Wicca: Geschichte des Geheimkults der Hexen

„Erfolg ist dein Beweis“, eine logische Feststellung aus dem Liber L Vel Legis, macht klar, daß der Mensch im Neuen Äon alles erreichen kann, was er will. Robert Anton Wilson schrieb zu diesem Thema in seinen Kultbüchern: „Der Mensch ist auf den totalen Erfolg im Universum programmiert!“ Erfolg ist aber nur möglich, wenn wir unsere Wurzeln kennen! Wenn wir wissen, woher wir kommen und wer wir sind.

Erst wenn diese Klarheit vorhanden ist, eruieren wir, wohin wir gehen wollen. „Identität“ ist nur möglich im Laufe der bewußten Auseinandersetzung mit der uns prägenden Vergangenheit, sowohl der individuell-persönlichen als auch der traditionell-religiösen. Von dieser Basis aus ist eine spirituelle Evolution des Stammes in seine immer größer werdende Krone erst möglich. Ohne Anerkennung dessen, worin unsere Identität und Freiheit begründet ist, gibt es keinen Erfolg!

Erfolg ist kein Geschenk, sondern ein Verdienst von Mühen, eine Belohnung von bestandenen Prüfungen. Auch davon spricht das Liber L in diesen Zusammenhängen.

Meines Erachtens ist das ein bedeutender Anspruch von Wicca: Bewahrung der Tradition, Verehrung der Ahnen, Anbetung der matriarchalen Seite Gottes, um diesen Ansprüchen des „Woher wir kommen“ gerecht zu werden.

Wenn jenes bewußt ist, dann ist die Potenz: Initiation, Kontakt mit den Göttern, Magie, um die Möglichkeiten der Gegenwart zu verstehen und zu nutzen. Was die Zukunft des europäisch-heidnischen Priesterkultes angeht: Inspiration & Kreativität im Gottesdienst ist gefordert, ein spirituelles Bekenntnis ist zu leisten, an uns selbst und für uns selbst, für den göttlichen Menschen des Neuen Äons. Aber auch im Dienst und auf Augenhöhe mit den Göttern sein – ein offenes Experimentierfeld für die bestehende und zukünftige Wicca-Priesterschaft.

Was ist Wicca?

Wicca ist ein Mysterienkult. Wicca ist eine Naturreligion, die nur aus eingeweihten Priestern und Priesterinnen besteht. Wicca ist ein lebenslanger Dienst an den Göttern. Wicca ist derzeit die am stärksten wachsende spirituelle Bewegung in der westlich-orientierten Welt. Der Begriff „Mysterien“ stammt aus dem Lateinischen (mysterium bedeutet wörtlich Geheimnis, Geheimlehre, Geheimkult). Kennzeichen eines Mysterienkultes sind nach derzeitiger religionswissenschaftlicher Auffassung:

1. ein geheimnisvolles Geschehen als Kultmythos
2. die geheimgehaltene Einweihung (Initiation), manchmal eine Reihe von Einweihungen
3. kultische Feiern zur Ehrung bestimmter Gottheiten, zu der (in der Regel) nur Eingeweihte zugelassen sind.

Aus notwendigen Gründen scheinen sich die matriarchalisch geführten Wicca-Kreise in diesen Zeiten mehr zu öffnen und ihr Wissen darzulegen als noch in den vergangenen Jahrzehnten. Der Kult erlebt derzeit weltweit einen Zulauf wie in den ausgehenden Sechzigern des letzten Jahrhunderts. Nachwuchshexen sind dabei einer Flut von Daten ausgesetzt, die wenig Wert auf fundierte Kenntnisse der Tradition legt.

Ursprung und Bedeutung des Wortes Wicca

Laut Oxford English Dictionary liegen die Wurzeln des Wortes „Wicca“ im altenglischen Begriff wiccian, was soviel wie „hexen, zaubern“ bedeutet. Das männliche Substantiv wäre demnach wicca, das weibliche wicce, mit dem Plural wiccan. Die im Kult gebräuchliche Form ist wicca, die für beide Geschlechter gebraucht und von einigen Autoren mit „weise“ übersetzt wird.

Nach meinen eigenen Recherchen ist die Wurzel des Wortes wicca möglicherweise auf das germanische vi-karr zurückzuführen, welches auf einen „Gottgeweihten“ verweist, da in altgermanischen Zeiten ein Gottgeweihter identisch war mit einem Menschen, der „Heiliges Haar“ trägt (ve-/vi= heilig und kar(r)= Haar). Das Weihehaar, das wehende Haar, war ein Zeichen der äußeren Odinsweihe.

Die Haare wurden als Zeichen der Weihe an den Gott nicht geschnitten. Dies wird auch in germanischen Namen wie Vikarr oder Odinkar (Os-kar) deutlich.Vikarr – bei Saxo Wicar – hieß außerdem ein norwegischer König, der an einem Odinsopfer starb.

