Friedrich Wilhelm Nietzsche: Die Götter der Zukunft ...

Dieser Artikel befaßt sich mit dem Untergang des Abendlandes hin zu einer neuen Götterdämmerung künftiger Generationen. Hierbei verliert er sich aber nicht in der Kritik an der Moderne, sondern versucht eine Vision einer neuen und anderen Welt erstehen zu lassen. Nietzsches Religion der Religionen als Überwindung der Postmoderne.

... die Überwindung der Postmoderne

Wenn wir sagen, dass der von Nietzsche diagnostizierte Nihilismus heute unter dem Begriff der Postmoderne bereits Wirklichkeit geworden ist, muss sich zwangsläufig die Frage nach seiner Überwindung stellen. Dass der Nihilismus überwunden werden muss, steht dabei außer Frage, denn er hemmt die Höherentwicklung der Menschheit und ebnet der Mittelmäßigkeit den Weg. Außerdem wächst im Schoß der postmodernen Gesellschaft ein großes Zerstörungspotential heran, eine Art "destruktiver Gesamtcharakter", der aus der Ziel- und Inhaltlosigkeit unserer Zeit resultiert. Walter Benjamin hat ihn zutreffend beschrieben: "Der destruktive Charakter ist jung und heiter. ( ... ) Zu solchem apollinischen Zerstörungsbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird." Eine solche Prüfung nahmen bereits die Nationalsozialisten vor, und ihr Resultat ist allgemein bekannt.

Auch wenn man die herausgehobene Stellung Nietzsches noch nicht in jeder Einzelheit erkannt hat, spricht schon Habermas in seinem Buch "Der philosophische Diskurs der Moderne" von Nietzsche als "Drehscheibe" beim Eintritt in die Postmoderne, und W. Welsch schreibt:

"Man täusche sich dabei über die geschichtliche Stellung Nietzsches nicht. Man muss ihn arg strapazieren, um ihn umstandslos zum Vordenker der Postmoderne zu erklären. Nietzsche sieht den modernen Pluralismus nicht gerade positiv. Er ist für ihn vielmehr das Phänomen der modernen Dècadence schlechthin, demgegenüber es zu einer neuen Totalität vorzustoßen gilt. Im Pluralismus gewahrt Nietzsche - angesichts des Historismus - nur die Geschäftigkeit der Vergleichung und Kostümierung . Der ‚Übermensch' sollte dann die Überwindung dieser Décadence darstellen. - Postmodernes muss bei Nietzsche gegen diesen Hauptzug suchen.

Man kann es freilich finden: Nietzsche gestand, dass ihm die genannte Einstellung zur modernen Décadence schwergefallen sei und dass sie ihn viel gekostet habe . Er hat sogar die Ambivalenz des von ihm als bloße Décadence Gebranntmarkten verzeichnet: ‚Es gibt etwas von Verfall in allem, was den modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. Dieselben Gründe, welche die Verkleinerung der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren und Selteneren bis hinauf zur Größe.' - Die Postmoderne ist genau die Epoche, in der diese positive Kehrseite des zuvor nur als Décadence Empfundenen und Praktizierten erfasst und ergriffen wird."

Nun fällt es selbst den sogenannten Spezialisten der Postmoderne, und zu diesen muss man Welsch rechnen, schwer zu erklären, was man im heutigen philosophischen Diskurs überhaupt unter Postmoderne zu verstehen hat. Das wird deutlich, wenn man im Vorwort zur 3. Auflage seines Buches liest:

