Kleine Einführung in die Philosophie von Augustinus

Aurelius Augustinus (354-430) war Rhetoriklehrer, bevor er Priester und später Bischof von Hippo Regius an der nordafrikanischen Küste wurde. Seine philosophische Entwicklung lief über die Stationen Cicero (Hortensius), Manichäismus, Skeptizismus, Stoa und Neuplatonismus zum Christentum.

1. Augustinus als Christ

Augustinus vertrat "die Unterscheidung von Person und Amt", um die Donatisten abzuwehren, die Amtshandlungen Unwürdiger für ungültig hielten. Demgegenüber meinte er: "Auch unheilige Päpste können […] heilige Riten gültig vollziehen. Also können auch, folgerte man, unwürdige Päpste die päpstliche Institution am Leben erhalten" (Küng 3/84).


Augustinus Philosophie Einführung Die Auseinandersetzung mit den Pelagianern, die die Willensfreiheit der Menschen vertraten, führte bei Augustinus zur Verschärfung seiner Auffassung von Sünde und Gnade. Er wurde zum Vater der Erbsünde, die im Alten Testament nicht vorkommt. Paulus hat sie mit 1 Kor 15,21f und Röm 5,12-21 angesprochen: Durch Adams Ungehorsam gegenüber Gott (vgl. Gen 3,1-24) waren die Menschen dem Tod geweiht, während Jesus durch seinen Gehorsam den Menschen das Leben brachte.


Augustinus betrachtete die sexuelle Begierde als Wesen der Erbsünde, die von den Eltern bei der Zeugung an die Kinder übertragen werde. "Insofern die Konkupiszenz alle Akte des Sünders infiziert, sind alle seine Akte ‚Sünde‘ […]. Der innere Unterschied zwischen Erbsünde und persönlicher Sünde ist bei Augustin nicht herausgearbeitet" (Karl Rahner, in: HthT 2/157).


Warum Hans Küng noch einen Übersetzungsfehler von Augustinus konstruiert, kann ich nicht nachvollziehen: "Adam, ‚in dem (statt korrekt dem griechischen Urtext zufolge: nach dessen Beispiel) alle Menschen sündigen‘, war jedoch eine glatte Fehlübersetzung von Röm 5,12" (Küng 3/100).


Schlägt man die Stelle Röm 5,12 nach, findet man folgendes: "… wie durch einen Menschen [di henos anthrōpou] die Sünde in die Welt hereingekommen ist …" (Interlinearübersetzung von Ernst Dietzfelbinger). In 1 Kor 15,22 steht dagegen: "Denn gleichwie in Adam [en tō Adam] alle sterben, so auch in Christus [en tō Christō] alle werden lebendig gemacht werden."


Augustinus hat also nicht falsch übersetzt, sondern Küng hat sich auf die falsche Stelle bezogen. Walter Bauer (Spalte 521-527) listet die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten von griech. en akribisch auf und faßt zusammen: "Der Gebrauch dieser Präposition ist so vielseitig, aber auch oft so verschwommen, daß eine genaue Systematik unmöglich ist" (Sp. 521). Er übersetzt en tō Adam in 1 Kor 15,22 mit "durch den Zusammenhang mit Adam sterben" (Sp. 524).


Auch für die "Theorie rechtmäßiger Gewaltanwendung zur Erreichung geistlicher Zwecke, die schließlich den Einsatz von Gewalt auch zur Ausbreitung des Christentums erlaubte" (Küng 3/103), macht Küng Augustinus verantwortlich, der sich bei Lk 14,23 auf die Übersetzung der Vulgata bezog.

In Jesu Gleichnis (Lk 14,16-24) nötigt der Hausherr über seinen Knecht die Armen und Kranken zum Eintritt in sein Haus, da die eingeladenen Gäste zu seinem Gastmahl nicht erschienen sind. In der Vulgata wird aus griech. anankason ("nötige") lat. conpelle ("rede an", "rufe an", "dränge", "nötige"), nicht, wie Küng (3/103) schreibt, coge ("zwinge"). Doch vielleicht bezog sich Küng ja auf eine andere Lesart, die in meiner Handausgabe nicht aufgeführt ist (sie enthält "nur eine kleine Auswahl aus den vielfältigen Varianten und den zahlreichen Zeugen"; Vorwort, S. XII).