Den geheimnisvollen merowingischen Priesterkönigen sagt man ebenfalls nach, daß sie ihr Haar als heilig empfanden und es niemals schnitten.

Die Merowinger standen – wie auch die Templer und Katharer – in der Tradition einer „gnostischen Liebeskirche“, die sich letztlich auf die Lehren der Maria Magdalena gründete. Der Kult der Schwarzen Madonna, die mit über 400 Kultorten noch heute in Europa vertreten ist, hat hier ebenfalls seinen Ursprung. Die englische Bezeichnung witchcraft bzw. the craft („die Kunst“) meint Kunst, Handwerk, aber auch „magische Fähigkeiten“ wie heilen, beeinflussen, schützen oder bannen.

Das sind Fertigkeiten, die über einen langen Zeitraum erlernt werden müssen und die bei Freizeitmagiern dieser Tage nur eine kleine Rolle spielen. Sicherlich ein Ergebnis der schnellen Lebenszeit und Eile. Kaum jemand kann und will sich die Zeit nehmen, die für das Erlernen einer Tradition nötig ist. Alles muß schnellst mögliche Resultate zeigen. Dabei vergessen die Zauberlehrlinge von heute, daß Magie die Arbeit mit Energien ist und immer eine Wirkung nach sich zieht.

Und zwar unabhängig davon, ob diese Beeinflussung der Dinge gewollt war oder nicht. Bevor ein Neuling also in einen Coven (Hexenzirkel) aufgenommen werden kann, muß er eine ein- bis dreijährige Lehre durchlaufen. Das Verständnis, das mit dem Studium der Geschichte des Hexenkultes beginnt und danach viele Ausbildungsschritte erfordert, sollte wachsen wie ein Baum.

Die Ursprünge von Wicca

Die verschiedenen Traditionen von Wicca in Europa

Wicca ist in Deutschland zu Anfang der Frühromantik (Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts) aus der Religionskritik eines Goethe und Schlegel als philosophisches Idealmodell einer Naturreligion entstanden. Die Jena-Weimarschen Heidenkreise von J. W. von Goethe, Friedrich von Schlegel, Fichte und Novalis deuten erste Spuren an. Die Ursprünge dieser Heidenkreise liegen in den sog. jüdischen Wohnstuben.

In der damaligen Zeit waren diese Wohnstuben Zentren des künstlerischen und intellektuellen Lebens in Deutschland. Es waren Orte der geistigen Freiheit und des elitären Austausches und eine Quelle für innovative gesellschaftliche, religiöse und künstlerische Ideen. Die Triebkraft der Romantiker war der Geist der Magie.

Die Romantiker gebrauchten die Vorstellungskraft, um ihre aufgestauten Frustrationen los zu werden und um eine nach ihrem Bild geformte Welt zu beschwören. Der Veccio Kult ist 1789 als Alte Religion in der Schlegelschen Bergpartei als "Verehrung der Natur über die Verehrung der Frau" ins Leben gerufen worden.

In der folgenden Zeit war die Alte Religion ein Teil der Lebensreformbewegung und der weiblichen Emanzipationsbewegung, die stark von den Schriften einer Dorothea Veit (geb. Mendelson, verheiratet mit F. von Schlegel) beeinflußt wurde.

Die damaligen deutschen Hexenzirkel haben nach einer belegten Aussage von MacGregor Mathers (eigentlich Liddell Mathers, ein Rosenkreuzer, der von der "Keltischen Bewegung" inspiriert war und sich später nur noch MacGregor nannte) auch die Entwicklung des "Hermetic Order of the Golden Dawn" (Hermetischer Orden der Goldenen Dämmerung) maßgeblich beeinflußt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der englische Golden Dawn die Ermächtigung bzw. die Charta zur Gründung der Vereinigung von deutschen Magiern bekam, die auch die ersten magischen Zeremonien inspirierten. Der Golden Dawn erhielt die Beschreibung der niederen Grade der Initiationsrituale aus Nürnberg („the secret chiefs“).

Die Eingeweihten von Nürnberg lehnten es danach strikt ab, die Rituale der höheren Adeptengrade weiter zu geben. MacGregor Mathers (s.o.) und Aleister Crowley ersannen eigene, angelehnt an das schon gegebene Wissen, und inszenierten ihren Aufstieg in England selbst. Bemerkenswert ist, daß der britische Coven, den Gerald B. Gardner (Gründer der Gardnerian Wicca) im New Forest gefunden hat, als "innerster Kreis einer Rosenkreuzer Loge" agiert hat. Auch in der deutschen Tradition der magischen Merlinsschmiede war es bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts üblich, daß einem Coven eine Rosenkreuzer-Gruppe als esoterischer Vorhof vorgeschaltet war.