"Pluralität ist der Schlüsselbegriff der Postmoderne. Sämtliche als postmodern bekannt gewordene Topoi - Ende der Meta-Erzählungen, Dispersion des Subjekts, Dezentrierung des Sinns, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Unsynthetisierbarkeit der vielfältigen Lebensformen und Rationalitätsmuster - werden im Licht der Pluralität verständlich. Pluralität bildet auch die Leitlinie aller fälligen Transformationen überkommener Vorstellungen und Konzepte. Diese postmoderne Pluralität ist jedoch nicht mit der geläufigen und gefälligen Oberflächen-Buntheit gleichzusetzen. Sie geht tiefer und greift in Basisdefinitionen ein. Sie ist anspruchsvoller und härter als der gängige ‚Pluralismus'.
Gleichzeitig wird diese Pluralität immer von Uniformierungsprozessen bedroht. Ihnen muss gewiss jede Zeitdiagnose deskriptiv Rechnung tragen; normativ aber optiert die Postmoderne entschieden für die Gegenseite, für Pluralität. Deshalb kommt es so sehr darauf an, den harten, an Basisdifferenzen orientierten Begriff von Pluralität im Auge zu haben. Sein smarter Verwandter nämlich, der Pluralismus der Oberflächen-Buntheit, führt in seiner Potenzierung gerade zum Gegenteil von Pluralität: zur Uniformierung in den diversen Erscheinungsformen der Gleichgültigkeit, Indifferenz und Beliebigkeit. Während die Aufmerksamkeit auf einschneidende Differenzen die Pluralität wahrt und verteidigt, führt die Ankurbelung des Oberflächen-Pluralismus zu ihrer Tilgung. Hier verläuft eine klare Scheidelinie zwischen postmodernen und pseudo-postmodernen Konzeptionen."

"Vorab drängt sich eine weitere Unterscheidung auf: zwischen einem diffusen und einem präzisen Postmodernismus. Der diffuse ist der grassierende. Seine Spielarten reichen von wissenschaftlichen Universal-Mixturen in Lacan-Derrida-Tunke bis zu aufgedrehten Beliebigkeits-Szenarien chicer Kulturmode. Das Credo dieses diffusen Postmodernismus scheint zu sein, dass alles, was den Standards der Rationalität nicht genügt oder Bekanntes allenfalls verdreht wiedergibt, damit auch schon gut, ja gelungen sei, dass man den Cocktail nur ordentlich mixen und mit reichlich Exotischem versetzen müsse. Man kreuze Libido und Ökonomie, Digitalität und Kynismus, vergesse Esoterik und Simulation und gebe noch etwas New Age und Apokalypse hinzu - schon ist der postmoderne Hit fertig. Solcher Postmodernismus der Beliebigkeit, des Potpourri und der Abweichung um jeden (eigentlich um keinen) Preis erfreut sich gegenwärtig großer Beliebtheit und Verbreitung."

Mag Welsch das nun alles beklagen und die postmoderne Pluralität gegen das abgrenzen, was er die "Oberflächen-Buntheit" nennt, so ist das ein ziemlich hilfloses Unterfangen. Welsch vergisst - oder verdrängt - dabei nämlich, dass es gerade diese Oberflächen-Buntheit ist, diese Beliebigkeits-Szenarien sind, die in den Augen der Menschen die Postmoderne charakterisiert und die Menschen prägt.

Dagegen eine klare, das Diffuse eliminierende Stellung einzufordern, wie Welsch es tut, würde zuletzt auch zur Eliminierung der Postmoderne selbst führen. Die beklagte Oberflächen-Buntheit und Beliebigkeit sind ja Ausdruck des Verfalls der tradierten Werte, auch die Folge dessen, was V. Havel als die "Verwüstung der Wertewelt" bezeichnet hat. Dagegen mögen klare Begriffe hilfreich sein; aber das auch nur, wenn sie die Überwindung der Postmoderne und die Konstitution eines neuen Wertesystems, das allgemein anerkannt wird, zum Ziel haben. Genau darum aber geht es hier nicht; hier will man die Beliebigkeits-Postmoderne in ein stringentes System überführen, ihr Form und Inhalt geben und ihr somit Dauer sichern. Genau das aber ist nicht unser Ziel; das ist ganz unzweideutig die Beseitigung der Postmoderne als das die Gesellschaft prägende System.

Die Kritik der Postmoderne muss, ganz eindeutig, auch die Kritik an der von ihr zum Götzen stilisierten Pluralität werden. Nicht etwa, dass Pluralität in jeder Beziehung abzulehnen ist; aber sie muss ganz einfach als allgemein seligmachendes System abgelehnt werden, weil sie eine plurale Hilf- und Sprachlosigkeit mit sich bringt. Genau diese Hilf- und Sprachlosigkeit hat dazu geführt, dass die Menschen den wirklich großen Herausforderungen nichts entgegenzusetzen haben. Es geht um ihre Existenz, und sie beschäftigen sich hingebungsvoll mit Oberflächenphänomenen.