Jedenfalls wurde Augustinus Küng zufolge nicht nur der Vater der Erbsünde, sondern auch "zum Kronzeugen für die theologische Rechtfertigung von Zwangsbekehrungen, Inquisition und Heiligem Krieg gegen Abweichler aller Art" (Küng 3/103); "am Ende seines Lebens kann Augustinus schon 88 Häresien aufzählen" (Kranz 494).


Küngs Hinweisen auf Augustinus in "Ist die Kirche noch zu retten?", die ich angeführt habe, gingen übrigens zwei ausführlichere Darstellungen in "Große christliche Denker" (S. 79-116) und "Das Christentum" (S. 342-364) voraus.

2. Augustinus als Philosoph

Zunächst drei Anekdoten aus der Sammlung von Frank Schweizer:

  • Nachdem Augustinus einem betrunkenen Bettler etwas Geld hingeworfen hatte, mußte er weinen, weil er dachte, der Bettler wäre nun eine Weile glücklich, er selbst aber nicht, obwohl es ihm finanziell gut ging.
  • Auf die Frage nach der Entstehung des Universums und nach dem Ursprung des Menschen gab Augustinus eine ganz praktische Antwort: Der Mensch sei wie ein Mann, der in einen Brunnen gefallen sei. Es komme nicht auf die Ursache des Hineinfallens an, sondern darauf, ihm herauszuhelfen. Übertragen: Es kommt darauf an, zu Gott zu finden, nicht darauf herauszufinden, wie man ihn verloren hat.
  • Auf die Frage, was Gott vor der Erschaffung des Universums getan habe, antwortete Augustinus, er habe die Hölle für Menschen geschaffen, die solche Dinge fragen.

Wilhelm Weischedel betrachtet Augustinus als "größten christlichen Philosophen der westlichen Welt", der nur Gott und die Seele habe erkennen wollen (S. 80). Sein Gottesbeweis war eigenartig: Da der Mensch durch die Introspektion die Existenz der Wahrheit entdecke, müsse es Gott als "Maßstab der Wahrheit" geben (S. 83). Gottes Wesen meinte Augustinus aus dem Wesen des Menschen erkennen zu können.

3. Lektüretips

Possidius, ein Freund des Augustinus, der zwischen 431 und 439 n. Chr. dessen Biographie verfaßt hat, nennt über 1030 Schriften und Briefe. Wer kein ganzes Werk von Augustinus lesen, sondern sich nur die Rosinen zu Gemüte führen will, ist mit der Zitatensammlung von Marianne Ligendza gut beraten.


Den besten Einstieg in sein Denken bieten die Bekenntnisse des Augustinus. Am wichtigsten ist seine Beziehung zu Gott, die er so ausdrückte: "… geschaffen hast Du uns zu Dir, und ruhelos ist unser Herz, bis daß es seine Ruhe hat in Dir" (S. 13). Sein Erweckungserlebnis stellte er so dar: Mit dem "Auge meiner Seele" habe er "über meinem Geist das unwandelbare Licht" geschaut (S. 335) und Gott "mit dem Herzen" gehört (S. 337).

Die anderen Werke von Augustinus sind mühsam zu lesen.


Am bekanntesten und umfangreichsten, aber auch am lohnendsten ist Vom Gottesstaat, in dem er die Christen gegen den Vorwurf verteidigte, sie seien schuld an der Eroberung Roms durch die Westgoten (410 n. Chr.). Mit "Gottesstaat" meinte er das von Jesus gelehrte und begründete "Reich Gottes" (vgl. die von Franz Joseph Schierse zusammengetragenen Bibelstellen S. 1080f), das er mit der Kirche identifiziert (VIII 24, XIII 16, XVI 2, XVII 4). "Ob man nun von dem Hause Gottes, dem Tempel Gottes oder Staate Gottes spricht, es ist alles dasselbe" (XV 9). Der irdische Staat lebe "nach Menschenweise", der himmlische "nach Gott" (XV 27).