Doch gehen wir in der Zeit noch etwas zurück: 1899 entstand angeblich das älteste Buch über "witchcraft" von Charles E. Leeland: "Ar(c)adia – die Lehre der Hexen". In diesem authentischen Hexenbuch in deutscher Sprache beschrieb er die Geschichte von Maddalenas italienischer Hexenfamilie. Auf die im Buch vorgestellten Rituale und Anrufungen beziehen sich bis heute viele Wicca-Anhänger in ihren Zeremonien. Da in Leelands Werk die Göttin im Mittelpunkt steht, ist es vor allem bei den dianischen (feministischen) Zirkeln beliebt, die ausschließlich die Große Göttin verehren.

1921 veröffentlichte die britische Ägyptologin und Anthropologin Margaret Murray den ersten Teil ihrer Studienergebnisse und stellte mit ihrem Buch: "The Witch Cult in Western Europe" eine bis heute umstrittene These auf: Demnach sah sie Parallelen zwischen dem Hexenglauben und einem frühgeschichtlichen Fruchtbarkeitskult, den sie für die Ur-Religion Westeuropas hielt.

Sie verbreitete die Kenntnis von der Tradition einer uralten Erdmutter-Tradition. Es gibt unzählige Indizien für diese These. Der Fruchtbarkeitskult soll sich bis zur Zeit der Inquisition in Europa gehalten haben. Heute geht man davon aus, daß die Ur-Religion im Geheimen überlebte, also seit Tausenden von Jahren eine auf- und abschwellende fortlaufende Tradition besteht. Diese Erkenntnisse bilden für viele Wicca die Grundlagen ihrer Religion. Ebenso wie die Forschungen der Archäologin Marija Gimbutas. Die Popularität des Hexenkultes ist nicht zuletzt der Verdienst dieser beiden Frauen.

Gerald Brosseau Gardner (s.o.), geboren 1884, der sich nach mehreren Reisen in den Nahen Osten ab 1936 der Magie zuwandte, wurde seinem eigenen Bericht zufolge 1946 (andere Angaben sprechen von 1936/1939) Mitglied in einer Hexenvereinigung im New Forest/Südengland, die enge Kontakte zur italienischen Freimaurerei über Giovanni Recigno unterhielt, dessen Familienangehörige wiederum Anhänger der Aradia-Hexenströmung waren.

Recigno war auch Mitglied des "Order of the Pentagram", der sehr eng mit der Gruppe "UR" von Julius Evola in Rom und mit der "Myriam School of Esoteric Initiation", die von Guilianno Kremmerz 1926 gegründet wurde, verbunden war.

Gardner ließ sich in den ersten Grad des Wicca-Kultes von einer Hexe namens „Daffo“ (Dorothy Clutterbuck) aus New Forest initiieren. Obwohl er nie in den zweiten oder dritten Grad initiiert wurde, bildete er doch zahlreiche neue Coven.

Logischerweise kannte Gardner auch Aleister Crowley und war wie dieser Mitglied im berühmten "Ordo Templi Orientis", (Orden der Orient-Templer), der in der Moderne 1902 von den Deutschen Karl Kellner und Theodor Reuß gegründet wurde. Kellner war ein hochgradiger Freimaurer und in der einflußreichen "Hermetischen Bruderschaft des Lichts".

In den 1890ern behauptete Kellner, drei für ihn wesentliche Adepten getroffen zu haben: einen Sufi und zwei hinduistische Tantrika (die Namen sind mir bekannt). Kellner lehrte daraufhin eine an den Westen angepaßte Version des fernöstlichen Roten Tantra, bei dem die weiblichen Aspekte der Obersten Gottheit im Mittelpunkt stehen.

Das ist insofern interessant, als auch im traditionellen Wicca Einflüsse aus dem Sufismus und aus dem Tantra zu finden sind.

Ich habe einen seltenen Hinweis in der Biographie von John Carter über Jack Parsons gefunden, nachdem Crowley in einem inneren Hexenzirkel (Coven) gewesen bzw. mitgewirkt haben soll. Fest steht, dass Crowley den Beginn des modernen Wicca entscheidend mit geprägt hat. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, daß er wesentliche Teile des "Book of Shadows" gegen Geld für Gardner geschrieben hat.

Vergleicht man einige Teile des Liber Al vel Legis (Buch des Gesetzes) mit dem wiccischen Schattenbuch, kommt man nicht umhin, verblüffende Ähnlichkeiten (fast wörtlich) in einigen Teilen und besonders in deren Sprache zu bemerken. Dies können natürlich nur initiierte Wicca feststellen und vergleichen.