Die Postmoderne (gerade auch als mein Sammelbegriff für die vielfältigen Erscheinungsformen des modernen Nihilismus) ist eine entscheidende Phase in der Existenz der Menschheit: entweder schaffen die Menschen es, die Postmoderne zu überwinden und aus dieser Überwindung die neue Kraft zu schöpfen, die sie befähigt, die drängenden globalen Probleme zu meistern; oder die Postmoderne schafft das, was Nietzsche als den "letzten Menschen" charakterisiert hat, der mit seinem kleinen Glück zufrieden ist und blind weiter dem Untergang entgegengeht.

Die moderne Philosophie ist ausgebrannt, weshalb sie gern mit Begriffen spielt. Einer von diesen Begriffen ist der der Postmoderne; mit ihm verschleiert man das, was eigentlich dahintersteht: Décadence und Nihilismus. Beides, dessen war sich Nietzsche gewiss, muss und kann überwunden werden; aber es sind große Anstrengungen zur Überwindung notwendig. Denn aus der Überwindung muss ein neues, großes Ziel für die Menschen geboren werden; ohne dieses Ziel ist die Überwindung zwecklos, denn die Menschheit würde nur in eine neue Phase von Décadence und Nihilismus taumeln. Dieses Ziel ist der von Nietzsche prophezeite "Zarathustra-Hazar von tausend Jahren", das neue goldene Zeitalter. Dass es Skeptiker gibt, die dieses Unternehmen für nicht durchführbar halten, ist verständlich.

P. Sloterdijk schreibt in seinem Aufsatz "Nach der Geschichte":

"Das Ende der christlichen Weltepoche bedeutet gerade nicht, dass auf den apokalyptischen Stress das neokosmologische Aufatmen folgt. Nur in der Generation unserer Großväter war die Vision suggestiv, dass wir neue Griechen werden könnten; bis zum Vorabend des Nationalismus war es verlockend, mit Nietzsche zu glauben, man könne aus der christlichen Dekadenz in die heidnische Gesundheit emigrieren und die Geschichte für den Kosmos opfern.

Selbst wenn das Christentum für die meisten Zeitgenossen nur noch eine unwirkliche zitathafte Größe sein mag: vom kosmischen Kreislauf der Zeiten war keine Generation jemals so entfernt wie die heutige. Nie war die Rückkehr von der linearen Geschichte in eine zyklische Ordnung der Dinge so unwahrscheinlich wie jetzt. Natürlich würde jeder, der auf der abschüssigen Bahn der Naturverwüstung torkelt, sich gern in ein kosmologisches Posthistoire hinüberretten, in dem ein souveränes zeitfreies Sein waltet. Ohne Zweifel hätte es seinen Reiz, sich nachpaulinisch und ohne illusorische Hoffnungen als ‚ungeheure' Sterbliche auf der mütterlichen Erde anzusiedeln."

Sloterdijk ist zuzustimmen, wenn er den gegenwärtigen Zustand als Ausgangspunkt für das neue Griechentum annimmt, und er hat recht mit seiner Feststellung, dass die Menschheit niemals zuvor so weit entfernt waren vom kosmischen Kreislauf der Zeit. Wo bleibt die Perspektive?

Wenn wir die Unmöglichkeit des Umsteuerns und Umdenkens annehmen, dann wird der Untergang der menschlichen Zivilisation unausweichlich kommen; ja, daraus könnte sich sogar der Untergang der gesamten Menschheit entwickeln. Billigen wir aber der Menschheit Zukunft zu, müssen wir auch bereit sein, eine weit über den Tag hinausreichende Vision zu entwickeln - auch die Vision eines neuen Griechentums. Dabei geht es gar nicht darum, sich vorzustellen, dieses neue Griechentum könne sich global entfalten. Auch Nietzsche hat solche Vorstellungen nicht gehabt; für ihn war ein neues Griechentum - als Vorstufe zum Übermenschen - stets auch mit der Vorstellung einer neuen Rasse verbunden, die durch Zucht und Züchtung zu schaffen wäre.

