Kleine Einführung in die Offenbarungen von Jakob Lorber

Der fromme Geiger Jakob Lorber (1800-1864) hörte am 15.3.1840 "links in seiner Brust an der Stelle des Herzens deutlich eine Stimme. […] Diese Stimme befahl: 'Steht auf, nimm deinen Griffel und schreibe!" (Mikeleitis 6) Gehorsam schrieb er den ersten Satz seines ersten Werks "Die Haushaltung Gottes". Den Rest seines Lebens verbrachte er mit Schreiben. Seinen Tod sah er voraus. "Er hatte seine Aufgabe erfüllt und durfte gehen" (Mikeleitis 9).

Haushaltungen GottesIm folgenden gebe ich einen kurzen Überblick über einige Werke von Lorber. Die Beurteilung fällt mir schwer. Ich kann nicht mit allem etwas anfangen. Es handelt sich jedenfalls um eine Art gnostisches Christentum. Im Zentrum stehen die Liebe zu Gott und die Erkenntnis Gottes. Kirchliche Rituale werden abgelehnt. Jesus wird mit dem Schöpfergott identifiziert.

Wer Lorber tatsächlich inspiriert hat, weiß ich nicht. Wer es auch war, er hat sich jedenfalls als Jesus bzw. Gott ausgegeben. Das muß gerade bei gnostischen Texten (heute wird deren Übermittlung Channeling genannt) nicht viel heißen. Meine gelegentliche Kritik richtet sich weniger gegen Lorber, der getan hat, was er konnte, sondern eher gegen seine Quelle. Bei manchen Szenen im Jenseits entsteht der Eindruck, als entstammten sie eher einer aus dem Unbewußten gespeisten Phantasie als einer konkreten geistigen Wesenheit.

1. Die Haushaltung Gottes (1840-44)

Es handelt sich um eine Art ausführliche Version der biblischen Urgeschichte bis zur Sintflut, die "der Herr" (1/11) selbst gab. Er bezeichnete Lorber als "dummer Schreiber und noch immer sehr alberner, träger und fauler Knecht" (1/60), als "Mein schwacher Geheimschreiber Meines neuen Wortes" (1/121), als "Narr […] vor der Welt", der vom Herrn "geweckt" wurde, "damit er euch zu einem Lasttiere werde und bringe euch ein neues Brot der Liebe aus den Himmeln" (1/177).

Der Herr hielt einen Regenwurm für "vernünftiger" als Philosophen, Gelehrte und Doktoren (1/83). Die "verfluchte Naturphilosophie" war ihm "das größte Meisterstück der grenzenlosesten Schlangenbosheit" (1/95), die Erde galt ihm als "eine Kinderstube, und so gibt es auf ihr auch allzeit viel Geschrei und blinden Lärm" (3/118).

2. Die Zwölf Stunden (1841)

Lorber wettert v. a. gegen Kolonialismus und Sklaverei. In der 12. Stunde werden weltliche Menschen als verlorene Söhne betrachtet (vgl. Lk 15,11-32). Der Heimkehr entspricht die Vereinigung mit Gott bzw. Jesus (die beiden werden gleichgesetzt).

3. Der Saturn (1841/42)

Lorber mutet uns einiges zu: "Wo so große Dinge von Mir enthüllend geoffenbart werden, da gehören auch große Gemüter dazu, um das Große zu fassen und zu würdigen" (S. 15). Mein Gemüt ist jedenfalls zu klein dazu. Denn auf dem Saturn leben Lorber zufolge so große und so viele Wesen, daß das meine Vorstellungskraft übersteigt.

