Fanatismus: Krieg oder der fanatische Glaube an die eigene Wahrheit

Da ist eine Zauberformel, die seit Beginn des letzten Jahrhunderts viele Menschen faszinierte: „Es geht mir von Tag zu Tag in jeder Hinsicht besser und besser!“

Dies ist die berühmte Autosuggestionsformel des französischen Apothekers und Psychotherapeuten Emile Coue (1857 – 1926). Coue war einer der Pioniere der Suggestionsforschung und sein in den zwanziger Jahren verfasstes Werk und seine Ideen sind zwar damals in Europa gut aufgenommen worden, fanden aber in Amerika wenig Widerhall. Seine Vortragsreise in den USA endete wegen arger feindlicher Pressereaktionen als Misserfolg.

FanatismusDie obige Formel mag wie eine Augenwischerei und der Trick eines göttlichen Narren klingen, direkt importiert aus der esoterischen Konsumküche der Licht-und-Liebe-Fraktion, welche in der mehr kognitiv-spirituellen Szene unseres Landes scherzend als LUL-Fraktion bezeichnet wird.

Die LUL-Fraktion wird in der Regel belächelt und nicht ernst genommen, zum großen Teil auch rechtmäßig, da ihre spirituellen Glaubenssätze naiv und wenig durchdacht erscheinen und höchstens dem Blähbauch der konsumierenden Esoterikindustrie dienen, die immer neue geistige Wunderrezepte in Büchern oder Seminaren erfolgsträchtig vermarktet.

Bis zu einem erstaunlichen Grad erwies sich diese alte Suggestionsformel für Millionen von Menschen dennoch als wirksam. Sie war insofern kein Allheilmittel, als sie ohne Wirkung bei all denjenigen bleiben musste, die an die grundlegende Vertrauenswürdigkeit ihrer eigentlich spirituellen Natur nicht glaubten und glauben. Denn vom Geist leben kann nur der, der sich selbst be-geist-ert. Diese Suggestionsformel ergibt einen sinnvollen Bezugsrahmen, dem sich neue kreative Glaubenssätze zugesellen können.

Meistens begegnen wir in unserer heutigen Gesellschaft den genau entgegengesetzten Glaubensüberzeugungen und es wird allerorts suggeriert: „Es geht mir von Tag zu Tag in jeder Hinsicht immer schlechter und schlechter und der Welt ebenso!“

Dies erscheint mir eine probate Methode, Überzeugungen zu schaffen, die persönliche Katastrophen und Massentragödien geradezu herauf beschwören. Solche Überzeugungen sind allgemein akzeptierte Denkinhalte, ganz besonders in Deutschland. Und wer erwischt sich in diesen wirtschaftlich harten Zeiten nicht dabei, in dieses Horn zu rufen und mit zu schimpfen? Es gibt Meinungen, die „herrschen“ vor.

Wir nehmen zum Beispiel hin, dass viele Tausende in einem Krieg oder Kampf umkommen. Diese Tode werden als Selbstverständlichkeit akzeptiert. Die Begründung heißt: „Es sind Kriegsopfer!“ Selten kommt jemand auf den Gedanken, dass es sich um „Überzeugungsopfer“ handelt. Sie werden einem Gott der vermeintlich richtigen kognitiven Überzeugung geopfert, ohne dass die Grundüberzeugung einmal wirklich überprüft wird. Wir denken: Offensichtlich gibt es einen Feind.

Er hat böse Absichten und muss bekämpft werden. Aber Kriege sind nichts anderes als Massenselbstmorde. Sie werden aufgrund verhängnisvoller Massensuggestionen von den Menschen, die diesen völkischen Glaubenssatz repräsentieren, ausgetragen, zu ihrem eigenen individuellen Schaden und zum Schaden der gesamten Welt.

Dieser Glaubenssatz beinhaltet, dass die Spezies Mensch streitsüchtig und aggressiv ist. Es heißt, wir müssen die feindliche Nation überlisten, bevor wir selbst vernichtet werden. Sicher, wir haben es nicht anders gelernt, wir sind durch Jahrtausende gegangen, die blutige Kriege geprägt haben. Könnten andere geistige Überzeugungen langfristig einen friedlich handelnden Menschen schaffen?

Ist der Mensch eigentlich gewalttätig oder nicht? Haben wir den Mut, den Kindergarten einmal zu verlassen? Die paranoiden selbst- und fremdzerstörerischen Tendenzen verbergen sich massenhaft unter den nationalistischen Fahnen der Menschheit.

