Einführung in die Philosophie von Martin Heidegger

Martin Heidegger ist einer der einflussreichsten deutschen Philosophen der Neuzeit. Die Einen zählen ihn zu den größten Denkern der Geschichte, für andere sind seine philosophischen Thesen zu theoretisch und unverständlich. Dennoch liegt in seiner Philosophie ein eigenartiger Zauber und eine Anziehungskraft, die viele Menschen (und Denker) bis heute fasziniert.

Leider sind Heideggers Thesen nicht leicht zu verstehen, da er eine sehr individuelle Ausdrucksweise entwickelt hat, die dem Leser große Konzentration und ständiges "Mitdenken" abverlangen.

Daher kann man Interessierten empfehlen, sich zunächst mit einer Einführung zu seinem Gesamtwerk auseinandersetzen, um sich einen Überblick über seine wichtigsten Philosopheme zu machen.

In dieser Ausarbeitung über die philosophischen Werke Heideggers erhalten Sie einen Überblick über die Kernthesen - oder Philosopheme - dieses großen Denkers. Neben der von ihm entwickelten Ontologie werden zusätzlich auch begleitende Aspekte der Philosophiegeschichte besprochen.

Sein "Hauptwerk" - SEIN UND ZEIT - wird in Grundzügen vorgestellt und mit hilfreichen Kommentaren versehen. Zudem kommen einige Grundprobleme der Phänomenologie und der Metaphysik zur Sprache.

Am Ende bekommen Sie noch einige Tipps und Literaturhinweise, wie "Anfänger" am besten in das Denken und die Philosophie Heideggers einsteigen können. Damit können Sie sich mit dieser Einführung einen grundlegenden Überblick über sein Werk verschaffen.

Vorwort

"Man meint allenthalben, der Versuch in 'Sein und Zeit' sei in eine Sackgasse geraten. Lassen wir diese Meinung auf sich beruhen". (Heidegger: Brief über den 'Humanismus', zit. n. Wegmarken, S. 343).

Über Heideggers Philosophie liegt ein eigenartiger Zauber, der ihre Anziehungskraft ausmacht. Andererseits ist sie nicht leicht zugänglich und erscheint dem Neuling recht trocken. Heideggers unglückselige Kollaboration mit den Nationalsozialisten hat auf manche auch heute noch einen abschreckenden Effekt.

In der folgenden kleinen Einführung habe ich nicht den Anspruch, Heideggers Philosophie als Ganzes darzustellen. Mir geht es lediglich darum, einem Laien, der sich aus irgendeinem Grund für Heidegger interessiert, ein paar Tipps zu geben, damit er sich bei der Lektüre von Heideggers Werken zurechtfinden kann.

Auf den Punkt gebracht besteht Heideggers Philosophie aus Ontologie und Philosophiegeschichte.

Ontologie

Ontologie ist wörtlich das "Reden vom Seienden" oder das "Reden von dem, was ist". Das Wort wurde aus griech. to on und logos zusammengebastelt. To on ist das Partizip Präsens Neutrum von einai = "sein" und bedeutet "das Seiende, Wirkliche, Wirklichkeit, Wahrheit, wahrer Verlauf", logos heißt ursprünglich einfach "das Sagen, Reden, Sprechen, Rechnen", hat aber eine Fülle von Bedeutungen angenommen.

Sie reichen von der einzelnen Aussage bis zum Gespräch, von der Nachricht bis zum Text, vom Gegenstand bis zum Ereignis, von der Rechnung bis zum Beweis, von der Rechenschaft bis zur Verantwortung, von der Bedeutung bis zur Vernunft (vgl. Menge-Güthling).

Mit der sog. "ontologischen Differenz" ist eigentlich der Unterschied zwischen den Dingen (= das Seiende) und ihrem bloßen Vorhandensein (= das Sein) gemeint. Doch Heidegger verselbstständigt das Sein zu einem eigenen Begriff, dem er sich mit einer Fülle von Definitionen anzunähern versucht.

Hans Gadamer erzählt zu Beginn seines Aufsatzes "Hermeneutik und ontologische Differenz": "Wenn ich mich an die ersten Vorlesungen Heideggers, die ich selber 1923 in Freiburg und 1924 in Marburg gehört habe, erinnere, so war damals das Wort 'ontologische Differenz' wie ein Zauberwort." Eigene "Denkversuche und […] Beiträge" der Studenten speiste Heidegger oft mit der Bemerkung ab: "'Ja, ja – aber das ist ontisch, nicht ontologisch'" (S. 58).

Was damit gemeint ist, erfährt man von Annemarie Gethmann-Siefert in der von Jürgen Mittelstraß herausgegebenen "Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie": "Die Metaphysik bleibt insofern bloß ontisch, als sie nach dem höchsten Seienden, nicht aber nach dem Sein fragt, somit also die ontologische Differenz verfehlt" (Bd. 1, S. 480).

