Gesellschaftskritik oder ein Plädoyer für die Jugend

Teaser: Beim allgemein bekannten Fehlverhalten zahlloser Jugendlicher bedarf es nicht vieler Worte. Versuche dem moralischen Zerfall entgegenzuwirken, mögen in einzelnen Fällen gelingen, allein das Gesamtproblem bleibt. Warum ist das so? Hat die Wissens ...

Beim allgemein bekannten Fehlverhalten zahlloser Jugendlicher bedarf es nicht vieler Worte. Versuche dem moralischen Zerfall entgegenzuwirken, mögen in einzelnen Fällen gelingen, allein das Gesamtproblem bleibt. Warum ist das so? Hat die Wissenschaftskultur, die alle Winkel des Daseins analysiert, kein Mittel, mit dem die Wurzel des Übels zu behandeln ist?

Richter, Therapeuten und Sozialarbeiter wissen: nicht alle Schuld ist den Tätern anzulasten. Dennoch müssen gesellschaftliche Instanzen die Allgemeinheit vor ihnen schützen. Was also ist zu tun?... Vor der Frage nach dem Tun muss die Frage nach dem "Warum" stehen. Dieser Frage sollte eine Betrachtung voraus gehen, wenn ein brauchbarer Ansatz gefunden werden soll.

Die Misere oder wie alles beginnt ...

Im allgemeinen möchten Eltern, dass ihre Kinder eine gute Zukunft haben. Viel wird dafür getan. Das war zwar immer so, doch heute wird in vielen Fällen derart viel getan, dass Kinder um ihre Kindheit betrogen, Jugendliche um ihre Jugend gebracht und fehlgeleitet werden. Im anderen Extrem verwahrlosen Kinder und Jugendliche in zerrütteten Familienverhältnissen. Generell aber wachsen junge Menschen aller Schichten der Industrieländer in einer erdrückenden Warenwelt auf. Nie in der Menschheitsgeschichte waren sie einem derartigen Überangebot an minderwertiger Unterhaltung und suchtfördernden Angeboten ausgesetzt.

Zu allen Zeiten war die Jugend ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft. Die Elterngeneration vertritt in der Regel das herrschende Weltbild. Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht. Folglich erwarten sie, dass sich ihre Kinder in das System einfügen. Hier ist der Anfang aller Schwierigkeiten. Kinder bringen Hoffnung und Neugier aus der Natürlichkeit ihres frühen Seins mit.

Sie träumen von einer anderen Welt – einer Welt, in der das Gute über das Böse siegt. Gut ist nach ihrem Verständnis alles, wofür sich Spiderman einsetzt, also für die Schwachen und Guten, und für die Gerechtigkeit. Aber bereits die reale Kinder- und Jugendwelt sieht anders aus. Da werden Schwache gemoppt, ausgegrenzt und verprügelt.

Akzeptiert hingegen oder erduldet, wird der Alphatyp. Geduldet wird oft auch was dem eigenen Wesen ähnlich ist. Zuweilen wird es als unliebsame Konkurrenz bekämpft. Unterwürfige werden gerne von Stärkeren als Egoschmeichler benutzt. In solchen und ähnlichen Verhaltensweisen zeigt sich offen und ungezähmt die selektive Natur – Stärkeres soll überleben und sich vermehren.

Streben nach Lebenssicherung zwingt in der biologischen Welt zu maximalem Wachstum – das ist das Markenzeichen des Lebens. Es brachte den Menschen hervor. Mit seinem Erscheinen auf der Weltbühne fing die drängende Urkraft an, auf zwei verschiedenen Ebenen zu zwei ähnlichen Zielen zu streben. Auf der einen Ebene zum materiellen Ergreifen der Welt, auf der anderen zum geistigen Erfassen der Welt. Auf der materiellen Ebene hat das Ich das Sagen, auf der geistigen das Selbst. Von frühester Jugend an ringen täglich beide im Bewusstsein um Vorherrschaft. Meist siegt das Ich.

Zweierlei Maß

Jugendliche hätten gerne eine Welt, in der sie ihre Persönlichkeit entfalten können. Die Anforderungen aber, die die Gesellschaft an Jugendliche stellt, sind weniger vom Altruismus geprägt, als vom Pragmatismus. Bei dieser Sachlage steht der Gedanke „Persönlichkeitsentfaltung“ weit hinter dem Wunsch nach praktischer Nützlichkeit. Bei der Vielfalt der Möglichkeiten, vor allem in der Arbeitswelt, hält man es deshalb für nötig, Heranwachsende mit Unmengen von Wissen zu versorgen.

