Carl von Clausewitz: Vom Kriege

„Vom Kriege“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der Militärtheorie. Carl von Clausewitz analysiert darin die Natur des Krieges, seine politischen Zusammenhänge und strategischen Prinzipien – Erkenntnisse, die weit über das Schlachtfeld hinaus bis heute diskutiert werden.

Einführung

Kurt Tucholsky nannte Carl Philipp Gottfried von Clausewitz (1780-1831) den „Aristoteles des Krieges“, denn „er hat die Prinzipien aufgerichtet“ (Tucholsky 206). Sein Hauptwerk „Vom Kriege“, an dem er 1809-1830 arbeitete, wurde 1832-34 von seiner Witwe Marie von Clausewitz geb. Gräfin Brühl herausgegeben. Es machte Clausewitz „zum Begründer der modernen Kriegslehre. Seine Auffassungen über Strategie basieren, abgesehen vom theoretisch-philosophischen Aspekt, auf Untersuchungen der Feldzüge Friedrichs des Großen und Napoleons I.“ (MEL 5/761).

Carl von Clausewitz

Milan Jankovič meint, daß das „Geschehen der beiden Weltkriege […] die Grundthesen des Buchs“ bestätigte. Er faßt sie so zusammen: Daß Clausewitz den Krieg als „Instrument der Politik“ ansah, bedeute, daß die Politik dominiere, „und dies gerade in letzter Instanz.“ Sie dürfe an den Krieg „keine Forderungen stellen, die er nicht leisten kann. […] Gegenstand der Betrachtung ist der instrumentale Charakter des Krieges, nicht aber die Frage seiner ethischen und moralischen Wertung“ (KNLL 4/38f).

Das stimmt nicht. Clausewitz macht sehr deutlich, wie er über den Krieg denkt:

  • „… welches Land könnte so lange [„7, 10, 12 Jahre lang“] das Hauptorgan des Unterhalts der gegenseitigen Heere bleiben, ohne völlig zugrunde zu gehen […]?“ (S. 346)
  • „… der Krieg selbst ist nichts Menschenfreundliches“ (S. 348).
  • „Gibt es etwas Rührenderes als den Gedanken an soviel tausend Soldaten, die, schlecht gekleidet, mit einem Gepäck von 30 bis 40 Pfund belastet, sich auf tagelangen Märschen in jedem Wetter und Wege mühsam fortschleppen, Gesundheit und Leben unaufhörlich auf das Spiel setzend, und dafür nicht in trockenem Brote sich sättigen können?“ (S. 349)

Das umfangreiche Werk (726 Seiten!) ist in acht Bücher gegliedert, die jeweils 6 – 30 Kapitel haben. Manche Kapitel haben keine eigene Überschrift, sondern sind Fortsetzung der vorhergehenden Kapitel. Es kommt auch vor, daß Clausewitz ein Kapitel in mehrere mit jeweils eigenen Überschriften einteilt.

Nachricht

In der auf die Vorrede der Herausgeberin folgenden Nachricht vom 10.7.1827 unterscheidet Clausewitz nach dem Zweck zwei Arten des Krieges: 1. Niederwerfung des Gegners; 2. Eroberungen an den Reichsgrenzen. Schon hier steht der bekannte Satz, „daß der Krieg nichts ist als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln“ (S. 19).

Außerdem zitiert Marie von Clausewitz hier noch einen unvollendeten Aufsatz, in dem Clausewitz allgemeine Aussagen für eine Theorie des Kriegs zusammenstellt, die er für evident hält. Die wichtigsten sind folgende:

  • Die Verteidigung ist „die stärkere Form mit dem negativen […], der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“.
  • Große Erfolge bestimmen die kleinen mit.
  • Ein Angriff erfordert mehr Kraft als eine bloße Demonstration.
  • Der Sieg besteht „in der Zerstörung der physischen und moralischen Streitkraft“ (S. 22).

Vorrede des Verfassers

Clausewitz will „das Wesen der kriegerischen Erscheinungen […] erforschen“ und „ihre Verbindung mit der Natur der Dinge, aus denen sie zusammengesetzt sind, […] zeigen.“ Wie Kant stützt er sich auf Erfahrung und Denken, hier: „den Begriff des Krieges“ (S. 23).

Über die Natur des Krieges

Was ist der Krieg? Clausewitz definiert den Krieg als „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ (S. 27). Er sei „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (S. 44), zusammengesetzt aus Haß, Zufall und Denken.

Zweck und Mittel im Kriege. Der Zweck des Kriegs ist es, den Gegner wehrlos zu machen. Die dafür eingesetzten Mittel sind die Invasion, um Steuern zu erheben; die Zufügung von Schaden; und die Ermüdung des Feindes.

Der kriegerische Genius. Clausewitz fragt hier nach den Eigenschaften eines großen Feldherrn. Er muß mutig, stark, entschlossen, geistesgegenwärtig, urteilsfähig und standhaft sein. Er soll einen „Seelendurst nach Ruhm und Ehre“ haben (S. 69).

Von der Gefahr im Kriege. Wer von fliegenden Kugeln, Verwundeten und Toten umgeben ist, verliert leicht den anfänglichen Begeisterungsrausch, seine Ruhe und Sammlung; „auch der Bravste wird wenigstens etwas zerstreut“ (S. 81). Dazu kommt noch das Mitleid. Jeder Neuling fühlt, „daß das Licht der Gedanken sich hier durch andere Mittel bewege und in anderen Strahlen gebrochen werde als bei der spekulativen Tätigkeit“. Man kann zwar abstumpfen oder gleichgültig werden, aber nur die wenigsten bringen es „bis zur völligen Unbefangenheit und zur natürlichen Elastizität der Seele“ (S. 82).

Von der körperlichen Anstrengung im Kriege kann keiner „genau sagen, wie weit sie getrieben werden darf“ (S. 83).

Die Nachrichten im Kriege sind unzuverlässig und wandelbar, widersprüchlich, falsch oder ungewiß. Sie sind „Lügen, Übertreibungen, Irrtümer usw. […], und die Furchtsamkeit der Menschen wird zur neuen Kraft der Lüge und Unwahrheit.“ Auch die eigene Entscheidungsfähigkeit ist beeinträchtigt: „Der Eindruck der Sinne ist stärker als die Vorstellungen des überlegenden Kalküls“, was zu Zweifeln führt (S. 85).

Friktion im Kriege ist die „Reibung“ (S. 89), vielleicht besser Beeinträchtigung durch die Umstände (z.B. Regen, Nebel, sumpfiger Boden), die alles schwierig machen und die Erreichung der Ziele verhindern.

Schlußbemerkungen zum ersten Buch. Gewöhnlich werden Körper, Seele und die Urteilskraft durch die Gewohnheit gestärkt. Deshalb sind Manöver wichtig, aber auch „das Heranziehen kriegserfahrener Offiziere anderer Heere. Selten ist in Europa überall Frieden, und nie geht der Krieg in den anderen Weltteilen aus“ (S. 90).

Über die Theorie des Krieges

Einteilung der Kriegskunst. Clausewitz definiert den Krieg als Kampf. Er unterscheidet zwischen Taktik als „Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“ von der Strategie als „Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges“ (S. 93). Während „MärscheLager und Quartiere“ (S. 94) direkt zum Kampf gehören, gibt es daneben noch die Tätigkeiten zur „Erhaltung der Streitkräfte“ (S. 93), nämlich „ErnährungKrankenpflegeWaffen- und Ausrüstungsersatz“ (S. 94).

Außerdem unterscheidet Clausewitz bei den Tätigkeiten, die direkt zum Kampf gehören, zwischen „Vorbereitungen zum Kriege “ und „den Krieg selbst.“ Ihm ist klar, daß nur Pedanten „von einer theoretischen Einteilung die unmittelbaren Wirkungen auf dem Schlachtfelde […] suchen“ (S. 98).

Über die Theorie des Krieges. Clausewitz macht darauf aufmerksam, daß sich eine Kriegstheorie nicht nur auf die materiellen Dinge erstrecken darf, sondern auch die „geistigen Größen“ berücksichtigen muß, die „man nur mit dem inneren Auge“ sieht (S. 104). Die Aufstellung eines Lehrgebäudes über die Gesetzmäßigkeiten der Kriegskunst hält er für unmöglich, da in der Praxis „das Talent und Genie außer dem Gesetz handelt und die Theorie ein Gegensatz der Wirklichkeit wird“ (S. 109).

Ein Feldherr „muß mit dem höheren Staatsleben vertraut sein, die eingewohnten Richtungen, die aufgeregten Interessen, die vorliegenden Fragen, die handelnden Personen kennen und richtig ansehen; […] er muß den Charakter, die Denkungsart und Sitte, die eigentümlichen Fehler und Vorzüge derer kennen, denen er befehlen soll. Er […] muß den Marsch einer Kolonne seiner Dauer nach unter den verschiedenen Umständen richtig zu schätzen wissen“ (S. 118).

Bei diesen Kenntnissen handelt es sich um Erfahrungswissen, das „sich nicht durch den Apparat wissenschaftlicher Formeln und Maschinerien erzwingen“ läßt (S. 118). Ein Feldherr muß aus sich selbst heraus entscheiden. Sein „Wissen muß sich […] durch […] vollkommene Assimiliation mit dem eigenen Geist und Leben in ein wahres Können verwandeln“ (S. 119).

Kriegskunst oder Kriegswissenschaft. Clausewitz behauptet, „daß der Krieg weder eine Kunst noch eine Wissenschaft sei in der eigentlichen Bedeutung“. Er gehöre „in das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens“ und sei „ein Konflikt großer Interessen, der sich blutig löst“. Der Begriff „Kriegskunst“ sei immerhin noch „passender“ als der Begriff „Kriegswissenschaft“ (S. 121).