Aus diesen und anderen Gründen ist das Liber Al vel Legis für initiierte Wicca ein Buch, das sie anerkennen und studieren. In diesem tiefen Sinne könnte man sagen, ein echter Wicca ist auch immer ein Thelemit. Nur umgekehrt ist es meistens nicht so. Eine Annäherung von Wicca und Thelema wäre meiner Meinung nach wünschenswert und im Sinne des Neuen Äons, da beide offensichtlich ähnliche Wurzeln aufweisen, zumindest seit crowleyanischer Zeit.

Wohlgemerkt, ich spreche hier nicht von dem freifliegenden Wicca, das sich ausbreitet, manchmal – besonders bei jungen Leuten – ohne Sinn und Verstand. Wicca im marktschreienden Sinne der populären Liebes- und Geldmagierituale hat sicherlich wenig mit dem thelemitischen Gedankengut einer spirituellen Lebensführung zu tun.

Aus den Lehren des O.T.O. kristallisierte sich in demselben ein Geheimorden heraus: der "Argentum Astrum". Die Adepten des "Silbernen Sterns" waren ausnahmslos Männer (zu denen auch A.C. gehörte), die von den Priesterinnen eingeweiht wurden. Der ägyptisch orientierte A. A. beinhaltet noch weitaus interessantere Geheimnisse, die sich nur nach längerem Studium und vor allem eigenen inneren Einsichten erhellen.

Im O.T.O. versammelten sich etliche bekannte Geister damaliger Zeit, William Butler Yeats, Dion Fortune (alias Violet de Virth), die Ordensgroßmeister Theodor Reuß, Aleister Crowley, Rudolf Steiner und viele mehr. Die anthroposophische Bewegung Rudolf Steiners entstand auf diesen magischen Grundlagen, was heutige Anthroposophen nicht unbedingt an die große Glocke hängen.

Es bestanden zudem hervorragende Kontakte zu dem "Ancient and Archaeological Order of Druids", denen auch so berühmte Künstler wie z.B. William Blake ehemals vorstanden. Der Druidenorden wurde von demselben Mann gegründet (1874), der auch im Jahre 1865 die "Societas Rosicruciana" (Gesellschaft vom Rosenkreuz) ins Leben rief: Dr. Robert W. Little.

Der wichtigste Neubelebungsversuch der Neuzeit geht auf Gardner zurück, der das Material von Margret Murray aufgriff und 1949 den Roman "High Magic’sAid" veröffentlichte, wo er detailliert von den Ritualen der Wicca erzählt. Ab 1951 bezeichnete sich Gardner bereits als „König der Hexen“. In England wurden erst 1954 die seit der Zeit der Inquisition bestehenden Hexengesetze aufgehoben (WitchcraftAct).

Gardner publizierte noch im gleichen Jahr "Witchcraft Today" sowie 1959 "The Meaning of Witchcraft" und das "Book of Shadows", ein bislang nur individuell weitergegebenes Buch, ein Regelwerk mit Ritualen und Anrufungen. "Witchcraft Today" wurde für einen Großteil der Wicca-Anhänger zum Hauptwerk. Das "Book of Shadows" sorgte für eine Ausbreitung der Hexencoven über ganz England.

Zur gleichen Zeit erschien in den U.S.A. die Zeitung "waxing moon". Es war die erste internationale Hexenzeitung, welche auf die Entwicklung von Wicca großen Einfluß genommen hat. Noch in den 50er Jahren wurde in einem Londoner Hotel die "Wicca Research Group" gegründet. Das war die Geburtsstunde des modernen Wicca, wie wir es heute kennen. 1964 verstarb Gardner und hinterließ das Hexenmuseum auf der Isle of Man, wo er seine Sammlung von Hexenwaffen ausstellte.

Am 06. Juni1965 wurde als sein Nachfolger Alex Sanders von Hohepriesterinnen verschiedener Coven für sieben Jahre zum "König der Hexen" bestimmt. Sanders behauptete, im zarten Alter von fünf Jahren durch seine Großmutter in den Kult eingeführt worden zu sein, was viele aber bezweifeln. Er veränderte in den 70er Jahren Wicca grundlegend und viele der alten Coven-Strukturen in Europa wurden zerstört.

Sanders wurde 1972, 1979 und 1986 wieder gewählt. Er war ebenso wie Gardner Mitglied im O.T.O. Schon in den 60er Jahren spaltete sich die Wicca-Bewegung in einen gardnerischen und einen alexandrinischen Strom, da viele Gardnerian Wicca Alex Sanders als Oberhaupt und Hexenkönig ablehnten. Dieser schwächende Streit zwischen den beiden Lagern dauerte bis zum Tode von Alex Sanders am 30. April 1988 (Beltane/Walpurgisnacht) an.

