Georg Christoph Lichtenberg als Philosoph

Georg Christoph Lichtenberg war ein Mathematiker, Naturforscher und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik. Als eigenwilliger Zeitgenosse trieb ihn aber auch die Philosophie um, wobei er selbst einige sehr markante Thesen entwickelte, die für viel Gesprächstoff sorgten. Hier finden Sie eine kleine Sammlung seiner kritisch, ironischen Ansichten.

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) schlief mit einem geladenen Gewehr im Zimmer, da "die Leute nicht alle gleich ehrlich sind" (B 57). Er unterhielt 14 Spione, vier davon bezahlte er – ungewöhnlich für einen Physikprofessor. Er rauchte, liebte Kanonenschüsse und machte Tierversuche.

Er war ein eigenwilliger Zeitgenosse, der sich gerne von seinem Umfeld abhob. Beispiele:

  • "Ich kann zuweilen lachen und scherzen, wo jedermann eine fromme Miene annimmt, hingegen auch dafür einmal die Tugend predigen, wo sie kein Mensch predigt" (B 132).
  • Sein Ernährungstip gilt auch heute noch: essen, wenn man Hunger hat, und zwar das, was einem schmeckt, nicht das, was gerade Mode ist; trinken, wenn man Durst hat; für ausreichende Bewegung sorgen.
  • Auch Lichtenbergs Tips zur Augenhygiene sind heute noch beherzigenswert: Um die Augen zu schonen, solle man helles Licht und häufige Hell-Dunkel-Übergänge meiden. Man solle im Dunkeln schlafen und in der Dämmerung nicht schreiben oder lesen. Schmerzen verstand Lichtenberg als Warnung, die ihm sein Körper zukommen ließ.

Georg Christoph Lichtenberg Philosophie

Der Nachwelt wurde Lichtenberg durch seine nicht zur Veröffentlichung bestimmten Notizen bekannt, die "Sudelbücher" (im ersten Band der Schriften und Briefe). Seine Aufsätze (im zweiten Band der Schriften und Briefe) sind zum größten Teil Satiren, seine "Ausführliche Erklärung der Hogarthschen Kupferstiche" (im dritten Band der Schriften und Briefe) ist eine Art Kunst- und Gesellschaftskritik, wobei er "manches […] dem Hogarth angedichtet" hat (S 595).

Daß sich Lichtenberg als "ehrlicher Christ" bezeichnete (B 87), hinderte ihn nicht daran, seinem Glauben und alles, was damit zusammenhing, sehr kritisch gegenüberzustehen. Er wollte kein "römisch katholischer Glaubens-Sklave" sein, sondern seine Vernunft gebrauchen (S 443). Die Bibel betrachtete er als Menschenwerk, in dem Wahres und Falsches, Gutes und Schlechtes enthalten sei. Sie sei kein Physiklehrbuch. Wenn man Lichtenbergs Äußerungen über Juden liest, kann man nicht umhin, ihn für einen Antisemiten zu halten.

Beispiele für Lichtenbergs Religions- und Kirchenkritik:

  • Privat: "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt, vermutlich der Mensch schuf Gott nach dem seinigen" (S 184). Öffentlich: "Wir stehen allerdings in den Händen eines unbegreiflichen, aber auch allgütigen Gottes" (A 253).
  • Lichtenberg dankte "es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen" (S 288).
  • "In den Schulen müßten alle Religionen Erlaubnis haben, ihren Glauben und Aberglauben zu lehren" (S 380).
  • "Mutter unser, die du bist im Himmel" (S 443).
  • "Man könnte die katholische Religion die Gottfresserin nennen" (S 475). Sie sei unchristlich, falls man davon ausgehe, "daß das Neue Testament die Lehren des Christentums vollständig enthalte" (S 496). Im Grunde seien die Christen doch "nichts weiter als eine Sekte von Juden" (S 498).
  • "Es gibt schlechterdings keine andere Art, Gott zu verehren, als die Erfüllung seiner Pflichten und Handeln nach Gesetzen, die die Vernunft gegeben hat" (S 592).

Lichtenbergs Welt- und Menschenbild ist ziemlich pessimistisch. Beispiele:

  • "Was ist der Mensch anders als ein kleiner Staat, der von Tollköpfen beherrscht wird pp?" (S 254)
  • "Eine Handvoll Soldaten ist immer besser als ein Maulvoll Argumente" (S 257).
  • "Wenn ein Buch und ein Kopf aneinanderstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?" (S 258)
  • Privat: "Wenn die Menschen plötzlich tugendhaft würden, so müßten viele Tausende verhungern" (S 283). Öffentlich: Die Menschheit könne ihren "Zweck […] nur durch Gebrauch der Vernunft, und folglich durch Tugendübung" erreichen (A 488).

