George Sand: Über die Liebe

„George Sand“ (1804-1876) ist das Pseudonym von Amantine Lucile Aurore Dupin. Neben Romanen veröffentlichte sie gesellschaftskritische Beiträge und setzte sich als Feministin auch für sozialkritische Themen ein. Erfahren Sie mehr über das Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Frau.

George Sand Leben und Werk Es kam folgendermaßen zustande: Zusammen mit Jules Sandeau verfaßte sie die Romane Prima Donna und Rose et Blanche (1831). Sie erschienen unter dem Pseudonym "Jules Sand". Im Jahr darauf schrieb Aurore Dupin den Roman Indiana.


Da für eine Frau das Veröffentlichen von Büchern nicht standesgemäß war, mußte sie ihn ebenfalls unter Pseudonym erscheinen lassen. Besonders ihre Schwiegermutter wollte ihren Namen nicht auf einem gedruckten Buch sehen.


Sandeau war jedoch zu bescheiden, um dem Pseudonym "Jules Sand" zuzustimmen. Andererseits wollte der Verleger keinen anderen Namen, da er mit "Jules Sand" ein gutes Geschäft gemacht hatte. Deshalb entschloß sich Aurore Dupin für den Kompromiß, "Jules" durch "George" auszutauschen.


Bevor Aurore Dupin 1822 den Landjunker François-Casimir Dudevant heiratete, schrieb sie am 18. November 1821 an ihre Mutter: "Warum soll eine Frau denn nicht gebildet sein? Kann sie denn nicht gebildet sein ohne überheblich zu werden oder besserwisserisch?" (S. 13) Sie verwahrte sich gegen die Bemerkung von Jean-Baptiste Ajasson de Grandsagne, sie "hätte einen streitbaren Charakter", und interpretierte sie so: Ihr Lehrer habe damit nur sagen wollen, "daß ich nicht feige sei" (S. 12).


Als zukünftige Mutter könne sie ihre Söhne genauso gut unterrichten wie ein Hauslehrer. "Aber dazu müßte ich verheiratet sein, und ich fände, sagen Sie, höchstens einen Mann, der mir über- oder unterlegen ist. In diesem Fall könnte es sehr wohl sein, daß ich gar nicht heiraten würde, denn ich glaube nicht an Übermänner, und ich liebe die Duckmäuser nicht. Der Mann, der mich aus Furcht heiraten würde, wäre ein Narr, und ich töricht, wenn ich ihn nähme. Ich würde nie einen Mann suchen, der fähig wäre, der Sklave seiner Frau zu werden, weil er dann ein Dummkopf wäre, aber ich glaube nicht, daß ein geistvoller Mann es gut finden kann, daß seine Frau die Scheue und Ängstliche spielt, wenn sie es gar nicht ist" (S. 13).

Ganz die emanzipierte Jugendliche, denkt man als Leser. Doch ein Jahr nach der Hochzeit, als Aurore schwanger war, sah alles ganz anders aus. Am 30. Januar schrieb sie an ihre Internatsfreundin Emilie de Wismes: "Ich glaube, es ist nötig, daß in der Ehe einer der beiden auf sein eigenes Selbst völlig verzichtet und nicht nur seinen Willen aufgibt, sondern auch auf seine eigene Meinung verzichtet und sich entschließt, mit den Augen des anderen zu sehen, zu lieben, was er liebt usw. Welche Qual, welch bitteres Leben, wenn man sich mit jemandem vereinigt, der einem verhaßt ist. Welch traurige Ungewißheit, welch trostlose Zukunft, wenn man einen Unbekannten heiratet! Aber welch nie versiegender Glücksquell auch, wenn man sich dem unterordnet, den man liebt! Jedes Entsagen ist eine neue Freude. Was für die eheliche Liebe geopfert wird, wird zugleich Gott geopfert und man ist seines Glückes Schmied durch die Erfüllung seiner Pflicht. Man muß sich nur noch fragen, ob es wohl am Manne oder an der Frau sei, sich total nach dem anderen zu richten; Da aber auf männlicher Seite die ganze Macht liegt und da die Männer zu einer solch selbstlosen Zuneigung ohnehin unfähig sind, so sind notwendigerweise wir diejenigen, denen Gehorsam ziemt" (S. 16, 18).


Am 30. Juni 1823 wurde ihr Sohn Maurice geboren. 1825 verliebte sich Aurore in Aurélien de Sèze, beschränkte sich aber auf eine platonische Beziehung. 1826 starb ihr Schwiegervater, so daß ihr Mann Baron und sie Baronin Dudevant wurde. 1827 verliebte sie sich in Stéphane Ajasson de Grandsagne. Ihre Tochter Solange, die im Jahr darauf geboren wurde, stammt vielleicht von ihm. 1830 lernte die Baronin Dudevant Jules Sandeau kennen und wurde dessen Geliebte. 1831 setzte sie gegenüber ihrem Mann durch, daß sie das halbe Jahr in Paris leben durfte. 1832 erschien Indiana unter dem Pseudonym George Sand. 1833 freundete sie sich mit der Schauspielerin Marie Dorval an. Ihre Zeitgenossen hielten die beiden für ein lesbisches Liebespaar. Am 6. März brach George Sand mit Jules Sandeau, im April verliebte sie sich in Prosper Mérimée, im Juni traf sie Alfred de Musset. Ende Juli wurde sie dessen Geliebte und veröffentlichte Lélia. Im Dezember reisten die beiden nach Italien.



Als Sand im Januar 1834 in Venedig erkrankte, kümmerte sich Musset nicht um sie, sondern vergnügte sich mit anderen Frauen. Als er kurz darauf krank wurde, pflegte Sand ihn. Dabei verliebte sie sich in den Arzt Pietro Pagello, den sie zur Behandlung Mussets hinzuzog. Ihre Liebschaft hielt sie vor Musset geheim. Dieser reiste Ende März ab, doch im Oktober wurden Sand und Musset wieder ein Liebespaar. Im November trennten sie sich, im Januar 1835 gingen sie wieder zusammen, Anfang März brachen sie ihre Beziehung endgültig ab.