Also ist die Vision von einem neuen Griechentum gar keine Lehre für die Massen, keine neue Weltbeglückungs-Ideologie, sondern nur für eine kleine Gruppe von Menschen, die Gruppe nämlich, die außerhalb von Herden und Staaten steht und bereit ist, eine neue Gesellschaft zu konstruieren. Und deshalb ist auch kein neues Griechentum oder seine Schaffung der Kern von Nietzsches Lehre, sondern die Schaffung einer neuen, letztendlich rein gewordenen Rasse, eine Planung, die mit Jahrhunderten rechnet. Es ist dies auch die Unterwerfung unter die Lehre der ewigen Wiederkehr, die Akzeptanz der Lehren Zarathustras und damit der Religion der Religionen., die das Fundament legt, auf dem sich dann die Menschen zusammenfinden können, aus denen die neue Rasse wächst. Wenn es eines fernen Tages diese Rasse gibt, wird sie vielleicht eine neugriechische Kultur entwickeln; aber dieser Vorgang wird weit in der Zukunft angesiedelt sein.

Sloterdijk tut so, als sei die Chance, zu einem neuen Griechentum zu gelangen und damit zur alten kosmologischen Ordnung der Dinge zurückzukehren (zum Kreislauf), auf unabsehbare Zeit vertan. Aber gerade die geschichtlichen Umbrüche und Verwerfungen der letzten Jahrzehnte und die Geschwindigkeit, in der diese Prozesse des Wandels abliefen, haben eher das Gegenteil gezeigt; sie haben bewiesen, wie rasch sich die als unveränderbar angesehenen Konstellationen ändern. In dieser Phase des raschen Wandels ist es keineswegs mehr auszuschließen, dass auch die Religion der Religionen, die von Nietzsche-Zarathustra konzipierte neue Weltenlehre, als Zukunftsreligion mächtigen Auftrieb erhält und sich durchsetzt.

Meistens sind es Zeiten von Chaos, Verwerfung und innerer Zersetzung, also Zeiten des Nihilismus, die neue Lehren hervorbringen, um genau diese Zustände zu überwinden. So war es mit dem Christentum, dem Buddhismus und dem Islam. So wird es auch mit der Lehre der ewigen Wiederkehr sein. In ihr findet sich ein Urgefühl der Menschen nach Freiheit, Dauer und Geborgenheit, ein Gefühl, das nicht im Korsett von Bevormundung, totaler Fürsorge und Mittelmäßigkeit endet.

Man mag Habermas nur zuzustimmen, wenn er festhält, dass eine "rückwärtsgewandte Ästhetik" besonders "jene zuerst in der Frühromantik auftauchenden Motive, aus denen sich Nietzsche ästhetisch inspirierte Vernunftkritik gespeist hat", verharmlost . Es geht hier um den Dionysos-Kult, denn gerade dieser Gott spielte bereits bei den Frühromantikern einer herausragende Rolle:

"Der Dionysos-Kult konnte für eine an sich selbst irre werdende Zeit der Aufklärung attraktiv werden, weil er im Griechenland des Euripides und der sophistischen Kritik alte religiöse Überlieferungen wachgehalten hatte. Als das entscheidende Motiv nennt M. Frank aber den Umstand, dass Dionysos als der kommende Gott Erlösungshoffnungen auf sich ziehen konnte. Zeus hat mit Semele, einer sterblichen Frau, den Dionysos gezeugt, der von Hera, der Gattin des Zeus, mit göttlichem Zorn verfolgt und schließlich in den Wahnsinn getrieben wird. Seither wandert Dionysos mit einer wilden Schar von Satyrn und Bacchantinnen durch Nordafrika und Kleinasien, ein ‚ausländischer Gott', wie Hölderlin sagt, der das Abendland in die ‚Götternacht' stürzt und allein die Gabe des Rausches zurücklässt.

Aber Dionysos soll einst, durch die Mysterien wiedergeboren und vom Wahnsinn befreit, zurückkehren. Von allen übrigen griechischen Göttern unterscheidet sich Dionysos als der abwesende Gott, dessen Wiederkehr noch bevorsteht. Die Parallele zu Christus bot sich an: auch dieser ist gestorben und hinterlässt, bis zum Tage seiner Wiederkehr, Brot und Wein. Dionysos freilich hat das Besondere, dass er in seinen kultischen Exzessen auch jenen Fundus an gesellschaftlicher Solidarität gleichsam bewahrt, der dem christlichen Abendland, zusammen mit den archaischen Formen der Religiosität, verloren gegangen ist.

