch "The Threatening Storm" (2002). Im August 2002 sagte
General Wesley Clark dasselbe wie Philip Zelikow, der Leiter der
Untersuchungskommission
zu 9/11, am 10.9.2002: Saddam sei keine Bedrohung für die USA,
sondern für Israel.

Schimon Peres hielt
Saddam und Bin Laden für gleich gefährlich. Ariel Scharon
sagte am 12.8.2002, der Irak sei "’die größte Gefahr,
der sich Israel gegenübersieht’" (S. 327). Beide, Israelis
und Neokonservative, verglichen Saddam mit Hitler und Kriegsgegner
mit Appeasementpolitikern à la Neville Chamberlain. Der Irak
sei das "’Zentrum des Weltterrors’" (New York Times).
Die Hauptrolle bei der Manipulation von Geheimdienstberichten hatte
I. Lewis "Scooter" Libby. Er lieferte Powell die Vorlagen für seinen blamablen
UN-Vortrag voller Irrtümer. Der israelische Geheimdienst
überzeugte Wolfowitz, der CIA nicht zu trauen, die der
Massenvernichtungswaffen-Lüge keinen Glauben schenkte. Das
Office of Special Plans (OSP) verließ sich auf
Falschinformationen des Exilirakers Ahmed Tschalabi und die
Übertreibungen von Scharons Privat-Geheimdienstlern. Die
Neokonservativen betrachteten Tschalabi als demokratischen Nachfolger
Saddams, während die CIA und das Außenministerium ihm
mißtrauten – zu Recht, wie sich später herausstellte.

Richard Perle meinte, daß
der Irakkrieg nicht stattgefunden hätte, wenn Bush seine
Regierung anders besetzt hätte. Thomas L. Friedman machte im Mai
2003 25 Neokonservative für den Krieg verantwortlich. Um das Öl
ging es nicht. Da wäre Saudi-Arabien lukrativer gewesen. Die
Demokratisierungsidee für den Nahen Osten hatte Natan Sharansky,
von dessen Schriften Bush beeindruckt war. Ehud Barak und viele
andere Israelis teilten diese Idee und entwickelten die zweite
Dominotheorie: Fiel Saddam, würden auch die andern fallen.

Doch die Hoffnungen
erfüllten sich nicht. Der Krieg schadete allen: Abgesehen von
den zahlreichen Toten und Sachschäden wurde der Ruf der USA
massiv geschädigt; die Israelis leben seither unsicherer als
vorher, da der Krieg den Iran und den Terrorismus stärkte; im
Irak herrscht immer noch Chaos. So meinte Schin-Bet-Chef Yuval Diskin
im Februar 2006: "’Ich bin mir nicht sicher, ob wir Saddam nicht
vermissen werden’" (S. 362).

Zur
Erinnerung nochmals die bereits zitierte Passage von Arendt: "Es
ist ein klassischer Fall von Rufmord; die Methode ist immer die
gleiche: man behauptet, ich hätte Dinge gesagt, die ich nie
gesagt habe, um zu verhindern, daß man erfährt, was ich
wirklich gesagt habe."

Nun
haben Sie wenigstens eine ungefähre Vorstellung, was die als
Antisemiten verleumdeten Autoren Mearsheimer und Walt gesagt haben. Was von der offiziellen
9/11-Version (The 9/11
Commission Report
) zu
halten ist, erfahren Sie aus den Büchern von Bröckers/Hauß,
Bröckers/Walther, von Bülow, Hersh, Rothkranz und
Wisnewski), nämlich nichts.

Wer
den Vorwurf des Antisemitismus unbegründeterweise für die
Durchsetzung politischer Interessen einsetzt, sorgt dafür, daß
dieser Vorwurf "allmählich seine Macht, jegliche
Diskussionen zu ersticken, verliert" (Mearsheimer/Walt 274) und
"echter Antisemitismus" nicht mehr erkannt wird: Echte
Antisemiten grenzen Juden aus, verfolgen sie und bezeichnen deren
legitimes politisches Engagement als Verschwörung (ebd.
273). Kurz: Ein Antisemit ist
jemand, der die Juden haßt, weil sie Juden sind.

4. "Elemente und
Ursprünge totaler Herrschaft" (1951)

Arendts
Hauptwerk ist trotz seines riesigen Umfangs (1015 Seiten!) spannend
von der ersten bis zur letzten Seite. Teil 2 enthält ein eigenes
Kapitel über die Bürokratie als "Erbschaft des
Despotismus" (S. 515-529).