Im April 1835 verliebte sich George Sand in Michel de Bourges. Im Mai lernte sie Pierre Leroux kennen. Im Februar 1836 wurde Sand von ihrem Mann per Gerichtsurteil getrennt – eine Scheidung gab es damals nicht. Sie hatte ihn auf der Basis einer Kameradschaft jugendlicher Spielgefährten geheiratet. Im Juni 1837 brach die Beziehung mit Michel de Bourges auseinander. Im Juli verliebte sich Sand in Félicien Mallefille, den Erzieher ihres Sohnes Maurice.


Im Juni 1838 begann ihre Liebschaft mit Frédéric Chopin, mit dem sie im Oktober nach Spanien reiste. Im November kamen sie in Palma auf Mallorca an. Dort wohnten sie bis zum Februar 1839. Über Marseille und Genua reisten sie nach Nohant und wohnten dort auf dem Gut von Sands Großmutter. Zeitweise lebte Chopin auch in Paris. 1842 erschien "Ein Winter auf Mallorca". Im Juli 1847 brach die Beziehung auseinander. Noch im selben Jahr erschien der Roman Lucrezia Floriani, in dem Sand ihre Beziehung zu Chopin verarbeitete. Am 4. März 1848 trafen sich die beiden zum letzten Mal. Chopin starb am 17. Oktober 1849 in Paris.


Im April 1847 begann Sand mit der Niederschrift ihrer Autobiographie Histoire de ma vie, die 1855 erschien. Nach der Februarrevolution 1848 engagierte sie sich politisch für die Revolutionsregierung. Am 10. Dezember wurde Louis-Napoléon Bonaparte Staatspräsident. Im Januar 1850 verliebte sich George Sand in ihren Sekretär, den Bildhauer Alexandre Damien Manceau, nach dessen Tod sie noch einen weiteren Geliebten hatte. 1852 engagierte sie sich für die von Bonaparte Verfolgten. Am 2. Mai 1857 starb Musset.


Im Mai 1859 erschien der Roman Elle et Lui, in dem Sand ihre Beziehungen zu Musset und Pagello verarbeitete. Sie verfälschte dabei die Wahrheit derart, daß sich eine regelrechte literarische Fehde zwischen Mussetisten und Sandisten entwickelte. Im selben Jahr traf Sand auf Gustave Flaubert, dem sie Anfang 1863 zum ersten Mal schrieb. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft. 1865 starb Manceau, 1871 ihr Ex-Mann Casimir Dudevant. 1872 erschien der Roman Nanon über die Französische Revolution (1789).

Briefe

George Sand hat "unter anderem einhundert Romane, zahlreiche Theaterstücke, Essays und vieles andere geschrieben" (Nachwort zu Nanon, S. 353). Von ihren 40000 Briefen ist etwa die Hälfte erhalten geblieben. Sie enthalten Sands authentischste Äußerungen über die Liebe, da sie in ihren Romanen und auch in ihrer Autobiographie die Wirklichkeit stilisiert bis verfälscht hat.


Ende Mai 1838 schrieb sie an Albert Grzymala ausführlich (S. 143-151) über ihre Liebe zu Chopin. Hier trage ich nur zwei ihrer allgemeinen Äußerungen zusammen: "Meine Gefühle sind immer stärker gewesen als die Vernunft, und die Grenzen, die ich mir setzen wollte, haben mir nie etwas genützt. Dutzendmal habe ich meine Ansichten geändert. Ich habe vor allen Dingen an die Treue geglaubt; ich habe sie gepredigt, ich habe sie gehalten und vom anderen verlangt. Ich bin betrogen worden und habe auch betrogen. Und doch hatte ich niemals Gewissensbisse deshalb, denn ich hatte stets das Gefühl, daß jedesmal, wenn ich untreu wurde, eine Schicksalsfügung, eine instinktive Suche nach dem Ideal am Werke war, die mich dazu trieb, das Unvollkommene zu verlassen um dessentwillen, das der Vollkommenheit näher kam. Ich habe viele Arten der Liebe kennengelernt: die Künstlerliebe, die Liebe als Frau, als Schwester, als Mutter, die Liebe zu Gott, die Dichterliebe und was weiß ich noch alles. Manch eine Liebe ist noch am gleichen Tag, an dem sie das Licht erblickt hatte, gestorben, ohne sich demjenigen zu offenbaren, der sie erweckt hatte. Manch eine hat mein Leben zur Qual gemacht und mich in eine Verzweiflung gestürzt, die dem Wahnsinn nahe war. Einer anderen zuliebe führte ich jahrelang in der Abgeschiedenheit ein völlig dem Metaphysischen zugewandtes Leben. Mit alledem habe ich es wirklich ernst gemeint" (S. 149).


Über die Sexualität schrieb sie im selben Brief: "Wenn der Liebesakt nicht eine ebenso heilige und reine Sache ist und nicht mit der gleichen Hingabe geschieht wie alles andere, dann ist es auch keine Tugend, sich dessen zu enthalten. Der Ausdruck ‚körperliche Liebe‘, den man gebraucht, um etwas zu bezeichnen, wofür es nur im Himmel einen Namen gibt, stößt mich ab und kommt mir vor wie eine frevelhafte und falsche Auffassung. Gibt es denn für gebildete Menschen eine nur körperliche Liebe und für ehrliche Menschen eine rein geistige Liebe? Kann es denn jemals eine Liebe geben ohne einen einzigen Kuß und einen Liebeskuß ohne Sinnlichkeit? Das Fleisch verachten kann nur klug und nützlich sein für Menschen, die nur Fleisch sind; aber für die, die man liebt, ist nicht das Wort verachten, sondern das Wort achten das richtige, falls man Enthaltung übt. […] Man sollte alle Frauen aufhängen, die in den Augen der Männer die achtbarste und heiligste Sache der Schöpfung herabwürdigen, das göttliche Geheimnis, den Schöpfungsakt und zugleich die erhabenste Lebensäußerung im Universum" (S. 150f).