In der heutigen schnelllebigen Zeit, mit ihrem exponentiell anwachsenden Wissen und steigenden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt, ist vieles von dem, was über viele Jahre unter großen Opfern gepaukt wurde, am Ende unbrauchbar. Eltern machen das alles mit, sie wollen ja, dass ihr Kind eine gesicherte Zukunft hat – „es soll ihm schließlich gut gehen.“

Viele (nicht nur arme) Jugendliche kommen aus schlechten Verhältnissen. Meist sind solche junge Menschen dem Wettbewerb in der Leistungswelt nicht gewachsen. Oft fehlt ihnen die Motivation zur Leistung sowie die Disziplin zur Selbstkontrolle. Sie wollen die zeitweilige Fremdbestimmung, besonders in der Arbeitswelt, nicht auf sich nehmen. Sie neigen auch dazu, sich elementaren Zivilisationsregeln zu widersetzen.

Mit diesen Eigenschaften sind sie die Verlierer im bürgerlichen System. Müssen sie deshalb auch Verlierer im natürlichen System sein? – Nicht unbedingt. Manche entwickeln, wenn sie ihren ureigenen Weg finden, ungeahnte Kräfte, entfalten Persönlichkeit, machen Karriere - ohne dabei ihren Charakter zu verlieren.

Der Maßstab, den das natürliche Sein anlegt, ist von anderer Art als der Maßstab der modernen Zivilisation. In der Zivilisation zählt Leistungswettbewerb, gepaart mit materiellem Erfolg; im Sein zählt allein die Lebenskraft. Diese ist unabhängig von Erziehung und Ausbildung, nicht jedoch von Bildung, insbesondere von Herzensbildung. Der Umgang mit dem Sein erfordert Selbstverantwortung. Um diese entwickeln zu können, genügt nicht nur der Gebrauch des Bewusstseins, auch die Signale aus dem Selbst müssen wahrgenommen, vom Bewusstsein verarbeitet und in mentales Potenzial integriert werden.

Verzweifelter Protest

Vor allem in Industrieländern werden Kinder gleich nach der Geburt von unnatürlichen Zivilisationseinflüssen verformt. Viele lehnen sich unbewusst dagegen auf. In jeder Weise ist ihr gestörtes Verhalten ein Indiz für den Zustand der sozialen, ethischen und politischen Aspekte des gesellschaftlichen Systems. Heute betrifft es nicht nur partielle Kreise, es betrifft den ganzen zivilisierten Globus. Weltweit fehlt ein überzeugender Maßstab zur verlässlichen Orientierung.

Erwachsene auf der Gewinnerseite des Systems können mit dem Mangel leben. Deren Kinder aber, die mit goldenen Löffeln aufgewachsen sind, denen es scheinbar gut geht, zeigen oft wenig Respekt vor ihren Eltern und vor den Repräsentanten des Systems. In der Regel aber machen sie es nicht besser, sie machen es nur anders – manchmal mit totaler Verweigerung, manchmal mit Zynismus oder exzessivem Lebensstil, manchmal auch mit allem zusammen.

Ihr Protest kommt aus Ablehnung und Verachtung – letztlich aus tiefer Verzweiflung. Ungewollt verschärfen sie mit ihrem Verhalten die Lage. Anders, aber nicht besser, ist es bei angepassten privilegierten Jugendlichen. Sie lassen sich mit Wissen voll stopfen und zählen sich zur Elite der Gesellschaft. In Wahrheit dienen sie als Funktionsteilchen diversen gewinn- und machtmaximierenden Systemen.

Scheinbar sind sie auf gut gepflastertem Weg auf der Gewinnerseite. Gewinnerseite wäre es, wenn die wahre Welt rein materialistisch wäre, doch sie ist mehr als das. Dieses „mehr“ scheint wesentlich zu sein. Denn stets leben die scheinbar Bevorzugten in einem Vakuum. Auf falschen Wegen mit falschen Mitteln und Methoden versuchen sie vergebens dieses Vakuum auszufüllen – nicht selten mit einem "burn out" als Ergebnis.

Das verlorene Weltgewissen

Früher war der Maßstab ein Belohnungs- und Bestrafungssystem, das jedem Individuum als kollektives Gewissen implantiert war. Seit der vollzogenen Aufklärung gibt es dieses Gewissen nicht mehr. Das System wurde abgeschafft und durch partikulare Systeme ersetzt. Innerhalb dieser müssen bestimmte Regeln zugunsten der Funktionalität eingehalten werden.

Von Schülern und Lehrkräften wird verlangt, dass sie das Schulsystem respektieren; Arbeitnehmer sind Arbeitgebern nützlich, indem sie dem Betriebssystem dienen; Arbeitgeber sind nützlich, wenn sie dem Wirtschaftssystem dienen (es wäre wirklich nützlich, wenn es der Allgemeinheit diente); und Staatsbürger/innen sind von der Allgemeinheit nur dann als Bürger tragbar, wenn sie im Rahmen der bürgerlichen Gesetze des jeweiligen Staates leben.