Bemerkenswert sind

  • seine Definition des Philosophen als "Liebhaber Gottes" (VIII 1),
  • die Unterscheidung von Göttern (mit einem Ätherleib) und Menschen (mit einem irdischen Körper, IX 13), zwischen denen die Dämonen stehen (IX 9),
  • seine Bemerkung über die Trinität ("Urgründe") bei Platon, der Gott mit seinem "Geistesauge" geschaut habe (XI 21): ein Mittleres (entspricht dem Heiligen Geist) zwischen Gott Vater und der Vernunft, die sein Sohn ist (X 23),
  • die Kapitel über die Seelenwanderung (X 30, XIII 19),- seine Version von Descartes‘ Cogito, ergo sum: "Doch ohne das Gaukelspiel von Phantasien und Einbildungen fürchten zu müssen, bin ich dessen ganz gewiß, daß ich bin, weiß und liebe" (XI 26),
  • seine Empfänglichkeit für "jenes unkörperliche Licht", das unseren Geist anstrahlt, "so daß wir über all diese Dinge [Sein und Nichtsein, Verstand und Wissen] recht urteilen können […], soweit wir für dies Licht empfänglich sind" (XI 27),
  • sein Bericht über den Backenzahn eines Riesen, den er an der Küste von Utica gesehen hat, und Knochen von Riesen (XV 9),
  • seine Auffassung, daß Gott die Heiligen damit belohnt, daß er sich ihnen zeigt (XVI 39),
  • seine Zusammenfassung über das bisher Geschriebene (XVIII 1).

Ungleich kürzer sind folgende Schriften:

In den Predigten über den ersten Johannesbrief steht das bekannteste Gebot des Augustinus: "Liebe und tu, was du willst! Schweigst du, so schweig aus Liebe; redest du, so rede aus Liebe; rügst du, so rüge aus Liebe; schonst du, so schone aus Liebe: die Wurzel der Liebe sei in deinem Innern! Aus dieser Wurzel kann nur Gutes erblühen" (S. 94f).

Der Dialog Über das Glück ist ziemlich spröde. Sein Inhalt: Nur wer die Wahrheit erkennt, kann glücklich sein.

Die Selbstgespräche enthalten das Programm der Philosophie von Augustinus: "Gott und die Seele will ich erkennen" (S. 19; vgl. a. S. 65 und 73). Da es zur Weisheit verschiedene Wege gibt, beschränkt sich Augustinus auf eine einzige Regel: "von Grund auf muß man die Sinnenwelt fliehen" (S. 59). Für Logiker sind die Syllogismen des Augustinus interessant: – Nur das Unsterbliche ist wahr. Das Unwahre ist falsch. Deshalb gibt es nur Unsterbliches (S. 69). – Nur die Seele kann wahrnehmen. Wenn sie tot ist, kann sie nichts wahrnehmen. Deshalb ist sie unsterblich (S. 83). – Nur was so ist, wie es scheint, ist wahr. Nur bei den Sinnen kann ein Körper einen Schein hervorrufen. Nur die Seele kann wahrnehmen. Was kein wahrer Körper ist, ist kein Körper. Daraus folgt: Nur wenn die Seele schon da ist, kann es Körper geben (S. 87).

Von der Unsterblichkeit der Seele, eine Fortsetzung der "Selbstgespräche", ist ziemlich langweilig, Sophistik pur. Augustinus setzt sich mit dem Einwand auseinander, daß eine Seele, die irrt, sich selbst vernichtet. "Dieser Einwand ist, nach Augustin, in sich widersprüchlich; denn um sich täuschen zu können, muß die Seele leben. Die Wahrheit (und mit ihr die Seele) ist ihrem Wesen nach so unzerstörbar, daß selbst ihr Gegenteil, der Irrtum, die Seele nicht zerstören kann" (Hans Ludwig Heuss, in: KNLL 1/871). Augustinus nennt hier die Vernunft das "Sehvermögen der Seele" (S. 171) und meint, sie sei "den Augen unvergleichlich vorzuziehen" (S. 187).