Methodismus. Clausewitz unterscheidet Gesetze, Grundsätze, Regeln, Vorschriften und Anweisungen. Den Begriff „Methode“ definiert er als „Verfahrensart„; mit „Methodismus“ meint er, daß „statt allgemeiner Grundsätze oder individueller Vorschriften das Handeln durch Methoden bestimmt wird“ (S. 124). Der Methodismus ermöglicht „FertigkeitPräzision und Sicherheit in der Führung der Truppen“ (S. 126).

Da in der Tätigkeit eines großen Feldherrn stets „etwas Subjektives“ sei, könne sie nicht von jemand anders nachgeäfft werden, ohne daß sie seiner Individualität widerspreche (S. 128).

Kritik. Unter der kritischen Erzählung eines historischen Ereignisses versteht Clausewitz „die geschichtliche Ausmittelung und Feststellung zweifelhafter Tatsachen“, „die Ableitung der Wirkung aus den Ursachen“ und „die Prüfung der angewandten“ und möglichen „Mittel“ (S. 129 und S. 136). Der letzte Zweck des Kriegs ist derjenige, „welcher unmittelbar den Frieden bereiten soll“ (S. 132).

Die Erfahrung sei „in der Kriegskunst […] mehr wert als alle philosophische Wahrheit“ (S. 140). Kriegshandlungen nach dem Erfolg zu beurteilen, hält Clausewitz für nicht „ganz unbedingt verwerflich“ (S. 143).

Über Beispiele. Historische Beispiele kann man anführen, um einen Gedanken zu erläutern, um ihn anzuwenden, um ihn zu belegen oder um aus ihm eine Lehre zu ziehen. Das Problem bei den Beispielen ist, daß man sie leicht mißbrauchen kann, denn häufig kann man einen Gedanken mit den einen Beispielen widerlegen, mit den anderen beweisen, je nachdem, wie man „sich den Zusammenhang der Dinge“ denkt. Sei es wie es will: Eine der beiden einander widersprechenden Meinungen „muß also notwendig unwahr sein“ (S. 152).

Von der Strategie überhaupt

Die Strategie „ist der Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges; […] d. h. sie entwirft den Kriegsplan, und an dieses Ziel knüpft sie die Reihe der Handlungen an, welche zu demselben führen sollen“ (S. 157). Zum Beispiel war es 1760 der Zweck Friedrichs des Großen, „Schlesien in den sicheren Hafen eines wohl garantierten Friedens zu bringen“ (S. 160).

Clausewitz unterscheidet folgende Elemente der Strategie:

  • Zu den moralischen Elementen gehört alles, „was durch geistige Eigenschaften und Wirkungen hervorgerufen wird.“
  • Zu den physischen Elementen gehören „die Größe der Streitkräfte, ihre Zusammensetzung, das Verhältnis der Waffen usw.“
  • Zu den mathematischen Elementen gehören „die Winkel der Operationslinien, die konzentrischen und exzentrischen Bewegungen“.
  • Zu den geographischen Elementen gehört „der Einfluß der Gegend“.
  • Zu den statistischen Elementen gehören „die Mittel des Unterhalts usw.“ (S. 165).

Moralische Größen gehören „zu den wichtigsten Gegenständen des Krieges […]. Leider suchen sie sich aller Bücherweisheit zu entziehen, weil sie sich weder in Zahlen noch in Klassen bringen lassen und gesehen oder empfunden sein wollen“ (S. 166). Die „Wirkungen der physischen Kräfte“ sind „mit den Wirkungen der moralischen ganz verschmolzen“ (S. 166f).

Die moralischen Hauptpotenzen sind

  • die Talente des Feldherrn„, die „den meisten Spielraum in einer durchschnittenen, hügelreichen Gegend“ haben;
  • die „kriegerische Tugend des Heeres„, die „sich am überlegensten in der freien Ebene“ zeigt;
  • und der „Volksgeist desselben“ („Enthusiasmus, fanatischer Eifer, Glaube, Meinung“), der „sich im Gebirgskriege am stärksten“ ausspricht, „wo jeder sich selbst überlassen ist bis zum einzelnen Soldaten hinab“ (S. 168).

Die Kriegerische Tugend des Heeres definiert Clausewitz als Durchdrungensein von dem „Geiste und Wesen“ des Krieges. Das heißt, „die Kräfte, die in ihm tätig sein sollen, in sich üben, erwecken und aufnehmen, das Geschäft [des Krieges] mit dem Verstande ganz durchdringen, durch Übungen Sicherheit und Leichtigkeit in demselben gewinnen, ganz darin aufgehen, aus dem Menschen übergehen in die Rolle, die uns darin angewiesen wird“ (S. 169).

Die kriegerische Tugend entsteht aus „zwei Quellen“: „Die erste ist eine Reihe von Kriegen und glücklichen Erfolgen, die andere eine oft bis zur höchsten Anstrengung getriebene Tätigkeit des Heeres“ (S. 171). „Ein gewisser schwerer Ernst und strenge Dienstordnung können die kriegerische Tugend einer Truppe länger erhalten, aber sie erzeugen sie nicht“ (S. 172).

Die „natürlichen Eigenschaften eines zum Kriege gerüsteten Volkes“ sind „Tapferkeit, Gewandtheit, Abhärtung und Enthusiasmus“ (S. 170f).

Die Kühnheit hält Clausewitz für „die edelste Tugend“ im Krieg (S. 173), solange sie sich nicht über den Gehorsam hinwegsetzt.

Die Beharrlichkeit muß das Gegengewicht zu den vielerlei Eindrücken im Krieg bilden.

Die Überlegenheit der Zahl ist nicht immer kriegsentscheidend, aber doch häufig.

Die Überraschung des Feindes ist zwar ein „Mittel zur Überlegenheit“ (S. 183), doch „sie muß durch andere Umstände begünstigt werden“ (S. 185). „Es kann nämlich nur derjenige überraschen, welcher dem anderen das Gesetz gibt; das Gesetz gibt, wer im Recht ist“ (S. 186).

Die List ist eine Form des Betrugs, wenn auch ohne Wortbruch: „Der Listige läßt denjenigen, welchen er betrügen will, die Irrtümer des Verstandes selbst begehen“ (S. 187). „In der Tat ist es gefährlich, bedeutende Kräfte auf längere Zeit zum bloßen Schein zu verwenden, weil immer die Gefahr bleibt, daß es umsonst geschieht und man diese Kräfte dann am entscheidenden Ort entbehrt“ (S. 188).

Sammlung der Kräfte im Raum bedeutet, „seine Kräfte zusammenzuhalten“ (S. 189).

In Vereinigung der Kräfte in der Zeit hält Clausewitz „die gleichzeitige Anwendung aller für einen Stoß bestimmten Kräfte als ein Urgesetz des Krieges“ (S. 190).

Dementsprechend ist die Strategische Reserve „widersinnig“ (S. 199).

Clausewitz geht in Ökonomie der Kräfte sogar so weit zu sagen, daß es besser sei, seine Kräfte unzweckmäßig zu verwenden als sie zu verschwenden.

Geometrisches Element. In der Befestigungskunst und in der Taktik spielt die Geometrie „eine große Rolle.“ Denn da geht es um „Winkel und Linien“ (S. 200).

Über den Stillstand im kriegerischen Akt. Wenn sich beide Parteien nur verteidigen, kann es zu keinem Krieg kommen. Wer angreift, sollte „in stetiger Bewegung“ bleiben (S. 203). Dem stehen drei Ursachen entgegen:

  • „die natürliche Furchtsamkeit und Unentschlossenheit“;
  • „die Unvollkommenheit menschlicher Einsicht“;
  • „die größere Stärke der Verteidigung“ (S. 204).

Über den Charakter der heutigen Kriege. Clausewitz stellt fest, daß „Kriege, welche mit der ganzen Schwere der gegenseitigen Nationalkraft geführt werden, nach anderen Grundsätzen eingerichtet sein müssen als solche, wo alles nach dem Verhältnis der stehenden Heere zueinander berechnet wurde“ (S. 207).

Spannung und Ruhe (Das dynamische Gesetz des Krieges). Clausewitz zieht den „Schluß, daß jede Maßregel, die man in dem Zustande der Spannung nimmt, wichtiger, erfolgreicher ist, als dieselbe Maßegel im Zustande des Gleichgewichts gewesen sein würde“ (S. 209).

Das Gefecht

In der Übersicht betrachtet Clausewitz das Gefecht „als die eigentliche kriegerische Tätigkeit, welche […] den Zweck des ganzen Krieges umfaßt“ (S. 211).

Der Charakter der heutigen Schlacht besteht darin, daß die Armeen gegeneinander kämpfen, bis sie wegen des Einbruchs der Nacht nichts mehr sehen können. Je nach Ergebnis wird dann entschieden, ob man am nächsten Morgen weiterkämpft oder sich zurückzieht.

Das Gefecht überhaupt. Der Zweck des Gefechts ist „die Vernichtung oder Überwindung des Gegners“ (S. 213). Diese besteht in den Verlusten oder auch nur der Brechung des Willens zum Kampf.

Ein Gegner ist dann überwunden, wenn seine Verluste größer sind als die eigenen. Dabei ist „nicht bloß der Verlust an Menschen, Pferden und Geschützen, sondern an Ordnung, Mut, Vertrauen, Zusammenhang und Plan“ entscheidend (S. 219). Clausewitz hält den Verlust an moralischen Kräften für entscheidender als den „Verlust an physischen Streitkräften“ (S. 218). Die Trophäen des Sieges sind „Kanonen und Gefangene“ (S. 220). Da hinsichtlich der Verluste meist gelogen wird, „bleibt also in vielen Fällen das Aufgeben des Kampfes als der einzig wahre Beweis des Sieges allein übrig“ (S. 223).

