Einführung in die Philosophie des Nikolaus von Kues

Man kann sich überlegen, ob man Nikolaus von Kues (1401-1464) oder Cusanus, wie er kurz genannt wird, dem Mittelalter (wie Helferich und Hoffmann) oder der Renaissance (wie Aster und Störig) zuordnen will – in der Literatur werden beide Positionen vertreten.

Außerdem kann man darüber nachdenken, ob er im Hinblick auf die Ausübung seines Bischofamts in Brixen (Tirol) ein Heiliger oder ein intriganter Schurke war: die Situation eskalierte, als Cusanus die Nonnen des Klosters Sonnenburg im Pustertal exkommunizierte, weil sie sich seinen Reformen widersetzten. Er verbot den Enneberger Bauern, dem Kloster Abgaben zukommen zu lassen. Die Äbtissin Verena von Stuben ließ sich das nicht gefallen, sondern engagierte mehr als 70 Söldner, um sich mit Gewalt zu holen, was ihr Cusanus verweigerte. Die Bauern legten ihnen einen Hinterhalt und brachten fast alle um.

Nikolaus von Kues CusanusAlfred Gierer kommentiert: "so wandelte sich die 'Enneberger Schlacht' zur Legende und der Bischof zum Schurken: Die Männer im Dienste der Verena hätten ihr nur Recht verschaffen wollen. Als sie angegriffen wurden, hätten sie sich ergeben; doch obwohl sie um Gnade gefleht hätten, seien sie, gemäß dem Befehl des Nikolaus von Kues, alle ermordet, nackt ausgezogen und ohne christliches Begräbnis den wilden Tieren zum Fraß überlassen worden. In der Tiroler Heimatgeschichte wurden schließlich aus den Söldnern der Sonnenburg brave Enneberger Bauern, die aus freien Stücken ihren hungernden Nonnen Hilfe bringen wollten: Die Schergen des Bischofs hätten die Bauern überfallen und getötet" (S. 71).

Das ist noch nicht alles: Einen Hochstapler, der sich als Bischof ausgab, aber nur ein einfacher Kleriker war, ließ er im Rhein ertränken.

Eigentlich hieß er Nikolaus Cryfftz oder Khryppfs (Krebs), lateinisch: Nicolaus Cancer. Nach seinem Geburtsort Kues an der Mosel wird er lateinisch auch Nicolaus Cusanus/de Cusa genannt. Wie Thomas von Kempen und Erasmus von Rotterdam war er Schüler an der Fraterherrenschule von Deventer, die Geert Groote gegründet hatte, der Schüler und Übersetzer von Jan van Ruysbroeck. Cusanus studierte die freien Künste, Kirchenrecht, Theologie und Philosophie. Da er als Rechtsanwalt seinen ersten Prozeß verlor, wurde er Geistlicher.

Seine Verdienste: Er wies nach, daß die Konstantinische Schenkung eine Fälschung war. Er kämpfte gegen Wucher, Simonie (Ämterkauf) und Ablaß. Er kämpfte auf Seiten des Basler Konzils für eine Reform der Kirche, fiel allerdings dann ab zu Papst Eugen IV., was ihm als Verrat ausgelegt wurde. Seinen Kampf gegen das Konkubinat der Priester betrachte ich nicht als Verdienst – der Kampf gegen die Liebe ist nicht nur dumm, sondern aussichtslos.

Cusanus betrachtete auch Judentum und Islam als Ausdruck der einen Wahrheit, obwohl in abgeschwächter Form. Dementsprechend setzte er sich für die Juden ein. Er versöhnte Fürsten und Papst. Er vertrat das heliozentrische Weltbild und hielt das Universum für unendlich groß. Er zeichnete die erste Karte von Mitteleuropa. Seine Kalenderreform wurde erst 150 Jahre später durch Papst Gregor XIII. umgesetzt. "Er erfand ein Hygrometer, mit dem man das Wetter voraussagen kann. Seine Beobachtungen erstreckten sich sogar auf Meereskunde, Botanik Glockenguß, Kanonenbau und Musik" (Kranz 23). Er stiftete das Hospital St. Nikolaus.

Im folgenden gebe ich einen Überblick über die theologischen und philosophischen Werke des Cusanus. De docta ignorantia, De coniecturis und De beryllo zitiere ich nach der zweisprachigen Ausgabe des Meiner-Verlags, die übrigen Schriften nach der deutschen Ausgabe von Scharpff/Döring (1865/2005).

1. Die belehrte Unwissenheit

Cusanus' erstes Werk in drei Büchern (1438-40) stellt "eine Denkmethode […] in theologischen Dingen" vor (I 5). Der Titel bedeutet, daß Cusanus die Unwissenheit der Gelehrten beheben will. Dahinter steht der Gedanke, daß die Philosophen die Wahrheit zwar suchten, aber nicht fanden: "Die Philosophen waren über das göttliche Wort und über das absolut Größte nicht hinreichend unterrichtet" (II 79). Auch die Theologen denken Cusanus zufolge lediglich in Zirkelschlüssen.

Dagegen will Cusanus tatsächlich Gott erkennen, den er für "das absolut Größte" hält (II 65). "Nur Gott ist absolut, alles andere ist eingeschränkt" (II 77). Gott ist zugleich "Mittelpunkt" und "Umfang von allem" (II 89).