Ein verhängnisvoller Glaubenssatz ist außerdem die immer wieder praktizierte Formel: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Das ist der wichtigste Glaubenssatz eines Fanatikers.

Religionskriege haben immer paranoide Tendenzen, denn Fanatiker fürchten immer die geistigen Systeme, deren Glaubenssätze im Widerspruch zu ihren eigenen stehen. Jeder, der die Möglichkeit in Betracht zieht, zur Verwirklichung seines eigenen Ideals zu töten, ist ein hochgradiger Fanatiker. Wenn wir im Westen das christliche Gebot: „Du sollst nicht töten!“ beachten würden, hätten wir eine andere Gesellschaft.

Was bedeutet das? Praktisch gesehen würde es bedeuten, dass wir „um des lieben Friedens willen“ keinen Krieg führen würden. Es würde bedeuten, dass wir nicht mehr in Tierversuchen anderen Geschöpfen das Leben rauben, um menschliches Leben zu erhalten. Der grundlegende Glaubenssatz wäre: „Du sollst nicht töten, selbst nicht um deiner Ideale willen!“

Denn wegen seiner Ideale hat der Mensch vermutlich mehr getötet, als er je aus Habgier oder Mordlust oder Machtwillen getötet hat. Das ist leider die traurige Wahrheit, die wieder aktuell aufersteht und uns alle bedroht, als Ungeheuer in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter!

Fortschritt? „Zwar werden im Zuge dessen einige Menschen ihr Leben lassen müssen, aber die Menschheit im Ganzen wird davon profitieren.“ „Wir verehren die Opfer als Helden und werden sie nie vergessen.“

So lauten die üblichen Rechtfertigungen für Mord und Totschlag an Familien, Stämmen, Völkern. Aber es geht nicht an, dass die Unantastbarkeit des Lebens geopfert wird aufgrund der fanatischen Argumente einiger Politiker, die weder global weitsichtig noch philosophisch einsichtig denken können.

In welcher Unterwelt sind wir in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends gelandet? Welcher Barlog hat uns in seinen Klauen? Als Mensch, der seit über dreißig Jahren aktiv in der esoterisch-spirituellen Szene zu Hause ist, weiß ich aus vielfältigen Erfahrungen, dass der (christliche) Teufel meistens weiß gekleidet erscheint.

Die meisten Menschen glauben in der Regel, dass sie das sogenannte Böse schnell erkennen würden. Weit gefehlt. Man muss tief in die eigenen Abgründe eingetaucht sein, um sich nicht blenden zu lassen von der Scheinheiligkeit der teuflisch-spirituellen Gurus auf der Weltbühne. Denn diese sind zweifellos und überzeugt von ihrer eigenen Güte.

Dadurch können sie fantastisch überzeugen, denn die normalen Menschen sehnen sich nach Halt und Führung. Dennoch sind Fanatiker an ihren Taten leicht zu erkennen. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!“

Egal, ob sie Turbane tragen oder christlich Wiedererweckte sind: Sie bleiben Fanatiker und sind aus diesen Gründen untragbar für ein effizientes Welt-Management. Die Qualität des Lebens darf keinen Schaden nehmen. Emotionale Intelligenz heißt, auch als Chef auf die Bedürfnisse jedes Mitarbeiters zu hören und verständnisorientiert zu handeln, da diese Handlungsweise den nachhaltigen Erfolg des gesamten Unternehmens fördert und festigt.

religionsfanatikerGanz gleich, ob es sich um einen Mitarbeiter in einer großen Firma handelt oder um einen Völkerstaat im internationalen Prozess der Verständigung.

Ein anderes Beispiel: Indem wir ganze Generationen wehrloser Versuchstiere mit tödlichen Krankheiten infizieren, opfern wir das Leben dieser Geschöpfe unserem Glaubenssatz und Ideal der primären Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens.

Selbst wenn die Rechtfertigung lautet, Menschen hätten Seelen, Tiere jedoch nicht, oder dass dem tierischen Leben eine geringere Lebensqualität innewohnt, – diese Vorgehensweise ist Ausdruck von Fanatismus.

Und so kommt wieder einmal menschliche Lebensqualität zu Schaden, denn diejenigen, die unterwegs sind auf diesem grausamen Weg und – in welcher Form auch immer – Leben opfern, verlieren letztlich auch alle Achtung vor dem Leben, menschliches Leben mit eingeschlossen!

Der Zweck rechtfertigt die Mittel in keinem Fall. Wir sind genauso weit von Humanismus entfernt heutzutage wie eh und je.