So verknüpft Hölderlin mit dem Dionysosmythos jene eigentümliche Figur der Geschichtsdeutung, die eine messianische Erwartung tragen konnte und die bis zu Heidegger wirksam geblieben ist. Das Abendland verharrt, seit seinen Anfängen, in der Nacht der Götterferne oder der Seinsvergessenheit; der Gott der Zukunft wird die verlorenen Kräfte des Ursprungs erneuern; und seine Ankunft macht der nahende Gott durch seine schmerzhaft zu Bewusstsein gemachte Abwesenheit, durch ‚größte Entfernung' fühlbar; indem er die Verlassenen immer dringlicher empfinden lässt, was ihnen entzogen worden ist, verheißt er seine Rückkehr nur umso überzeugender: in der größten Gefahr wächst das Rettende auch."

Und, auf die von Nietzsche in seinem Erstlingswerk "Die Geburt der Tragödie" herausgearbeiteten Pole des Apollinischen und Dionysischen eingehend:

"In Apollo haben die Griechen die Individuation, der Einhaltung der Grenzen des Individuums, vergöttlicht. Aber apollinische Schönheit und Mäßigung verhüllten nur den Untergrund des Titanischen und Barbarischen, der im ekstatischen Ton der Dionysosfeiern aufbrach: ‚Das Individuum, mit allen seinen Grenzen und Maßen, ging hier in der Selbstvergessenheit der dionysischen Zustände unter und vergaß die apollinischen Satzungen."

Habermas hat klar erkannt, warum gerade Nietzsche es war, der eine neue Religion verkündet, auch wenn ihm vielleicht der Umstand, dass es eine Religion ist, um die es Nietzsche geht, nicht bewusst ist:

"Da nun der unverdorbene Wille zur Macht nur die metaphysische Fassung des dionysischen Prinzips ist, kann Nietzsche den Nihilismus der Gegenwart als die Nacht der Götterferne begreifen, in der sich das Nahen des abwesenden Gottes ankündigt."

Denn:

"Nietzsche hat den Bogen des dionysischen Geschehens ausgespannt zwischen altgriechischer Tragödie und neuer Mythologie."

Hier findet sich also der Schlüssel zum Geheimnis dessen, welches in Nietzsches Bekenntnis verborgen liegt, er sei "der letzte Jünger des Philosophen Dionysos", er, "der Lehrer der ewigen Wiederkunft ..." Aber nicht nur das: durch seine "Turiner Himmelfahrt" wurde Nietzsche selbst zu Dionysos, erlebte er seine Apotheose als der kommende Gott. Wir Heutigen haben kaum noch eine Vorstellung davon, was in Turin zwischen November 1888 und Januar 1889 geschah; es war das ein Vorgang, der durchaus mit der Kreuzigung und Vergottung Jesu' verglichen werden kann, ja muss; in Nietzsche inkarniert sich Dionysos, also nach fast 2000 Jahren wieder ein neuer Gott.

Denn dass der Dionysos, den Nietzsche verkörpert, nicht mit dem identisch ist, der vor 2500 Jahren den Griechen bekannt war, wird schon durch die Wortwahl klar; denn für Nietzsche ist Dionysos kein Gott (und selbst wenn er es wäre, wäre das für Nietzsche ohne Bedeutung, da er selbst auch ein Gott ist), sondern, von gleich zu gleich, der "Philosoph Dionysos" - eben so, wie Nietzsche sich als Philosoph, als Lehrer begreift.

Damit wird auch klar, dass die von Nietzsche geschaffene Lehre ohne Gott auskommt, ja auch ohne den "kommenden" Gott Dionysos. Das ist der große Schritt vorwärts, den Nietzsche gegenüber den Frühromantikern macht, für die der "kommende Gott" im Vordergrund steht, und zwar als ein christlicher Gott, der - sozusagen - als großer Reformator der Christenheit auftritt. Aber natürlich gab es auch damals schon zwischen den Vorstellungen der Frühromantiker und strenggläubiger Christen schwerwiegende Differenzen; nur versagte man es sich, daraus Konsequenzen zu ziehen und den Mantel des Christentums schon gänzlich abzulegen. Diesen Schritt vollzog erst Nietzsche, als er den Tod Gottes nicht nur verkündete, sondern auch begann, Beweis für diesen Tod zu führen. Die Frühromantiker warteten auf den neuen Gott:

"Wie Hölderlins stiller tröstender Genius ist auch für Schelling Christus nur der Beender der Mythologie - ihr télos, der Letzte des himmlischen Chors -; als Stifter der ‚neuen Religion' ist er aber nach wie vor der kommende Gott, auf den das 19. Jahrhundert wartet und dem die Gesellschaft den Weg kürzer machen soll. ‚Hätte ich in unserer Zeit eine Kirche zu bauen, ich würde sie dem heil. Johannes widmen', sagt Schelling 1842 in Berlin."