Anhand dieses Satzes können wir die von Cusanus angekündigte Denkmethode sehen: Sie besteht darin, in den Gegensätzen die dahinter liegende Einheit zu sehen. Groß oder Klein, Sein oder Nichtsein, Gott ist darüber hinaus.

In Cusanus' Worten: "Weil also nun das absolut Größte in absoluter Aktualität alles ist, was sein kann, und zwar derart frei von irgendeiner Art des Gegensatzes, daß im Größten das Kleinste koninzidiert, darum ist das absolut Größte gleicherweise erhaben über alle bejahende und verneinende Aussage. All das, was als sein Sein begriffen wird, ist es ebensosehr wie es dieses nicht ist, und all das, was als Nichtsein an ihm begriffen wird, ist es ebensosehr nicht, wie es dieses ist. Vielmehr ist es dieses in der Weise, daß es alles ist, und es ist in der Weise alles, daß es keines ist. Es ist so sehr in höchstem Maße dieses, daß es in geringstem Maße eben dieses ist" (I 19).

2. Mutmaßungen

Im Vorwort relativiert Cusanus zunächst die Grundaussage von De docta ignorantia: "die Wahrheit in ihrer Genauigkeit ist unerreichbar. Daraus folgt aber, daß eine bejahende Feststellung über das Wahre, wenn sie von Menschen ausgesprochen wird, immer nur Mutmaßung ist" (S. 3). Mehr will Cusanus auch im vorliegenden Buch nicht geben. Themen sind u.a. Gott, Welt, Mensch, Natur und Tod.

Über seine Erkenntnisse in De docta ignorantia gelangt er hier nicht hinaus. Ein Beispiel: "Zunächst: wenn man sich die Zahl als Urbild der Dinge vorstellt, wird verständlich, daß die göttliche Einheit allem vorangeht und alles einfaltet. Da sie nämlich aller Vielheit vorangeht, kommt sie auch vor aller Verschiedenheit, Andersartigkeit, Gegensätzlichkeit, Ungleichheit, Geteiltheit und allem andern, was die Vielheit begleitet" (S. 19, 21).

Über die Seele und den Tod: "Die Seele ist aber nichts anderes als eine vornehme, einfache, geeinte Kraft. […] Sterben ist nichts anderes als Wegfallen der lebendigmachenden Kraft" (S. 187).

3. Über das Gottsuchen

Cusanus leitet den griechischen Namen theos (Gott) von theōreō (ich sehe) und theō (ich laufe) ab. "Der Mensch muß also laufen, durch das Gesicht suchend, um zu dem alles sehenden Gott zu gelangen. Wir müssen also die Natur des sinnlichen Anschauens vor dem Auge der geistigen Anschauung erweitern, um eine Leiter des geistigen Aufsteigens zu gewinnen" (S. 211).

Ein anderer Weg der Gottsuche "ist die Negation alles Begrenzten." Das heißt konkret: Wenn man sich Gott vorstellt, soll man Körperlichkeit, Sinneseindrücke, Einbildungen, Verstandesüberlegungen und Vernunfttätigkeit weglassen. "Kurz, du findest nichts in dir Gott ähnlich, und sagst daher, Gott sei über alles dieses hinaus das Prinzip deines geistigen Lebens, aus dem dir alles zufließt, was du hast" (S. 217).

4. Über die Gabe des Vaters des Lichtes

Thema ist ein Satz aus dem Jakobusbrief: "Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben und steigt herab vom Vater der Lichter, bei dem es keinen Wandel und keinen Schatten von Veränderung gibt" (Jak 1,17).

Die Interpretation des Cusanus läuft darauf hinaus, daß Gott gut und nicht die Ursache des Bösen ist. Deshalb kommt von ihm alles, was gut ist, z.B. die "geistige Erleuchtung" (S. 219). "Gott ist die unendliche Kraft und völlige Aktivität" (S. 222). Cusanus interpretiert ihn als dreifaltig: "Im Vater hat alles das Sein, im Sohne die Macht, im heil. Geiste die Wirksamkeit" (S. 224).

5. Dialog über die Entstehung der Welt

Conrad und Nikolaus unterhalten sich darüber, wie die Welt erschaffen wurde. Nikolaus betrachtet diesen Vorgang als "Verähnlichung mit dem absoluten Sein" (S. 227). Conrad weist darauf hin, daß die Welt "noch keine 7000 Jahre alt ist, wiewohl es in der Naturgeschichte des Plinius und vielen andern Schriften wieder anders angegeben wird" (S. 228). Nikolaus stellt sich hinter die biblischen Schöpfungsberichte, relativiert sie aber insofern, als Moses "hinsichtlich der Art, wie die Welt erschaffen wurde, sich durchaus menschlich ausgedrückt" habe, "um die Wahrheit in menschlich erfassbarer Weise darzustellen" (S. 229).

6. Über das Sehen Gottes

Cusanus gibt hier ein Stück mystische Theologie. Man kann überlegen, ob er nun eigene mystische Erfahrungen hatte oder nicht. Karl Jaspers meinte: nein. Es handele sich um Spekulationen. Er sieht "die tiefe Befriedigung, die Cusanus an den ständig von ihm wiederholten trinitarischen Gedankenoperationen hat" (in De visioe Dei: S. 264-271), und fragt sich: "warum?" (S. 102)

Jaspers findet diese Gedankenoperationen jedenfalls unbefriedigend: "Das Denken des Cusanus erreicht, daß die Welt in Gottes Glanz erscheint, nicht aber, daß der verborgene Gott aus seiner Verborgenheit herausgeholt würde, es sei denn durch die Offenbarung, die Cusanus glaubt" (S. 104).