Die Frauen begehen einen schwerwiegenden Fehler, wenn sie ihre Gleichberechtigung mit den Männern dadurch zu beweisen suchen, dass sie den militärischen Streitkräften beitreten. Die Menschheit wird durch die ständigen Kriege allemal herabgewürdigt. Die Frauen haben bisher gesunden Menschenverstand dadurch bewiesen, dass sie es unterließen, in den Krieg zu ziehen.

Obwohl sie durchaus genauso kämpfen können und unter Umständen noch härter als die meisten Männer es vermögen. Das zeigen auch Fälle der Geschichte. Doch hat mein Geschlecht auch ebenso einen Mangel an gesundem Menschenverstand bewiesen, weil es in der Vergangenheit zuließ und immer noch zulässt, dass die Söhne und Liebhaber in den Krieg ziehen.

Das Töten für den Frieden macht uns nur zu besseren Totschlägern! Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, so ist es. Christlich? Um Gottes Willen! Allah? Gott ist größer! (… wie der moslemische Gruß behauptet.) Wer meint, ein gläubiger Christ oder Moslem zu sein und Menschen in den Tod schickt, ohne selbst akut bedroht zu sein, der ist höchstens besessen, aber nicht erleuchtet.

Wir Deutschen haben durch unsere Geschichte einen nachhaltigen Eindruck von der verheerenden Wirkung dieses Fanatismus gewonnen. Auch bei Hitler speiste er sich durch das angeblich „Gute und Edle“. Auch bei Hitler kam der Fanatismus religiös-esoterisch-theosophisch daher …

In jedem Krieg entspricht der Fanatismus beider Seiten ihrem Engagement. Mir ist bewusst, dass der Krieg oft die einzige Lösung zu sein scheint. Und zwar wegen dieser unglückseligen Glaubensüberzeugungen, die leider weltweit verbreitet sind. Solange wir diese Glaubenssätze nicht überprüfen, wird es keine Änderung geben.

Fanatiker machen gern große Worte und sprechen in salbungsvollen Sätzen von Wahrheit, Frieden, von Gut und Böse und ganz besonders von Vergeltung dessen, was ihnen angetan wurde. Wer kennt nicht das Gefühl, einmal Rache nehmen zu wollen für ein Leid, das von außen kam?

Dennoch: Wir allein sind es, die Verantwortung für unser Leben tragen und das, was uns geschieht. Aber es fällt Fanatikern nicht ein, sich diese intelligente Frage nach der eigenen Mitwirkung am Leid zu stellen; egal, ob es den Einzelnen oder ganze Völker betrifft. Das entschuldigt natürlich nicht das aggressive Verhalten der jeweils anderen Seite. Aber wenn die Windmühle der Rache nicht aufhört, sich zu bewegen, kann das Rad des Schmerzes nicht stillstehen.

Die Todesstrafe ist ebenfalls ein Vergeltungsakt einer fanatischen Gesellschaft. Indem man dem Mörder das Leben nimmt, stellt sich die Gesellschaft auf eine Stufe mit diesem, und andere werden von solchen Verbrechen nicht abgehalten, wie eindeutige Studien beweisen. Die abschreckende Wirkung erweist sich als Humbug.

Eine echte demokratische und friedliche Gesellschaft stellt das Individuum und die Menschheit vor die größten Herausforderungen, aber auch vor die größten Möglichkeiten, denn sie gestattet den freien Austausch aller Ideen. Sie stellt jedoch wesentlich höhere Anforderungen an ihre Bekenner, denn jedes Individuum muss aus einer Vielfalt von möglichen „Wahrheiten“ und Lebensweisen immer und ständig eine Wahl treffen. Diese bildet dann die Grundlage für das tägliche Handeln.

Es gibt ständig und überall Fanatiker, die als Vertreter der endgültigen Wahrheit auftreten. Nicht nur im politischen Feld der Agitation, auch im spirituellen Kreis der Weltverbesserer und Wahrheitsfinder. Sie bilden sich ein, dem einzelnen Menschen die Mühe persönlicher Leistung und die Verantwortung abnehmen zu können.

Solange wir sie lassen und für uns selbst und unsere notwendigen und gewissenhaften Entscheidungen keine Verantwortung übernehmen wollen, werden sie uns weiter knechten und versklaven. Und als Futter in irgendwelchen irrsinnigen Kriegen verheizen. Fanatiker können keine Toleranz vertragen. Sie erwarten Gehorsam.

Lasst uns ungehorsam sein. Ich trinke in diesen Tagen wieder einmal … "Auf den Weltfrieden!"

Von Eire Rautenberg

Eire Rautenberg

Teilen