Über die Bedeutung des Gefechts. Der Zweck des Gefechts ist die Vernichtung des Gegners. Der Angreifer will außerdem einen Ort oder einen Gegenstand erobern, der Verteidiger will sie verteidigen. Die Verleitung des Gegners „zu einer falschen Maßregel“ durch ein „Scheingefecht“ schreibt Clausewitz nur dem Angreifer zu (S. 226).

Die Dauer des Gefechts hängt von der Zahl der Truppen, dem „Verhältnis der gegenseitigen Macht und Waffen“ und vom Schlachtfeld ab (S. 227). Der Sieger wünscht ein kurzes, der Besiegte ein langes Gefecht.

Die Entscheidung des Gefechts wird bestimmt durch den Verlust eines umkämpften Gegenstands, durch den Verlust eines Orts und den „Augenblick, wo der Sieger aufhört, sich in einem Zustand der Auflösung und also einer gewissen Untüchtigkeit zu befinden“ (S. 230). Clausewitz hält es für besser, eine Wende in der Schlacht herbeizuführen als eine weitere Schlacht zu liefern.

Das Einverständnis beider Teile zum Gefecht ist die Voraussetzung dafür, daß es überhaupt stattfinden kann, es sei denn, daß der Gegner umzingelt oder überrascht wird.

Die Hauptschlacht ist ein „Kampf der Hauptmacht […] mit ganzer Anstrengung um einen wirklichen Sieg“ (S. 238). Den Sieg soll man nur solange suchen, als er noch möglich ist. Ein geordneter Rückzug ist wertvoller als eine totale Katastrophe um der Ehre willen. Dieser Gedanke ist Clausewitz so wichtig, daß er ganz am Schluß seines Buchs nochmals darauf zurückkommt: „… wer über dem Unmöglichen das Mögliche versäumt, der ist ein Tor“ (S. 726).

Clausewitz hält die moralische Wirkung einer Niederlage für größer als die eines Sieges. Den Gedanken, daß im Sieg eine Niederlage verborgen sein kann, drückt er so aus: Durch „den Verlust einer Hauptschlacht“ können „vielleicht Kräfte geweckt werden, die sonst gar nicht ins Leben gekommen wären“ (S. 248).

Er meint, daß es sich gewöhnlich „bestraft […], wenn sie aus Scheu vor der großen Entscheidung umgangen worden ist“ (S 250). Trotzdem „schaudert der Mensch im Feldherrn“ vor der Hauptschlacht zurück, da sie „der blutigste Weg der Lösung“ ist. Allerdings würde sie mehr den Mut der Feinde als deren Krieger totschlagen (S. 251).

Da die Entscheidung der Hauptschlacht davon abhängt, daß das Handeln auf „einen Punkt des Raumes und der Zeit […] zusammengedrängt“ ist, „haben […] Regierungen und Feldherren zu allen Zeiten stets Wege um die entscheidende Schlacht herum gesucht, um entweder ihr Ziel ohne dieselbe zu erreichen, oder es unvermerkt fallen zu lassen“ (S. 251).

Clausewitz verwirft diese Einstellung mit folgender Begründung: „Von jeher haben nur große Siege zu großen Erfolgen geführt“ (S. 252). Deshalb bestehe „die höchste Weisheit der Strategie“ darin, die Mittel für eine Hauptschlacht zu beschaffen, „Ort, Zeit und Richtung der Kräfte“ geschickt festzustellen und den Erfolg der Hauptschlacht zu benutzen. „Der Impuls der Hauptschlacht“ müsse „von dem Gefühl eigener Kraft und dem klaren Bewußtsein der Notwendigkeit“, „von dem angeborenen Mut und von dem durch große Lebensverhältnisse geschärften Blick ausgehen“ (S. 254).

In dem Kapitel Strategische Mittel, den Sieg zu benutzen befaßt sich Clausewitz mit den Umständen der Verfolgung, die verhindern soll, daß der Sieger seinen Sieg wieder einbüßt. Um der Erholung willen beschränkt sich diese Verfolgung in der Regel „auf den ersten Tag und allenfalls die sich daranschließende Nacht“ (S 256).

Der Rückzug nach verlorener Schlacht soll am besten langsam und ungeteilt geschehen.

Das nächtliche Gefecht setzt voraus, daß der Angreifer den Gegner überraschen kann, was nur selten gegeben ist. Denn die Kenntnisse über den Feind sind in der Regel veraltet.

Mit diesem Kapitel endet der Erste Teil. Der Zweite Teil umfaßt das fünfte und sechste Buch.

Die Streitkräfte

Übersicht. Clausewitz befaßt sich „mit denjenigen Beziehungen der Streitkräfte […], die nur als notwendige Bedingungen des Kampfes, nicht als der Kampf selbst zu betrachten sind“ (S. 275).

Armee, Kriegstheater, Feldzug nennt Clausewitz die „drei verschiedenen Werkschuhe für Zeit, Raum und Masse im Kriege“ (S. 275).

  • Unter „Kriegstheater“ versteht er „einen solchen Teil des ganzen Kriegsraumes, der gedeckte Seiten und dadurch eine gewisse Selbständigkeit hat.“
  • Mit „Armee“ bezeichnet er „diejenige Streitmasse, die sich auf einem und demselben Kriegstheater befindet“ und unter einem Oberbefehl steht (S. 276).
  • Unter „Feldzug“ versteht Clausewitz „die Begebenheiten eines Kriegstheaters“ (S. 277).

Das Machtverhältnis zwischen den feindlichen Parteien wird vor allem durch die jeweilige Zahl der Streitkräfte bestimmt. „Bewaffnung, Ausrüstung und Übung“ seien in der Regel „ähnlich“. So bleiben noch das „Talent des obersten Feldherrn“ (S. 278) und „die Kriegsgewohnheit“ als Faktoren, die ein „merkliches Übergewicht“ verleihen können (S. 279). Wenn gar nichts mehr hilft, bleibt nur noch „die moralische Überlegenheit […], welche die Verzweiflung jedem Mutigen gibt“ (S. 280).

Im Kapitel Waffenverhältnis befaßt sich Clausewitz mit den „drei Hauptwaffen […]: dem Fußvolk, der Reiterei und der Artillerie.“ Für seine Analyse bittet er den Leser um Verzeihung, da sie „wesentlicher in die Taktik gehört, uns aber zum bestimmteren Denken nötig ist“ (S. 281).

Während die Artillerie (Geschütze und Fahrzeuge) unselbständig ist, ist das Fußvolk „die selbständigste unter den Waffen“ und „das wichtigste bei der Verbindung mehrerer“ (S. 282). „Die Reiterei ist am entbehrlichsten.“ Die „größte Stärke“ liegt in der „Verbindung der drei“ (S. 283).

Mit der Artillerie kann man zwar am besten töten, doch sie ist schwerfällig und der Feind kann sie gegen uns einsetzen, wenn er sie erbeutet. Andererseits verringert sich ihre Zahl im Verlauf der Schlacht langsamer als die Zahl der Fußsoldaten. Die Reiterei ist zwar sehr beweglich, aber schwierig zu unterhalten.

Die Schlachtordnung des Heeres ist „die Norm, nach welcher das Heer zum Gefecht aufgestellt werden soll“ (S. 290).

Allgemeine Aufstellung des Heeres. Außer dem Gefecht unterscheidet Clausewitz „drei Zustände, in welchen die Streitkräfte sich befinden können“, nämlich Quartiere (Truppenunterkünfte), Märsche und Lager (S. 298). „Wenn die Schlacht sich eröffnet, so hört die Rücksicht auf Quartier und Verpflegung auf“ (S. 302).

Avantgarde und Vorposten dienen der Beobachtung des Feindes und dem Schutz vor ihm.

Die Wirkungsart vorgeschobener Korps „ist die Beobachtung des Feindes und die Verzögerung seines Vorrückens“ (S. 310). Sie wirken „weniger durch eigentliche Kraftanstrengung als durch ihre bloße Gegenwart, weniger durch Gefechte, die sie wirklich liefern, als durch die Möglichkeit derjenigen, die sie liefern könnten“. Sie hemmen „die feindliche Bewegung nirgends“, sondern „ermäßigen und regeln“ sie (S. 314).

Lager. Die Abschaffung der Zelte seit dem französischen Revolutionskrieg führte zu einem stärkeren „Verbrauch von Streitkräften“ durch Krankheiten und zu einer größeren „Verheerung des Landes“ (S. 315).

Die Märsche „sind ein bloßer Übergang von einer Aufstellung zur anderen“ (S. 317). Dabei kommt es darauf an, daß keine Kräfte verschwendet werden und der Weg nicht verfehlt wird. Daß der Troß durch die Abschaffung der Zelte und die Truppenverpflegung vor Ort verringert wird, spart mehr Kräfte als daß dadurch das Tempo beschleunigt wird.

Die Quartiere sind in der „neueren Kriegskunst […] wieder unentbehrlich geworden, weil weder Zelte noch ein vollständiges Fuhrwesen das Heer unabhängig machen.“ Die „Nähe des Feindes und die Schnelligkeit der Bewegung“ „verhindern das Beziehen von Quartieren“ (S. 330).

Der Unterhalt des Heeres wird auf vier verschiedene Arten bestritten: „die Ernährung durch den Wirt oder die Gemeinde“ (S. 339), die „Verpflegung durch Beitreibung der Truppen“ (S. 342), durch „regelmäßige Ausschreibungen“ (S. 343) und durch den „Unterhalt aus Magazinen“ (S. 346).