Das
Buch ist angesichts der EU-Politik heute so aktuell wie damals,
schreibt doch Gerhard Wisnewski in seinem Jahrbuch 2013 von "den zunehmend totalitären Zügen dieser ‚EUdSSR’"
(S. 346). "Es ist das Europa einer ständig wachsenden
Bürokratie, die Regelungen für fast alle Lebensbereiche
ausspuckt" (Oldag/Tillack 11), so daß gar von "dem an
Wahnsinn grenzenden Eifer der Eurokraten" die Rede ist, "auch
wirklich alles zu normieren und in irgendwelche Richtlinien zu
gießen, seien sie sinnvoll oder nicht"
(Angres/Hutter/Ribbe 167).

5.
"Macht und Gewalt" (1970)

Arendt
charakterisiert die Bürokratie als "Niemandsherrschaft",
weil "es hier tatsächlich Niemanden mehr gibt, den man zur
Verantwortung ziehen könnte" (S. 39f). Bei Gruppen
allgemein sieht sie mit vielen andern "von Plato bis Nietzsche
[…] die fast instinktive Feindseligkeit der Vielen gegen den
Einen, der sich von ihnen absondert", erinnert jedoch zusätzlich
daran, "daß es im Wesen einer Gruppe und der von ihr
erzeugten Macht liegt, sich gegen Unabhängigkeit, die mit Stärke
Hand in Hand geht, zu wehren" (S. 46).

6.
"Französische politische Literatur im Exil" (1943)

In
einem der Aufsätze der Sammlung "Vor
Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher" bespricht
Arendt u. a. Bernanos‘ Lettre
aux Anglais
(1942).
Neben dessen Schwächen und Vorurteilen wie Rassismus und
Antisemitismus übersieht sie nicht seine wirklichen Einsichten –
"wie der, daß der Faschismus, der so viel von Jugend
schwatzt, die Kindheit getötet und aus Kindern bösartige
Zwerge gemacht hat" (S. 111).

© Gunthard Rudolf Heller, 2013

Literaturverzeichnis

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Europa – wie unsere Steuern vergeudet werden, München 2000
(Originalausgabe: Bananen für Brüssel. Von Lobbyisten,
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    politischen Denken I (Between Past and Future: Eight Exercises in
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    Amerikanischen von Ursula Ludz (Vorwort, Texte Nr. 4, 5, 8, 11),
    München/Zürich 2012
  • In der Gegenwart – Übungen im politischen Denken II,
    Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz (Texte Nr. 4,
    5, 7, 9, 13, 17, 18), München/Zürich 2000
  • Über die Revolution
    (On Revolution,
    New York 1963), München/Zürich 42000
  • Rahel Varnhagen –
    Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik,
    München/Zürich 132005
  • Menschen in finsteren
    Zeiten (Men in Dark
    Times
    , New York 1968),
    Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hannah Arendt, Meinhard
    Büning, Wolfgang von Einsiedel, Hellmut Jaesrich und Ursula
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    tätigen Leben (The
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    ,
    Chicago 1958), München/Zürich 2002
  • Vom Leben des Geistes –
    Das Denken. Das Wollen (The
    Life of the Mind. Thinking
    , The Life of the Mind.
    Willing
    , New York
    1977/78), aus dem Amerikanischen von Hermann Vetter, München/Zürich
    1998
  • Das Urteilen – Texte
    zu Kants Politischer Philosophie (Lectures
    on Kant’s Political Philosophy
    ),
    aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München/Zürich 1998
    (= The Life of the
    Mind. Judging
    )
  • Über das Böse –
    Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, aus dem Englischen von Ursula
    Ludz, München/Zürich 42010
  • Eichmann in Jerusalem –
    Ein Bericht von der Banalität des Bösen, aus dem
    Amerikanischen von Brigitte Granzow, mit einem einleitenden Essay von
    Hans Mommsen, München/Zürich 112001
  • Elemente und Ursprünge
    totaler Herrschaft – Antisemitismus, Imperialismus,
    Totalitarismus (The
    Origins of Totalitarianism
    ,
    New York 1951), München/Zürich 82001
  • Macht und Gewalt (On
    Violence
    ,
    New York 1970), aus
    dem Englischen von Gisela Uellenberg, München/Zürich 142000
  • Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher –
    Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung
    "Aufbau" 1941-1945, München/Zürich 2004

ARENDT,
Hannah/BLÜCHER, Heinrich: Briefe 1936-1968, München/Zürich
1999

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Hannah/JASPERS, Karl: Briefwechsel 1926-1969, München/Zürich 22001

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Ernst von: Geschichte der Philosophie, Stuttgart 181998
(in dem Buch von 532 Seiten Umfang ist Hannah Arendt auf S. 460 ein
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    2013 – Das andere Jahrbuch, München 2013

Gunthard Heller

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