Männer sind 95 - 135 Fuß groß, also 28,50 - 40,50 m, Frauen 80 - 90 Fuß, also 24 - 27 m. Es gibt einen Riesenfisch, der ca. 3000 Klafter lang und ca. 1500 Klafter hoch ist. Sein größter Durchmesser ist ca. 1000 Klafter. 1 Klafter entspricht 6 Fuß. Der Fisch ist also 5,4 km lang, 2,7 km hoch und hat an der dicksten Stelle 1,8 km Durchmesser. Eine Riesenschnecke hat einen Durchmesser von 900 m. Wer die Spannweite eines Riesenvogels ablaufen will, braucht dazu eine Stunde. Eine Saturntaube ist 500 mal so groß wie eine Taube auf der Erde.

Es gibt 120 Millionen Vogelgattungen. Darunter ist ein Vogel mit zwei Köpfen übereinander. Mit dem oberen Kopf pflückt er das Obst vom Baum, mit dem unteren beißt er hinein und schluckt es hinunter. Auf dem Saturn gibt es 10000 Riesenschweine, von denen jedes größer als ein Berg in den Alpen ist. Es gibt einen hellblauen Bär, der etwa so groß wie ein Saturnmensch ist. Die Saturnkuh gibt pro Tag 1000 Eimer Milch.

Da Lorber an die Schöpfung der Welt durch Gott glaubt, wirkt folgende Passage, die an die Evolutionstheorie erinnert, merkwürdig: "Und es ist keines solcher Tiere als unumgängliche Bedingung der Erhaltung anderer Wesenheiten auf einen Planeten gesetzt, sondern die Übergänge können auch ebensogut durch andere Stufen gehen" (S. 136).

So wie das alles dasteht, denkt man zunächst, es handele sich um physische Wesen. Daß so große Säugetiere funktionsfähig sind, kann ich mir allenfalls in einem feinstofflichen Bereich vorstellen. So stellt Lorber es an einer Stelle tatsächlich dar: Die "Leiber der Saturnmenschen" sind "ätherischer und leichter" als unsere physischen Leiber (S. 210). Die Saturnmenschengeister sind deshalb so groß, damit "sie durchaus keinen innerlichen Materiedruck erleiden sollen, welcher von außen nach innen drücken und sie zu entzünden vermöchte" (S. 244f). Wie das zu der auf dem Saturn angeblich geringeren Gravitation passen soll, verstehe ich nicht. Ein Saturnjahr dauert so lange wie dreißig Erdenjahre.

Die Saturnmenschen haben kein Geld, sondern tauschen. Sie essen kaum Fleisch. Ihre Kochkünste sind einfach. Als Hausknechte dienen ihnen zahme Affen. Auf den als unedel geltenden Pferden reiten sie nicht, weil sie sich für zu edel dafür halten. Ihre Häuser haben keine Dächer. Sie glauben an einen lichten Geist (entspricht dem Heiligen Geist), der die Verbindung zum Großen Geist (entspricht Gott) herstellt. Auch Jesus mischt sich manchmal "in der Gestalt eines Engels" unter sie (S. 225). Die Bergbewohner sind frömmer als die Bewohner der Ebene. Zentrum der Religion sind die "Wiedergeburt des Geistes" (S. 228) und die "Einswerdung mit Gott" (S. 230).

Die Zeugung geschieht durch Liebe, Wille und Gebet. Nach dem Beten "nimmt der Mann die Frau auf seinen Arm, drückt sie an sein Herz und gibt derselben einen Kuß auf die Stirne, einen auf den Mund und einen auf die Brust. Darauf legt er seine rechte Hand über ihren Leib und fixiert sie mit seinem Willen. Das ist der ganze Vorgang der Zeugung, während welcher sowohl der Mann als auch das Weib eine wahrhaft himmlisch reine Liebe empfinden, die sie begeistert und auf lange Zeit überfröhlich macht" (S. 205).

Die Strafen für Übeltäter sind relativ milde. Falls ein Erziehungsprogramm durch Menschen und Engel nichts nützt, wird der Delinquent allerdings mit Schmerzen, "bei einem außerordentlichen Falle aber auch mit der körperlichen Vernichtung bestraft […]. Diese Strafe bewirkt, daß er gar lange als ein Wächter der Nacht und aller Kälte wird verbleiben müssen" (S. 218).