Kurt Flasch kommt zum selben Ergebnis: "Wenn Cusanus von intellektueller Schau (visio) spricht, ist dies präzis zu nehmen: als Einsicht in das jeweils Vorausgesetzte. […] Sein Ausdruck 'sehen' ist also nicht im Sinne einer unmittelbaren Schau oder einer Intuition zu deuten" (S. 25).

Angesichts des schwärmerischen Tons von De visione Dei kann man leicht zu einer anderen Auffassung kommen: "Dein Sein, o Herr! verläßt mein Sein niemals. Denn nur so weit bin ich, als du bei mir bist, und da dein Sehen dein Sein ist, so bin ich, weil du auf mich siehst, und wendest du deinen Blick von mir ab, so bin ich nicht mehr" (S. 238).

Macht Cusanus hier die christlichen Mystiker nach oder gründen diese Sätze tatsächlich in eigenen Erfahrungen? In der folgenden Passage trägt er deutlich dicker auf:

"Dein Sehen ist ein Beleben, ein beständiges Einflößen der süßesten Liebe zu dir, durch dieses Einflößen ein Entflammen meiner Liebe zu dir, durch das Entflammen ein Nähren, durch das Nähren ein Anfeuern der Sehnsucht, durch das Anfeuern ein Tränken mit dem Taue der Wonne, durch das Tränken ein Einsenken der Quelle des Lebens, durch das Einsenken ein Vermehren und Andauern und ein Mitteilen deiner Unsterblichkeit, ein Verleihen der unverwelklichen Glorie des himmlischen, höchsten und größten Reiches, ein Mitteilen jener Erbschaft, welche nur dem Sohne gehört, ein Inbesitznehmen der Seligkeit, wo der Urquell (ortus) aller Wonnen ist, die je erstrebt werden können, über welchen hinaus etwas Besseres nicht nur keinem Menschen oder Engel denkbar ist, sondern auch in keiner Weise des Seins existiert, denn es ist die absolute Größe selbst von jedem vernünftigen Verlangen, die nicht mehr größer sein kann" (S. 239).

Die Art, wie Cusanus Gott in der Welt erkennt, läßt eher an scholastische Spekulation als an mystische Erfahrung denken: "Ich erkenne daher den Baum als eine Entfaltung der Samenkraft und den Samen als eine Entfaltung der allmächtigen Kraft" (S. 244). "Das Ausgehen der Kreatur von dir ["o Gott!"] ist ihr Eingehen in dich und das Entfalten ist ein Insichfassen" (S. 254).

Aber wie steht es damit: "Wer also dein Antlitz zu sehen verdient, sieht alles enthüllt und nichts bleibt ihm verborgen" (S. 245)? Ist der folgende Satz wörtlich oder als literarischer Topos zu nehmen: "Ich sehe dich, Herr und Gott! In einer Art von Entzückung (in raptu quodam mentali)" (S. 264)? Ausgehend vom lateinischen Verbum rapere könnte man raptus auch mit "Ergriffenheit, Auffassung, Einsaugen, Zerrissenheit" übersetzen.

Bei den folgenden Sätzen kann es sich auch um rein theoretische Reflexionen ohne eigenen Erfahrungshintergrund handeln: "Wer dich, das geistige Licht, aufnimmt, kann zu einer solchen Vereinigung mit dir gelangen, daß er dir geeint ist, wie der Sohn mit dem Vater" (S. 267). "Es kann also der Mensch mit dir durch deinen Sohn, der das Mittel der Vereinigung ist, vereinigt werden" (S. 269).

Die "Koinzidenz der Gegensätze" betrachtet Cusanus in dieser Schrift als "die Mauer des Paradieses, in dem du ["o Herr!"] wohnst. Seine Pforte bewacht der stolze Verstand. Wird dieser nicht besiegt, so öffnet sich das Tor nicht zum Eingange. Also nur jenseits der Koinzidenz der Gegensätze kannst du geschaut werden, diesseits derselben in keiner Weise" (S. 250).

In der folgenden Passage bringt er ein Stück negative Theologie: "Daher bist du unzugänglich, unerfassbar, unnennbar, unsichtbar. Wer dir sich nahen will, muß über alle Begriffe, Grenze und Begrenztes sich erheben. Der Geist muß unwissend (ignorantem) werden und ins Dunkle sich stellen, wenn er dich sehen will. Was ist aber diese Unwissenheit des Geistes? Ist es nicht die gelehrte Unwissenheit (docta ignorantia)? Es kann sich also dir, mein Gott! Der du die Unendlichkeit bist, nur derjenige nahen, welcher weiß, daß er dich nicht kenne" (S. 257).

Die docta ignorantia scheint hier also einen anderen Sinn zu haben als im gleichnamigen Werk, in dem Cusanus seine Unwissenheit zu belehren versucht. Hier denkt man eher an die Armut des Geistes in Jesu Bergpredigt (vgl. Mt 5,3). Cusanus zufolge hat nur Jesus "die Substanz, die Wesenheit der Dinge gesehen" (S. 274).