Seitdem gibt es keinen Hexenkönig mehr. Sanders hatte seinen eigenen Sohn als Nachfolger bestimmt, womit er die Tradition brach, nach welcher der König durch den "Britain Witchcraft Council of Elders" gewählt werden sollte. Derek Taylor, der in den letzten Jahren mit Alex Sanders homosexuell zusammenlebte, kümmerte sich um die spirituelle Ausbildung des kommenden Hexenkönigs. Derek wurde jedoch Ende Februar 2000 ermordet aufgefunden, die Hintergründe und die Täter sind nach wie vor unbekannt.

Viele Wicca können mit dem patriarchalen Reizbegriff des "Oberhauptes/Königs" nichts anfangen, da sie eher der matriarchalen Gesellschaftsform anhängen und dem alten Hexengesetz "Keiner über mir und keiner unter mir“ im Sinne einer weiblichen "Ring“-Gemeinschaft huldigen wollen. Einen wirklichen Unterschied zwischen den beiden Traditional British Wicca (TBW) gibt es nicht, da sie einer gemeinsamen Tradition entstammen.

Gardner bevorzugte die chaotischere Form der Magie, den spontanen zauberhaften Ausdruck der Rituale, während Sanders auf eine strengere Liturgie und Zeremonialmagie achtete. Die von ihm bevorzugte Arbeitsweise fußt im Wesentlichen auf Gardners Ideen.

Ursprünge der Wicca

Der zeremonielle Ablauf sieht bei Sanders allerdings entsprechende Ritualroben vor, während Gardner ein ausgesprochener Nudist war. Er bevorzugte für alle Rituale das sog. Skyclad, das „Himmelskleid“, um unschuldig, demütig und offen vor die Götter zu treten. Traditionelle Wicca bevorzugen auch heute – aus vielen guten Gründen – Skyclad bei ihren Ritualen.

Man sagt den alexandrinischen Hexen eine größere spirituelle Offenheit nach. Alex Sanders rief z.B. die Erzengel an, was bei Gardnerian Wicca entsprechenden Unmut auslöste, da sie sich in bester heidnischer Tradition von den hebräisch/christlichen Einflüssen lösen wollten.

So nutzen auch viele alexandrinische Coven beispielsweise das Wissen der hebräischen Kabbala, die beim gardnerischen Zweig überhaupt keine Rolle spielt.

Dies sei gesagt, obwohl das britische Ehepaar Raymond und Rosemary Buckland (gehörten zu den letzten, die von Gardner persönlich in den Kult eingeweiht wurden) 1974 einen nicht sehr bekannten anderen Wicca-Zweig in den U.S.A. gründeten, den sie Seax Wicca nannten und deren Grundlagen in einem Werk zusammengefaßt waren: "The Tree“.

Die beiden Begriffe Gardnerian Wicca und Alexandrian Wicca entstanden erst nach Gardners Tod. Die Mischform aus beiden Richtungen, die sowohl Elemente des einen wie des anderen beinhaltet, nennt sich Algard Wicca. Im Prinzip ist die Bezeichnung aber überflüssig. Die jahrzehntelange Auseinandersetzung konnte erst in den 90er Jahren durch die Hexe Vivianne Crowley (nicht verwandt mit A.C.) beigelegt werden, die sich ganz einfach in alle drei Grade beider Strömungen initiieren ließ.

Außerdem etablierte sie die "Pan European Wicca Convention" (PEWC), die seit 1990 jeweils in einem anderen europäischen Land stattfindet und viele TBW sowie die traditionellen Linien der "Hereditary Witchcraft" in einen Kreis zum gemeinsamen Austausch zusammenfaßt.

Die Linien der "Hereditary Witchcraft" umfassen die unzähligen Familientraditionen, in die nur hineingeboren oder hineingeheiratet werden kann. Diese sind hauptsächlich in Schottland, England, Irland, aber auch in Italien zu finden. Bisher von den TBW nicht akzeptiert, sind die aus der "Ecclectic Wicca" stammenden, in Deutschland als „Freifliegende“ bezeichneten Hexen, die sich teilweise und aus verschiedenen Gründen selbst initiieren, was von so bedeutenden lebenden Wicca wie Vivianne Crowley für möglich gehalten wird.

Daß dies manchmal ein gefahrvollerer Weg sein wird als im familiären und energetischen Strom der TBW zu schwimmen oder überhaupt einer (auch neuen) initiierenden Linie anzugehören, können die meisten Hexen nachvollziehen. Eine Selbstinitiation kann etliche Katastrophen und viel sog. karmisches Chaos nach sich ziehen (wenn sie von den Göttern angenommen wird!), denn der „Push-Up“-Effekt kann erheblich sein.

Doch betrachtet man auf der anderen Seite den manchmal zweifelhaften Weg von Gardner und Sanders und unzähligen anderen TBW (auch hier in Deutschland), so ist die Legitimation und die Elitemanie, auf der einige der traditionellen Wicca ständig herum reiten, mehr als fragwürdig.