Mit der Beerdigung der Toten wird kein Aufwand getrieben: Die Leichen lösen sich innerhalb von zehn Tagen auf, ohne Spuren zu hinterlassen. "Es sind aber eben die Urgrundgeister des Planeten Saturn von höchst zerstörungslustiger Beschaffenheit, aus welchem Grunde so manche alte Seher eurer Erde sogar schon von diesem Planeten aussagten, daß er seine eigenen Kinder verzehre" (S. 240).

Der Saturnring "bildet für sich einen vollkommen kompakten, festen Weltkörper" (S. 242). Er bewirkt "eine immerwährend gleich gemäßigte Zone in den Wohnländern des Planeten" (S. 243).

Es entsteht der Eindruck einer utopischen Phantasiewelt. Ob da Lorber oder seinem Inspirator die Phantasie durchgegangen ist, weiß ich natürlich nicht. Daß das Ganze auf den Leser so wirkt, hat der Inspirator immerhin vorhergesehen: "Denn diese Darstellung der produktiven Kraft der Sonne war zuvor notwendig, damit das noch zu Sagende nicht als eine Faselei oder als eine nötigende Darstellung der Dinge auf diesem Planeten so erscheint, als wäre demjenigen, der solches kundgibt, der Phantasiefaden ausgegangen und er demzufolge zu dem die Zuflucht nehmen müßte, was die Erde als Planet an formellen Erscheinlichkeiten bietet" (S. 160f).

4. Die Fliege (1842)

Ein paar der in dem kleinen Werk enthaltenen Lehren: Auch im Kleinen birgt sich Unendliches. Auch unscheinbare Dinge sind unendlich wertvoll. Alles, was es gibt, erfüllt "tausenderlei gute Zwecke" (S. 25). Wer Gott "erkennen will, der muß zuerst in die kleine Schule gehen und in dieser den lieben Vater zu erkennen anfangen" (S. 29).

5. Der Großglockner (1842)

Zwei Gedanken, wegen denen sich die Lektüre lohnt: Alles, was auf der Erde passiert, wird von Geistern herbeigeführt. Das Bergsteigen dient dem Erlernen von Liebe und Weisheit.

6. Die Geistige Sonne (1842/43)

Die geistige Sonne ist in uns – Thema des Buchs sind "die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits", wie der Untertitel besagt. Jeder Mensch trägt Himmel und Hölle in sich. Es werden drei Höllen unterschieden, die durch Genußsucht, Zorn und Herrschsucht im Innern des Menschen entstehen. Herrschsucht, "die Triebfeder zu allen Lastern" (2/450) führt zu übermäßiger Selbstliebe, übermäßige Selbstliebe führt zu Zorn.

Am schlimmsten ist ein "Betrug der Liebe" (2/480). Wer den Nächsten lieben will, muß ihm seine Freiheit lassen und ihm das Seinige geben. Wer seine Frau zu sehr liebt, verdirbt sie. Die Päderastie wird als Folge von Gottlosigkeit und einer Abstumpfung der Sinne interpretiert. Doch der Ekel am weiblichen Körper dehne sich schließlich auch auf den Ekel am männlichen Körper aus.

Wer nach den Prinzipien der Hölle handelt, gehört ihr an. Jeder schafft sich sein Jenseits durch seinen Glauben. Jede Handlung richtet sich selbst. Durch Vergebung wird man Herr über die Hölle. Gott zu lieben und ihn zu erkennen suchen, bedeutet, im Himmel zu sein. Jesusnachfolge heißt, in Jesu Liebe zu leben und vollkommen zu sein wie Gott.