Über das Lesen:

  • Gute Bücher machen "die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger, und die übrigen Tausende" bleiben "ungeändert" (S 263).
  • "Ein sicheres Zeichen von einem guten Buch ist, wenn es einem immer besser gefällt, je älter man wird" (S 282).
  • "Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraussehen" (S 284).
  • "In der Tausend und einen Nacht ist mehr gesunde Vernunft, als viele von den Leuten glauben, die Arabisch lernen, sonst hätten wir vermutlich schon Übersetzungen von den übrigen Bänden" (S 291).
  • "Leute, die sehr viel gelesen haben, machen selten große Entdeckungen" (S 318).
  • "Eine Regel beim Lesen ist die Absicht des Verfassers, und den Hauptgedanken sich auf wenig Worte zu bringen und sich unter dieser Gestalt eigen zu machen" (S 439).

Über das Berufsleben:

  • "Hüte dich, daß du nicht durch Zufälle in eine Stelle kommst, der du nicht gewachsen bist, damit du nicht scheinen mußt, was du nicht bist, nichts ist gefährlicher und stört alle innere Ruhe mehr, ja ist aller Rechtschaffenheit mehr nachteilig als dieses, und endigt gemeiniglich mit einem gänzlichen Verlust des Kredits" (S 277).
  • "Nun ist es einmal nicht anders, wenn ihr seht, daß ein Mann entweder vom Hofe gejagt worden ist, oder es an demselben nicht über die Bratenwenderstelle zu bringen weiß, so denkt nur sicherlich, es ist ein ganzer Mann" (A 390).

Lichtenbergs wichtigste "Lebensregel [...]: "halte dich, soviel du kannst, zu Leuten, die geschickter sind als du, aber doch nicht so sehr unterschieden sind, daß du sie nicht begreifst" (S 387). Den Selbstmord hielt er für "erlaubt" (S 533). Die Willensfreiheit hielt er im Licht des Determinismus für eine Illusion. Der Mensch sei ein "Ursachen suchendes Wesen" (S 549), ein "Ursachen-Tier" (S 553).

Die Philosophie sei nur indirekt lehrbar. Die Wahrheit könne niemals schaden. Autoritätshörigkeit lehnte Lichtenberg ab. Es ging ihm darum, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, unabhängig davon, wer sie äußerte. Sich selbst auf die Suche zu begeben, stellte er über die Rezeption der Meinungen anderer. Prahlerei durch Unverständlichkeit lehnte er ab. Die Zukunft der Philosophie sah er düster: "Ich habe schon lange gedacht, die Philosophie wird sich noch selbst fressen. - Die Metaphysik hat sich zum Teil schon selbst gefressen" (S 494).

Für Korrekturen seiner Irrtümer war Lichtenberg dankbar. Wie selbstkritisch er war, sieht man daran, wie er seine "Briefe aus England an Heinrich Christian Boie" (A 34-79) beurteilte: "Die Fehler jener Briefe sind nicht sowohl falsche Beobachtungen, als hier und da falsche Erklärungen mancher Beobachtung, und die sollen künftig wegbleiben" (A 465f).

Der Esoterik gegenüber war Lichtenberg offen, doch seine Äußerungen darüber sind zum größten Teil zweideutig oder widersprechen sich. In punkto Reinkarnation setzte er sich zumindest mit dem Gedanken auseinander, daß der Neid im einen Leben den Platz im nächsten Leben bestimmen könne. Er befaßte sich mit der Physiognomie, die er für eine Art "Prophetik" hielt (A 145), mit Theosophie und Spagyrik, Astrologie und Chiromantie. Vor dem für Außenstehende seltsamen Leben spiritueller Menschen hatte Lichtenberg Respekt. Seine Begründung: "Der Himmel führt seine Heiligen wunderlich" (A 314).

© Gunthard Rudolf Heller, 2019

Literaturverzeichnis

BRINITZER, Carl: Georg Christoph Lichtenberg – Genialität und Witz, München 1979

GABRIEL, Gottfried: Lichtenberg, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hg. v. Jürgen Mittelstraß, Bd. 2, S. 606ff

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996

LICHTENBERG, Georg Christoph: Schriften und Briefe, hg. v. Franz H. Mautner, vier Bände, Frankfurt am Main/Leipzig 11992 (Bd. 2 zit. als A = Aufsätze, Bd. 4 zit. als B = Briefe)

- Sudelbücher, Wiesbaden 2006 (zit. als S = Sudelbücher)

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

PROMIES, Wolfgang: Georg Christoph Lichtenberg mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek bei Hamburg 1987

RIEDEL, Wolfgang: Sudelbücher, in: Lexikon der philosophischen Werke, hg. v. Franco Volpi und Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1988, S. 666f

19.06.2019 © seit 06.2019 Gunthard Heller
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