7. Gespräch über das Seinkönnen

Es handelt sich bei dieser kurzen Schrift um einen Dialog zwischen Bernhard, Johannes und einem Kardinal über eine Stelle aus dem Römerbrief des Paulus, die Bernhard (S. 283) sehr frei zitiert:

"Denn sein [Gottes] unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und Göttlichkeit sind seit [Bernhard: "durch"] Erschaffung der Welt an seinen Werken durch die Vernunft zu erkennen" (Röm 1,20).

Der Kardinal interpretiert den Satz mit Hilfe einer Stelle aus dem 2. Korintherbrief: "… denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare dagegen ewig" (2 Kor 4,18).

Das Ergebnis der Untersuchung: "Was ist die Welt anders, als die unsichtbare Erscheinung Gottes? Was ist Gott anders, als die Unsichtbarkeit des Sichtbaren" (S. 290)?

8. Über das Globusspiel

In der Form eines Dialogs zwischen Herzog Johann von Bayern und einem Kardinal (1. Buch) bzw. Herzog von Bayern Albert und Kardinal Nicolaus (2. Buch) entwirft Cusanus ein Modell der Welt. Er hält sie für "überaus vollkommen, weil sie ganz nach dem freien Willen des gütigsten Gottes erschaffen ist" (S. 299).

Der Mensch ist für ihn "ein Mikrokosmos, d. i. eine Welt im Kleinen" (S. 309). Auch innerhalb seines Körpers setzt sich das Prinzip Mikrokosmos = Makrokosmos fort: "So spiegelt sich der ganze Mensch in der Hand ab, die eine richtige Proportion zum ganzen Menschen hat. Indessen spiegelt sich doch im Haupt die ganze Vollkommenheit des Menschen vollkommener ab. So spiegelt sich auch das Universum in jedem seiner Teile ab. Denn alles hat seine Angemessenheit und sein richtiges Verhältnis zum Universum. Gleichwohl spiegelt es sich in dem Teile, der Mensch heißt, besser ab als in jedem andern" (S. 310).

Beide, Mensch und Welt, haben eine Seele. Die menschliche oder vernünftige Seele ist "eine Bewegung, die sich selbst bewegt, wie die Platoniker sagen, geschaffen". Sie bewegt "sich und dein ganzes Ich" (S. 300), d. h. "sie unterscheidet, abstrahiert, trennt und verbindet" (S. 304). Tier- oder Baumseelen sind der Substanz nach gleich wie menschliche Seelen, "allein akzidentiell sind alle verschieden" (S. 310).

Die menschliche Seele "ist eine unkörperliche Substanz und die Kraft zu verschiedenen Fähigkeiten", nämlich Sinneswahrnehmung (sensualitas), Einbildungsvermögen (imaginatio), Verstand (ratio) und Vernunft (intelligentia) (S. 303). Sie ist "unveränderlich" (S. 304) bzw. "beständig dauernd" (S. 306) und "hat ferner die Kraft in sich, neue Künste und Wissenschaften zu erfinden." Sie assimiliert sich allem Erkennbaren (S. 304). "Denken, Überlegen und Begriffbilden (cogitatio, consideratio et terminatio) sind Kräfte unserer Seele" (S. 305).

Die Weltseele, Natur oder Weltkraft "ist immerwährend, weil ihre Bewegung eine runde und kreisförmige ist, die jede andere Bewegung […] in sich begreift." Sie nährt "alles in sich […], eint, verbindet, hegt und bewegt" (S. 309). "Die ganze Körperwelt verhält sich zu dieser Seele wie der menschliche Körper zur Seele" (S. 310). Die Zeit hängt von der Seele ab, nicht umgekehrt.

Während der Mensch "die Freiheit hat, zu denken, was er will", werden die Tiere vom Instinkt getrieben. Aber auch in der Natur "waltet Verstand". Das sieht man etwa daran, wie die Spinne ihr Netz webt und die Schwalben ihre Nester bauen (S. 307).

Gott lebt "in noch wahrerer Weise […] als die Seele" (S. 305). Er ist "der vollkommenste Geist, dreieinig" und "ewig" (S. 306). "Er wird Vater genannt, als Einheit = Sein, Sohn als Gleichheit der Einheit (denn die Einheit, das Sein erzeugt die Gleichheit, welche die Gleichheit des Seins ist), heiliger Geist, weil Verbindung oder Liebe der Einheit und Gleichheit (S. 335).

Er leitet die Gläubigen und macht sie vollkommen. Wer auf ihn hofft, wird nicht von ihm verlassen. Zwischen Gott und Mensch vermittelt Christus, "durch den man den Zugang zum wahren Leben […] erlangen kann" (S. 330). "Der ist ein Christ, der die Ehre Christi dem eigenen Leben und der eigenen Ehre vorzieht, und zwar so, daß wenn die Prüfung der Verfolgung über ihn kommt, er als Christ erfunden wird" (S. 317).

Die Begriffe Gott und Materie sind gleichermaßen unbegreiflich. Man kann nur sagen, daß alles, was wir sehen, das Abbild eines Urbildes ist: "Weil Gott ist, ist alles" (S. 337). Gott, "die größte Kraft, die es geben kann, die am meisten geeinte und einfachste Kraft" (S. 337), ist alles in allem: "Gott ist die Einheit, die zugleich das Sein ist […] und alles dem Sein nach in sich faßt" (S. 340). "Das Sein von allem ist [...] in allem, was existiert, und alles Existierende existiert in dem Sein selbst" (S. 325). Und: "Das Erkennen Gottes ist Sein, das Sein Gottes ist Wesenheit; das Erkennen Gottes heißt soviel, als daß das göttliche Sein in allem Seienden ist" (S. 333).