Am 1. Dezember 1847 schrieb Sand an Pauline Viardot u.a. über die Nächstenliebe: "Der Glaube an Gottes ewige Wahrheit aber gebietet uns, sich unseren Nächsten gegenüber ebenso zu verhalten, wie Gott sich uns gegenüber verhält" (S. 240).



Wer einen Liebespartner sucht, sollte sich Sands Brief an ihren Sohn Maurice (S. 279-288) vom 17. Dezember 1850 zu Gemüte führen. Selbstverständlich gelten ihre Ausführungen für beide Geschlechter. Das Wichtigste: "Die Liebe fällt uns in dem Augenblick vom Himmel, wo wir ihrer würdig sind; wenn man aber nach einer Frau, wie man zu sagen pflegt, auf der Jagd ist, findet man im besten Fall eine mehr oder weniger schöne Liebesaffäre oder eine mehr oder weniger grausame Enttäuschung oder ein mehr oder weniger dummes Abenteuer" (S. 285).


Über die Enthaltsamkeit schrieb sie am 21. November 1866 an Gustave Flaubert: "Sie sind nicht für die Keuschheit, mein Herr, das ist Ihre Sache. Ich sage mir, daß sie ihr Gutes hat, die alte Schindmähre." Und über die Freundschaft am Tag darauf im selben Brief: "Es gibt keine wahre Freundschaft ohne absolute Freiheit" (S. 391).

Indiana


George Sand als junges Mädchen George Sand erzählt von der jungen Indiana (Selbstporträt), die mit dem sehr viel älteren Oberst Delmare (Casimir Dudevant) verheiratet ist. Ihr Cousin Ralph Brown (Idealfigur ohne irdisches Vorbild) liebt Indiana von Kindheit an, wurde aber von ihr durch die Ehe mit einer andern Frau getrennt und findet erst zu ihr, nachdem Raymon von Ramière (Aurélien de Sèze) seine Abenteuerlust bei ihrem Kammermädchen Noun und ihr selbst gestillt hat und ihr Gatte gestorben ist.



Nachdem Raymon Nouns Herz gebrochen hat, schreibt ihm die Verlassene. Raymon liest ihren Brief nicht einmal zu Ende, sondern verbrennt ihn, "um nicht über sich selbst erröten zu müssen. Wollen wir ihn deshalb verdammen? So ist nun einmal das Vorurteil der Erziehung, und die Eigenliebe spielt in der Liebe die gleiche Rolle wie das persönliche Interesse in der Freundschaft" (S. 38).



Indiana ist gegenüber Raymon anspruchsvoller als Noun: "Ich bedarf keiner Huldigung, eher inniger Teilnahme. Man muß mich allein lieben, immer lieben, rückhaltlos lieben; man muß mir alles opfern können, Vermögen, Ruf, Pflicht, Geschäfte, Grundsätze, Familie, alles, Herr von Ramière, weil ich die gleiche Hingebung in die Wagschale werfe und hierin eine Gleichheit haben will" (S. 105).



Raymon und Ralph werden miteinander vertraut und bezeichnen sich sogar gegenseitig als "’Freund’". "Obschon sie zwei so offene Menschen waren, wie es nur immer auf der Welt geben kann, liebten sie sich doch gar nicht. Sie hatte über alles eine entschieden andere Meinung; sie besaßen keinerlei gemeinschaftliche Sympathie; und wenn beide Frau Delmare liebten, so geschah dies auf eine so verschiedene Art, daß dieses Gefühl sie eher trennte als einander näher brachte. Es machte ihnen ein eigentümliches Vergnügen, sich zu widersprechen und einander so viel als möglich die gute Laune durch Ausfälle zu vertreiben, die zwar in der Unterhaltung nur so allgemein hingeworfen wurden, aber dadurch nichts an Bitterkeit und Herbheit verloren.



Ihre Streitereien begannen in der Regel mit der Politik und endigten bei der Moral. Besonders abends, wenn man sich um den Lehnstuhl des Herrn Delmare versammelte, erhob sich über die geringste Kleinigkeit ein Wortkampf. Zwar beobachteten sie dabei stets diejenigen Rücksichten, die dem einen die Philosophie anbefahl und dem anderen der gesellschaftliche Verkehr zur Gewohnheit gemacht hatte; doch sagten sie einander unter dem Schleier der Anspielung harte Dinge, die aber den Oberst belustigten, der von kriegerischer, streitsüchtiger Natur war und in Ermangelung von Schlachten sich am Wortgezänk ergötzte" (S. 124).

Lélia


Lélia (Selbstporträt als Erwachsene) stößt Stenio (Selbstporträt als Jugendliche) zurück, der sich deshalb umbringt. Sie stößt auch den Priester Magnus zurück, der ihr einst das Leben gerettet hat. Nachdem Magnus Lélia ermordet hat, kümmert sich der Mönch Trenmor (François Rollinat) um Magnus.



Lélias Schwester Pulcheria (Marie Dorval) ist Prostituierte. Für sie ist die Liebe einfach: "Lieben heißt zu zweien leben", sagt sie zu Lélia (S. 108). Sie kann ihr das Lieben allerdings nicht beibringen. "Die Schilderung der mißglückten Liebesszene zwischen Lélia und Stenio dürfte kaum ihresgleichen haben in der langen Tradition der Liebesliteratur", kommentiert Nike Wagner (S. 248).



Wenn man sich einen von Lélias Briefen vor Augen hält, mit denen der Roman beginnt, wundert einen das nicht: Lélia schreibt: "Liebe besteht nicht im heftigen Streben nach einem geschaffenen Wesen, sondern in einem heiligen Streben unseres ätherischen Teiles nach einem Unbekannten. […]



Wir suchen den Himmel in einem uns ähnlichen Wesen und vergeuden dafür die ganze hohe Kraft, die uns verliehen wurde. Wir verweigern Gott die Anbetung, die wir ihm schulden, und wenden sie einem unvollkommenen schwachen Wesen zu, das der Gott unseres Verehrungskultes ist. Heutzutage mündet für die poetischen Seelen das Gefühl der Verehrung sofort in physische Liebe; seltsamer Irrtum einer gierigen und ohnmächtigen Generation. Fällt dann aber der göttliche Schleier und das Geschöpf zeigt sich hinter der Liebesglorie armselig und unvollkommen, dann erschrecken wir und erröten über unseren Irrtum; wir stürzen unser Idol um und treten es unter die Füße.