Die Operationsbasis umfaßt „die Hilfsmittel der Gegend, die auf einzelnen Punkten gemachten Vorratsanlagen und das Gebiet, aus dem diese Vorräte sich sammeln“ (S. 353).

Die Verbindungslinien „machen den Zusammenhang zwischen der Basis und der Armee aus“. Sie „dürfen […] weder bleibend unterbrochen werden, noch zu lang und beschwerlich sein, weil immer etwas von der Kraft auf dem langen Wege verlorengeht und ein siechhafter Zustand des Heeres die Folge davon wird.“ Als „Rückzugsstraßen“ bilden die Verbindungslinien „im eigentlichen Sinn den strategischen Rücken des Heeres“ (S. 356).

Gegend und Boden haben „einen sehr entscheidenden Einfluß auf das Gefecht“ (S. 359), „nämlich: als Hindernis des Zuganges, als Hindernis der Übersicht und als Deckungsmittel gegen die Wirkung des Feuers“ (S. 360).

Mit Überhöhen meint Clausewitz den höheren Standpunkt der einen Armee im Vergleich zu dem der anderen. Er erschwert den Zugang, ermöglicht größere Treffsicherheit beim Schießen und gewährt einen besseren Überblick.

Verteidigung

Angriff und Verteidigung. Clausewitz definiert die Verteidigung als das „Abwehren eines Stoßes.“ Ihr Merkmal ist das „Abwarten dieses Stoßes“ (S. 369). Wenn einer der Gegner sich nur verteidigt, gibt es keinen Krieg. Doch in der Regel schließt die Verteidigung auch Angriffe ein. Umgekehrt endigt „jeder Angriff, der nicht unmittelbar zum Frieden führt, mit einer Verteidigung“ (S. 379).

Der „Zweck der Verteidigung“ ist das „Erhalten„, das „leichter“ ist „als gewinnen“. Der Zweck des Angriffs ist „das Erobern“ (S. 370).

Wie verhalten sich Angriff und Verteidigung in der Taktik zueinander. Der Verteidiger ist hinsichtlich der Überraschung des Gegners und hinsichtlich eines Anfalls „von mehreren Seiten“ teilweise im Vorteil. Der „Vorteil der Gegend“ liegt ganz auf seiten des Verteidigers (S. 373).

Wie verhalten sich Angriff und Verteidigung in der Strategie zueinander. Zu den im vorigen Kapitel genannten drei Hauptprinzipien der Taktik kommen in der Strategie noch drei weitere Hauptprinzipien dazu:

  • Der „Beistand des Kriegstheaters […] ist natürlich auf der Seite des Verteidigers.“
  • Der „Beistand des Volkes […] geht […] nur aus dem Begriff der Verteidigung hervor“ (S. 378).
  • „Die großen moralischen Kräfte“, z.B. „Verwirrung und Schrecken beim Gegner“, „sind wohl ebensogut auf der Seite der Verteidigung als des Angriffs zu denken“ (S. 379). „Mut“ und „das Gefühl der Überlegenheit im Heere“ entspringen zwar „aus dem Bewußtsein […], zum Angreifenden zu gehören“, „nur geht das Gefühl sehr bald in dem allgemeineren und stärkeren unter, welches einem Heere durch seine Siege oder Niederlagen, durch das Talent oder die Unfähigkeit seines Führers gegeben wird“ (S. 380).

In der Strategie ist zwar der Überfall „ein unendlich viel wirksameres und wichtigeres Mittel […] als in der Taktik“. Da „der Gebrauch dieses Mittels“ aber „große, entschiedene, seltene Fehler beim Gegner voraussetzt“, hat es in der „Waagschale des Angriffs kein sehr großes Gewicht“ (S. 377).

Mit Konzentrizität des Angriffs und Exzentrizität der Verteidigung ist lediglich gemeint, daß der Verteidiger „als abwartend, also als stehend, der Angreifende als in Bewegung gedacht“ wird, „und zwar sich bewegend in Beziehung auf jenes Stehen“ (S. 380).

Charakter der strategischen Verteidigung. Wer sich nur verteidigt, führt keinen Krieg. Andererseits empfiehlt Clausewitz jedem Verteidiger, von der Abwehr zum Angriff überzugehen, „um einem zweiten Anfall vorzubeugen“ (S. 384).

Vor dem Hintergrund dieser Empfehlung kann er dann schreiben: „Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung herbeigeführt und mit ihr erst den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend (wie Bonaparte auch stets behauptet hat), er zöge ganz gern ruhig in unseren Staat ein; damit er dies aber nicht könne, darum müssen wir den Krieg wollen und also auch vorbereiten“ (S. 385).

Das ist so, als wenn Clausewitz sagen würde: Ein bewaffneter Bankräuber will keine Schießerei. Er will nur das Geld. Zur Schießerei kommt es nur, wenn sich die Bankangestellten und die anwesenden Kunden wehren bzw. die Polizei rufen.

Dementsprechend will ein Eroberer keinen Krieg. Er will nur ein Land. Zum Krieg kommt es nur, wenn sich die Einwohner dieses Landes das nicht gefallen lassen und sich gegen den „friedlichen“ Einmarsch wehren.

Im Kapitel über den Umfang der Verteidigungsmittel kommt Clausewitz zum Ergebnis, „daß ein Verteidiger im allgemeinen mehr auf äußeren Beistand rechnen darf als der Angreifende; er wird um so sicherer darauf rechnen dürfen, je bedeutender sein Dasein für alle übrigen, d. h. je gesunder und kräftiger sein politischer und kriegerischer Zustand ist“ (S. 392).

Die Wechselwirkung von Angriff und Verteidigung stellt Clausewitz so dar: Wer ein Land mit der Hilfe von Armeen in Besitz nehmen will, „übt eigentlich noch keinen positiven kriegerischen Akt aus; der Verteidiger aber, der seine Kampfmittel nicht bloß sammelt, sondern auch so disponiert, wie er den Kampf führen will, der übt zuerst eine Tätigkeit aus, auf welche der Begriff des Krieges wirklich paßt“ (S. 394).

Das halte ich für falsch: Der Krieg beginnt mit dem Vorhaben, ein Land besitzen zu wollen, und damit, diesem Vorhaben mit Hilfe einer Armee Nachdruck zu verleihen. Mit andern Worten: Er beginnt schon mit dem Ausspionieren des anderen Landes. Denn Freunde spioniert man nicht aus.

Widerstandsarten. „Die Verteidigung besteht […] aus […] dem Abwarten und dem Handeln“ (S. 395). Es gibt „in der Verteidigung eine doppelte Entscheidung, also eine doppelte Reaktionsart […], je nachdem der Angreifende durch das Schwert des Verteidigers oder durch seine eigenen Anstrengungen zugrunde gehen soll“ (S. 402).

In dem Kapitel Die Verteidigungsschlacht meint Clausewitz, daß der Verteidiger „meistens der Schwächere“ sei (S. 415). Doch er kann auch der moralisch Stärkere sein. Warum schreibt Clausewitz das hier nicht?

Festungen dienen als Vorratshäuser, schützen Städte, dienen als Straßen- oder Flußsperrung, als taktische Anlehnungspunkte, als Station, als Zufluchtsort, als Schild und als Deckung. Sie können auch „Mittelpunkt einer Volksbewaffnung“ sein (S. 425) und der Verteidigung von Strömen oder Gebirgen dienen.

Festungen gehören an die Hauptstraßen und an Grenzen. Eine Gruppe von Festungen vermehrt die Stärke. „Am Meere, an Strömen und großen Flüssen und in Gebirgen sind Festungen doppelt wirksam“ (S. 430).

Die Defensivstellung oder Verteidigungsstellung ist jede „Stellung, in welcher wir eine Schlacht annehmen, indem wir uns dabei der Gegend als eines Schutzmittels bedienen“ (S. 432). Bei einer unangreifbaren Stellung suchen wir den „Erfolg ohne Schlacht […] und drängen den Gegner in andere Wege der Entscheidung hinein“ (S. 435).

Feste Stellungen und verschanzte Lager nennt Clausewitz Stellungen, „welche durch Natur und Kunst so stark“ sind, „daß sie für unangreifbar gelten“ müssen (S. 437). Der Feind muß sie umgehen, um sie „von der Seite oder von hinten“ anzugreifen (S. 438). Er kann sie aber auch, wenn die Stellung keinen „freien Rücken“ hat und er stark genug ist, einschließen und aushungern (S. 442).

Flankenstellungen. „Jede Stellung, welche auch dann behauptet werden soll, wenn der Feind an ihr vorbeigeht, ist eine Flankenstellung […]. Es sind also notwendig alle festen Stellungen zugleich Flankenstellungen, denn da sie nicht angegriffen werden können, der Gegner also auf das Vorbeigehen angewiesen ist, so können sie nur durch die Wirksamkeit auf seine strategische Flanke ihren Wert bekommen“ (S. 445).

Bei der Gebirgsverteidigung unterscheidet Clausewitz zwei Arten: Bei der relativen Verteidigung ist das Gebirge vor allem dem Schwächeren günstig. Doch bei der absoluten Verteidigung, deren Ziel der Sieg über den Feind ist, ist das Gebirge eher hinderlich. Anders ausgedrückt: In der Ebene kann man leichter siegen.

Zur Verteidigung von Strömen und Flüssen bemerkt Clausewitz, daß sie wie die Gebirge „den relativen Widerstand“ verstärken; „aber ihre Eigentümlichkeit ist, daß sie sich wie ein Werkzeug von harter und spröder Materie verhalten; sie halten entweder jeden Stoß aus, ohne zu biegen, oder ihre Verteidigung zerbricht und hört dann gänzlich auf“ (S. 470).