Das Globusspiel ist eine Art Boccia: Die Spieler werfen Globi "mit kugelförmiger, etwas konkaver Mitte" auf eine Figur aus zehn spiralförmig angeordneten Kreisen (S. 291f). "Mitten im Kreise ist der Sitz des Königs, dessen Reich das Reich des Lebens ist, eingeschlossen in den Kreis, der noch neun andere Kreise in sich faßt. Die Regel des Spiels ist nun die: Der Globus muß innerhalb des Kreises zu Ruhe kommen; je näher dem Zentrum er ruht, desto mehr gewinnt er nach der Zahl des Kreises, in dem er zur Ruhe kommt. Wer am schnellsten es auf 34 – die Zahl der Jahre Christi – bringt, ist Sieger. Dieses Spiel nun bezeichnet die Bewegung unserer Seele aus ihrem Reiche in das Reich des Lebens, in dem Ruhe und ewige Seligkeit ist, in dessen Zentrum unser König, der Spender des Lebens, Jesus Christus, thront" (S. 315).

Für die Zehnzahl der Kreise bietet Cusanus drei Interpretationen an: 1. Sie stehen für die neun Engelchöre und Gott. 2. Sie stehen für den sichtbaren, erkennbaren und vernünftigen Himmel, von denen jeder dreifältig ist, und Gottes Thron darüber. 3. Sie stehen für eine Werteskala mit dem "absoluten Wert" (der "Ursache alles Wertes") im Zentrum und dem "geringsten Wert" als äußerstem Kreis (S. 351).

9. Von der Jagd auf die Weisheit

Zu dieser Schrift wurde Cusanus durch die Lektüre der "Leben und Meinungen berühmter Philosophen" von Diogenes Laertius angeregt. Er definiert das Philosophieren als "Jagd nach Weisheit", "d. i. nach einem schmackhaften Wissen (sapidam scientiam)" (S. 357).

Tatsächlich sucht er hier die Weisheit nicht, sondern er geht von einem Satz aus, der für ihn bereits feststeht: "Es ist nur eine schöpferische Ursache des Werdenkönnens von allem" (S. 364). Natürlich ist damit Gott gemeint.

Was Cusanus im folgenden auf der Basis dreier Weisheitsgebiete und von zehn Feldern, auf denen er die Weisheit jagt, schreibt, ist also eine bloße Scheinveranstaltung, der er quasi zur Bemäntelung einen mystischen Touch gibt: "Diese meine Forschung nach der unaussprechlichen Weisheit, welche älter ist als alles Namengeben, bewegt sich mehr im Stillschweigen und Schauen als im vielen Reden und Hören" (S. 383).

Das Ergebnis seiner Jagd ist eine Konjektur zum Ausgangspunkt: "Mein Gott ist in allem Lobenswerten lobenswert" (S. 385). Und: "Alle Werke Gottes sind lobenswert" (S. 386).

10. Kritik des Alchoran

Cusanus will anhand des Korans "die Wahrheit des Evangeliums" aufzeigen (S. 393). Er denkt, Mohammed habe den Weg zu Gott erleichtern wollen, sei aber "vom bösen Geiste irregeführt" worden (S. 394).

Er habe aus dem Neuen Testament "die Weltverachtung, den Vorzug des künftigen Lebens, Überzeugung von der Gerechtigkeit und den Werken der Barmherzigkeit, Liebe Gottes und des Nächsten, Aufopferung des Vermögens, ja selbst der Seele für Gott" übernommen, außerdem "den Glauben, sterben für Gott sei ewiges Leben", "Liebe zur Tugend, Verbot des Wuchers, Mordes, Meineides, der Hurerei, der Begierde nach fremdem Gute" (S. 405).

Die Trinität charakterisiert Cusanus folgendermaßen: "Die Fruchtbarkeit ist der Vater, die Geburt dieser Fruchtbarkeit ist der Sohn, die Liebe ist die Verbindung beider – der hl. Geist" (S. 423). Er findet sie auch im Koran, da es dort heiße, Gott (= Vater) habe Mohammed seinen Geist geschickt, und da dort auch von Jesus (= Sohn) die Rede sei.

Insgesamt findet Cusanus bei Mohammed nur eine einzige Gewißheit: "Es ist ein Gott, der Schöpfer des Universums" (S. 450f). "Es ist kein Gott außer Gott" (S. 452). Ansonsten wirft er ihm vor, "daß es bei ihm an Wahrheit fehle" und er aus diesem Grund zu den Waffen gegriffen habe, um seine Lehre zu verbreiten (S. 452). Er habe nur nach Macht gestrebt. Die muslimischen Gelehrten würden das Evangelium lieben und dem Koran vorziehen.

11. Über den Frieden oder die Übereinstimmung unter den Religionen

Es geht Cusanus darum, einen Religionsfrieden dadurch herbeizuführen, daß er auf Übereinstimmungen der verschiedenen Religionen hinweist. Auch hinter der Verschiedenheit religiöser Riten sieht er nur eine einzige Religion, hinter der Verehrung mehrerer Götter nur einen einzigen Gott.