Und dann suchen wir ein anderes, denn lieben müssen wir, aber wir täuschen uns noch oft, bis wir die Hoffnung auf dauernde Liebe auf Erden aufgeben und endlich wieder Gott die Huldigung darbringen, die wir ihm niemals hätten entziehen sollen" (S. 47f).



Der Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve urteilte milde und hielt den Roman für lyrisch und philosophisch. Sein Kollege Capo de Feuillide dagegen meinte, "Lélia" sei für die Töchter gefährlich, da sie deren reine Seele zum Laster verführe, für die Ehefrauen beschmutzender als das Flirten auf einem Ball.

Ein Winter auf Mallorca


Aus George Sands Briefen erfahren wir, wie schlimm für sie der Aufenthalt auf der Insel mit dem kranken Chopin und ihren beiden Kindern war (S. 158, 161, 170f). Ein kurzes Beispiel: "Wir sind von dort krank, ruiniert, bestohlen, ausgesaugt und mit einem Trauma behaftet zurückgekehrt und fragen uns gegenseitig: Was zum Teufel wollten wir da eigentlich …" (S. 171).



"Nach neunzig Tagen Aufenthalt auf Mallorca fliehen sie schließlich. Als sie in Barcelona ankommen, ist Monsieur Chopin so krank, daß alle um sein Leben fürchten; Madame Sand ist so aufgebracht und empört, daß sie schwört, nur mit Verbitterung über jenen schrecklichen Winter zu schreiben. Und sie tut dies mit Vehemenz, denn Madame Sand ist voller Groll", schreibt Maria Fca. Vidal im Vorwort (S. II).



Sie stellt die Sicht der Mallorquiner auf George Sand folgendermaßen dar: Sie habe keinerlei Interesse für den spanischen Bürgerkrieg um die Thronfolge (1833-1839) aufgebracht. Da Mallorca belagert wurde, waren die Menschen "äußerst mißtrauisch, besonders das Landvolk. […] Es ist ganz und gar verständlich, wenn den Menschen eine Französin suspekt war, die Männerkleidung trug, die rauchte, die mit einem Mann zusammenlebte, der nicht ihr Ehemann war, und die zu alledem noch unter diesen schamlosen Umständen von ihren Kindern begleitet wurde. […]



Sie wurde von dieser Gesellschaft nicht aufgenommen" (S. VI). Charles Dembowski, der sich etwa gleichzeitig auf der Insel aufhielt, sprach mit dem Bürgermeister und dem Priester von Valldemossa über das seltsame Paar, das dort im Kartäuserkloster wohnte. Dem Priester stieß auf, daß George Sand mit niemand sprach, nicht ausging und sogar den Gottesdienst mied. Außerdem rauchte sie, trank den ganzen Tag Kaffee, wenn sie nicht gerade schlief, und arbeitete nachts.



Was hat George Sand daraus gelernt? Eine besondere Lektion in Sachen Liebe: "Und die Moral dieser Erzählung, vielleicht kindisch, aber wahr, ist, daß der Mensch nicht dazu geschaffen worden ist, um mit den Bäumen, den Steinen, dem klaren Himmel, dem blauen Meer, den Blumen und Bergen zu leben, sondern mit den Menschen, mit seinesgleichen. […]



Ich hatte immer davon geträumt, in der Wüste zu leben […]. Aber glaubt mir, Brüder, wir haben ein zu liebendes Herz, als daß wir ohne die anderen auskommen würden. Und das Beste, das wir tun können, ist, uns gegenseitig zu ertragen, denn wir sind wie die Kinder, die, aus einem Schoße hervorgegangen, einander ärgern, sich streiten und sogar schlagen, die aber doch nicht getrennt voneinander leben können" (S. 224).

Lucrezia Floriani


George Sand als ältere Frau Aus Chopin macht Sand den Fürsten Karol von Rosvald, sie selbst wird zu Lucrezia Floriani. Eine eigentliche Handlung hat der Roman nicht, für den sich Sand zu Beginn sogar entschuldigt: "unsere Freiheit geht so weit, uns auch zu erlauben, einen schlechten Roman zu schreiben" (S. 12).



Die Liebe wird als schicksalhafte Macht dargestellt: Sie "bricht alle Hindernisse, die man ihr entgegenstellt, wie das Meer alle Dämme bricht" (S. 50). "Ob wir stärker oder weniger lieben, hängt nicht von dem Wesen ab, das wir lieben. Für eine gewisse Zeit lebt die Liebe von ihrer eigenen Flamme, und sie entzündet sich in uns, ohne unsere Erfahrung und unsere Vernunft zu fragen" (S. 67f).



Sand läßt Karol zunächst vollständig mit Lucrezia verschmelzen: "Er atmete nur durch ihren Atem, er sah nur durch ihre Augen, er atmete nicht mehr und er sah nicht mehr, er verstand nichts mehr und er dachte nichts mehr, wenn sie sich nicht zwischen ihn und die Außenwelt stellte. Seine Trunkenheit war so vollkommen, daß er keinen Schritt mehr allein tun konnte. Die Zukunft bekümmerte ihn so wenig wie die Vergangenheit" (S. 108f).



Doch Karol zerstört sowohl die Liebe als auch Lucrezia durch seine krankhafte Eifersucht. Sie bezieht sich auf alle, mit denen Lucrezia zu tun hat: frühere Liebhaber, den Pfarrer, einen Bettler, einen Diener, einen Hausierer, den Arzt, einen Vetter und sogar Lucrezias Kinder von anderen Männern.