„Überhaupt wird, so wie im Kriege alles fehlschlägt, was man nicht mit klarem Bewußtsein, mit ganzem und festem Willen tut, auch eine Flußverteidigung schlechten Erfolg haben, die gewählt wird, weil man den Mut hat, dem Gegner in offener Feldschlacht entgegenzutreten, und hofft, daß der breite Fluß das tiefe Tal ihn aufhalten werden. Da ist so wenig von wahrem Vertrauen zu der eigenen Lage die Rede, daß gewöhnlich Feldherr und Heer voll der besorglichsten Ahnungen sind, die denn auch schnell genug in Erfüllung zu gehen pflegen“ (S. 482).

Die Verteidigung von Morästen muß „mehr lokal und passiv sein […] als die der Flüsse“ (S. 489).

Überschwemmungen „sind unstreitig als Verteidigungsmittel sowie als Naturerscheinung großen Morästen am ähnlichsten“ (S. 490).

Bei der Verteidigung von Wäldern unterscheidet Clausewitz „dichte, unwegsame, wild verwachsene Wälder […] von kultivierten, ausgebreiteten Holzungen, die teils ganz licht sind, teils von einer Unzahl von Wegen durchschnitten werden“ (S. 495). Erstere sind für eine Verteidigung ähnlich vorteilhaft wie Gebirge, letztere nützen nur etwas, wenn der Verteidiger sie im Rücken hat.

Der Kordon ist eine Postenkette, die dem Schutz einer ganzen Gegend dienen soll. Sie ist nur „gegen einen schwachen Stoß“ des Feindes nützlich (S. 496f). Mit einem Kordon gegen eine feindliche Hauptmacht antreten zu wollen, ist ein Fehler.

Unter dem Schlüssel des Landes versteht Clausewitz eine „Gegend […], ohne deren Besitz man nicht wagen darf, in ein Land einzudringen.“ Er weist aber darauf hin, daß meistens „der beste Schlüssel zum Lande im feindlichen Heer“ liegt (S. 504).

Bei der Flankenwirkung unterscheidet Clausewitz „die Wirkung auf die bloße Verbindungslinie von der Wirkung auf die Rückzugslinie“ (S. 505). Die erste soll das feindliche Heer schwächen, die zweite den Rückzug abschneiden.

Der Rückzug in das Innere des Landes wird von Clausewitz „als eine eigene mittelbare Widerstandsart angesehen, bei welcher der Feind nicht sowohl durch das Schwert als durch seine eigenen Anstrengungen zugrunde gehen soll“ (S. 516).

Er bietet folgende Vorteile:

  • Er kostet den Verteidiger nicht mehr Soldaten als den Angreifer.
  • Die Verpflegung des Verteidigers ist besser als die des Angreifers.

Die Nachteile sind „der Verlust, welchen das Land durch das Vordringen des Feindes macht“ und der „moralische Eindruck“ (S. 518). Doch der Verlust ist kein Thema, da der eigentliche Zweck der Verteidigung „ein vorteilhafter Friede“ ist, für den „kein augenblickliches Opfer zu groß geachtet werden“ muß (S. 518). Der ungute moralische Eindruck aber bleibt: „Das Volk wird Mitleiden und Unwillen fühlen, wenn es das Schicksal der aufgeopferten Provinzen sieht, das Heer wird leicht sein Vertrauen zu seinem Führer oder gar zu sich selbst verlieren“ (S. 519).

Die „Bedingungen und begünstigenden Umstände“ eines Rückzugs ins Landesinnere sind eine „weite Oberfläche oder wenigstens eine lange Rückzugslinie“ (S. 519), „eine wenig bebaute Gegend“, „ein treues kriegerisches Volk“, „die schlechte Jahreszeit“ (S. 520), also der Winter, und eine große Zahl von Soldaten.

Volksbewaffnung. „Der Volkskrieg ist im kultivierten Europa eine Erscheinung des neunzehnten Jahrhunderts“ (S. 529). Die Volksbewaffnung „zerstört wie eine still fortschwelende Glut die Grundfesten des feindlichen Heeres“ (S. 530).

Die Bedingungen für die Wirksamkeit eines Volkskriegs sind, „daß der Krieg im Innern des Landes geführt“ wird, „daß er nicht durch eine einzige Katastrophe entschieden werde“, „daß das Kriegstheater eine beträchtliche Länderstrecke einnehme“, „daß der Volkscharakter die Maßregel unterstütze“ und „daß das Land sehr durchschnitten und unzugänglich sei“ (S. 531).

Auf die Größe der Bevölkerung kommt es nicht an. Es ist von Vorteil, wenn sie nicht in Städten oder Dörfern, sondern zerstreut wohnt. Der Volkssturm „soll nicht gegen die feindliche Hauptmacht […] gerichtet sein“, sondern „soll sich in den Provinzen erheben, welche dem Kriegstheater seitwärts liegen“ (S. 531). Ein „Hauptverteidigungsgefecht“ muß vermieden werden“ (S. 534).

Mit der grundsätzlichen Frage, ob eine Volksbewaffnung sinnvoll ist, befaßt sich Clausewitz so wenig wie mit der „Frage über den Krieg selbst – wir überlassen beide den Philosophen“ (S. 530).

Im Kapitel Verteidigung eines Kriegstheaters stellt Clausewitz fest, daß die Verteidigung nach seiner Vorstellung „nichts als die stärkere Form des Kampfes“ ist. Ihr Zweck ist die „Erhaltung des eigenen Staates und die Niederwerfung des feindlichen […], und wieder mit einem Wort: der beabsichtigte Friede“ (S. 537).

Die „Erhaltung und Vernichtung der Streitkraft“ geht „dem Besitz des Landes immer vor“ (S. 538), denn der Vernichtung der Streitkraft „folgt der Verlust des Landes eo ipso; aber nicht umgekehrt folgt aus der Eroberung des Landes die Vernichtung der Streitkraft, denn diese kann das Land freiwillig räumen, um es nachher um so leichter zu erobern“ (S. 537).

Die Verteidigung „besteht aus […] der Entscheidung und dem Abwarten“ (S. 541). „Wo keine Entscheidung gesucht und erwartet werden kann, da ist kein Grund, etwas aufzugeben“ (S. 560). Das Abwarten ist „einer der größten Vorteile, den die Verteidigung vor dem Angriff voraus hat“ (S. 559).

Wenn der Angreifer merkt, daß er nichts ausrichten kann, sucht er „oft einen Ausweg in der Befriedigung der bloßen Waffenehre“ (S. 570). Der Verteidiger wird zwar durch einen solchen Sieg des Angreifers nicht wesentlich beeinträchtigt, doch er wird „seinem Gegner auch diesen Vorteil nicht gern einräumen […], zumal da man niemals weiß, was sich zufällig noch daran anknüpfen kann“ (S. 571).

Im Endeffekt dreht sich ein solcher Kampf nur noch darum, welcher Feldherr der geschicktere ist. Diese Geschicklichkeit darf man nicht „mit dem ganzen intellektuellen Wert des Feldherrn“ verwechseln, „denn die Kriegskunst ist ja weder ein bloßer Akt des Verstandes, noch sind die Tätigkeiten des Verstandes darin die höchsten“ (S. 578).

Der Meinung, „daß gerade das gleichgewichtige, erfolglose, nichtige Kriegsspiel das Ziel der Ausbildung sein müßte“, „liegt ein solcher Mangel an Logik und Philosophie zum Grunde, daß man sie nur eine trostlose Verwirrung der Begriffe nennen kann. Aber auch die entgegengesetzte Meinung, als wenn dergleichen nicht weiter vorkommen würde, ist sehr unüberlegt.

Von den neueren Erscheinungen im Gebiet der Kriegskunst ist das allerwenigste neuen Erfindungen oder neuen Ideenrichtungen zuzuschreiben und das meiste den neuen gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen. Aber auch diese müssen nicht gerade in der Krise eines Gärungsprozesses zur Norm genommen werden, und es ist darum nicht zu bezweifeln, daß ein großer Teil der früheren Kriegsverhältnisse wieder zum Vorschein kommen wird“ (S. 579; Abschnittsetzung von mir).

Wenn der Krieg „ein gleichgewichtiges Spiel der Kräfte“ wird (S. 577), zeigt das, „daß entweder keiner der beiden Feldherren ein großes kriegerisches Talent ist, oder daß der talentvolle durch seine Verhältnisse abgehalten wird, eine große Entscheidung zu wagen; wo aber das der Fall ist, da ist auch nimmermehr das Gebiet des höchsten kriegerischen Ruhmes“ (S. 580).

Clausewitz bekennt, daß er „in diesem Kapitel keine Grundsätze, Regeln oder Methoden“ angeben kann, „weil uns die Geschichte nichts dergleichen darbietet und man dagegen fast in jedem einzelnen Moment auf Eigentümlichkeiten stößt, die sehr häufig ganz unverständlich sind, oft sogar durch Wunderlichkeit überraschen“ (S. 581).

Trotzdem ist das Studium der Geschichte in dieser Hinsicht nicht nutzlos. Denn: „Wo es auch kein System, keinen Wahrheitsapparat gibt, da gibt es doch eine Wahrheit, und diese wird dann meistens nur durch ein geübtes Urteil und den Takt einer langen Erfahrung gefunden. Gibt also die Geschichte hier keine Formeln, so gibt sie doch hier wie überall Übung des Urteils“ (S. 582).

Anders ausgedrückt: Wenn wir aus der Geschichte auch nichts lernen können, so können wir doch bei der Geschichtsbetrachtung unsere Urteilskraft schärfen.