Die christliche Trinität versucht er trotzdem zu retten: "Einige nennen die Einheit Vater, die Gleichheit Sohn und die Verbindung den hl. Geist […]. Die Natur des Vaters geht mit einer gewissen Ähnlichkeit in den Sohn über und verbindet beide in Liebe. Könnte man einfachere Ausdrücke finden, so wären sie noch passender etwa: Einheit, Diesheit (iditas) und Dieselbigkeit (identitas)" (S. 494).

Auch in den Lebewesen, besonders im Menschen findet Cusanus die Trinität: "Auch in der Wesenheit der vernünftigen Seele ist ein fruchtbare Einheit: Geist, Weisheit und Liebe oder Wille. Der Geist erzeugt die Weisheit, aus beiden entsteht die Liebe oder der Wille. Jede Kreatur trägt das Abbild der unerschaffenen göttlichen Dreieinigkeit an sich" (S. 494).

12. Ausgewählte Texte

Anton Scharpff hat die ausgewählten Abschnitte thematisch geordnet (S. 519-674). Thema ist die Bibelinterpretation – man findet hier so ziemlich alles, was in einer christlichen Predigt vorkommen kann.

Cusanus verknüpft Trinität, Ethik, Kirchenstruktur und Menschenbild:

  • "Wer Gott allem […] vorzieht, der hat die Richtung zum Vater. Wer die Wahrheit allem vorzieht, der nimmt [...] die Richtung zu dem Sohne. Wer das Gute in seiner Reinheit auserwählt, […] nimmt die Richtung zu dem hl. Geiste" (S. 562).
  • "So ist es auch mit der Kirche, dem mystischen Leibe Christi, in welcher der Geist Christi, d. i. die heiligende Liebe weht, deren Subjekt die vernünftige Seele ist. Diese belebt den Körper, während sie selbst vom Geiste Christi belebt wird; der Geist ist das Wort des Lebens, die vernünftige Seele ist das Priestertum, der Leib das gläubige Volk" (S. 563).

Die Seele hält er für unsterblich. Der Mensch steht zwischen Engel und Tier. So ist er "die Vereinigung zweier Naturen, die verschiedene Gesetze und Bewegung haben. Diese Vereinigung ist daher mit einem beständigen Kampfe verbunden. Die Tugend, welche diesen Kampf besänftigt, ist die Geduld" (S. 656).

Als Ursünde betrachtet Cusanus die sexuelle Begierde. Wieviel ihm die Vernunft bedeutet, zeigt seine Ansicht, daß die Dämonen vernunftlose Wesen beherrschen können und daß nur "die vernünftige Natur" geheiligt werden kann (S. 560). "Die Vernunft (intellectus) ist das Auge (visus) der Seele" (S. 583).

Cusanus unterscheidet theoretische und praktische Vernunft: mit ersterer erfaßt man das Wahre, mit letzterer das Wahre "unter dem Gesichtspunkte des Guten […]. Dem Erfassen des Wahren als Wahren […] korrespondiert das Hervorgehen des Lichtes; dem Erfassen des Wahren als des Guten […] korrespondiert das Hervorgehen des Schönen; der Bewegung der Sehnsucht korrespondiert das Hervorgehen des Liebenswürdigen" (S. 666). Mit Sehnsucht meint Cusanus das Verlangen nach dem Wahren, sobald es sich uns als Gutes zeigt.

Seine Erkenntnistheorie: Es ist "nichts im Verstande […], was nicht vorher in der sinnlichen Anschauung war" (S. 569). Doch die "sinnliche Erkenntniskraft" ist "mangelhaft"; der Geist ist "nicht sinnlicher Art" (S. 579).

Zahlreiche Passagen handeln von der Liebe zu Gott und zum Nächsten. "Nur die Liebe scheidet zwischen Kindern Gottes und des Verderbens […]; sie belebt alle Kräfte der Seele und gibt ihnen die Richtung zu Gott. […] Da die Liebe das Leben der Seele ist, so ist jede Sünde, die gegen die Liebe ist, Todsünde" (S. 561). Am meisten liebt, wer sich selber gibt.

Cusanus grenzt die Liebe ab von der Freundschaft. Letztere ist für ihn eine sittliche Beziehung, die "um des sittlich Guten, Angenehmen und Nützlichen willen zum Zwecke des bürgerlichen Zusammenlebens die Menschen verbindet" (S. 561). Die goldene Regel zitiert Cusanus regelmäßig in ihrer positiven Form (vgl. Mt 7,12; Lk 6,31).

Ein wichtiges Anliegen ist ihm der Friede, den er mit Gott gleichsetzt: "Für jetzt will ich nur das gesagt haben, der absolute Friede sei es, in welchem allein der dreieinige Gott gefunden wird; denn daß Gott der Friede ist, heißt soviel, als daß er das dreieinige Prinzip ist. […] Der Friede ist aber eine Einigung […]. Die Einigung erfolgt durch eine Vermittlung; diese Vermittlung ist das, worin die Gegensätze ihre Ruhe finden […]. Der Friede scheint daher die Verbindung (nexus) zu sein, durch welche alles mit dem Zentrum verbunden wird, daß es nicht auseinander fahre (ne defluant). […] Der Friede muß die Sehnsucht aller Wesen sein, weil ohne ihn nichts besteht" (S. 659). "Die Vereinigung der Gottheit mit der Menschheit ist der höchste Friede" (S. 660).