In allen genannten und ähnlich gelagerten Fällen sind es Maßstäbe, die dem Bewusstsein von außen auferlegt sind. Innen, im natürlichen, oft verdrängten Empfinden, sind allenfalls die Menschenrechte und die bürgerlichen Gesetze als allgemeingültig akzeptierbar. Jeder Mensch aber, der es will, der gut informiert ist, und vielleicht auch noch über gute Beziehungen verfügt und außerdem schlau ist, kann sich entweder einfach über die Gesetze hinwegsetzen oder sie trickreich umgehen. Er darf sich nur nicht erwischen lassen. Auf die Gesellschaft (national wie international) und ihre heranwachsenden Mitglieder wirkt sich so eine Mentalität verheerend aus.

Zurück zu alten Zuständen und den abgesetzten Gott mit Bart wieder einsetzen, wäre keine Lösung. Wenn aber kein Weg gefunden wird, der zu Freiheit und Selbstverantwortung führt, sind weder die Probleme der Jugend noch die der Gesellschaft, geschweige denn die der Welt zu lösen.

Vielleicht sind Kinder und Jugendliche - so wie sie sind - die Rettung. Kinder im frühen Alter sind noch nicht ganz zugemüllt, und Jugendliche haben – sofern sie nicht ganz abgestumpft sind – immerhin noch Träume. Wenn sie auch noch drohen verloren zu gehen, werden sie besonders unbequem oder gar untragbar für die Allgemeinheit.

In allen jungen Menschen, ob guten oder schlechten, glüht der Lebensfunke, in manchen lodert noch die Lebensflamme. Die erlösende Antwort auf die Misere können sie zwar nicht geben, doch ihre Symptome sind wertvolle Signale aus dem Krankheitsherd der Gesellschaft wie auch der Weltgesellschaft. Sie geben Hinweise zur gezielten Behandlung.

Der Kreis schließt sich

Das System des Lebens bewegt die Menschheit von Anfang an und hält den Lebensfunken am Glühen. Doch seit Beginn der Neuzeit droht die umsichgreifende wissenschaftliche Rationalität den Lebensfunken gänzlich zu ersticken.

Die Wissenschaft erhellt seit der Neuzeit mit ihrer Rationalität dermaßen die Sicht in der empirischen Welt, dass sie wie geblendet außer Materie nichts weiter sieht und meint, was sie sieht wäre alles. Da aber ist das Leben, sogar geistvolles Leben, das sich hartnäckig weigert sich in das materielle System eingliedern zu lassen. Jetzt sollte der Blick in eine anderer Richtung gewendet werden, an der Materie und ihrer Kausalität vorbei in den Menschen hinein, dort ist Leben und Geist.

Diese Tatsache schließt nämlich den Kreis. Nicht erst seit heute weiß man: sowohl das Leben als auch der Geist waren potenziell im Ursprung der Schöpfung. Mithilfe der Wissenschaft, unter Berücksichtigung jugendlicher Empfindungen, und kindlicher Offenbarungen – die ernst genommen werden sollten – wird der verbindende Akt zwischen Materie, Leben und Geist vielleicht gelingen.

An der biologischen Entwicklung ist erkennbar: Leben und Geist, Materie und Naturgesetze sind verschiedene Aspekte des gleichen Systems. An kindlicher Neugier und natürlichem Interesse an elementaren Fragen – das ein Leben lang anhalten kann – und am Streben, die Welt (materiell und geistig) in Besitz zu nehmen, wird erkennbar, dass sich im Leben der Menschen die Schöpfung selbst betrachten will.

Insgesamt sind das Indizien für den hohen Wert des Lebens, ja, dass das persönliche Leben universale Bedeutung hat. Besonders junges, sich entfaltendes Leben bringt zum Ausdruck, dass allem ein System zugrunde liegt, in dem letztlich – aus universaler Sicht – die Ordnung das Chaos dominiert. Denn wäre das Chaos absolut, gäbe es absolut kein Sein.

Der so beängstigend wirkende Zustand der modernen Jugend – wie auch der Gesellschaft und der Welt – ist kein geschichtliches Zufallsergebnis. Es ist Ausdruck des natürlichen Lebenssystems: es lässt Fehlentwicklungen zu, um schließlich zum Optimum zu gelangen.

In diesem natürlichen System erfüllen Jugendliche eine wichtige Funktion. Würden nämlich alle das Spiel der älteren Generation brav mitspielen, wäre das der sichere Weg ins Weltchaos. Deshalb aber krasses Fehlverhalten einfach erdulden; das wäre verkehrt. Wir müssen uns vor zerstörerischen Attacken schützen. Es sollte aber bedacht werden, dass uns junge Menschen in jedem Fall viel zu sagen haben. Und, dass – gegen allen Anschein – letztendlich nichts in diesem Evolutionssystem sinnlos ist.

20.01.2014 © seit 09.2008 Heinz Altmann
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