Doch auch das schränkt Clausewitz sofort wieder ein. Eines hat er doch aus der Geschichte gelernt: „Alle die hier angegebenen Mittel haben nur einen relativen Wert. Sie befinden sich alle in dem Gerichtsbann einer gewissen Unvermögenheit beider Teile; über dieser Region herrscht ein höheres Gesetz, und da ist eine ganze andere Welt der Erscheinungen. Nie darf der Feldherr das vergessen, nie sich mit eingebildeter Sicherheit in dem engen Kreis als in etwas Absolutem bewegen; nie die Mittel, welche er hier anwendet, für die notwendigenfür die einzigen halten und sie dann auch noch ergreifenwenn er selbst schon vor ihrer Unzulänglichkeit zittert“ (S. 582).

„Mit anderen Worten: das erste Erfordernis ist, daß der Feldherr den rechten Maßstab ergreife, wonach er sein Werk einrichten will“ (S. 582).

Der Angriff

Das siebte und achte Buch sind „beide leider unvollendet geblieben“ und waren „nur in flüchtigen Skizzen und Vorarbeiten vorhanden“, teilt Marie von Clausewitz in der Vorrede vom 5.12.1833 zum dritten Teil mit, der diese beiden Bücher enthält (S. 589).

Der Angriff in Beziehung auf die Verteidigung. Einerseits haben wir aus den Kapiteln über die Verteidigung schon einiges über den Angriff erfahren, andererseits stehen in diesem siebten Buch auch Kapitel, „die in der Verteidigung keine korrespondierende haben“ (S. 592).

Natur des strategischen Angriffs. Clausewitz vergleicht den Angreifer mit einem „Vogel auf dem Aste“, während „der Verteidiger in der Nähe seiner Festungen und Vorräte“ sitzt (S. 593). Während es bei der Verteidigung Stufen gibt, „ist der Angriff […] immer ein und derselbe“ (S. 594). „Festungen, Volksaufstand und Bundesgenossen“ des Verteidigers stehen dem Angreifer nur „selten und […] dann meistens zufällig“ zur Verfügung (S. 595).

Die Verteidigung ist zwar „die stärkere Form des Krieges“ (S. 593), doch insofern, als auch der Angreifer das Eroberte verteidigen muß, wird er geschwächt.

Vom Gegenstande des strategischen Angriffs. „Selten oder wenigstens nicht immer schreibt sich der Feldherr genau vor, was er erobern will, sondern er läßt es von den Ereignissen abhängen“ (S. 595).

Abnehmende Kraft des Angriffs. Die absolute Macht wird geschwächt „durch den Zweck des Angriffs, das feindliche Land selbst zu besetzen“, durch die Sicherung der eroberten Landstriche, „durch Verluste in Gefechten und durch Krankheiten“, durch die „Entfernung von den Ergänzungsquellen“, durch Belagerungen, durch das „Nachlassen in den Anstrengungen“ und durch das „Abtreten von Verbündeten“ (S. 596).

Der Kulminationspunkt des Angriffs ist der „Punkt, wo die Kräfte noch eben hinreichen, sich in der Verteidigung zu halten und den Frieden abzuwarten.- Jenseits dieses Punktes liegt der Umschwung, der Rückschlag; die Gewalt eines solchen Rückschlages ist gewöhnlich viel größer, als die Kraft des Stoßes war“ (S. 597).

Den Aufsatz Über den Kulminationspunkt des Sieges (S. 637-647) hält Marie von Clausewitz für eine Bearbeitung des vorigen Kapitels, das nur skizziert ist. Clausewitz geht hier ausführlich auf die Ursachen der Verstärkung und der Schwächung des Angriffs ein.

Falls jemand noch Illusionen inbezug auf einen Angriffskrieg hat, werden sie ihm hier genommen: Der Sieger „dankt in der Regel dem Himmel, wenn man mit der Rückgabe des Eroberten davonkommt, ohne Einbuße vom eigenen Lande zu leiden“ (S. 644). Denn die Verteidigung des eroberten Gebiets ist sehr viel schwieriger als die Verteidigung der Heimat. Es „wird ihr gewissermaßen das offensive Prinzip eingeimpft und ihre Natur dadurch geschwächt“ (S. 645).

Clausewitz, der immer wieder betont, daß die Verteidigung stärker als der Angriff ist, betrachtet es „als den hauptsächlichsten Nachteil des Angriffs“, daß der Sieger das eroberte Land verteidigen muß, ohne die Vorteile der Heimatverteidigung zu haben (S. 645).

Insofern könnte man das ganze Buch von Clausewitz als Plädoyer gegen den Angriffskrieg auffassen, wobei er nicht einmal moralisch, sondern rein praktisch, auf der Basis bisheriger Erfahrungen, vor allem von Friedrich dem Großen und Napoleon, argumentiert.

  • Nach dem Tod von Kaiser Karl VI. (1740) fiel Friedrich der Große (1712-1786) „in Schlesien ein. Ein Rechtsanspruch auf Schlesien konnte trotz eifrigen Bemühens nicht geltend gemacht werden und blieb umstritten.“ Friedrichs Einfall in Sachsen (1756) war ein Präventivkrieg, nach dessen Ende der „territoriale Besitzstand quo ante […] bestätigt“ wurde. Friedrich hat selbst über diesen Siebenjährigen Krieg, der ein Eroberungskrieg war, ein Buch geschrieben.
  • Den Rußlandfeldzug von Napoleon Bonaparte hat Clausewitz im Dienst Rußlands selbst miterlebt. Er berichtete darüber in seinem Buch „Der Feldzug 1812 in Rußland“ (Berlin 1906). Die Lage Napoleons stellte er so dar: „Eine Armee von 90000 Mann, mit erschöpften Menschen und zugrunde gerichteten Pferden, in einem spitzen Keil 120 Meilen weit in Rußland hineingetrieben, rechts eine Armee von 110000 Mann, um sie herum ein bewaffnetes Volk, genötigt, nach allen Weltgegenden Front zu machen, ohne Magazine, ohne hinreichende Munitionsvorräte, mit einer einzigen, ganz verwüsteten Verbindungsstraße – das ist keine Lage, in der man überwintern kann. War aber Bonaparte nicht gewiß, sich den ganzen Winter in Moskau behaupten zu können, so mußte er den Rückzug vor dem Eintritt des Winters antreten … Bonapartes Rückzug war unvermeidlich und sein ganzer Feldzug verfehlt von dem Augenblick an, wo der Kaiser Alexander den Frieden versagte: auf diesen Frieden war alles berechnet und Bonaparte hat sich darüber gewiß nicht einen Augenblick getäuscht'“ (zit. n. Schramm 305).

Wilhelm von Schramm kommentiert: „So hat Clausewitz aus dem Feldzug in Rußland 1812 zeitlose Lehren gezogen. Sie hätten der deutschen Wehrmacht vor dem und im Zweiten Weltkrieg von größtem Nutzen sein müssen, wenn sie beachtet worden wären. Die Sowjetrussen haben dies allerdings auch zu Beginn des Krieges versäumt, aber seit 1942 kämpfte dann wieder, symbolisch gesprochen, der Geist von Clausewitz auf ihrer Seite, wie er es 1812 leibhaftig getan hat. Daher auch die Achtung und Verehrung, die er in der UdSSR und in ihrem Satellitenstaat DDR genießt“ (Schramm 313f).

Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte betrachtet Clausewitz als „Mittel zum Ziel“, und er notiert noch den „Preis, den es kostet“ (S. 597).

Die Offensivschlacht. Während der Verteidiger Zeit gewinnen will, „weil eine unentschiedene Verteidigungsschlacht mit Sonnenuntergang gewöhnlich eine gewonnene ist“, will „der Feldherr in der Angriffsschlacht […] die Entscheidung […] beschleunigen; aber von der anderen Seite ist mit der Übereilung eine große Gefahr verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt. Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die Ungewißheit über die Lage des Gegners; sie ist ein wirkliches Hineintappen in unbekannte Verhältnisse“ (S. 599f).

Flußübergänge sind „immer eine sehr unbequeme Sache für den Angreifenden“ (S. 600), doch er kann die meisten Flußverteidigungen umgehen.

Angriff von Defensivstellungen. Clausewitz betrachtet es als „Hauptwahrheit“, „daß einen tüchtigen Gegner in einer guten Stellung anzugreifen ein mißliches Ding ist“ (S. 603).

Das gilt vor allem für den Angriff verschanzter Lager, der „eine sehr schwierige, meistens eine unmögliche Aufgabe für den Angreifenden ist“ (S. 605.

Beim Angriff eines Gebirges kommt es darauf an, ob es nur um ein untergeordnetes Gefecht geht (in diesem Fall ist der Angriff „nur […] ein notwendiges Übel“) oder um eine „Hauptschlacht“ (in diesem Fall befinden „sich die Vorteile auf Seite des Angriffs“) (S. 605).

Der Angriff von Linienkordons (Postenketten) ist zwar einfach, bringt aber „nur einen schwachen Erfolg, der meistens nicht der Mühe wert ist, die man darauf gewendet hat“ (S. 609).

Unter Manövrieren versteht Clausewitz hier „ein Spiel gleichgewichtiger Kräfte, um eine glückliche Gelegenheit zu Erfolgen herbeizuführen und diese dann als eine Überlegenheit über den Gegner zu benutzen“ (S. 609). Dafür gebe es „keine Art von Regeln“ (S. 611).

Beim Angriff von Morästen, Überschwemmungen, Wäldern kommt es jeweils zu ganz eigenen Schwierigkeiten.