7. Schrifttexterklärungen (1843/44)

Das sind die am Schluß von "Die geistige Sonne" angekündigten "'Nacherinnerungen'" (2/515). Als am wichtigsten in der Bibel gelten die Propheten und die Evangelien. Auffällig sind die Bemerkungen gegen das Lesen: Zu Gott gelangt man nicht durch Bücher, sondern dadurch, daß man demütig ist und ihn liebt. Zum Glauben kann man durch das Lesen der richtigen Bücher immerhin kommen. Zur Hermeneutik: Kurze Texte brauchen eine lange Erklärung, lange Texte eine kurze.

8. Jugend Jesu – Das Jakobus-Evangelium (1843-51)

Das Protoevangelium des Jakobus ist "in einer großen Zahl von Handschriften und vielen Versionen erhalten" (Oscar Cullmann, S. 334). Als Verfasser gilt Jesu Bruder Jakobus. Die griechischen Kirchenväter standen dem Inhalt des Werks distanziert gegenüber und schrieben es "einem 'gewissen Jakobus'" zu. "Das Verdammungsurteil des Dekretum des Gelasius scheint das Evangelium unter dem Namen des 'jüngeren Jakobus' (vgl. Mk 15,40) zu kennen" (Cullmann 337).

Es "kann […] nicht vor 150 geschrieben sein. Es setzt die kanonische Kindheitserzählung schon voraus, ist sicher nicht als deren Quelle anzusehen, geht auch kaum auf eine beiden gemeinsame schriftliche Quelle zurück und ist wohl – vielleicht abgesehen von einzelnen benützten Stücken – nicht ursprünglich hebräisch abgefaßt" (Cullmann 337).

Lorbers Version beginnt "von der Zeit an, da Joseph Mariam zu sich nahm", läßt also die Biographien von Maria und Joseph weg (S. 11).

9. Der Briefwechsel Jesu mit Abgarus Ukkama von Edessa (1844)

H. J. W. Drijvers faßt den Inhalt der Abgarsage so zusammen: "Der König hat von den Wunderheilungen Jesu gehört und lädt ihn brieflich nach Edessa ein, um ihn einerseits von seiner Krankheit zu heilen und andererseits sich vor der Feindseligkeit der Juden zu schützen. In seiner Antwort preist Jesus den König Abgar selig, weil er geglaubt hat, ohne ihn gesehen zu haben. Der Einladung kann er aber keine Folge leisten, weil er nach der Erfüllung seiner irdischen Aufgabe zu seinem himmlischen Vater, der ihn gesandt hat, aufgenommen werde. Dann wird er dem König einen seiner Jünger senden, der den König heilen und ihm und den seinen das Leben bringen solle. Nach der Himmelfahrt Jesu sandte Judas Thomas den Apostel Addai, von Eusebius Thaddäus genannt, anch Edessa, wo er den Abgar heilt und die Stadt für das Christentum gewinnt" (S. 389).

Er kommentiert: "Die Legende stellt eine historische Fiktion dar […]. Ein Apostel Jesu mit Namen Addai ist vor der Zeit Eusebs völlig unbekannt. […] In der manichäischen Überlieferung ist Addai oder Adda einer der bekanntesten Missionare, der zum engen Kreis um Mani selbst gehörte […]. Die Manichäer behaupteten, Briefe von Jesus zu besitzen […]. Die Abgarsage ist eine christliche Propagandaschrift, die […] am Ende des dritten Jahrhunderts entstanden ist" (S. 391f).

Lorbers Version enthält den gesamten Briefwechsel zwischen Jesus und Abgar. Der Herausgeber macht darauf aufmerksam, "daß die beiden ersten Briefe keine Übersetzung eines vorhandenen Textes […] sind." Er stellt fest, "daß der Text der diktierten Briefe mit dem griechischen Text der Briefe nach E u s e b i u s am genauesten übereinstimmt; wogegen der Text der 'Doctrina Addai' ergänzende Satzteile aufweist" (S. 12).