Als sie ihn wegen seines Heiratsantrags auf Rat ihres früheren Mannes Vandoni um ein Jahr Bedenkzeit bittet, zieht sich Karol "kalt und höflich" zurück und schließt sich ein (S. 182). Lucrezia bricht die Tür auf, "um im Namen der Liebe und der Wahrheit Rechenschaft für Ihr Benehmen zu erbitten". Aber Karol verhält sich wie ein unglückliches "Kind, das nicht sprechen wollte, weil es nicht sprechen konnte" (S. 183). Da er ausweichend antwortet oder schweigt, errät Lucrezia seine Eifersucht erst, nachdem ihre Geduld und ihre Liebe zu Ende sind.



Karol will nichts mehr hören und kann nur noch schreien: "Ich hasse diesen Vandoni, ich hasse alles, was in Ihrem Leben nicht Sie sind" (S. 184). Lucrezia verbringt daraufhin eine schlaflose Nacht. "Als sie aufstand, war sie blaß und gebrochen […]. Es schien ihr, als habe sich zwischen die Frische und erwachende Natur und ihr armes gebrochenes Herz ein heimlicher Feind gestellt, ein nagender Wurm, der ihr den Lebenssaft abgrabe" (S. 184f).


Der geringste Anlaß genügt, "um Karols Phantasie, die immer schnell mit Beleidgungen war über etwas, das er nicht verstand und sich nicht erklären konnte, wieder in Bewegung zu setzen. […] Was wird aber aus der Liebe, wenn der, dem sie gilt, sich wie ein Verrückter benimmt?" (S. 185)



Einfache Handlungen der Nächstenliebe erscheinen Karol "wie ein Verbrechen" (S. 186). Er wird befehlshaberisch: "Man sollte […], mit einem Wort, alles anders machen, als die Floriani es tat und tun wollte" (S. 187f; Sand bezeichnet Karol mit dem Vornamen, Lucrezia mit dem Nachnamen).



Da er sich hinter Höflichkeit und Zurückhaltung verbirgt, kann keiner nachvollziehen, was sich in ihm abspielt: "Je aufgeregter er war, desto kälter zeigte er sich, und den Grad seiner Wut konnte man nur nach der Kälte seiner Höflichkeit bemessen. Dann war er wirklich unausstehlich, weil er das wirkliche Leben, von dem er nie etwas verstanden hatte, beurteilen und Prinzipien unterwerfen wollte, die er nicht erklären konnte. Dann bediente er sich des Witzes, eines falschen und brillanten Witzes, um diejenige zu quälen, die ihn liebte. Er war spöttisch, überspannt, wählerisch und von allem angewidert. Er schien nur sanft und zum eigenen Vergnügen zu beißen, aber die Wunden, die er schlug, gingen bis aufs Mark" (S. 188).



Lucrezia erschöpft ihre Möglichkeiten und versucht ihr Unglück nach außen zu verstecken. Karol versteht "diese Willenskraft nicht" und ärgert sich über Lucrezias Mut und Großzügigkeit. "Weit entfernt davon zu bedauern, daß er ihr soviel Schmerz bereitete, sagte er sich, daß sie nichts empfand, daß sie aus ihrer Gutmütigkeit gewisse Augenblicke der Teilnahme kenne, daß aber im Grunde nichts eine so zähe, kräftige, leicht zu zerstreuende und leicht zu tröstende Natur angreifen könnte" (S. 188).



Karols Freund Graf Salvatore Albani erkennt, daß die Trennung die einzige Rettung für Karol und Lucrezia ist. Da unterstellt Karol ihm, er wolle sich selbst an Lucrezia heranmachen und ihn aus dem Weg schaffen. Salvatore, der Lucrezia tatsächlich schöne Augen gemacht, aber großzügig auf sie verzichtet hat, nachdem sie ihn abgewiesen hat, ist drauf und dran, Karol mit einem Stuhl anzugreifen: "Er glaubte, verrückt werden zu müssen, ihm zitterten die Hände wie einer nervösen Frau, und doch hätte er in diesem Augenblick die Kraft gehabt, das Haus einzureißen" (S. 190).



Stattdessen lacht er bitter und knallt die Tür hinter sich zu, um Lucrezia aufzusuchen. Im Park klärt er sie über Karol auf: er sei niederträchtig, verrückt oder gefährlich und werde sie "mit Nadelstichen" umbringen, falls sie ihn nicht auf der Stelle verlasse. Karol werde dableiben, also müsse sie gehen. Seine Eifersucht sei krankhaft. Zwei Stunden Abwesenheit Lucrezias mit ihm selbst, Salvatore, würden genügen, damit Karol abreise (S. 190f).


Lucrezia will nicht Karols Verdacht in Verachtung umschlagen sehen und lehnt ab. Salvatore wendet ein: "Verdacht ist schon Verachtung, unglückliche Frau! […] Du bist zu schwach, zu leichtgläubig, zu unvernünftig. Deine Leidenschaft für Karol hat mich von der geheilt, die ich vielleicht für dich hätte empfinden können" (S. 191).



Doch Lucrezia läßt sich nichts sagen, so daß Salvatore ohne Abschied von Karol abreist. Lucrezia und Karol "liebten sich noch lange und lebten sehr unglücklich. Ihre Liebe war ein erbitterter Kampf darum, wer von beiden den anderen zuerst aufreiben würde. Der einzige Unterschied bestand darin, daß die Floriani Karols Charakter hätte mäßigen und beruhigen wollen, um ihn glücklich machen zu können, während er das Wesen, das er anbetete, völlig erneuern wollte, damit es ihm ähnlich würde und er mit ihm ein unmögliches Glück genießen könnte. […]



Die Floriani ertrug alle Ungerechtigkeiten ihres Geliebten mit unerhörter Standhaftigkeit, und Karol mißkannte die Hingabe und Offenheit seiner Geliebten mit unglaublicher Sturheit. Nichts konnte ihn von seiner Eifersucht heilen, weil es nicht in seiner Natur lag, klarzusehen und sich zu beruhigen. Nie wurde eine Frau brennender geliebt und gleichzeitig im Herzen ihres Geliebten mehr verleugnet und erniedrigt" (S. 193f).