Im Kapitel Angriff eines Kriegstheaters mit Entscheidung macht Clausewitz einige allgemeine Bemerkungen: „So wie Vorsicht der eigentliche Genius der Verteidigung ist, so ist es Kühnheit und Zuversicht beim Angreifenden; nicht daß die entgegengesetzten Eigenschaften beiden fehlen dürften, sondern es stehen die ihnen zur Seite in einer stärkeren Affinität damit. Alle diese Eigenschaften sind ja überhaupt nur nötig, weil das Handeln kein mathematisches Konstruieren ist, sondern eine Tätigkeit in dunklen oder höchstens dämmernden Regionen, wo man sich demjenigen Führer anvertrauen muß, der sich am meisten für unser Ziel eignet.- Je moralisch schwächer sich der Verteidiger zeigt, um so dreister muß der Angreifende werden“ (S. 614).

Im Kapitel Angriff eines Kriegstheaters ohne Entscheidung meint Clausewitz, daß der Angreifer in „Kriegen dieser Art“ einen „bedeutenden“ Vorteil „über seinen Gegner hat, nämlich ihn seiner Absicht und seinem Vermögen nach besser beurteilen zu können, als dies umgekehrt der Fall ist. In welchem Grade ein Angreifender unternehmend und dreist sein wird, ist viel schwerer vorherzusehen, als ob der Verteidiger etwas Großes im Sinn führt“ (S. 620).

Der Angriff von Festungen schwächt nicht nur die Verteidigung des Feindes, sondern auch des Angreifers, dessen Kräfte sie bindet. „Die meisten Belagerungen scheitern aus Mangel an Mitteln, und diese fehlen meistens wegen der Schwierigkeit des Transportes“ (S. 622).

Der Angriff von Transporten erscheint einfach, weil sie wegen ihrer Ausdehnung nur schwer beschützt werden können. Doch meistens sind sie ja im Rücken des Angreifers, also außerhalb der Reichweite des Feindes. Wer einen Transport erobert hat, steht vor der Schwierigkeit, das Eroberte fortzuschaffen, und muß sich in der Regel mit Zerstörungsmaßnahmen begnügen. Was am meisten davon abhält, Transporte anzugreifen, ist die Furcht vor der Rache des Überfallenen, falls er die nächste Schlacht gewinnt.

Der Angriff einer feindlichen Armee in Quartieren hat das Ziel, die Versammlung der feindlichen Armee zu verhindern. Falls der Angriff gelingt, wird er „doch selten den Erfolg einer gewonnenen Hauptschlacht geben, teils weil die Trophäen selten so groß sein werden, teils weil der moralische Eindruck nicht so hoch angeschlagen werden kann“ (S. 629).

Diversion ist ein solcher „Anfall des feindlichen Landes, wodurch Kräfte von dem Hauptpunkt abgezogen werden“ (S. 633). Diversionen sind nur sinnvoll, wenn „sie mehr Streitkräfte des Feindes vom Hauptkriegstheater abziehen, als wir auf die Diversion verwenden“ (S. 634). Das Hauptproblem einer Diversion besteht darin, daß sie „den Krieg in eine Gegend“ bringt, „wohin er ohne sie nicht gekommen wäre; dadurch wird sie mehr oder weniger immer feindliche Streitkräfte wecken, die sonst geruht hätten“ (S. 635).

Im Gegensatz zu den Franzosen versteht Clausewitz unter Invasion nicht nur „jeden in das feindliche Land weit vorgehenden Angriff“, sondern jeden Angriff, gleichgültig, ob er „an der Grenze bleiben, tief in das feindliche Land vordringen, ob er sich mit der Einnahme der festen Plätze vor allem beschäftigen oder den Kern der feindlichen Macht aufsuchen und unablässig verfolgen soll“ (S. 636f).

Kriegsplan

In der Einleitung warnt Clausewitz den Feldherrn vor der Überbewertung der Theorie: „Sie kann ihm keine Formeln zur Auflösung der Aufgaben mitgeben, sie kann seinen Weg nicht auf eine schmale Linie der Notwendigkeit einschränken durch Grundsätze, die sie zu beiden Seiten aufmarschieren läßt. Sie läßt ihn einen Blick in die Masse der Gegenstände und ihrer Verhältnisse tun“ – was wahr und recht ist, muß der Feldherr unabhängig von einer Theorie entscheiden, denn es scheint „mehr ein Produkt der Gefahr als des Denkens zu sein“ (S. 651).

Absoluter und wirklicher Krieg. Clausewitz unterscheidet zwischen Kriegszweck (was man mit einem Krieg erreichen will) und Kriegsziel (was man in einem Krieg erreichen will).

Mit absolutem Krieg meint er „die Niederwerfung des Gegners“ als „das natürliche Ziel des kriegerischen Aktes“. Daraus folgt, „daß es im kriegerischen Akt keinen Stillstand geben und nicht eher Ruhe eintreten könne, bis einer der beiden Teile wirklich niedergeworfen sei“ (S. 651). Doch in der Wirklichkeit erscheinen die meisten Kriege „nur wie eine gegenseitige Entrüstung, wobei jeder zu den Waffen greift, um sich selbst zu schützen und dem anderen Furcht einzuflößen und – gelegentlich ihm einen Streich beizubringen“ (S. 652).

In dem Kapitel Innerer Zusammenhang des Krieges kommt Clausewitz zu folgendem Ergebnis: „Die Theorie fordert also, daß bei jedem Kriege zuerst sein Charakter und seine großen Umrisse nach der Wahrscheinlichkeit aufgefaßt werden, die die politischen Größen und Verhältnisse ergeben. Je mehr nach dieser Wahrscheinlichkeit sein Charakter sich dem absoluten Kriege nähert, je mehr die Umrisse die Masse der kriegführenden Staaten umfassen und in den Strudel hineinziehen, umso leichter wird der Zusammenhang seiner Begebenheiten, um so notwendiger, nicht den ersten Schritt zu tun, ohne an den letzten zu denken“ (S. 657).

Der Abschnitt Von der Größe des kriegerischen Zweckes und der Anstrengung gehört noch zum dritten Kapitel über den inneren Zusammenhang des Kriegs. Clausewitz stellt hier fest, daß es „drei Rücksichten“ gebe, die „eine Ungewißheit in die Berechnung des Widerstandes, welchen man finden wird, folglich der Mittel, die man anwenden soll, und des Zieles, welches man sich setzendarf“, bringen:

  • die Größe unserer und der „politischen Forderungen“ des Feindes;
  • die „Lage und Verhältnisse der Staaten“;
  • die „Willensstärke, der Charakter, die Fähigkeiten der Regierungen“ (S. 658).

Nähere Bestimmungen des kriegerischen Zieles. Die Niederwerfung des Feindes besteht in der „Zertrümmerung seines Heeres“, in der „Einnahme der feindlichen Hauptstadt“ und in einem wirksamen „Stoß gegen den hauptsächlichsten Bundesgenossen“ (S. 672).

Wer angreift, sollte sich dabei keine Zeit lassen. Denn die Zeit arbeitet für den besiegten Verteidiger: „Neid, Eifersucht, Besorgnis, auch wohl hin und wieder Edelmut sind die natürlichen Fürsprecher des Unglücklichen, sie werden ihm auf der einen Seite Freunde erwecken, auf der anderen das Bündnis seiner Feinde schwächen und trennen. Es wird sich also mit der Zeit eher für den Eroberten etwas Vorteilhaftes ergeben als für den Erobernden.“ Dazu kommt, „daß die Benutzung eines ersten Sieges […] einen großen Kraftaufwand erfordert; dieser will nicht bloß gemacht, er will wie ein großer Hausstand unterhalten sein“ (S. 674). Außerdem wird jeder Verteidiger „nach Kräften suchen […], zum Angriff überzugehen“ (S. 677).

Das fünfte Kapitel Beschränktes Ziel ist eine Fortsetzung des vierten Kapitels. Ohne „große physische oder moralische Überlegenheit oder einen großen Unternehmungsgeist, einen Hang zu großen Wagnissen“ bleibt dem Angreifer nur übrig, nur einen „kleinen oder mäßigen“ Teil des Feindeslands zu erobern. Dem Verteidiger bleibt in einem solchen Fall nur übrig, sein eigenes Land „bis zu besseren Augenblicken“ zu erhalten (S. 678).

Der Einfluß des politischen Zweckes auf das kriegerische Ziel liegt in dem Folgenden: „Je mehr in den kriegerischen Akt ein ermäßigendes Prinzip kommt, oder vielmehr, je schwächer die Motive des Handelns werden, um so mehr geht das Handeln in ein Leiden über“ (S. 682).

Der Abschnitt Der Krieg ist ein Instrument der Politik gehört noch zum sechsten Kapitel. Clausewitz betont, „daß der Krieg nur ein Teil des politischen Verkehrs seialso durchaus nichts Selbständiges“ (S. 683).

Er schließt dabei aus, daß die Politik „eine falsche Richtung haben, dem Ehrgeiz, dem Privatinteresse, der Eitelkeit der Regierenden vorzugsweise dienen kann“; er spricht hier von einer Politik, die „alle Interessen der inneren Verwaltung, auch die der Menschlichkeit, und was sonst der philosophische Verstand zur Sprache bringen könnte, in sich vereinigt und ausgleicht“, d.h. er betrachtet „hier die Politik nur als Repräsentanten aller Interessen der ganzen Gesellschaft“ (S. 685).

Wie eine menschliche Politik einen Angriffskrieg rechtfertigen könnte, behält Clausewitz für sich.