10. Paulus' Brief an die Gemeinde in Laodizea (1844)

Der Laodicenerbrief ist Wilhelm Schneemelcher zufolge eine Fälschung, zusammengebastelt v.a. aus Stellen aus dem Philipperbrief des Paulus, angeregt durch Kol 4,16. "Eine sinnvolle Inhaltsangabe läßt sich kaum geben und eine bestimmte theologische Intention wird man vergeblich suchen" (S. 42).

Otto Zluhan spürt in Lorbers Version "die lodernde Geistesflamme des Apostels Paulus in ihrer vollen, unverfälschten Eigenart und Kraft". Den historischen Hintergrund des Briefs faßt er so zusammen: "Die Laodizener waren, gleich wie die Kolosser, aus dem reinen Geisteschristentum in ein zeremonielles Kirchenchristentum verfallen, gegen das Paulus in seinem Brief in scharfen Worten Klage führt" (S. 6).

11. Von der Hölle bis zum Himmel (1848-51)

Das zweibändige Werk berichtet über die "jenseitige Führung des Robert Blum" (so der Untertitel) durch Jesus.

Robert Blum (1807-1848) war ab 1839 "einer der führenden Vertreter der liberalen Opposition in Sachsen". In der Frankfurter Nationalversammlung trat er als "Führer der radikalliberalen Fraktion […] für das Prinzip der Volkssouveränität und für die Einführung der Republik mit legalen Mitteln ein". 1848 überbrachte er "mit J. Fröbel eine Sympathieadresse an die Aufständischen in Wien und beteiligte sich am Widerstand gegen Windischgrätz. Nach dem Sieg der reaktionären Kräfte wurde Blum standrechtlich erschossen" (MEL 4/364).

Der österreichische Feldmarschall Alfred Fürst zu Windischgrätz (1787-1862) unterdrückte im Juni 1848 den Aufstand in Prag. Am 31.10.1848 eroberte er Wien, "hielt ein brutales Strafgericht und führte dann Krieg gegen die ungarischen Aufständischen" (MEL 25/397). Die Märzrevolution 1848 "spielte sich in vier Zentren ab": in Wien, Prag, Lombardo-Venetien und Ungarn (MEL 17/805).

Lorber bemerkt, "daß die meisten, ihr irdisches Leben durch ein Strafgericht gewaltsam Einbüßenden in der Geisterwelt mit dem größten Zorn- und Rachegefühl gegen ihre Richter ankommen". Verbrecher toben sich in der Hölle aus, politische Verbrecher wie Blum "werden anfangs bloß in einen lichtlosen Zustand versetzt […], bis sich ihre Rache in das Gefühl der Ohnmacht umwandelt" (1/15f).

Das Werk wirkt stellenweise wie ein Groschenroman, wobei ich nicht sagen will, daß Groschenromane nicht realistisch sein können. Eine Szene spielt sich im Jenseits in genau dem Augenblick ab, in dem sie Lorber diktiert wird.

Eine ergreifende Liebesgeschichte: Ein "Pathetikus" genannter Offizier namens Johann verliebt sich in die reiche Wiener Baronesse Emma und stößt auf Gegenliebe, doch ihr Vater ist gegen die Ehe und verbietet dem Aufdringlichen das Haus. Sein militärischer Vorgesetzter Max Olaf verhilft ihm zu einer militärischen Karriere, zu Reichtum und Adelstitel. Auf seine drei Briefe erhält Johann von der Geliebten keine Antwort. Ein erneuter Antrag wird vom Vater wieder abgewiesen. Max rät zu einer Entführung und Hochzeit in England. Er verspricht, die Verfolgung in die Irre zu lenken.

Nach der Hochzeit bekommt Emma gegenüber ihrem Vater ein schlechtes Gewissen. Außerdem hat sie Heimweh. Also ziehen die beiden zurück nach Wien. Emmas Vater ist inzwischen gestorben. Ihre älteren Schwestern machen sie für seinen Tod verantwortlich, sterben aber einige Jahre später. Emma wird Alleinerbin. Das macht sie putz- und vergnügungssüchtig. Johann macht ihr Vorwürfe, sie schickt ihn mit den beiden Töchtern und 200000 Gulden Entschädigung fort.

