Die Bibelinterpretation von Mary Baker-Eddy

Mary Baker-Eddy (1821-1910) gilt als Begründerin einer weltweit organisierten Sekte namens „Christian Science Church“. Sie interpretierte die Bibel selbst neu und veröffentlichte ihr Hauptwerk 1875 unter dem Titel „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“. Hier können Sie ihre Thesen nachlesen.

Um die Bibelinterpretation von Mary Baker-Eddy (1821-1910), der Begründerin der Christian Science, einzuordnen, vergleiche ich sie mit den Lehren des Paulus und des Philippus.

Mary Baker Eddy Bekanntlich reduzierte Paulus Jesu Botschaft auf die drei Schlagworte Glaube, Hoffnung und Liebe (1 Kor 13,13). Der Verfasser des Philippusevangeliums ergänzte diese drei (wahrscheinlich im 2. Jh. n. Chr.) um die Erkenntnis:

„Die Landwirtschaft der Welt geschieht durch viererlei: es wird in die Scheune eingebracht durch Wasser, Erde, Wind und Licht. Und die Landwirtschaft Gottes geschieht ebenso durch vier: durch Glaube, Hoffnung, Liebe und Erkenntnis. Unsere Erde ist der Glaube: dieser ist es, in dem wir Wurzel fassen. Das Wasser aber ist die Hoffnung: sie ist es, durch die wir uns ernähren. Der Wind ist die Liebe: sie ist es, durch die wir wachsen. Das Licht aber ist die Erkenntnis: sie ist es, durch die wir reifen“ (Kap. 115).

Baker-Eddy faßt Jesu Botschaft in ihrem Hauptwerk Science and Health (1875) mit den Schlagworten Wahrheit, Leben und Liebe zusammen: „Wahrheit hat kein Bewußtsein vom Irrtum. Liebe hat keinen Sinn für Haß. Leben hat keine Gemeinschaft mit dem Tode. Wahrheit, Leben und Liebe sind ein Gesetz der Vernichtung gegen alles ihnen Unähnliche, weil sie nichts verkünden außer Gott“ (S. 243). Als zugrundeliegende Stellen aus dem NT könnte man Joh 1,4.17; 3,15f.21; 5,24.42; 6,35; 8,32.40.45; 13,34; 14,6.15.17.21; 15,9.13; 17,3; 10,10; 18,37 u.a. nennen.

Das Hauptanliegen von Baker-Eddy ist die Überwindung von Krankheit durch die Auflösung von Irrtümern und Furcht. Wahrheit mache frei und vollkommen. Sie erlöse. Allein die Lektüre der Werke von Baker-Eddy habe eine heilsame Wirkung, im Gegensatz zur Lektüre medizinischer Werke, die krank machen würden. Doch eine gesunde Lebensweise müsse selbstverständlich dazukommen: Baker-Eddy lehnt Rauchen und Alkohol ab. Von Medikamenten hält sie nichts: Wer ihnen vertraue, werde „auf die Seite der Materie und des Irrtums“ gelenkt (S. 181).

Auch Religiosität sei eine Voraussetzung für die Heilung. „Die Bibel lehrt die Umgestaltung des Körpers durch die Erneuerung des Geistes“ (S. 241). Christian Science wirke dadurch, „daß sie das menschliche Gemüt [human mind] so aufrührt, daß es seine Grundlage verändert, von welcher aus es nun der Harmonie des göttlichen Gemüts [divine Mind] Raum geben kann“ (S. 162), das heile. Nur ein Christ könne Christian Science „ergründen“ (S. 556).

Baker-Eddy identifiziert das Böse geradezu mit der Lüge (vgl. Joh 8,44), was einen biographischen Hintergrund hat: Sie wurde „ungerecht verfolgt und verleumdet“ (S. 104). Auch ein Sprichwort steckt dahinter: „‚Wen die Götter vernichten wollen, den machen sie vorher toll'“ (S. 105).

Dogmen und Zeremonien lehnt sie ab, wenn auch ihre Leitsätze (S. 497) auf der Grundlage der Bibel beruhen. Ihre Interpretation des Vaterunsers illustriert ihre Ablehnung des Patriarchats, das in Jesu Leben und Lehre zumindest unterlaufen wurde (vgl. a. Hans Küng: Die Frau im Christentum): Aus dem Vater im Himmel  wird bei Baker-Eddy der „Vater-Mutter Gott“ (S. 16).