Bei jeder Trennung von Lucrezia wird Karol "krank, weil er sich niemandem anvertrauen und seine Bitterkeit nicht an der auslassen konnte, die sie unschuldigerweise verursacht hatte. Dann war sie gezwungen, ihn zurückzurufen. Sobald er sie wieder leiden machen konnte, kehrten ihm Gesundheit und Leben zurück" (S. 195).



Karol setzt sich schließlich durch, "wie es eben ist, wenn ein hartnäckiger Wille ein einziges Ziel verfolgt." Er sperrt Lucrezia ein und schottet sie von anderen Menschen ab, so daß sie für tot gehalten wird. "Sie löschte aus, wie eine der Luft beraubte Flamme. Langsam, aber ohne Unterlaß, ging sie zu Tode. Es dauert Jahre, bis man ein moralisch und physisch gesundes Wesen mit Nadelstichen zerstört hat. Sie gewöhnte sich an alles […]. Sie gab immer nach" (S. 195).



Doch damit nicht genug: "Und weil Karol jetzt keinen Grund zur Eifersucht mehr hatte, fing er an zu streiten über die Ideen, die Lehren und die Meinung der Floriani. Sanft und höflich, wies er sie in allem zurecht; nichts war nach seinem Geschmack und nach seiner Vorstellung […]; sie hatte immer unrecht" (S. 196).



Zehn Jahre später ist Lucrezias Liebe für Karol erloschen. "Er hatte das Maß voll gemacht, nur mit einem Wassertropfen, aber das Glas lief über […]; aber, ach! Die Liebe war ihr Leben, und als die Liebe zu Ende war, war auch ihr Leben zu Ende" (S. 197).



Als Lucrezias Sohn Celio mit der Toten vor Karol steht, kapiert er "nichts und blieb wie eine Säule […]. Karol sah nichts von allem, was vorging. Eine Stunde später war er allein; wie vom Schlag getroffen, wie versteinert, stand er am Gartentor" und liest dort einen Vers aus Dantes "Göttlicher Komödie" (I 3,9), den Celio einst auf einen der Pfosten gepinselt hat – bei Dante steht er am Höllentor: "Laßt alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet!" (Übersetzung von mir; Sand zitiert auf S. 150 und 198 das italienische Original: Lasciate ogni speranza, voi chʼentrate!)



Karol kann nicht einmal mehr Schmerzen empfinden. Ob er darüber stirbt oder verrückt wird, läßt Sand offen. Aber sie stellt im letzten Satz des Romans fest: "Es wäre zu leicht, ihn so enden zu lassen" (S. 198).

Geschichte meines Lebens


George Sand Zeichnung "So war Chopin nicht", schreibt Sand in ihrer Autobiographie (IV 557). Sie hat sich hier "eine aufrichtige Erforschung des eignen Wesens und eine aufmerksame Prüfung des eignen Daseins" vorgenommen (I 7f). Udo Obal nennt das Werk im Nachwort "nicht allein Selbstzeugnis, sondern primär Literatur und artifizielles Produkt. […] Sie selbst hat im Vorwort zu ihrem Roman La mare au diable ihre Aufgabe als Schriftstellerin vorrangig in der Idealisierung und nicht im Recherchieren von Wahrheiten gesehen" (IV 616).



Sands Romanfiguren sind aus künstlerischen Gründen keine Porträts, auch wenn sie beim Schreiben an bestimmte Personen dachte: "Wenn eine Romanfigur etwas werth sein soll, muß sie immer ein Phantasiegebilde sein. Der Mensch ist ein so unlogisches Wesen, so voller Widersprüche und Ungereimtheiten in der Wirklichkeit, daß die Abbildung eines wirklichen Menschen in einem Kunstwerke unmöglich und unhaltbar wäre. Der ganze Roman müßte sich den Anforderungen dieses einen Charakters fügen und würde kein Roman mehr sein. Die Exposition, die Verwicklung, die Lösung, Alles ginge verloren, Alles würde denselben Gang gehen, wie im gewöhnlichen Leben und würde Niemanden interessiren, denn im Romane will Jeder ein gewisses Ideal des Lebens finden" (II 80).



Noch eine weitere Rechtfertigung ihres Verfahrens: Auch in der Musik wird nicht die Natur nachgeahmt. Ebensowenig entsprechen die in der Malerei verwendeten Farben den Farben in der Natur. "Die Persönlichkeiten in Romanen sind also auch nicht Figuren nach wirklich existirenden Modellen gebildet. Man muß tausend Menschen gesehen haben, um einen einzigen zu zeichnen. Hätte man nur einen studirt und wollte diesen als Typus hinstellen, so würde er weder eine Aehnlichkeit, noch eine Wahrscheinlichkeit besitzen" (II 82).



Andererseits bekannte sie, daß sie ihren Romanfiguren "das innerste Leben meiner Seele verlieh" (IV 340).



Sands Großmutter erzählte über die Ehe mit ihrem etwa 32 Jahre älteren Mann: "’Ein Greis liebt besser als ein junger Mann […] und es ist unmöglich eine innige Liebe nicht zu erwiedern. […] Ich bin überzeugt, daß ich sein bestes Lebensalter genossen habe und niemals ist eine junge Frau durch einen jungen Mann glücklicher geworden, als ich es war. Wir verließen uns keinen Augenblick, und nie habe ich in seiner Gesellschaft einen Augenblick der Langenweile gekannt. In seinem Geiste war eine Fundgrube von Ideen, Kenntnissen und Talenten, die sich nie für mich erschöpfte" (I 61).