Der Lehrer handelt von der "Frage der Ursache des menschlichen Denkens und der Gedanken" (Hans Ludwig Heuss, in: KNLL 1/873). Es ist Gott, "DER allein uns lehrt, der uns durch die äußeren Worte von Seinem Wohnen in unserm Inneren benachrichtigt" (S. 99).

© Gunthard Rudolf Heller, 2016

Literaturverzeichnis

AUGUSTINUS, Aurelius: Liebe und tu, was du willst, Textauswahl von Marianne Ligendza, Kevelaer 1986

  • Bekenntnisse (Confessiones), Lateinisch und Deutsch, eingeleitet, übersetzt und erläutert von Joseph Bernhart, Frankfurt am Main 11987
  • Vom Gottesstaat (De civitate dei), 2 Bände, aus dem Lateinischen übertragen von Wilhelm Thimme, München 21985
  • Gott ist die Liebe – Die Predigten des hl. Augustinus über den 1. Johannesbrief, übersetzt und eingeleitet von Fritz Hofmann, Freiburg 31954
  • De beata vita / Über das Glück, Lateinisch/Deutsch, Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Ingeborg Schwarz-Kirchenbauer und Willi Schwarz, Stuttgart 1982
  • Selbstgespräche – Von der Unsterblichkeit der Seele, lateinisch und deutsch, Einführung, Übertragung, Erläuterungen und Anmerkungen von Hanspeter Müller, München/Zürich 1986
  • Der Lehrer / De Magistro, übertragen von Carl Johann Perl, Paderborn 31974

BAUER, Walter: Wörterbuch zum Neuen Testament, hg. v. Kurt und Barbara Aland, Berlin/New York 61988

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976


BIBLIA SACRA VULGATA, Stuttgart 31983


BROWN, Peter: Augustinus von Hippo (Augustine of Hippo – A Biography, London o.J.), übersetzt, bearbeitet und herausgegeben von Johannes Bernard, Leipzig 1972


GEERLINGS, Wilhelm: Augustinus, Freiburg/Basel/Wien o.J.


HERDERS THEOLOGISCHES TASCHENLEXIKON, hg. v. Karl Rahner, 8 Bände, Freiburg im Breisgau 1972 (HthT)


KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996 (KNLL)


DER KLEINE STOWASSER – Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, hg. v. Michael Petschenig und Franz Skutsch, München 1971


KRANZ, Gisbert: Sie lebten das Christentum – 28 Biographien, Regensburg 31978


KÜNG, Hans: Große christliche Denker, München/Zürich 1996 (1)

  • Das Christentum – Die religiöse Situation der Zeit, München/Zürich 22003 (2)
  • Ist die Kirche noch zu retten?, München/Zürich 2011 (3)

LANGENSCHEIDTS GROSSWÖRTERBUCH LATEINISCH-DEUTSCH, hg. v. Hermann Menge, Berlin/München/Wien/Zürich/New York 241992

LEXIKON DER BIBLISCHEN EIGENNAMEN (Dictionnaire des noms propres de la Bible, Paris o.J.), hg. v. Olivier Odelain und Raymond Séguineau, übersetzt und für die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift bearbeitet von Franz Joseph Schierse, Düsseldorf 11981


MARROU, Henri: Augustinus mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, aus dem Französischen übertragen von Christine Muthesius, Reinbek bei Hamburg 1988


MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81


DAS NEUE TESTAMENT – Interlinear-Übersetzung von Ernst Dietzfelbinger, Neuhausen-Stuttgart 21987


POSSIDIUS: Das Leben des heiligen Kirchenvaters Augustinus, aus dem Lateinischen übertragen von Kapistran Romeis, Berlin 1930


PUTZGER, F. W.: Historischer Weltatlas, Berlin 941970


SANDVOSS, Ernst: Aurelius Augustinus – Ein Mensch auf der Suche nach Sinn, Freiburg im Breisgau 1978


SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986


SCHWEIZER, Frank: Nur einer hat mich verstanden … – Philosophenanekdoten, Stuttgart 2006


WEISCHEDEL, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe – 34 große Philosophen in Alltag und Denken, München 121984

Gunthard Heller

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