Kleine Einführung in die Philosophie von Michel de Montaigne

Michel de Montaigne (1533-1592) ist einer der liebenswertesten und zugänglichsten Philosophen. Jeder kann seine Essais ohne Vorbereitung lesen und verstehen. Aus jeder Zeile spricht der Mensch de Montaigne, so daß ich ihn zu den Existenzphilosophen rechnen würde, müßte ich ihn systematisch einordnen.

Manche halten ihn für einen Skeptiker. Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) zeigt in seinem Essay "Montaignelektüre", warum diese Einschätzung zu kurz greift: Die Wahrheit ist de Montaigne zu wichtig, seine Themen zu vielgestaltig, seine persönliche Präsenz zu konstant.

Andere halten ihn für einen Moralisten. Tatsächlich sieht man schon anhand der Überschriften der Essais, daß die Moral sein Hauptthema ist. Doch de Montaigne ist es nicht darum zu tun, Regeln für das zwischenmenschliche Verhalten aufzustellen. Er zeigt, was ist, wie sich historische Persönlichkeiten verhalten haben, und was er darüber denkt. Er schreibt nicht nur über Tugenden (Tapferkeit, Mäßigkeit) und Laster (Feigheit, Trunksucht), sondern auch über Affekte und ihre Ausdrucksformen (Trauer, Furcht, Weinen und Lachen, Eigendünkel, Zorn, Eitelkeit, Grausamkeit). "Besonders im Urteil der Kirche und bei den Jansenisten galten die Essais als moralisch bedenklich" (Volker Roloff, in: KNLL 11/886).

Michel de Montaigne PhilosophieIn seiner Vorrede "An den Leser" (I 5f) nennt de Montaigne die autobiographische Dokumentation den Hauptzweck seiner Essais, so daß Verwandte und Freunde die Erinnerung an ihn bewahren können. "Meine Fehler habe ich frank und frei aufgezeichnet, wie auch meine ungezwungne Lebensführung, soweit die Rücksicht auf die öffentliche Moral mir dies erlaubte" (I 5). "Ich selber [...] bin also der Inhalt meines Buchs" (I 6).

Einen breiten Raum nimmt de Montaignes Auseinandersetzung mit antiken Autoren (z.B. Homer, Sokrates, Platon, Aristoteles, Seneca, Plinius, Plutarch) und historischen Persönlichkeiten (z.B. Alkibiades, Cato) ein. Unter den Zeitgenossen taucht Paracelsus (1493-1541) auf, von dem de Montaigne glaubte, er könnte beweisen, daß die Medizinmethoden vor ihm tödlich gewesen seien. Seine eigene Gesundheit wollte er ihm allerdings doch nicht anvertrauen.

De Montaigne beruft sich für seinen Haß auf die Ärzte auf seine Vorfahren, die alles für Quacksalberei hielten, "was über die tägliche Ernährung hinausging" (II 654). "Der bloße Anblick einer Arznei drehte meinem Vater den Magen um" (II 655). Der Grund: Es gebe "kein Medikament ohne schädliche Nebenwirkungen" (II 669). Seine eigene Erfahrung lehrte ihn, daß diejenigen Menschen am schnellsten krank und am langsamsten gesund wurden, die sich Ärzten unterwarfen. War er selber krank, was häufig der Fall war, ertrug er seine Leiden ohne medizinische Behandlung und blieb nicht länger krank als andere, die zu den Ärzten liefen.

De Montaigne warf ihnen gar Herrschsucht und Betrug vor: Sie würden die Gesundheit zur Krankheit erklären, damit ihnen niemand entkommen könne. Daß das nicht immer bemerkt wird, erklärte er so: "Aber die Ärzte haben halt, wie Nikokles sagt, das Glück, daß ihre Erfolge von der Sonne beschienen, ihre Fehler aber von der Erde bedeckt werden. Zudem verstehn sie es geschickt, alle Geschehnisse für sich zu nutzen, denn sie betrachten es als Vorrecht der Medizin, als eigenen Erfolg zu verbuchen, was Schicksal, Natur oder andre nichtmedizinische Einwirkungen (deren Zahl unendlich ist) in uns Gutes und Heilsames bewirken" (II 662). Ein Klistier ins Gehirn sei nützlicher als eines in den Hintern.

Die Medizin ist beileibe kein Nebenthema bei de Montaigne, obwohl sie in den Überschriften kaum auftaucht (vgl. den 25. Essai im zweiten Buch). Am meisten schreibt er im 37. Essai des zweiten und im 13. Essai des dritten Buchs darüber.