Aber man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, weder schaffte man es, das Christentum zu reformieren, noch, durch den "kommenden Gott" zu aktivieren; der christliche Gott lag bereits im Sterben. Man kann schon davon ausgehen, dass das Frühromantikern wie Hegel, Schelling und Hölderlin bewusst war; nur war die Zeit noch nicht gekommen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen; dies blieb Nietzsche vorbehalten. Aber Nietzsche beschritt den Weg, einmal eingeschlagen, konsequent bis zum Ende, wurde sein eigener Prophet (Zarathustra) und zuletzt Gott. Er hatte nämlich erkannt, dass die Menschen noch nicht reif waren für ein Leben ohne Religion: und so schuf er sich dabei vergottend, eine Religion ohne Gott: das ist sein größtes Werk!

Ich habe versucht darzustellen, warum gerade Dionysos eine so herausragende, ja beherrschende Position in Nietzsches neuer Lehre einnimmt. Nietzsche war bestimmt stark, viel stärker als bislang zugegeben, von den Frühromantikern beeinflusst; Hölderlin, zu seiner Zeit wegen seines Wahns verpönt, war bereits in Nietzsches Jugend ein von ihm hochgeschätzter Dichter. Frank schreibt, bezugnehmend auf Hölderlins "Hyperion":

"Auch dort nämlich ist unterschieden zwischen wenigen Eingeweihten, die an die Wiederkunft des Reiches Gottes - sagen wir: an den Advent des neuen Gottes - glauben, und den vielen Uneingeweihten: die ersehnte Erneuerung der Welt und der Menschheit - heißt es ja - werden vorbereitet von kleinen Gruppen Verschworener: im ‚stillen' Wirken ‚Einzelner' und ‚Weniger', die Hegels Gedicht als ‚Kinder' Gottes und der ‚heil'gen Nacht' bezeichnet. Diese "Wenigen" aber erkennen sich und Eins sind sie, denn es ist Eines in ihnen, und von diesen, diesen beginnt das zweite Lebensalter der Welt."

Soweit Hölderlin. Das hat auch Nietzsche beeinflusst. Auch für ihn steht fest, dass die Herde, die Masse niemals in der Lage sein wird, sich aus dem Sumpf der Mittelmäßigkeit zu ziehen. Und Nietzsche zieht den umgekehrten Schluss wie Marx aus seiner Erkenntnis: es ist gar nicht erwünscht, dass dies geschieht, denn die Herde ist nicht dazu in der Lage, die höchsten Weihen zu erlangen.

Während Marx extra eine Klasse, das "Proletariat", schafft, um für diese dann "gleiche Rechte" und, darüber hinaus, die Gesamtherrschaft (Diktatur des Proletariats) einzufordern, provoziert Nietzsche mit der Erkenntnis, dass jede höhere Kultur auf Sklavenarbeit beruht. Man sieht, zwischen Marx und Nietzsche gibt es kaum etwas Verbindendes. Aber ein Punkt ist schon vorhanden, der Parallelen zwischen ihnen aufzeigt: Marx wie Nietzsche schufen Lehren, die religiösen Charakter haben. Der Marxismus ist eine Ersatzreligion, der bis zu ihrem Zusammenbruch Millionen Menschen auf der ganzen Welt huldigten (und auch heute teilweise noch huldigen). Der religiöse Grund der Philosophie Nietzsches ist bis heute nur in Ansätzen sichtbar geworden. Wir, die Anhänger der Gemeinschaft, wollen das ändern.

