Narren: Der Narr in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten

Die Rolle des Narren spielt in der Geschichte in vielen Kulturen eine große Rolle. Von der Antike, über das Mittelalter bis in die Moderne haben Narren ihren Platz in der Religion und Gesellschaft eingenommen.

Narr Narren Geschichte KulturenEine kleine Geschichte über "Heilige Narren"

In diesem Artikel werden "Heilige Narren" unterschiedlicher Völker und Weltanschauungen beschrieben und wie sie es schafften, sich über Tabus, Vorschriften und moralische Normen hinwegzusetzen - sie zu transzendieren.

Im weiteren finden Sie Geschichten zu den jüdischen und christlichen Narren, Narren in der Antike, indianische Clowns und den Narren in der Moderne.

Jüdische Narren in der Geschichte

Im Talmud steht eine Anekdote über zwei Possenreißer. Rabbi Beroka besuchte den Marktplatz seiner Stadt in Babylonien. Da trat der Prophet Elija auf ihn zu, und der Rabbi fragte ihn: "Sind jetzt auf diesem Marktplatz irgendwelche Kinder der künftigen Welt (d. h. Anwärter auf die ewige Seligkeit)?"

Während er fragte, gingen zwei Brüder vorüber, und der Prophet Elija sagte: "Diese beiden." Der Rabbi ging und fragte sie: "Was macht ihr?" Sie sagten: "Wir sind Possenreißer. Ist jemand traurig, so suchen wir ihn aufzuheitern, und sehen wir Leute streiten, so suchen wir Frieden zwischen ihnen zu stiften."

Narren im Judentum Juden jüdischEs ist für den Rabbi ungewöhnlich, dass ihm Leute vorgestellt werden, die in keiner Weise die Normen erfüllen, die nicht die üblichen Zeichen der Frömmigkeit aufweisen. Sind vielleicht die Sonderlinge, die Außen-seiter, die Ver-rückten, die zwischen den Stühlen sitzen, die wahren Verkünder der Botschaft?

Der Prophet Jesaja trat bei seiner Predigt drei Jahre lang nackt auf (AT, Jes. 20, 1-5) und ging barfuß. Stellen wir uns diese Predigt einmal bildlich vor und übertragen sie in unseren gesellschaftlichen und religiösen Kontext – es wäre damals wie heute ein Skandal! Mit seiner Nacktheit suchte Jesaja die falsche Bündnispolitik seines Volkes zu verändern, er wollte mit seinem Körper ein Signal geben.

Viele wenden sich verächtlich lächelnd von solchen ab, werfen ihnen Schwachsinn oder Unsachlichkeit vor, erschrecken wohlig vor ihrer Emotionalität und finden ein Alibi, sie nicht zu beachten. Ezechiel machte ganz närrische Dinge. Versuchen wir eine kleine Vorstellungsübung:

Ein Mann sitzt auf dem Marktplatz. Er nimmt ein scharfes langes Schwert und schneidet sich die Haare und den Bart. Die Kinder beginnen zu lachen, die Erwachsenen greifen sich an den Kopf. Denn jetzt zieht er eine Waage heraus und trennt die Haare in drei Teile. Dann entzündet er ein kleines Feuer und verbrennt das erste Häufchen. Auf das zweite Häufchen schlägt er wild mit dem Schwert ein. Das restliche bindet er sich in einen Zipfel seines Gewandes ein. Danach blickt er auf und redet vom Strafgericht Gottes (Ez. 5, 12-13).

Narren im Christentum

Diese wortlosen Reden hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. In einer besonderen Weise wurden sie aufgenommen von einem Archetyp, den wir heutzutage fast ganz aus unserem Bewusstsein verdrängt haben: den Heiligen Narren ...