Die magischen Arbeiten und Engagements vieler heutiger TBW sind in keiner Weise machtvoller oder bewegen mehr als das Werk anderer Wicca. Und auch hier gilt meiner Meinung nach der alte Spruch, der älter als die Bibel ist: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“

Der Begriff „Wicca“ wird z.B. in den U.S.A. für jede Hexe verwendet, die sich zu dem Glauben und zu der Arbeitsweise der Alten Religion bekennt, Initiation hin oder her. In einigen Bundesstaaten der U.S.A. ist Wicca offiziell als Religion anerkannt und im Paß eingetragen. Bekannte Vertreter sind etwa die "Church of Wicca" oder der "Circle Sanctuary". Letzterer, unter der Leitung von Selena Fox, kämpfte rund zwei Jahre mit dem Staat Wisconsin um Anerkennung des kirchlichen Status.

Das ausdauernde praktische Tun macht also dort die Qualität und nicht nur „der Schein“ (doppeldeutig gemeint) einer Einweihung. Zu erwähnen wären weiterhin die "Dianic Wicca", die aus der Frauenbewegung kommenden und nicht mit Männern zusammen arbeitenden Hexen. Abgesehen von diesem stark feministisch ausgerichteten Zweig des Wicca, dessen Coven keine Männer aufnehmen, sind Männer und Frauen im Kult gleichberechtigt. Dianische Coven haben in den letzten Jahren weitaus mehr Zulauf als andere.

Wicca in der modernen Entwicklung

Bekannte Vertreterinnen dieser dianischen Richtung wie etwa Zsuzsanna Budapest sehen Wicca als Religion der Frauen. Auch die politisch überaus aktive kalifornische Hexe Starhawk ist der Meinung, daß Wicca als Kult der Göttin zu verstehen ist, indem die Große Mutter dem männlichen Prinzip übergeordnet ist. Sie arbeitet allerdings rituell mit Männern zusammen.

Der große Erfolg liegt in dieser weiblichen Sichtweise wohl begründet. Wicca ist eine Religion, die Frauen eine starke und stolze Rolle zuspricht, indem sie die weiblichen Zyklen mit einbezieht (z.B. in den Vollmondfesten). Für viele Frauen rückt Wicca auch die Verhältnisse wieder zurecht: Nach jahrhundertelangem Patriarchat wird die historische und kulturelle Erinnerung an das heidnische vorchristliche Matriarchat erheblich aufgefrischt.

Letztlich geht es modernen Wicca-Strömungen darum, durch die Betonung des Sakral-Weiblichen und der dem entsprechenden Anerkennung der Frau, wie sie auch bei unseren heidnischen Vorfahren (Kelten und Germanen) üblich war, die Pendelbewegung der Macht zwischen den Geschlechtern bewußt in der Zukunft mittig auszugleichen und eine reale und wirkliche Balance zu schaffen. Betrachten wir die globalen Problematiken, kann ein derartiger Ansatz nur sinnvoll sein.

Verschiedene heidnische Richtungen schließen sich für die Anhänger des Wicca nicht zwangsläufig aus. Mitglieder eines Wicca-Covens können auch anderen spirituellen Gruppen, anderen magischen Kulten oder den Weltreligionen angehören. Obwohl viele Coven z.B. die christliche Kirchenzugehörigkeit ablehnen, gibt es etliche, die auch das zulassen.

Einige Wicca arbeiten mit der afrikanischen Voodoo-Magie oder der mittel-/lateinamerikanischen Santeria, dem indigenen Schamanismus Nordamerikas oder dem keltischen Druidentum. In den letzten Jahrzehnten bildeten sich eigenständige Ströme heraus, die Elemente anderer spiritueller Wege in ihre Rituale integrierten.

Wicca ist eine kreative kultisch-religiöse Bewegung, die alte magische Traditionen nur dann bewahrt, wenn sie sinnvoll sind und den Anforderungen der heutigen spirituellen Entwicklung genügen. Dies ist auch im nachweislichen Sinne Gerald Gardners, der das traditionelle BOS kreativ überprüft und ergänzt wissen wollte, von den nachfolgenden Generationen. Dennoch wird nicht alles Alte verworfen, denn die Wurzeln sind der Großen Mutter heilig. Die Erinnerung daran, woher wir kommen, ist den meisten Wicca wichtig. Denn ohne Wurzeln kann der Baum nicht wachsen.

Wicca ist eine innovative Strömung im Neuen Äon des Horus. Auch das macht die Attraktivität von Wicca in heutiger Zeit aus. Dies sollte aber nicht so verstanden werden, daß Beliebigkeit die Rituale oder Zeremonien bestimmt. Die Magie in unseren Landen bezieht sich in erster Linie auf heidnische, vorzugsweise keltische, aber auch zunehmend germanische Traditionen, ohne daß Letztere etwas mit dem nationalsozialistischen Mißbrauch zu tun hätten.

