Einführung in das Werk von Albert Camus

Camus (1913-1960) studierte in Algier Philosophie, wurde aber nicht zum Staatsexamen zugelassen, da er an Tuberkulose litt. Seine Abschlußarbeit schrieb er 1936 über "Christliche Metaphysik und Neoplatonismus" (so der Titel). Er wurde Schauspieler, Journalist, Redaktionssekretär, Lektor, Redakteur und Schriftsteller, der Essays, Romane und Theaterstücke schrieb.

Albert CamusDavor und zeitweise nebenher schlug er sich als Schreiber, Verkäufer, Mitarbeiter eines meteorologischen Instituts und Privatlehrer durch. Eine Zeitlang war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Während der Besatzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten schloß er sich dem Widerstand an.

"Der Gedankengang von Camus' Werk, das dem französischen Existentialismus […] zugezählt wird, enthält drei Schritte: vom Absurden über die Revolte zum Maß. Jedem Schritt ist ein Triptychon von Roman, philosophischem Essay und Theaterstück gewidmet, begleitet von literarischen Essays, politisch-philosophischen Stellungnahmen (gegen die Todesstrafe, über die Diktatur, zur Verteidigung von Vernunft und Freiheit, zur Stellung des Künstlers in seiner Zeit etc.) und Tagebuchaufzeichnungen" (Kuno Lorenz, in: EPhW 1/370; vgl. a. MEL 5/292 und Todd 188).

Olivier Todd gibt (meist) auf der Basis von Zitaten Camus' (über die ganze Biographie verteilt) folgende Einteilung:

  • Absurdes: Der Fremde, Der Mythos von Sisyphos, Caligula, Das Mißverständnis;
  • Revolte: Die Pest, Der Mensch in der Revolte, Das Mißverständnis, Der Belagerungszustand, Die Gerechten;
  • Maß (auch "Zyklus von Vernunft und Glück", Todd 758): Der erste Mensch

Die Schematisierung ist, wie man sieht, einerseits nicht eindeutig ("Das Mißverständnis" kommt doppelt vor), andererseits nicht vollständig:

  • Es fehlen z.B. Camus' Beschäftigung mit der Metaphysik (Gott, Schöpfung, Schicksal, Religion) und mit dem Sozialen (Liebe, Politik).
  • Zur Revolte kann man noch "Die Besessenen" rechnen, zum Maß das Kapitel "Maß und Maßlosigkeit" in "Der Mensch in der Revolte".
  • Beim Maß ist nur ein unvollendeter Roman angegeben.
  • Camus plante noch zwei weitere Themen: 4. "Zerrissene Liebe" mit den Titeln "Der Scheiterhaufen – Von der Liebe – Der Verführerische" und 5. (ohne Überschrift) "Korrigierte Schöpfung oder Das System – großer Roman + große Meditation + unspielbares Stück" (Tagebucheintrag vom Juni 1947, S. 360).

Auch die Zuschreibung zum Existentialismus (vgl. a. Störig 441; Émile Henriot und Anders Osterling, in Todd 752) ist nicht unproblematisch, gelinde ausgedrückt. Im September 1944 finden wir folgenden Tagebucheintrag von Camus:

"Da sich hinter dem Wort Existenz etwas verbirgt, das unsere Sehnsucht ist, aber da es gleichzeitig auch die Bejahung einer höheren Wirklichkeit impliziert, wollen wir es nur in verwandelter Form beibehalten – wir werden von einer inexistentiellen Philosophie sprechen, was keine Verneinung ausdrückt, sondern nur den Zustand des 'Menschen ohne'... umschreiben will. Die inexistentielle Philosophie wird die Philosophie des Exils sein" (S. 280).

1945 schrieb Camus in dem Artikel "Pessismismus und Mut": "Ich fühle mich von der allzu berühmten Existenzphilosophie nicht besonders angesprochen und bin offengestanden sogar der Ansicht, daß ihre Schlußfolgerungen falsch sind. Aber sie stellt immerhin ein großes Abenteuer des menschlichen Denkens dar" (Fragen der Zeit 56).