Soviel wurde auch Gadamer klar: Heidegger meinte mit der ontologischen Differenz "den Unterschied des Seins von allem Seienden." Aber: "Was das heißen soll, ist dunkel genug. Kein Mensch weiß im Grunde, was der Begriff 'das Sein' meint, und trotzdem haben wir alle ein erstes Vorverständnis, wenn wir das hören, und wir verstehen, dass hier das Sein, das allem Seienden zukommt, nunmehr zum Begriff erhoben wird. Damit ist es von allem Seienden unterschieden. Das meint zunächst 'die ontologische Differenz'" (a.a.O., S. 60). Heidegger gab ganz verschiedene Definitionen von "Sein": Nietzsche verwendet es in der Bedeutung "das Seiende im Ganzen" (Holzwege, S. 218), es ist der "Grund des Seienden" (ebd. S. 257). "Seiendes ist unabhängig von Erfahrung, Kenntnis und Erfassen, wodurch es erschlossen, entdeckt und bestimmt wird.

Sein aber 'ist' nur im Verstehen des Seienden, zu dessen Sein so etwas wie Seinsverständnis gehört. Sein kann daher unbegriffen sein, aber es ist nie völlig unverstanden. In der ontologischen Problematik wurden von alters her Sein und Wahrheit zusammengebracht, wenn nicht gar identifiziert" (Sein und Zeit, § 39, S. 183). "Der Streit bezüglich der Interpretation des Seins kann nicht geschlichtet werden, weil er noch nicht einmal entfacht ist" (ebd. § 83, S. 437).

"Sein ist ja nicht ein Seiendes unter anderen, sondern all das, wozwischen vorher unterschieden wurde, alles und die betreffenden Bereiche, fällt jetzt auf die Seite des Seienden. Und das Sein?

Wir wissen es nirgends unterzubringen. Und ferner: Wenn beide grundverschieden sind, dann sind sie im Unterschied doch noch aufeinander bezogen: Die Brücke zwischen beiden ist das 'und'. Mithin ist er als Ganzes ein in seinem Wesen völlig dunkler Unterschied. Nur wenn wir dieses Dunkel aushalten, werden wir empfindlich für das Problematische und kommen so in den Stand, das zentrale Problem, das dieser Unterschied in sich birgt, zu entwickeln, wodurch wir das Weltproblem begreifen" (Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 518).

"Was ist das Sein selbst? Diese allererst zu entfaltende und zu begründende Frage nennen wir die Grund-frage der Philosophie, weil in ihr die Philosophie erst den Grund des Seienden als Grund und zugleich ihren eigenen Grund erfragt und sich begründet" (Nietzsche Bd. 1, S. 80). "Das Sein wird für Platon sichtbar in den 'Ideen'. Sie sind das Sein des Seienden und so selbst das wahrhaft Seiende, das Wahre" (ebd. S. 194).

"Das Wissen von der Seiendheit des Seienden – kurz vom Sein – nennt Aristoteles πρώτη φιλοσοφία [prōtē philosophia = erste Philosophie; Anm. v. mir], die Philosophie in erster Linie, d. h. das eigentliche philosophische Wissen und Denken" (ebd. S. 601). "Nietzsche legt das Sein des Seienden aus als Wille zur Macht" (ebd. S. 160).

"Schon der seit dem Beginn der Metaphysik bei Platon geläufige Name für das Sein: οὐσία [ousia = Dasein, wahrhaftes Sein, Wesen(heit), wirkliche Beschaffenheit, Wirklichkeit, Realität, Wahrheit, Stoff, Substanz, Vermögen, Besitz, Eigentum, Habe; Anm. v. mir], verrät uns, wie das Sein gedacht […] wird. […] οὐσία heißt Seiendheit und bedeutet so das Allgemeine zum Seienden.

Sagen wir vom Seienden, z. B. von Haus, Pferd, Mensch, Stein, Gott, nur dieses aus, es sei seiend, dann wird das Allgemeinste gesagt. Die Seiendheit nennt daher das Allgemeinste dieses Allgemeinsten: das Allerallgemeinste, τo κοινότατον [to koinotaton ist der Superlativ von koinos = gemeinsam, allgemein, gewöhnlich, öffentlich; Anm. v. mir], die oberste Gattung (genus), das 'Generellste'.

Im Unterschied zu diesem Allerallgemeinsten, im Unterschied zum Sein, ist das Seiende dann je das 'Besondere', so und so 'Geartete' und ' Einzelne'. Die Unterscheidung des Seins zum Seienden scheint hier darauf zu beruhen und darin zu bestehen, dass von allen Besonderungen des Seienden abgesehen ('abstrahiert') wird, um dann das Allgemeinste als das 'Abstrakteste' (Abgezogenste) zu behalten.

Bei dieser Unterscheidung des Seins gegen das Seiende wird über das inhaltliche Wesen des Seins nichts gesagt" (Nietzsche Bd. 2, S. 211). "Das Sein ist die vom Seienden als solchem gesetzte Bedingung seiner selbst und als diese Bedingung ein Wert unter anderen Werten" (ebd. S. 360).