Leider werden germanisch orientierte Wicca gern in die braune Schublade gesteckt. Dabei geht es vornehmlich darum, unser Erbe (z.B. Runen) wieder zu erwecken und die Energien positiv zu nutzen, die geschlossenen tabu-beladenen Symbole (wie die Swastika) behutsam zu öffnen und mit den befreiten Energien zum Wohle der Gemeinschaft zu arbeiten, sie möglicherweise weiterzuentwickeln.

Siehe auch dazu mein Artikel „Deutsche Mythologie“, Teil 1 +2, erschienen in der Zeitschrift „Tattva Viveka“ Nr. 14 (Juli 2000) und Nr. 15 (November 2000); auch im Internet im Philognosie Wissensarchiv.

Auch ägyptische Mysterien und Symbole spielen durch die Tradition des O.T.O. immer noch eine besondere Rolle in vielen Coven. Die Beeinflussung durch die „Eleusinischen Mysterien“, die im alten Griechenland eine entscheidende Rolle für den ernsthaften Sucher bereit hielten, sind ebenfalls deutlich. In Eleusis wurden die Jahreszeiten kultisch mit Festen gefeiert und Initiationsriten in Mysterien vollzogen.

Diese Vermischungen führen zu immer neuen Zweigen im Wicca-Kult. In den letzten zwanzig Jahren bilden diese alchemischen Prozesse ständigen Anlaß für Mißverständnisse. Viele Wicca vertreten inzwischen die Auffassung, daß alle heidnischen und naturreligiösen Ströme innerhalb des Kultes Gemeinsamkeiten aufweisen (= z. B. das Ziehen des Kreises, die Anrufung der Himmelsrichtungen, die Ehrung der Elemente), die sich in einer Wicca-Kern-Tradition zusammen fassen lassen. Diese besteht zweifelsfrei und sorgt für einen lebendigen und haltenden Stamm, aus dem viele Zweige wachsen. Der Ethnologe Michael Harner stellte ähnliche Überlegungen für den Schamanismus an.

Schamanismus erlebt seit einigen Jahren in den westlichen Ländern eine enorme Wiedergeburt. Anfang der 80er Jahre kam der Schamanismus mit den historisch bedeutenden Kongressen von Alpach in den deutschsprachigen Raum.

Es folgte das "Planetary Rainbow Gathering" in Interlaken, wo sich erstmals Vertreter aller führenden Religionen und Kulturen des Planeten Erde zusammen in das indianische Medizinrad setzten.

Vertreter der indigenen Völker, die in den letzten zwanzig Jahren nach Europa kamen, wiesen immer wieder darauf hin, daß es nicht ihr Ziel sei, die Europäer zu indianisieren. Wir Europäer sind keine Indianer und auch meistens viel zu domestiziert, um Schamanen im ursprünglichen Sinne zu sein, die sich, wie alle indigenen Völker, stark von ihren Instinkten leiten lassen.

Diese positive Fähigkeit haben wir leider verloren. Obige Ratgeber sahen sich als Initialzünder, damit die eigenen europäisch-schamanischen Wurzeln entdeckt werden und ein neuer/alter „Stamm“ mit vielen Zweigen wachsen kann.

Nach ihren Worten, die immer noch aktuell sind, gilt es, die heidnisch-schamanischen Traditionen in Europa wieder zu beleben bzw. das Wenige zu entdecken, das unsere Vorfahren an brauchbarem Material überliefert haben.

Vielleicht ist es sogar notwendig, entsprechende Rituale auf der weltweit ähnlichen Struktur des Schamanismus mit der Färbung unserer eigenen kulturellen und magischen Bedürfnisse kreativ zu erfinden! Etliche engagierte Wicca in Europa sind dabei, diese Arbeit zu tun. Nicht umsonst heißt unser Kult „Die Kunst“.

Geschichtlich wurden durch den christlichen Glauben und die spätere Inquisition die keltischen und germanischen Stammesgemeinschaften in Europa vollkommen ausgelöscht und langfristig verdrängt. Das schamanische Wissen konnte nur noch in einigen Familien im Verborgenen geschützt überleben, die möglicherweise eben jene waren (und sind), die das Hexenwissen bis in unsere Zeit an ihre Nachkommen authentisch weitergeben (s. o. Familientraditionen: Hereditary).