Todd gibt Camus' Einstellung zum Existentialismus folgendermaßen wieder: "Er definiert ihn selten und immer nur, um sich davon abzusetzen" (S. 455). Camus hat immer wieder gesagt, er sei "'kein Existentialist'" (Todd S. 627, 699 und 756; s.a. S. 435, 442, 815).

"Christliche Metaphysik und Neoplatonismus"

Camus faßt am Schluß seiner Arbeit deren "Ergebnis" so zusammen: "Das Christentum entlehnte dem griechischen Denken sein Material und dem Neoplatonismus eine Methode. Es erhielt sich seine innere Wahrheit unberührt, indem es alle Schwierigkeiten auf der Ebene der Inkarnation behandelte. Und wenn es nicht eben diese verwirrende Art der Problemstellung gebracht hätte, hätte Griechenland es ohne Zweifel aufgesogen. Es hatte schon anderes mitgemacht. Dies zumindest ist klar" (S. 122).

Der Rest des Schlußkapitels ist den verbleibenden "Schwierigkeiten" gewidmet:

  • Welche Bedeutung hatte Philon von Alexandria?
  • Was haben Origenes und Klemens von Alexandria zur christlichen Dogmatik beigetragen?
  • Wie steht es mit weiteren Einflüssen auf das Christentum wie "Kabbala, Zend-Avesta, indische Philosophien oder ägyptische Theurgie" (S. 122)?
  • Inwieweit unterscheiden sich griechische und christliche Moral?
  • Was ist eigentlich neu am Christentum?
  • Gibt es spezifisch christliche Begriffe?

Nur in folgenden Punkten gibt Camus konkrete Antworten:

  • "Doch die christliche Moral ist nicht Gegenstand einer Lehre, sie ist eine innerliche Askese, die einen Glauben sanktionieren will" (S. 122).
  • Den Unterschied zwischen dem "'griechischen'" und "'christlichen Menschen' […] vermögen wir aber nachzuweisen, wenn wir Hieronymus in der Wüste im Ringen mit der Versuchung und die jungen Leute, die dem Sokrates lauschen, miteinander vergleichen" (S. 123).
  • Für "das pessimistische, düstere und tragische Griechenland" war das Christentum "eine Renaissance" – im Gegensatz zum "Sokratismus und seiner Heiterkeit" (S. 124).
  • "Die ganze Anstrengung des Christentum gilt dem Kampf gegen diese Trägheit des Herzens", nämlich das Leid zu überwinden (S. 124).
  • Mit Augustinus wurde das Christentum katholisch in dem Sinn, daß es die einzige Hoffnung und der einzige Schutz "gegen den Unstern der westlichen Welt" war (S. 124).

Einwände von mir:

  • Ist nicht der einzige prinzipielle Unterschied zwischen Stoikern oder Kynikern auf der einen und Christen auf der anderen Seite die Ausrichtung der Christen auf Jesus hin?
  • Hat sich etwa von der Lebensbejahung Jesu (vgl. Mt 11,19; 25,21.23; Lk 15,32; Joh 3,29; 15,11; 17,13) nichts auf seine zeitlich ferneren Nachfolger übertragen?
  • Wäre der Neuplatonismus nicht breitenwirksam geworden, wenn die Christen ihn nicht unterdrückt hätten?

"Der glückliche Tod"

Dieser erste Roman von Camus entstand zwischen 1936 und 1938 und wurde von ihm nicht veröffentlicht. Er ist in zwei Teile mit den Überschriften "Der natürliche Tod" und "Der bewußte Tod" gegliedert.

Der erste Teil handelt vom Tod des Roland Zagreus in Algier, der auf allerhand krummen Wegen reich geworden ist, aber seinen Reichtum wegen eines Unfalls nicht genießen konnte, der ihn zu einem Krüppel ohne Beine gemacht hat. So hat er zwanzig Jahre damit verbracht, bescheiden im Rollstuhl zu leben und wenig zu trinken, damit er nur einmal täglich Wasser lassen muß.

Zagreus hat sein Geld in einer Kassette aufbewahrt, die er zusammen mit einem Abschiedsbrief und einem Revolver in einer Truhe verstaut hat. Wenn er seines pflegebedürftigen Lebens überdrüssig ist, legt er den Brief vor sich hin und spielt mit dem Revolver. Das führt ihm vor Augen, wie leicht es ist, sich umzubringen. Andererseits graut ihn dann vor der Verneinung des Lebens, was seinen Lebenswillen bestärkt.