Die Heiligen Narren reden vor allem durch Handlungen. Meistens leben sie in ärmlichen Verhältnissen, wohnen nirgends und überall. Ihre Sphäre ist die Öffentlichkeit, die Straße. Sie spielen uns vor, dass Menschsein ein Weg ist, dass sich in einer Wohnung einnisten Stagnation, Isolation und Tod bedeuten kann, dass feste Gewohnheiten zum erstickenden Gefängnis werden können. Sie spielen uns vor, dass Menschsein eine Pilgerschaft ist und immer wieder einen neuen Exodus verlangt, egal, ob ins nächste Dorf, in fremde Länder oder in ferne Sonnensysteme.

Die Heiligen Narren stellen die Konventionen der üblichen Moral auf die Probe, kehren sie um und zeigen so ihre Brüchigkeit und die Heuchelei dahinter. Durch ihr Verhalten legen sie dar, dass Tugend oft nur Schutzwall ist, hinter der sich der Ängstliche verkriecht; dass Moral oft nicht die freie Entscheidung einer Persönlichkeit, sondern das duckmäuserische Annehmen von Ordnungen ist, um vor anderen das wahre Gesicht zu verbergen.

Die Übungen des Frömmigkeitslebens waren für die Narren besonders reizend. Es wird berichtet, dass sie z. B. gerade zu Zeiten des strengsten kirchlichen Fastens große Fressgelage abhielten. Von dem christlichen Heiligen Symeon der Narr (er lebte unter dem Kaiser Justinian I., ca. 527 – 567 n. Chr.) heißt es, dass er sich während des sonntäglichen Hauptgottesdienstes an den Altar vorschlich und dort die Kerzen abbrach. Oder er versteckte sich und warf während einer feierlichen Andacht mitgebrachte Nüsse auf die betenden Gottesdienstbesucher.

Immer wieder dieselbe Haltung, ohne Worte, durch Zeichen: Bildet euch auf eure Ordnungen nichts ein! Glaubt nicht, das Heil oder die Erleuchtung erarbeiten zu können! Glaubt nicht, daß sich göttliche Gnade durch Gehorsam erkaufen läßt oder euch Tugend einen himmlischen Besitzanspruch verschafft! Glaubt nicht, daß ihr das Göttliche beurteilen oder auch nur annähernd einschätzen könnt!

Die Bischöfe des Mittelalters sahen dem Weihnachtsfest jedes Jahr mit Sorge entgegen. Während dieser Tage - bis zum Dreikönigsfest - waren die Kirchen wieder Schauplatz seltsamer Bräuche, die recht archaisch anmuten. Das Narrenfest, Fest der Toren oder auch Fest der Unschuldigen nahm seinen ekstatischen Lauf.

Narr Narren im Christentum"Dieses Fest verdiente besser das Fest des Teufels genannt zu werden", schalt ein wackerer Pfarrer im 17. Jahrhundert, "so fürchterlich unverschämt, entsetzlich anstößig und verabscheuenswürdig schändlich geht es dabei zu."

Einzelheiten dieser Weihnachtsbräuche sind uns aus Edikten, die auf ihr Verbot abzielten, insbesondere aus dem Rundschreiben, das die theologische Fakultät von Paris im Jahr 1444 an die Prälaten und Stifte aussandte, bekannt. Diakone, Subdiakone und Chorknaben traten mit rußverschmierten oder grotesk maskierten Gesichtern in den unwahrscheinlichsten Kostümen auf. Einige waren als Frauen verkleidet, andere trugen das Narrengewand mit Schellenkappe und Zepter, und wieder andere waren in Theaterflitter gehüllt.

Während der Messe wählte man den Narrenbischof oder Narrenpapst. Für gewöhnlich wurde irgendein Bettler dazu auserkoren, dem man mit viel Pomp die Weihen verlieh. Danach führte ihn der Klerus tanzend und frivole Reime singend zum Altar. Dort angelangt, segnete er das Volk und forderte alle auf, sich Blut- und Bratwürste einzuverleiben.

Das Volk trank in den Kirchen aus randvoll mit Wein gefüllten Ziborien, rief einander Flüche und gotteslästerliche Worte zu, mischte in die Predigten derbe Scherze, spielte Karten und Würfel auf dem geweihten Boden und leisteten sich noch schlimmere Verstöße, auf welche die Zeitgenossen nicht schriftlich eingehen, die man sich aber mühelos vorstellen kann.