Insofern ist die alte Wicca-Tradition möglicherweise viel älter, als es in den beschriebenen Wiederbelebungen durch Gardner und Sanders und vielen anderen dargestellt ist. Es gibt Stimmen, die glaubhaft behaupten, daß die Wicca einer europäisch-schamanischen Ur-Religion entstammen, die bis in die Steinzeit zurückreicht. Die ganze historische Geschichte mag wahr sein, ist aber jedenfalls nicht mehr konsequent ungebrochen nachzuvollziehen. Insofern ist es müßig, darüber zu debattieren. Wichtiger ist, was engagierte Wicca gegenwärtig gestalten und wohin die Bewegung evoluiert.

Ab 1984/85 wurden in einer alchemischen Zeremonie die keltischen Wicca-Elemente der TBW durch Berthold Röth und die schamanisch-indianischen Sonnentanzlehren der Süßen Medizin (Deer Tribe Metis Medicine Society) durch die Medizinfrau Diane Seadancer erfolgreich vermischt. Daraus entstand die Tradition der Celtsun-Medizingesellschaft, aus der die Celtsun-Wicca entspringen und eine eigenständige Gruppe bilden.

Das Wort Celtsun bedeutet „Celt“ für „Keltisch“ und „Sun“ für den indianischen „Sonnentanz“. Hier vereinigt sich die Sonne mit dem Mond (Wicca), das Feuer mit dem Wasser (Wicca). Gemeinsam erschaffen sie einen Regenbogen. Den Regenbogenmenschen, den "rainbow-people" gehört nach einer indianischen Prophezeiung die Zukunft der Erde. Denn trotz der verschiedenen Hautfarben der menschlichen Rassen fließt in uns allen dasselbe (sowieso längstvermischte) rote Blut, ist die Farbe unserer Knochen weiß und die Liebe unserer Herzen alles umfassend.

"Rainbow-people – with one heart and many colours"



Google Certified Publishing Partner

Seit 1996 wächst ein deutsches Netz, in dem Gardnerian-Wicca, Alexandrian-Wicca, Celtsun-Wicca, Istari-Wicca, Freifliegende, Wikinger, Thelemiten, O.T.O., Vertreter druidischer und daoistischer Traditionen und die Vertreter des Earth Lodge-Organisationskreises sich begegnen können. Durch die Unterstützung des Aufbaus neuer heidnischer Bruder- und Schwesternschaften wird außerdem ein besseres Verhältnis zwischen den Geschlechtern gefördert sowie die Vereinigung der ursprünglichen Stämme Europas angestrebt.

Damit unterstützen die genannten Wicca-Linien auch die Vision von Hyemeyohsts Storm, der 1995 das Black Horse Kriegsmedizinrad für Europa errichtet hatte, welches für die nächsten 12 Jahre Europa umgestalten würde. Zu den sog. Shamanic Wicca (Oberbegriff) zählen sowohl die traditionell und in über zwanzigjähriger Linie stehenden Celtsun-Wicca als auch die neue Linie der Istari-Wicca, deren Hohepriesterin ich bin.

"Lasst uns eins sein (im Kreis), um die Kraft zu verehren, die Kraft, die das Universum bewegt. Merry meet again!"

Quellenangaben/Literaturhinweise:

  • Janet Farrar & Gavin Bone: „Progressive Witchcraft“, Arun-Verlag 2005
  • Vivianne Crowley: „Wicca“ – Die Alte Religion im Neuen Zeitalter – , Edition Ananael 1993
  • June Jones: „König der Hexen“ – Die Welt des Alex Sanders – , The World of Books Ltd., London 1984, ISBN 3-88325-321-9
  • Colin Wilson: „Das Okkulte“ – The ultimate book for those who would walk with the Gods – , März-Verlag, Berlin 1982 (inzwischen als TB)
  • Ross Nichols: „Das magische Wissen der Druiden“ – Tradition und Geschichte der keltischen Geheimlehre – , Heyne Verlag, München 1998, TB
  • Josef Dvorak: „Satanismus“ – Heyne Verlag, München 2000, TB
  • Ean Begg: „Die unheilige Jungfrau“ – Das Rätsel der Schwarzen Madonna – , Edition Tramontane, Bad Münstereifel 1987
  • Eire Rautenberg: „Deutsche Mythologie“, Teil 1 in der „Tattva Viveka“ (Juli 2000), Teil 2 in der „Tattva Viveka“, November 2000
  • Berthold Röth: „Moderne Hexen – die schamanische Tradition der Wicca“, Artikel 1992, veröffentlicht im Internet
  • Berthold Röth: „Naturreligion und Witchcraft“ – Die europäische Tradition des (Neu-)Heidentums – , Artikel in „Tattva Viveka“ Nr. 9
  • Claudia Hötzendorfer: „Wicca – eine Tradition im Wandel“, Artikel in „Visionen“ Nr. 6/20022
  • John Carter: „Raumfahrt, Sex und Rituale “ – Die okkulte Welt des Jack Parsons, Hadit Verlag 2003

Eire Rautenberg