Patrice Mersault lernt Zagreus über seine Geliebte Marthe kennen. Bevor sie Patrice kennenlernte, hat sie mit ca. zehn Männern geschlafen. Der erste von ihnen war Zagreus. Er ist der einzige, den Patrice nicht kennt, und der einzige, den Marthe noch ab und zu besucht. Als sie ihm von Patrice erzählt, will Zagreus ihn kennenlernen. Im Gespräch stellen die beiden fest, daß sie beide am Leben gehindert werden: Zagreus durch seine amputierten Beine, Patrice durch die tägliche achtstündige Büroarbeit.

Als Patrice fast alles Geld von Zagreus in seinen Koffer räumt, ihn erschießt und den Mord als Selbstmord tarnt, wehrt Zagreus sich nicht. Seine einzige Reaktion ist, daß er weint, als der Revolver auf ihn gerichtet ist. Der Selbstmord erscheint der Polizei plausibel, in der Zeitung erscheint ein Bericht, Patrice verreist nach Lyon. Von dort schreibt er Marthe einen Abschiedsbrief und reist trotz eines Fieberanfalls weiter nach Prag, so daß ihn Marthes Antwortbrief nicht mehr erreicht.

Zweiter Teil: In einem Prager Hotel nimmt Mersault das billigste Zimmer und geht auch billig essen. Er fühlt sich verlassen und einsam. Warum er weint, kann er sich nicht erklären. Sein ungepflegtes Äußeres macht ihn unsicher. Die Menschen meiden seinen Blick. Nach ein paar Tagen fährt er mit dem Zug in Europa herum, bevor er nach Algier zurückkehrt.

Jetzt richtet er sich sein Leben so ein, wie er's haben will. Er probiert die Gesellschaft mit befreundeten Frauen aus, kauft sich auf dem Land ein Haus, renoviert es, heiratet und beauftragt einen Angestellten mit dem Verkauf von Arzneimitteln, die er in Deutschland erworben hat. Dieses Geschäft ist nicht auf Gewinn ausgerichtet, sondern dient nur der bürgerlichen Fassade. Als Mersault Marthe wiedertrifft, erfährt er, daß sie ihm nicht mehr böse ist und sich inzwischen mit anderen Männern getröstet hat.

Eine Herzattacke beim Bergsteigen wird gefolgt von einer Rippenfellentzündung. Ausgiebiges Schwimmen im Meer leitet die tödliche Krankheit ein. In seinem Inneren taucht Zagreus auf, und Mersault begreift, daß er sich durch dessen Ermordung für immer mit ihm verbunden hat. Dann stirbt er bewußt, ohne jemand die Wahrheit über Zagreus Tod und die Herkunft seines Reichtums zu sagen.

Was bei dem Roman nachdenklich macht, sind die Überschriften: Warum soll der Tod von Zagreus, der doch leben will, glücklich sein? Was ist an einem Mord natürlich? Mersault stirbt zwar bewußt, in Erinnerung an Zagreus, den er zeitweise tatsächlich vergessen hat, doch welches Glück sollen seine Krankheitszustände bergen?

Als Antwort auf diese Fragen bleibt meines Erachtens nur die Interpretation, daß mit "Tod" hier jeweils etwas anderes gemeint ist: Zagreus stirbt zum ersten Mal, als er anfängt, durch Betrug reich zu werden. Zum zweiten Mal stirbt er, als er seine Beine verliert, zum dritten Mal, als er sein Leben freiwillig einschränkt, anstatt sein Geld auszugeben. All das ist "natürlich": Wer betrügt, tötet die Seele; den Unfall von Zagreus kann man als ausgleichende Gerechtigkeit des Schicksals interpretieren, sein bescheidenes Leben danach als freiwillige Sühne.

Ebenso kann man die Krankheitszustände von Mersault als Folgen seines Mordes ansehen. Da er selbst diese gedankliche Verbindung nicht herstellt, muß man allerdings denken, daß es mit seinem Bewußtsein nicht weit her sein kann. Doch der Tod seiner Seele, seine Unfähigkeit zu lieben, sind ihm sehr wohl bewußt.