Der Brauch wollte es auch, dass im Weihrauchfass Stücke von alten Schuhen verbrannt wurden, um an der heiligen Stätte Gestank zu verbreiten. Nach der Messe ergoss sich der ausgelassene Haufen in die Gassen der Stadt, eine Masse auf dem Siedepunkt gotteslästerlicher Tollheit. Erst dem Genie Victor Hugos gelang es im Glöckner von Notre Dame die Gestalt des Narrenbischofs wieder auferstehen zu lassen, zumindest die Farbigkeit und Lebendigkeit dieses wahnwitzigen Brauchtums.

Es gab im Mittelalter verschiedene Varianten des Narrenfestes. Das bekannteste, das Eselsfest, wurde in mehreren Orten Frankreichs gefeiert. Der Eselskult ist eigentlich nichts Erstaunliches, wenn man bedenkt, welch wichtige Rolle dieses Tier in der Heiligen Schrift spielt. In einer anderen Geisteshaltung steht er für die heidnische (später von der Kirche verurteilte satanische) Lebenslust und triebhafte Sexualität.

(Anmerkung: Kurios ist, dass die ersten Christen von den Heiden beschuldigt wurden, einen Eselskopf anzubeten - vergleiche Minucius Felix, Oktavius IX - ; nach Harvey Cox "könnte es auch sein, daß die Christen der Katakomben sich der komischen Absurdität ihrer Situation bewußt waren. Die bejammernswerte Ansammlung von Sklaven, Elendsgestalten und Armen dürfte das Groteske ihres Anspruchs wahrscheinlich gespürt haben".

Allerdings ist dies nur eine Hypothese; während es Belege für das Glaubensbekenntnis sethischer Gnostiker gibt, die Jesus Christus dem ägyptischen Gott Seth (Bruder/Januskopf des Horus) gleichsetzten. Auch die ketzerischen Katharer und Templer werden mit einem gnostischen Schädelkult in aktuelle Verbindung gebracht. Gemäß alten jüdischen Schriften war Jesus ein Zauberer und Magier. So mag es nicht verwundern, dass man ihn in häretischen Kreisen mit dem janusköpfigen "Baphomet = Vater der Weisheit" gleichsetzte. Für die Darstellung des Baphomet diente oftmals ein Eselskopf oder ein menschlicher Totenschädel. Man betrachtete diese als "Haupt Gottes".)

Das Eselsfest des Mittelalters gipfelte in einer langen Prozession, während der die Propheten des Alten Testamentes rezitiert wurden. Schließlich betrat der Held des Tages die Kathedrale: ein mit einem reich bestickten Kardinalsrock bedeckter Esel. Manchmal wurde er auch rückwärtsgehend hereingeführt, indem man ihn am Schwanz zog, während ihm zu Ehren mit Leiern und Blockflöten einige Hymnen der Freude und Anbetung gespielt wurden.

Die Narrenmesse wurde nicht nur in Domen und Stiftskirchen gefeiert, sondern der Brauch hatte sich bis in die Mönchs- und Nonnenklöster verbreitet. Begünstigt durch ihre Abgeschiedenheit und relative Unabhängigkeit von weltlicher und kirchlicher Macht, hielt er sich dort sogar länger als anderswo. Aus dem Brief eines ehemaligen Kartäusers, Mathurin de Neure, an seinen Freund, den Philosophen Gassendi, wissen wir, dass in manchen Klöstern der Provence das Fest der Unschuldigen - mitten im 17. Jahrhundert - zu Ausschweifungen führte, die des Mittelalters würdig gewesen wären.

An diesem Tag zelebrierten bei den Franziskanermönchen von Antibes die Laienbrüder anstelle des Klerus die Messe. Sie zogen zu diesem Zweck zerrissene Messgewänder an und hielten die Heiligen Schriften verkehrt herum. Sie murmelten verrückte Worte, frei nach Fantasie, manche Obszönitäten und grunzten zwischendurch wie die Schweine. Später pusteten sie sich die Asche, mit der die Weihrauchgefäße gefüllt waren, gegenseitig ins Gesicht.