Den Himmel betrachtet Cusanus als eine Art kommunistisches Paradies: "Im Himmel ist alles gemein und einer teilt mit dem andern, das Verdienst des einen vermehrt die Freude aller" (S. 566).

Die Eucharistie hält er für ein Mittel, um die "Einheit mit dem mystischen Körper Christi" herzustellen (S. 571). "Wer diese geistige Speise genießt, wird durch Begeisterung und Liebe […] in sie verwandelt" (S. 574).

Das "Vater unser" erklärt Cusanus mehrfach: S. 625f, S. 626f, Wort für Wort in Katechismusform (S. 627-633) und sogar auf deutsch (S. 633-651; meist schrieb er lateinisch).

13. Vier religiöse Dialoge

Im ersten Dialog Über die Verkündigung der glorreichsten Jungfrau Maria erscheint Maria einem Christen, so daß er ihr seine Fragen hinsichtlich der Empfängnis von Jesus stellen kann. Zuerst denkt man, Cusanus würde nicht über Lk 1,35 hinauskommen (vgl. S. 682f), doch dann wird es spannend. Maria hat das Wort:

"Doch nun, als ich so mit vollem Glauben wünschte, das Wort des Engels möchte sich erfüllen, empfing ich in demselben Momente in meinem Leibe den Sohn Gottes und der Engel schied von mir, nachdem er seinen Auftrag vollzogen" (S. 684f).

Der Engel ist also während der Empfängnis anwesend. Ein Schelm, wer dabei nicht an Gen 6,1-4 denkt! Ansonsten gibt es noch eine Lektion in Sachen Demut, zu der man gut philosophisch über die Selbsterkenntnis gelangen kann.

Auf den Karfreitag ist ein Dialog zwischen Maria, der Kirche und Johannes über Jesu Tod am Kreuz. Johannes steuert eine Besonderheit zum Verrat des Judas bei: Als Maria Magdalena Jesus in Bethanien mit Nardenöl salbte, meinte Judas, daß er das Öl hätte verkaufen und davon für sich 30 Silberlinge hätte abzweigen können (vgl. Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Joh 12,1-8). Um diesen Verlust wettzumachen, verriet er Jesus für 30 Silberlinge (vgl. Mt 26,14ff; Mk 14,10f; Lk 22,3-6).

Im Dialog über die Auferstehung Christi unterhalten sich Maria Magdalena und ein Christ. Cusanus phantasiert hier über Marias Liebe zu Jesus (vgl. Lk 7,47), die zu Beginn des Dialogs einen sehr irdischen Eindruck macht – vgl. das Philippus-Evangelium, in dem Maria Magdalena Jesu "Gefährtin" genannt wird (Vers 32), die Jesus häufig auf den Mund küßte, so daß die Jünger eifersüchtig wurden (Vers 55b). Diese Stellen bilden u.a. die Grundlagen für das von Dan Burstein und Arne de Keijzer herausgegebene Buch "Das Geheimnis der Maria Magdalena".

Die Maria des Cusanus erzählt:

"Den Schatz meines Herzens […] wollte ich im Tode nicht verlassen, ihn, den ich immer so sehr liebte. […] Wenigstens von ferne sollte die Sehnsucht nach meinem Erlöser mich erquicken. Ich Unglücklichste von allen hatte kein Leben mehr in mir, da ich das Herz meines Geliebten, in dem mein Leben ruhte, von der Lanze durchbohrt sah. Wie konnte da noch irgendeine Kraft in mir übrig sein? Ich warf mich ermattet auf die Erde hin, daß der Rest des Lebens mir genommen und ich begraben werde mit dem Geliebten, dieweil ich seinem Leibe mich nicht nahen durfte, an den ich mich doch durch Bande der Liebe unzertrennlich gefesselt hatte" (S. 708).

Im Dialog zwischen Maria Magdalena und einem Christen erfährt der Leser, daß Gott seine Liebe in Maria gesenkt hat, ihre Liebe also doch nicht so irdisch war, wie zuerst gedacht. Maria unterscheidet hier drei Grade der Liebe: 1. Gutes tun; 2. spirituelle Entwicklung; 3. Feindesliebe; sieben tägliche Ekstasen mit Levitationen.

14. Sieben Predigten

Des Cusanus Rede bei Austeilung des Hl. Abendmahls hat die Verähnlichung mit Christus durch Einnahme der Kommunion zum Inhalt.

Der Beruf des Christen ist es, Christus zu gehören, nicht der Welt, die den befleckt, der sich auf sie einläßt. Cusanus vergleicht die Männer mit Goldmünzen, die Frauen mit Silbermünzen. Beide sollen dafür sorgen, daß sie rein bleiben und ihr Wert erhalten bleibt.

Da die Seele kein Geschlecht hat, wirkt die Zuordnung des Cusanus sexistisch. Als ob er das selbst gespürt habe, beteuert er, das Silber der Frauen sei gleich viel wert wie das Gold der Männer. "Denn im Reiche Christi gibt es keinen Unterschied von Mann und Frau" (S. 741).