Berta Wiedemann meint, Mersaults Tod sei glücklich, weil er bewußt sterbe (KNLL 3/569). Jean Sarocchi formuliert im Nachwort zu Camus' Roman (S. 139-152) "das zentrale Thema des Romans" als Frage: "Wie kann man glücklich sterben? Oder, anders ausgedrückt: Wie kann man so glücklich leben, daß selbst der Tod als Glück empfunden wird? Die Kehrseite dieses glücklichen Lebens und Sterbens wird im Ersten Teil geschildert: Geldmangel, Zeitmangel, die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle zu beherrschen. Demgegenüber stellt der Zweite Teil die 'richtige', die Lichtseite dar: finanzielle Unabhängigkeit, Zeiteinteilung, Friede des Herzens" (S. 141).

Was hier fehlt:

  • das Schicksal von Zagreus – auch er stirbt einen Tod!
  • die Beeinträchtigung des Lebens durch Krankheit;
  • die Frage nach Schuld und Sühne.

Camus' Einstellung zu Schicksal und Verhängnis zeigen folgende Stellen:

"In welchem Augenblick wird das Leben zum Schicksal? Im Tod? Aber das ist ein Schicksal für die anderen, für die Geschichte oder für die Angehörigen. Durch das Bewußtsein? Aber es ist der Geist, der die Vorstellung vom Leben als Schicksal hervorbringt, der dort einen Zusammenhang einführt, wo es keinen gibt. In beiden Fällen handelt es sich um eine Illusion. Schlußfolgerung?: es gibt kein Schicksal?" (Tagebuch 1942, S. 238)

"'Das alles bestärkt mich in meiner Überzeugung, daß es keine Vorsehung gibt, nur Freunde'" (Brief an Marianne und Pierre Fayol vom 3. Januar 1944, zit. n. Todd 367).

"Man findet sich leicht mit dem Verhängnis ab. […] Vielleicht gibt es dieses Verhängnis. Aber es ist nicht die Aufgabe des Menschen, es hinzunehmen und sich seinen Gesetzen zu unterwerfen. […] Die Aufgabe des gebildeten und gläubigen Menschen besteht auf jeden Fall […] darin, ihren Platz zu behaupten, dem Menschen Hilfe zu bringen gegen das, was ihn unterdrückt, und seine Freiheit zu verteidigen gegenüber den Verhängnissen, die ihn rings umgeben" (Fragen der Zeit 185).

In "Die Pest" vertritt Paneloux die Auffassung, Krankheit sei eine Strafe Gottes, während der Erzähler, der empiristisch und atheistisch eingestellte Arzt Rieux, diese Auffassung ablehnt. Hat Camus "Der glückliche Tod" deshalb nicht veröffentlicht, weil der Roman diese Auffassung nahelegt?

"Licht und Schatten"

Der Originaltitel L'Envers et l'Endroit (1935/36 und 1958, in: Kleine Prosa S. 35-83) bedeutet wörtlich "Die Unterseite und die Oberseite" oder auch freier "Das Verkehrte und das Rechte". Es handelt sich um insgesamt fünf Prosastücke, zu denen Camus mehr als zwei Jahrzehnte später ein Vorwort (1958) geschrieben hat. Darin begründet er, warum die Zeit davor einen Neudruck ablehnte. Erwähnenswert ist "die gierige Glut" (S. 44), von der angeblich die fünf folgenden Stücke "Ironie", "Zwischen Ja und Nein", "Tod im Herzen", "Liebe zum Leben" sowie "Licht und Schatten" zeugen.

Von allem, was ich von Camus in diesem Aufsatz bespreche, lohnen sie die Lektüre am wenigsten. Seine Zusammenfassung von Ironie zeigt immerhin, was er sich bei der Wahl des Titels gedacht hat: "Eine Frau, die man allein läßt, um ins Kino zu gehen; ein alter Mann, dem man nicht mehr zuhört; ein Tod, der nichts gutmacht, und auf der anderen Seite alles Licht der Welt" (S. 55).

15.06.2016 © seit 06.2014 Gunthard Heller
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