Indem es seine Triebe am Fuße des Altars auslebte, entblößte sich das christliche Volk in seiner ganzen Nacktheit vor Gott und brachte ihm das Opfer seiner geheimsten Wünsche und Verwundungen dar. Erst der Beschluss von Dijon vom 19. Januar 1552 erzwang das Verschwinden des Narrenfestes.

Die Feierlichkeiten hatten bis zu dieser Zeit da und dort noch überlebt, aber der kollektive Rausch war seit langem verschwunden und so überrascht es kaum, dass dieses Abflauen mit dem Beginn der Renaissance zusammenfällt. Ein wesentlicher Bestandteil der mittelalterlichen Geisteshaltung ging damit verloren.

Von der Kirchenführung wurde das Narrenfest bis dahin zwar nicht gebilligt, doch großzügig toleriert. Manche Theologen, von denen leider nur die Briefe, aber nicht die Namen überliefert sind, hatten wohl begriffen, dass das zeremonielle Zuwiderhandeln mit seinen Exzessen ein unentbehrliches Ventil darstellte. Es befreite in einem kurzen Ausbruch das durch eine strenge Liturgie das ganze Jahr über unter Druck stehende Gewissen.

Das vorübergehende Chaos garantierte insgesamt eine dauerhafte Ordnung. Dass solche Feierlichkeiten eine reinigende Wirkung besaßen, verstanden damals nur wenige. Die Kirche selbst wollte in dieser Posse niemals etwas anderes sehen als das skandalöse Überleben heidnischer Riten innerhalb des Christentums und eine untragbare Missachtung der sakrosankten Kirchenhierarchie. Völlig unrecht hatte sie nicht mit dieser Ansicht.

Es ist höchst wahrscheinlich, dass das Narrenfest eine Fortsetzung der Saturnalien war. Diese Zeit des Saturns feierten die Römer ab dem 16. Tag der Kalenden des Januars (unserem 17. Dezember) und sie dauerten ungefähr eine Woche. Während dieser Zeit wurden die sozialen Rollen vertauscht. Die Herren wurden zu Dienern ihrer Sklaven. Sie hatten weder das Recht, den Gehorsam zu verweigern, noch ihre Sklaven später zu strafen. Dieser Brauch wurde auch Dezemberfreiheit genannt.

Nach der Überlieferung hielt man Christus im Angesicht von Pontius Pilatus ebenfalls für einen Verrückten, als er sich König der Juden nannte.

Christus hat es also auf sich genommen, als ein Narr zu gelten, der freiwillig der Belustigung dient und beim Volk Gelächter hervorruft. Es ist die immer wiederkehrende Figur des gedemütigten Hanswursts, des traurigen Clowns, des Komikers, dem die Literatur und die Kunst so viele Verkleidungen geliehen hat, vom Kasperl über die Clochards Becketts bis zu Alfred E. Neumann (mad).

Er ist der geliebte Tor Gottes, der Erste im Himmelreich, aber auch der Erste auf Erden, denn er allein hat teil an der verborgenen Weisheit, die im Unterbewusstsein schlummert.

"Das Universum ist verrückter, als wir denken können ..."
"Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt ..."

War es nicht Einstein, der dies sagte?

Wenn die vernunftbegabten Menschen den Narren verachten, so weil sie seine Botschaft nicht erkennen oder nicht hören wollen: Die Wahrheit, die er ausspricht, erschreckt sie. Sie stellt eine Bedrohung der normalen Ordnung dar und ist somit unbequem. Aber die närrische Botschaft macht auch wach und bewusst, weil sie die gewohnte Sichtweise sprengt.

Daher kam wahrscheinlich das ungeheure Privileg der Hofnarren - die ursprünglich Schwachsinnige waren - alles sagen zu dürfen, was ihnen durch den Kopf ging.

07.07.2015 © seit 07.2003 Eire Rautenberg  

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