In Scheinchristen und wahres Christentum unterscheidet Cusanus "in der sichtbaren Kirche neun Ordnungen der Bösen, so wie es in der Kirche neun Ordnungen der wahren Streiter Gottes gibt" (S. 744). Die Bösen sind "nur dem Namen, nicht dem Geiste nach Christen". Während sie äußerlich wie Jesus-Statuen aussehen, sind sie innerlich leb- und geistlos (S. 743). Die irdischen Statuen frönen dem Bauch, die hölzernen sind habsüchtig, die steinernen hartherzig, die eisernen geizig, die bleiernen neidisch, die zinnernen wollüstig, die kupfernen hochfahrend, die silbernen dünkelhaft, die goldenen eitel. Die echten Christen verwirklichen dagegen die Werte des Paulus: "Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit" (S. 745).

In seiner Rede auf den Karfreitag vergleicht Cusanus Jesus mit einem Bräutigam, der "vom Vater in diese Welt gesandt wurde, um dir die Wahrheit deines Ursprungs zu enthüllen und dich zur Einsicht zu bringen, daß du in der Hand des Verführers bist, um den Glauben dir zu erschließen und die Sehnsucht nach dem Reich des Lebens […] zu erwecken" (S. 754).

Über Abtötung handelt von zweierlei Arten der Liebe zum Sichtbaren und Unsichtbaren. Nur mit Hilfe des Glaubens kann der Mensch die Welt überwinden.

In seiner Anrede an Kanoniker aus Veranlassung einer bevorstehenden Visitation (1443) erinnerte Cusanus die Adressaten an "das Wesentliche aller religiösen Orden", das auch für sie gelte: "Verzicht auf Eigentum, Abtötung des Fleisches, Aufgeben des freien Willens – Trennung von der Welt, um Gott im Geiste zu dienen" (S. 763). Da Gott die Liebe ist, sollten auch die Kanoniker einander lieben und so ihrem Namen gerecht werden. Denn ein Kanoniker sei "ein Mann der Regel, der die Regeln der Heiligen auf sich genommen hat" (S. 762).

Die Rede auf Mariä Himmelfahrt (Koblenz 1432) enthält eine harte Kirchenkritik: Die Kirche weise "wenig Edles" auf, statt "Gerechtigkeit, Verständigkeit und Klarheit" sei sie "gehüllt in das Leder tierischer Gesinnung und Unwissenheit; sie wälzt sich im Kote der Begierlichkeit und Ausschweifung, sie klebt durch Habsucht an der Erde; sie ist unbeständig" (S. 766).

15. Über den Beryll

In seinem letzten Buch (1457) unterscheidet Cusanus "drei Erkenntnisweisen, nämlich die der Sinne, die der Vernunft und die der Intelligenz [...]. Diese Begriffe sollen dich nicht verwirren, weil bisweilen das durch die Intelligenz Erkennbare durch die Vernunft Erkennbares genannt wird. Ich nenne es aber so wegen der Intelligenzen." Man berührt es "im Überschreiten" (S. 7).

Cusanus nimmt sich viel vor: "Wir wollen den Beryll vor unsere geistigen Augen halten und durch das zugleich Größte, über das hinaus nichts größer sein kann, und Kleinste, über das hinaus nichts kleiner sein kann, sehen" (S. 9).

Der Beryll wurde "vermutlich nach dem Namen der südindischen Stadt Belur" benannt. Er ist ein "in reinem Zustand glasklares, farbloses, oft gelbliches, pegmatitisch-pneumatolytisch gebildetes Mineral" (MEL 3/895). Pegmatit ist ein "aus einer an leichtflüchtigen Bestandteilen reichen, meist granitenen Restschmelze des Magmas entstandenes grob- bis riesenkörniges Ganggestein" (MEL 18/342). Pneumatolyse ist eine Gesteinsumwandlung durch das Entweichen von Gasen.

Warum der Beryll? "Unser Beryll läßt schärfer sehen, so daß wir Gegensätze im verknüpfenden Ursprung vor der Zweiheit sehen, nämlich bevor sie zwei Entgegengesetzte sind, so wie wenn wir die kleinsten der Entgegengesetzten zusammenfallen sähen, zum Beispiel die kleinste Wärme und die kleinste Kälte, die kleinste Langsamkeit und die kleinste Schnelligkeit und so von allem, so daß dies ein Ursprung vor der Zweiheit der beiden Entgegengesetzten sind" (S. 49, 51).

Am wichtigsten ist die Führung durch Gott: Wen er anleitet, kann "alles sehen, was auf menschliche Weise gesagt werden kann" (S. 57). Denn "die Schöpfervernunft beabsichtigt, sich in bestimmter Weise zu offenbaren" (S. 67). Sie hat "alles erschaffen, um sich selbst kundzutun" (S. 83).

Dementsprechend hält Cusanus das Erkennen für wertvoller als das Essen. Denn das Essen erhält nur den vergänglichen Körper, das Erkennen aber hat "ein höheres und unvergänglicheres Ziel" (S. 83). Es steht für ihn fest, "daß die Erkenntnis dem Erkannten das Sein gibt so wie das ursächliche Urbild aller Formen, indem es sich selbst zum Vorbild macht" (S. 91).

Man soll deshalb Gott um Erleuchtung bitten. Das vorliegende "Büchlein" soll nur "Stoff geben zu denken, größere Geheimnisse aufzufinden und Höheres zu berühren und in den Lobpreisungen Gottes, nach dem sich jede Seele sehnt, immer zu verharren" (S. 91).

© Gunthard Rudolf Heller, 2016

Literaturverzeichnis

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09.12.2016 © seit 10.2016 Gunthard Heller

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