Der Grundgedanke der Homöopathie war ihm vertraut: "Nur was unsern kranken Magen angreift, kann ihn kuriern. Hier trifft also die allgemeine Regel nicht zu, daß alles durch sein Gegenteil geheilt werde, denn das Übel heilt in diesem Fall das Übel" (I 311).

Auch den Krieg betrachtete er übrigens als Krankheit.

Die Alten- und Krankenpflege sah er realistisch: Wer sich ihr widme, verhärte mit der Zeit. Er verliere Empathie und Mitleid.

Auch die Gesundheit definierte er im Gegensatz zur heutigen WHO (Gesundheit als "Zustand völligen körperlichen geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens", Pschyrembel 571) noch realistisch: "Gesundheit heißt für mich meinen gewohnten Zustand ungestört beibehalten" (III 464).

De Montaigne war fromm. Er empfahl, das Vaterunser "vor und nach den Mahlzeiten, beim Aufstehen und beim Schlafengehn sowie bei all den besondren Verrichtungen, die man mit Gebeten zu begleiten pflegt", zu sprechen, "wenn nicht allein, so wenigstens stets zusätzlich" (I 475).

Seiner Meinung nach schützt nur Gott die Menschen. Nur er kann ihnen helfen. Doch von Glaubensbekenntnissen hielt er nichts: "Welch widerliche Krankheit, das eigene Bekenntnis für so stark zu halten, daß man sich einredet, es sei unmöglich, das Gegenteil zu bekennen" (I 479).

Der Bibellektüre stand de Montaigne ebenfalls kritisch gegenüber: "Das ist kein Studium für jedermann; es ist das Studium von Menschen, die sich ihm weihen, die Gott hierzu beruft. Die Bösen und die Ignoranten werden darüber nur noch böser. Nicht eine Geschichte zum Erzählen ist dieses Buch – es ist eine Geschichte zum Verehren, Fürchten und Anbeten" (I 480).

Wie wichtig de Montaigne die Aufrichtigkeit in Sachen Religion war, zeigt folgende Stelle: "Wahrhaftes Gebet und gläubige Versöhnung mit Gott sind einer unreinen, gar in ebendem Augenblick der Herrschaft Satans unterworfnen Seele verwehrt. Wer den Allmächtigen um seinen Beistand anruft, während er auf dem Weg des Lasters wandelt, macht es wie der Beutelschneider, der die Justiz zu Hilfe ruft, oder wie jene, die Gottes Namen zur Bekräftigung von Lügen mißbrauchen" (I 485f).

Die Aufgabe der Philosophie sah er darin, uns "die Waffen zum Kampf mit dem Schicksal in die Hand" zu geben und uns zu ermutigen (II 250). "Ihr Vorhaben zielt auf Wahrheit, Wissen und Gewißheit" (II 261). Wer wie Aristoteles und "auch die meisten andern Philosophen" (II 270) nur schwerverständlich schreibe, verstecke lediglich, daß er nichts zu sagen habe. Fundament und "Vater der Philosophie" sei Homer (II 272). Sie sei so vielgestaltig, "daß sich all unsre Träume und Träumereien in ihr finden" (II 329). Und sie sei den Machthabenden ein Dorn im Auge: Den Erkennenden könne man nicht beherrschen. Die Philosophie erziehe "uns für uns, nicht für andre: Nicht scheinen sollen wir, sondern sein" (II 650).

Sich selbst hielt de Montaigne allerdings nicht für einen Philosophen.

Seine Einstellung zu den Frauen war ganz modern: Er dachte, "daß Mann und Frau aus ein und demselben Lehm geknetet sind" – die Unterschiede zwischen ihnen würden hauptsächlich "von Erziehung und Brauch" herrühren (III 179f). So ist seine Auffassung, daß die Frauen für die Theologie ungeeignet seien, erklärlich.

© Gunthard Rudolf Heller, 2017

Literaturverzeichnis

ENZYKLOPÄDIE PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTSTHEORIE, hg. v. Jürgen Mittelstraß, 4 Bände, Stuttgart/Weimar 2004

KINDLERS NEUES LITERATURLEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996

LEXIKON DER PHILOSOPHISCHEN WERKE, hg. v. Franco Volpi und Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1988

MERLEAU-PONTY, Maurice: Montaignelektüre, in: Zeichen, hg. v. Christian Bermes, Hamburg 2007, S. 291-310

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

MONTAIGNE, Michel de: Essais - Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett, drei Bücher, o.O 12000

PSCHYREMBEL: Klinisches Wörterbuch, Berlin/New York 2581998

26.05.2017 © seit 03.2017 Gunthard Heller

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