Die Geschichte der Begegnung ihrer Eltern ist ein Roman für sich: Sands Vater Maurice François Dupin verliebte sich in Sophie Victoire, die Tochter eines Spelunkenbetreibers und Vogelhändlers, zur Zeit Geliebte eines älteren Generals. Sie war ein paar Jahre älter als Maurice und hatte bereits von einem anderen Mann eine Tochter. Aus Standesrücksichten wurde sie von ihrer zukünftigen Schwiegermutter abgelehnt. Das führte dazu, daß Maurice seine Eheschließung vor seiner Mutter verheimlichte, während diese sich bereits an die Behörden wandte, um einen Vorwand zu finden, diese Ehe für ungültig erklären zu lassen.



Als nicht einmal behördliche Spione an der Ehe ihres Sohnes etwas auszusetzen hatten, reiste sie selbst nach Paris und holte dort von Rechtsanwalt Desèze juristische Auskünfte ein. Dieser zog noch zwei andere Anwälte hinzu und riet ihr schließlich von einem Prozeß ab. Sands Vater, der selbst einen fünf Jahre alten unehelichen Sohn von einem Dienstmädchen hatte, fand heraus, daß seine Mutter in Paris war, und erriet auch den Grund dafür. Die Überzeugungsarbeit überließ er seiner kleinen Tochter und seiner Frau, so daß seine Mutter sogar an der kirchlichen Trauung teilnahm.



Einer von Sands Freunden philosophierte häufig über die Liebe, so daß sie ihn in ihren Memoiren ausführlich zitiert (II 165ff). Er bemerkte, daß alles im Leben geregelt ist, nur die Liebe nicht, obwohl sie in verschiedenen Gestalten das ganze Leben regiert:



"’Die Liebe ist überall, sie ist unser Leben selbst, und doch entzieht sie sich allen Gesetzen, jeder Leitung, jedem Rathe, jedem Beispiele, allen Vorschriften. Sie gehorcht nur sich selbst und wird je nach der Natur des Wesens, das sie erfüllt und besitzt, zur Tyrannei und Eifersucht, zum Zweifel, zur übertriebenen Anforderung, zur Zudringlichkeit, zum Wankelmuth, zur Launenhaftigkeit, Wollust oder Brutalität, zur Keuschheit und Sittenstrenge, zur höchsten Ergebenheit oder zum rohen Egoismus, zur größten Wohltat oder zum größten Uebel’" (II 166).



Noch einige Beobachtungen und Vorstellungen von ihr selbst: Die Liebe habe mit dem Glauben die Gemeinsamkeit, daß man sie nicht finde, wenn man sie suche, daß sie uns aber unerwartet erfülle (III 86). Die Eifersucht sei inkonsequent (III 195). Die ideale Liebe schließe die ideale Freundschaft ein (IV 68). In der Liebe seien wir nicht frei (IV 320). Die körperliche Vereinigung ohne die Teilnahme von Herz und Seele verletze das Gesetz Gottes (IV 321).

Sie und Er


Die Beziehung zwischen Thérèse Jacques (George Sand) und Laurent (Alfred de Musset) zerbricht während einer Italienreise. Dick Palmer (Dr. Pietro Pagello) macht ihr einen Heiratsantrag, den Thérèse annimmt. Auf einen Brief von Laurent hin fahren beide nach Florenz. Dort rettet Thérèse den halb wahnsinnigen, bettlägrigen Laurent durch ihre hingebungsvolle Pflege. Während sie ihn zum Schiff begleitet, hält Palmer eine frühere Geliebte in Schach, um einen Skandal zu vermeiden. Thérèse zweifelt an der Ehe mit ihm, da sich beim Wiedersehen herausstellt, daß er es für möglich gehalten hat, sie nicht mehr anzutreffen, weil sie mit Laurent abgereist ist. Deshalb will sie eine Probezeit. Laurent schreibt ihr aus Genf, warum er nicht liebesfähig ist. Thérèse läßt ihn über ihre Beziehung zu Palmer zunächst im Unklaren. Bevor die beiden in die USA abreisen, suchen sie noch Thérèses Mutter in Paris auf. Das führt zu einem Wiedersehen mit Laurent, über dem die Beziehung zu Palmer in die Brüche geht. Thérèse und Laurent reisen in verschiedene Richtungen ab, doch im Lauf der Zeit nähern sie sich einander wieder an. Schließlich verdirbt Laurent alles, so daß Thérèse nur noch Mitleid für ihn empfinden kann. Nach einer Mordanwandlung verläßt er sie, sucht sie wieder auf, vergnügt sich, sie spioniert ihm nach – bis eines Tages ihr Sohn vor der Tür steht, den Palmer aus den USA nach Paris gebracht hat. Erst jetzt kann sie sich endgültig von Laurent lösen und zieht mit Sohn und Kammerfrau nach Deutschland.



Musset hat die Liaison mit George Sand schon vor ihr in der "Beichte eines Kindes seiner Zeit" (La confession d’un enfant du siècle, Paris 1836) literarisch verarbeitet. Aus sich selbst machte er Octave de T., aus George Sand Brigitte Pierson, aus Pagello Henri Smith. "Nur: in den ‚Bekenntnissen‘ klagt der Autor sich an und verherrlicht die Geliebte, in ‚Sie und Er‘ beschuldigt die Autorin den Geliebten und beweihräuchert sich selbst" (Nachwort zu "Sie und Er", S. 263). "Was Fiktion und was Wirklichkeit in ‚Sie und Er‘ ist, kann man sauber nicht voneinander trennen" (ebd. S. 268).



Sands Roman löste den Streit zwischen Sandisten und Mussetisten aus. Alfreds Bruder Paul de Musset (Lui et Elle), Louise Colet (Lui) und Moi (Eux) drehten den Spieß um und machten Sand schlecht, die sich vehement dagegen wehrte. Dazu wollte sie ihren Briefwechsel mit Musset in verstümmelter und verfälschter Form veröffentlichen: Sie ließ nicht nur Sätze und ganze Briefe weg, sondern erfand auch Briefe. Glücklicherweise hörte sie auf den Schriftsteller und Kritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve und unterließ diese Veröffentlichung.