"Der Ursachecharakter des Seins als Wirklichkeit zeigt sich in aller Reinheit an jenem Seienden, das im höchsten Sinne das Wesen des Seins erfüllt, da es das Seiende ist, das nie nicht sein kann. 'Theologisch' gedacht, heißt dieses Seiende 'Gott'" (ebd. S. 415).

"Sein ist die Wirklichkeit im Sinne der unbezweifelbaren Vorgestelltheit.
Sein ist Wirklichkeit im Sinne der vorstellenden Anstrebung, die aus einfacher Einheit je ein Seiendes, das eine Welt ist, ereinigt.
Sein ist als solche Ereinigung die actualitas.
Sein hat jedoch als die also wirkende (mögende) Wirklichkeit den Grundzug des Willens.
Sein ist als dieses Wollen die Beständigung der Beständigkeit, die gleichwohl ein Werden bleibt.
Sein ist, sofern jedes Wollen ein Sich-Wollen ist, durch das 'Auf-sich-zu' ausgezeichnet, dessen eigentliches Wesen in der Vernunft als Selbstheit erreicht wird.
Sein ist Wille zum Willen" (Nietzsche Bd. 2, S. 453).

"Das Sein ist das, woraufzu die Seele hinstrebt, - nicht nur gelegentlich und nicht zu irgendeinem Zweck, sondern von sich aus, ihrem Wesen nach und einzig eben für sich. Die Seele ist dieses Strebnis nach dem Sein. Wir nennen es mit Bezug auf die Platonische Charakteristik das Erstrebnis des Seins, oder kurz: Seinserstrebnis. 'Seele' ist jetzt einfach das Wort für Seinserstrebnis" (Vom Wesen der Wahrheit, S. 203).

"'Sein', darunter ist nichts vorzustellen. Seiendes wohl, aber Sein? In der Tat, der gemeine Verstand und die gemeine Erfahrung versteht und sucht nur Seiendes. An ihm aber das Sein zu sehen und zu erfassen und gegen Seiendes zu unterscheiden, ist Aufgabe der unterscheidenden Wissenschaft, der Philosophie. Sie hat zum Thema das Sein und nie das Seiende" (Die Grundbegriffe der antiken Philosophie, S. 7).

"Sein ist nicht in der Erfahrung gegeben und doch mitverstanden. Jeder versteht, wenn wir sagen: Das Wetter 'ist' trüb, die Bäume 'sind' in Blüte. Wir verstehen 'ist' und 'sind' und sind doch in Verlegenheit zu antworten, was heißt 'ist', 'sind', besagt 'Sein'" (ebd. S. 9).

Mit diesen Bestimmungen Heideggers aus dem frühesten der hier zitierten Werke (1926) sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt.

Zur Erinnerung: Mit der sog. "ontologischen Differenz" ist eigentlich der Unterschied zwischen den Dingen (= das Seiende) und ihrem bloßen Vorhandensein (= das Sein) gemeint. Doch Heidegger verselbstständigte das Sein zu einem eigenen Begriff, dem er sich mit einer Fülle von Definitionen anzunähern versuchte. Wer noch nicht genug davon hat, kann in "Die Grundbegriffe der antiken Philosophie" auf den Seiten 55, 66f, 76, 140, 151, 223, 234, 236, 253, 260f, 271, 283, 291 und 331 noch weitere Stellen über das Sein finden.

Wer verstehen will, wie ein solches Denken historisch gewachsen ist, kommt um die Philosophie des Parmenides (um 515 – um 445 v. Chr.) nicht herum. Sie ist nur fragmentarisch überliefert.

Die Fragmente werden in den Ausgaben von Diels/Kranz und Jaapfeld so geordnet, dass Parmenides zuerst von einer Art Himmelsreise erzählt, bei der er von der Rechtsgöttin Dike Philosophieunterricht bekommt. Unterrichtsinhalte sind eine Art von Logik und Mythenkritik. Die Logik wird als überzeugende Wahrheit hingestellt, die überlieferten kosmologischen Mythen werden als bloße Meinung abgetan.

Ich rede hier absichtlich von Logik und nicht von Ontologie oder Metaphysik, denn Ausgangspunkt der göttlichen Lehren bei Parmenides ist eine Tautologie: "der eine Weg, daß IST ist und daß Nichtsein nicht ist, das ist die Bahn der Überzeugung (denn diese folgt der Wahrheit), der andere aber, daß NICHT IST ist und daß Nichtsein erforderlich ist, dieser Pfad ist, so künde ich dir, gänzlich unerkundbar; denn weder erkennen könntest du das Nichtseiende (das ist ja unausführbar) noch aussprechen; denn dasselbe ist Denken und Sein" (Diels/Kranz 28 B 2 und 3).

"Nötig ist zu sagen und zu denken, daß nur das Seiende ist; denn Sein ist, ein Nichts dagegen ist nicht" (DK 28 B 6).

Kurz: Was es gibt, das gibt es, und was es nicht gibt, das gibt es nicht. Das ist eine Tautologie, oder auf gut Schwäbisch: doppelt gemoppelt.

04.04.2017 © seit 09.2011 Gunthard Heller

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