Er hält es für widersinnig, „bei Kriegsentwürfen Militäre zu Rate zu ziehen, damit sie rein militärisch darüber urteilen sollen […]; aber noch widersinniger ist das Verlangen der Theoretiker, daß die vorhandenen Kriegsmittel dem Feldherrn überwiesen werden sollen, um danach einen rein militärischen Entwurf zum Kriege oder Feldzuge zu machen“ (S. 686f).

„Ist die Politik richtig, d. h. trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinn auch nur vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen“ (S. 687).

Im Kapitel Beschränktes Ziel. Angriffskrieg wirkt es seltsam, wenn Clausewitz schreibt, es sei „sehr natürlich“ zu denken, die „Eroberung eines Teiles der feindlichen Länder“ sei nützlich, um dann zu lesen, daß nichts dagegen sprechen würde, „wenn nicht der Verteidigungszustand, welcher dem Angriff folgen muß, häufig Bedenken erregen könnte“ (S. 690f).

Anders formuliert: Das Rauben ist sehr nützlich. Dagegen spricht nur, daß man die Beute auch behalten können muß. Um das Behalten dreht sich der Rest des Kapitels: „Überhaupt gehören die Beispiele von Armeen, die sich in dem eroberten Landstrich nicht halten konnten, bloß weil ihre Streitkraft dadurch geschwächt wurde, zu dem gewöhnlichen Vorkommen“ (S. 691).

Im Kapitel Beschränktes Ziel. Verteidigung wirkt es seltsam, daß Clausewitz meint, daß der Angreifer „nach einer bestimmten Anzahl vergeblicher Versuche“ nicht notwendigerweise ermüde und nachlasse, wenn es dem Verteidiger gelingt, sein Land zu erhalten (S. 693). Dahinter steckt seine Theorie, daß ein Angriff nur dann schwächt, wenn „es einen Umschwungspunkt geben kann“; sonst sei „die Schwächung […] größer beim Verteidiger als beim Angreifenden: denn teils ist er der Schwächere, und bei gleicher Einbuße verliert er also mehr als der andere, teils nimmt ihm jener gewöhnlich einen Teil seiner Länder und Hilfsquellen“ (S. 693f).

Unter dem Strich bleibt wieder: Der Angriffskrieg ist dann nützlich, wenn der Verteidiger den Angreifer nicht besiegen, sondern nur seine Stellung halten kann. Außerdem ist da noch der Widerspruch, daß ein Verlust von Land kein Halten der Stellung bedeutet.

Es bleibt bei mir der Eindruck zurück, daß Clausewitz diese beiden Kapitel noch überarbeitet hätte, wenn er dazu Zeit gehabt hätte. Nachdem er sich mit Cholera infiziert hatte, blieben ihm bis zum Tod nur noch neun Stunden.

Clausewitz‘ erster Biograph Karl Schwartz meint in „Leben des Generals Carl von Clausewitz und der Frau Marie von Clausewitz, geb. Gräfin Brühl“ (2 Bände, Berlin 1878): „‚Nach dem Zeugnis der Ärzte war sein Tod mehr die Folge des durch tiefen Seelenschmerz erschütterten Zustands seiner Nerven als der Krankheit, von der er einen verhältnismäßig leichten Anfall gehabt hatte'“ (zit. n. Schramm 447f).

Das Kapitel Kriegsplan, wenn Niederwerfung des Feindes das Ziel ist ist nicht der ursprünglich von Clausewitz geplante Schluß seines Buchs, denn es sollte zumindest noch ein Kapitel über die „Einrichtung des Oberbefehls“ folgen (S. 721).

Im vorliegenden Kapitel nennt Clausewitz „zwei Hauptgrundsätze“ für den „ganzen Kriegsplan“, nämlich konzentriert und möglichst schnell zu handeln (S. 698). Eine Ausnahme vom ersten Grundsatz bilden „Nebenunternehmungen“, die „ungewöhnliche Vorteile versprechen“ (S. 700).

Clausewitz meint, der Rußlandfeldzug von Napoleon (1812) sei „nicht gelungen, weil die feindliche Regierung fest, das Volk treu und standhaft blieb, weil er also nicht gelingen konnte“ (S. 713).

Anschließend an ein Resümee der Befreiungskriege macht sich Clausewitz noch Gedanken darüber, wie „Frankreich jedesmal niedergeworfen und gezüchtigt werden kann, wenn es sich einfallen läßt, den Übermut, womit es Europa 150 Jahre lang gedrückt hat, wieder anzunehmen.“ Er meint, daß „der föderative Teil Deutschlands“ die Monarchien Preußen und Österreich schwächt, denn ein „föderativer Staat ist […] im Kriege ein sehr morscher Kern; da ist keine Einheit, keine Energie, keine vernünftige Wahl des Feldherrn, keine Autorität, keine Verantwortlichkeit denkbar“ (S. 726).

Würdigung und Kritik

Für Wilhelm von Schramm ist der „Pastorenenkel“ Clausewitz ein „Philanthrop“ (Schramm 136) und „der Kriegsphilosoph“ (Schramm 22).

Die Wurzel seiner Philosophie sieht Schramm in der Niederlage Preußens angesichts des Feldzugs von Napoleon, der am 14.10.1806 in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt siegte. Das Grenadierbataillon von Prinz August von Preußen (1779-1843), dem Clausewitz als Adjutant und Stabskapitän diente, konnte sich zwar zunächst der Kapitulation entziehen, blieb aber in den Ucker-Sümpfen stecken. Da das Pulver naß geworden war, ergaben sich die erschöpften Soldaten im Uckerbruch vor Pasewalk und gerieten in französische Gefangenschaft.

Schramm kommentiert: „Das Erlebnis führte bei dieser im Grund empfindsamen Seele zu einem Trauma, zu einer tiefen inneren Verletzung, aber wohl weniger des Selbst- als vielmehr des Nationalgefühls: Der Patriot in dem jungen Offizier war erniedrigt, beleidigt und reagierte mit lang anhaltender Empörung“ (Schramm 97). „… nicht der Triumph, sondern das Trauma“ macht „den Philosophen“ (Schramm 85).

Die Gefangenschaft von Prinz August und Clausewitz war eher eine Art Exil, das Clausewitz zu Bildungszwecken nutzte. Angesichts der Kathedrale von Reims und den Gebeten eines Priesters in der Kirche von Nancy bekannte er sich zum Christentum. In einem Brief an seine Braut Marie von Brühl (1779-1836) schrieb er, daß „‚allen wesentlichen Teilen des christlichen Gottesdienstes […] ein so richtiges Gefühl'“ zugrundeliege, „‚daß man erstaunen muß über die Größe des Stifters [Jesus], der dieses Gefühl in dem größten Teil des Menschengeschlechtes veranlaßt hat, zu einer Zeit, da falsch ausgebildete Religiosität auf der einen Seite [bei den Juden] und barbarische Rohheit auf der anderen [bei den Römern] das Menschengeschlecht am weitesten davon zu entfernen schien'“ (zit. n. Schramm 112; Ergänzungen in [ ] von mir).

In einem anderen Brief aus Paris bekannte er sich zur Freiheit: „‚Es ist entsetzlich, in seinem Leben der Tendenz eines anderen zu folgen, der nicht gemacht ist wie wir'“ (zit. n. Schramm 113).

Wer hier und da bei der Lektüre des Werks von Clausewitz schmunzeln muß, kann an den Einfluß der romantischen Ironie denken, die Clausewitz kannte und auch selbst einsetzte.

Schramm weist noch darauf hin, daß in der patriotischen Schrift „Drei Bekenntnisse“ (1812), die erst 1869 veröffentlicht wurde, ein anderer Geist herrscht als im Hauptwerk „Vom Kriege“: „Ihr Autor Clausewitz […] hatte seinen einstigen, von Empörung flammenden Nationalhaß bereits nach der Befreiung 1815 überwunden“ (Schramm 265).

Clausewitz hatte gelernt, „das Nationale vom Nationalistischen reinlich zu scheiden: das eine hält die Nation als das geschichtlich Gewachsene hoch und entwickelt sie weiter als weltgeschichtlichen Beitrag, der Nationalist huldigt dagegen einem ideologischen Nationalegoismus und ist nur auf Eigeninteressen bedacht. Die ersten Leser der Bekenntnisdenkschrift haben das wohl auch schon gefühlt und legten sie darum ad acta. […] Durch die Veröffentlichung der drei Bekenntnisse […] wurde Clausewitz von den Nationalisten und später von den Nationalsozialisten für die Parteipolitik reklamiert, aber der Kriegsphilosoph darüber vergessen“ (Schramm 266).

Im Dritten Reich wurden die „Drei Bekenntnisse“ bekannter als „Vom Kriege“, „wenn auch nur im Auszug […]. Diesen Clausewitz meinte auch Hitler zuerst, wenn er den Namen nannte, und nicht den Kriegsphilosophen, dessen Erkenntnisse er als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht in den Wind schlug, schon als er 1939 als Aggressor in den Krieg zog und damit den Zweiten Weltkrieg entfesselte“ (Schramm 267).

© Gunthard Rudolf Heller, 2026

Literaturverzeichnis

CLAUSEWITZ, Carl von: Vom Kriege, München 2003

FRIEDRICH DER GROSSE: Geschichte des Siebenjährigen Krieges, München o. J.

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996 (KNLL)

LEXIKON DER PHILOSOPHISCHEN WERKE, hg. v. Franco Volpi und Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1988

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)

SCHRAMM, Wilhelm von: Clausewitz – General und Philosoph, München 1982

TUCHOLSKY, Kurt: Briefe aus dem Schweigen 1932-1935 – Briefe an Nuuna, hg. v. Mary Gerold-Tucholsky und Gustav Huonker, Reinbek bei Hamburg 1984

Gunthard Heller

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