Die neue Lehre wird durch "stilles" Wirken "Einzelner", "Weniger" vorbereitet; in der ersten Phase ist sie selbst ein Mysterium, in ihrer ganzen Tiefe nur wenigen Auserwählten bekannt. Mit der Ausbreitung der neuen Lehre, der Religion der ewigen Wiederkehr, beginnt das hier so genannte "zweite Lebensalter" der Welt, das dann in den "Zarathustra-Hasar von tausend Jahren" mündet. Träger dieses Weltalters wird die neue Rasse sein, die sich auf dem Boden alter griechischer Ideale neu verbindet:

"Worin bestand dieses Ideal denn? In einer religiös fundierten kulturellen Gemeinschaft, deren Bekräftigung im ‚Fest' geschah, als dessen ‚Kronen' ‚Thebe (...) und Athen' genannt werden: Orte der dem Dionysos und der Demeter heiligen Orgien also, die beide gesamthellenische Bedeutsamkeit erwarben.
Dass alles, die ganze Natur ‚wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut' worden sei, lässt sich in diesem Zusammenhang wörtlich verstehen, wenn wir Kultur als Ingebrauchnahme (cultura) einer natürlichen Lebensumwelt verstehen, wodurch das Ungebaute in ein Gebäude, z. B. einen Festsaal mit Boden und Tischen und Tempeln und nektargefüllten Gefäßen umgewandelt wird. Das entscheidende Merkmal der hellenistischen Identität ist aber die Konstitution der (Kultur-) Gemeinschaft, das überwältigende Zusammengehörigkeitsgefühl, in dessen Artikulation sie den tiefen Beweggrund des Gedankens der neuen Mythologie wiedererkennen ..."

So, wie die alte Gemeinschaft der Griechen in der kulturellen (und kultischen) Gemeinschaft wurzelt, wird auch die neue Gemeinschaft hier ihre Wurzeln haben. Der sie überwölbende, alles vereinigende Bau wird die neue, von Nietzsche-Zarathustra verkündete Lehre sein; auf diesem Boden religiöser Einheit wächst die neue Kultur, die dann wie eine eherne Klammer die neue Rasse zusammenhält und prägt, bis sie mächtig und stark genug ist, Humus für den Übermenschen zu sein. Das ist die Verheißung, die in der neuen Lehre liegt, das ist das Ziel, das über einen langen Zeitraum hinweg angestrebt werden muss, das ist die große Aufgabe, die es zu erbringen gilt!

In der Postmoderne vollendet sich der von Nietzsche so genannte "Sklavenaufstand". Der Sklavenaufstand ist nichts anderes als die Objektivation des Nihilismus, sein in konkrete Politik übersetztes Erscheinungsbild.

"Was die Priester also nach oben brachte, war, bei Lichte besehn, ein Sklavenaufstand, was die Prinzipien der Moderne durchgesetzt hat, ein Sklavenaufstand, was die Kontinuität zwischen beiden ausmacht, das Oben-Sein der Sklaven, von solchen, die ihren Machtwillen in Idealen, Abstraktionen unkenntlich und dauerhaft gemacht haben."

In unserer heutigen Gesellschaft mit ihren Konsumzwängen, mit ihrer "Oberflächen-Beliebigkeit", mit ihrer Inhaltsleere, was Ideale anbelangt (und Götter sind Ideale!): all das hat den Nihilismus hochgebracht, und "Nietzsche hatte dem ästhetisch erneuerten Dionysos-Mythos die Überwindung des Nihilismus anvertraut". Dieser Prozess, den Nietzsche initiiert hat, kommt nur langsam in Gang; der große Fehler in der Vergangenheit war, dass man in Nietzsche in erster Linie den Philosophen, kaum aber den Stifter einer neuen Religion sah. Genau das aber ist er, und erst aus dieser Perspektive betrachtet gewinnt sein Werk die in ihm ruhende wirkliche Kraft.

Für Nietzsche steht die Überwindung des Nihilismus im Vordergrund; dass mit dieser Überwindung das gesamte dominierende System fallen wird, war ihm klar, denn ...

"In dieser Gesellschaft kommen die Menschen tendenziell nur noch als Objekte und Büttel einer überdimensionalen Macht vor, die sich nirgends mehr in einem Menschen inkarniert, der die Zügel in der Hand hätte, der von sich sagen könnte: ‚Dies alles ist mein Werk', dessen Machtfülle und Künstleringenium einen ästhetischen Glanz auf das würfe, was er angerichtet hat, weil es wenigstens zur Verherrlichung seiner Stärke und Wohlgeratenheit dient, also überhaupt für etwas gut ist. Nein, nicht einmal das; sondern Sklaverei ohne wirkliche Herrn. Wer unten ist, ist Lohnsklave. Wer nach oben will, ist Sklave seiner Karriere."

15.06.2016 © seit 06.2004 Philognosie Team  
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