Zwar könne Gott „als Ganzes nicht definiert werden“, schreibt sie (S. 213), doch einige Aussagen über ihn macht sie doch: Er sei gut, unendlich und allmächtig, „das einzige Leben, die einzige Substanz, der einzige Geist oder die einzige Seele, die einzige Intelligenz des Universums, einschließlich des Menschen“ (S. 330). „Die Allheit der Gottheit ist ihre Einheit“ (S. 267). „Gott ist Liebe“ (S. 302; vgl. 1 Joh 4,8). Könnte man ihn verstehen, würde man gesund werden.

„Gott läßt den Menschen nicht sündigen, krank werden oder sterben“ (S. 206). „Keine Macht kann der göttlichen Liebe widerstehen“ (S. 224). Kranke Gedanken machen krank. „Der Trunkenbold glaubt, im Rausch liege Vergnügen. Der Dieb glaubt, er gewinne etwas durch Stehlen, und der Heuchler, er verstecke sich“ (S. 294). „Liebe und Wahrheit machen frei, Böses und Irrtum aber führen in Gefangenschaft“ (S. 227).

Die unbeseelte Materie rühre weder von Gott her noch sei sie ewig. Sie sei, ebenso wie Krankheit und Altersschwäche, eine Illusion. Krankheit sei  „allein das Ergebnis von Disharmonie“ (S. 233) und könne durch die Wiederherstellung der Harmonie mit Gott verschwinden: Baker-Eddy hat selbst gesehen, wie eine 85-Jährige wieder sehen konnte und wie eine andere Frau die Zähne wieder bekam.

Die Evolutionstheorie lehnt Baker-Eddy ab: „Die Naturgeschichte zeigt, daß Pflanzen und Tiere ihre ursprüngliche Art bewahren, daß Gleiches Gleiches hervorbringt. Ein Mineral wird nicht von einer Pflanze erzeugt, noch der Mensch vom Tier“ (S. 277). „Die wahre Theorie vom Universum, einschließlich des Menschen, liegt nicht in materieller Geschichte, sondern in geistiger Entwicklung“ (S. 547).

Der biblische Gott Jahwe sei eine menschliche Erfindung und weise dementsprechend menschliche Eigenschaften auf. „In dem Namen Jehova scheint die wahre Gottes-Idee nahezu verloren gegangen zu sein“ (S. 524).

Zum Umgang mit den Mitmenschen meint sie: „Wir sollten unsre Feinde lieben und ihnen von der Basis der Goldenen Regel aus helfen; aber wir sollten es vermeiden, denen Perlen vorzuwerfen, die sie mit den Füßen zertreten und dadurch sich und andre bezaubern“ (S. 234).

Die Entdeckung der „Christus-Wissenschaft“ oder der „göttlichen Gesetze des Lebens, der Wahrheit und der Liebe“ (Christian Science) machte Baker-Eddy im Jahr 1866. Davor war sie Schülerin des Geistheilers Phineas Pankhurst Quimby (1802-1866) gewesen, der auch sie geheilt hatte. Schon als Achtjährige hörte sie die Stimme Gottes.

© Gunthard Rudolf Heller, 2017

Literaturverzeichnis

BAKER-EDDY, Mary: Science and Health With Key to the Scriptures / Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, Boston 1922

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

HUTTEN, Kurt: Seher, Grübler, Enthusiasten – Das Buch der traditionellen Sekten und religiösen Sonderbewegungen, Stuttgart 131984

KÜNG, Hans: Die Frau im Christentum, München 32003

MIERS, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens, München 61986

SCHENKE, Hans-Martin: Das Evangelium nach Philippus, in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, hg. v. Wilhelm Schneemelcher, I. Band: Evangelien, Tübingen 1987, S. 148-173 (bei dem wiedergegebenen Zitat habe ich um der besseren Lesbarkeit willen die Anmerkung und die Klammern, die die Ergänzungen des Herausgebers kennzeichnen, weggelassen)

SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986

Gunthard Heller

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