Paul de Musset warf George Sand dreierlei vor:



  • Sie habe sich einen
    Geliebten genommen, während sein Bruder schwer krank
    darniedergelegen sei – das ist nur ein bißchen
    übertrieben.

  • Sie
    habe ihm damit gedroht, ihn in eine Irrenanstalt zu stecken –
    das hielt Charles Maurras (1868-1952) in seinem Buch Les
    Amants de Venise. George Sand et Musset "für wahrscheinlich" (Nachwort, S. 266).

  • Sie
    habe ihn zurückerobern wollen, nachdem er entdeckt hatte, daß
    sie ihn mit Pagello betrogen hatte (das war tatsächlich so).

Nanon


Die Bauerntochter Nanon und Émilien, der Sohn eines Adligen, der ihn ins Kloster gesteckt hat, freunden sich miteinander an. Als sich Émilien nach Ausbruch der Französischen Revolution zu den Soldaten melden will, wird er verhaftet, weil der Verwalter seines Vaters ihn zu Unrecht beschuldigt hat, um den eignen Kopf zu retten. Nanon befreit Émilien mit Hilfe des Jakobiners Costejoux. Die beiden verstecken sich zusammen mit Nanons Onkel Dumont in einer menschenleeren Gegend, die gemieden wird, weil dort Geister umgehen sollen. Sie ernähren sich von Pilzen, Kastanien, zwei Ziegen, von der Jagd und dem, was Dumont bei den Bauern in der Umgebung kaufen kann. Außerdem legen sie einen Gemüsegarten und ein Getreidefeld an.


Nachdem sich Émiliens Unschuld herausgestellt hat, geht er zur Armee. Nanon sorgt für den Prior des Klosters in ihrem Heimatdorf. Um kein schlechtes Gewissen haben zu müssen, als Bäurin einen Adligen zu heiraten, erwirbt sie durch den An- und Verkauf von Grundstücken ein Vermögen. Außerdem verkauft sie Wolle von ihren Schafen. Als der Prior stirbt, wird Nanon seine Alleinerbin, bringt sein Kloster in Ordnung und kauft es schließlich.


Émilien verliert im Krieg den rechten Unterarm. Sieben Jahre nach ihrer ersten Begegnung als Jugendliche heiraten die beiden. Costejoux heiratet Émiliens Schwester Louise. Sie stirbt früh und hinterläßt ihm zwei Töchter. Die eine heiratet den ältesten Sohn von Nanon, die insgesamt mit Émilien fünf Kinder hat. Als sie 64 Jahre alt ist, stirbt Émilien. Nanon stirbt im Jahr 1864.


George Sand hat den Roman im Alter von 66 Jahren geschrieben. Er ist "ihr Vermächtnis und Glaubensbekenntnis. […] Nanon ist die erfolgreichste ihrer Heldinnen, sowohl in der Liebe als auch auf bislang männlichem Terrain. […] Sie ist die ideale Frau […]. Und Émilien, der tapfere Soldat und politische Denker, ist zugleich von weiblicher Zurückhaltung, Zärtlichkeit und Einfühlsamkeit. Aus beider Freundschaft entsteht Liebe, gleichwertig treffen sie sich in der Mitte, überwinden die Extreme ihrer Herkunft und heiraten. Ganz anders das Paar Louise – Costejoux, die eine von Leidenschaft bestimmte Kampfbeziehung eingehen" (Nachwort, S. 364f).

Schlußbemerkung

George Sand überschreitet in ihren Romanen bisweilen die Grenze zum Kitsch, so daß man als Leser aus der Romanfiktion herausgerissen wird und nur noch den Kopf schütteln oder lachen kann. Was bleibt, ist die Achtung vor einer Frau, die den Mut hatte, die ihr vorbestimmte gesellschaftliche Rolle zu durchbrechen und dem Pfad zu folgen, den ihr ihre Seele bzw. das Schicksal diktierte. Worin dieser Pfad bestand, faßte sie am 31. März 1862 für ihre Schwiegertochter Lina in einem einzigen Satz zusammen: "Es gibt nur ein Glück im Leben: zu lieben und geliebt zu werden" (zit. n. Jordan 367).

© Gunthard Rudolf Heller, 2013

Literaturverzeichnis


BOURNIQUEL, Camille: Frédéric Chopin in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1977


DANTE: Die Göttliche Komödie, Deutsch von Friedrich Freiherrn von Falkenhausen, 2 Bände, Frankfurt am Main 31980


JORDAN, Ruth: George Sand – Die große Liebende (George Sand, London 1976), Übersetzung aus dem Englischen von Otto von Czernicki, München 1978


KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996


MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81


MUSSET, Alfred de: Bekenntnisse eines Liebenden – Roman (La confession d’un enfant du siècle), Übersetzung von F. L. Grauvogl, Konstanz 1949


SAND, George: Nimm Deinen Mut in beide Hände – Briefe, übersetzt und herausgegeben von Annedore Haberl, München 1990

  • Indiana, aus dem Französischen von A. Seubert, mit einem Essay von Annegret Stopczyk, o.O. 11983
  • Lélia, aus dem Französischen von Anna Wheill, mit einem Essay von Nike Wagner, o.O. 11984
  • Ein Winter auf Mallorca, Palma 1998
  • Lucrezia Floriani, aus dem Französischen von Anna Wheill, o.O. 11985
  • Geschichte meines Lebens, Deutsch von Claire von Glümer (Leipzig 11855, 21863), mit einem Nachwort des Verlegers, 4 Bände, Hannover 2004
  • Sie und Er – Roman (Elle et Lui, Paris 1859), aus dem Französischen übersetzt von Liselotte Ronte, München 1992
  • Nanon – Roman (1872), aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Heidrun Hemje-Oltmanns, München 31994

WIGGERSHAUS, Renate: George Sand mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek bei Hamburg 71996


WILPERT, Gero von (Hg.): Lexikon der Weltliteratur, 2 Bände, München 1971 (Taschenbuchausgabe in 4 Bänden) und Stuttgart 31993

Gunthard Heller

Scroll to Top