Max schraubt die Entschädigung auf eine halbe Million in die Höhe und teilt ihr mit, er habe Johann adoptiert. Jetzt sei er Graf, nach seinem Tod Fürst. Nun will Emma ihr gesamtes Vermögen hergeben, wenn sie ihren Mann zurück bekommt. Um sie zu prüfen, sagt Max, er habe gelogen, ihr Mann sei ein einfacher Bauernsohn. Da will Emma doch lieber zahlen und sich trennen. Max deckt seine Lüge auf, Emma klagt, ihr Mann habe sie mit seiner Kälte unglücklich gemacht. Er sei nicht einmal eifersüchtig gewesen, als sie sich von anderen Männern habe den Hof machen lassen, um ihn zu prüfen. Ins Schlafzimmer sei er auch nicht mehr gekommen. Seine Liebe sei mit ihrem Reichtum erloschen.

Johann beteuert seine Liebe und wünscht, Emma hätte ihr Vermögen den Armen gegeben. Emma will den Versöhnungskuß verschieben und fortan mit ihrem ersten Vornamen Kunigunde genannt werden. Johann findet den zweiten Vornamen ästhetischer, Emma fühlt sich lächerlich gemacht, zahlt ihn aus und trennt sich endgültig. Nach einem Streit mit dem Kammerdiener versöhnt sie sich aber wieder mit ihrem Mann, der die Geschichte nach seinem Tod im Jenseits erzählt. Nach der Versöhnung ist Emma "'wie ausgewechselt und weiß sich kaum an etwas zu erinnern, was früher zwischen uns vorgefallen ist!'" (S. 206f)

Im Jenseits sehen sie sich alle wieder. Die halbnackte, abgemagerte Emma versteckt sich hinter ihrem Vater, der Johann inzwischen vergeben hat. Max wird zum Fürsprecher der drei vor Jesus, der sie zu sich bittet. Auch Emmas Schwestern, deren Männer und Diener stoßen dazu. Da taucht Annamierl auf, Johanns Geliebte, der er auf der Erde die Ehe versprochen hat, obwohl er verheiratet war. Annamierl beschimpft ihn, Max und Emmas Vater brechen den Umgang mit ihm ab. Johann beschimpft alle, wirft Emma ihre Samstagsgesellschaften vor und zieht sich zurück. Nachdem Robert Blum den Johann zu Jesus geführt hat, wird er zum Apostel.

Ein Argument gegen die Evolutionstheorie: "Wenn der Zufall nicht einmal ein Haus zuwege bringen kann, wie soll er eine ganze Erde erschaffen können?" (1/146) Adam hat angeblich vor ca. 6000 Jahren gelebt – dieser Zeitrechnung liegt die biblische Chronologie zugrunde. Gott entwickelt sich: Er bereut die Sintflut und die Zerstörung von Sodom und Gomorra.

Kirchenkritik: Der Vatikan bekommt von Petrus höchstselbst sein Fett ab: Der Papst "'gibt vor, im Besitze aller Macht Deines allerheiligsten Geistes zu sein, sucht aber, so er in einem weltlichen oder geistlichen Regiment durch Aufstände bedrängt wird, nie Hilfe in seiner angeblichen Kraft des heiligen Geistes, sondern nur bei den größeren Machthabern der Welt'" (1/235). Reue und Buße sind nur dann wertvoll, wenn sie dem Glauben und der Liebe entspringen und nicht der Furcht vor Höllenstrafen.

Die Beschimpfungen verschiedener Jenseitsbewohner gegen die Katholische Kirche übergehe ich hier. Fruchtbarer sind die sachlichen Einwände des Miklosch, der sich gegen Kultus, Kirchenbauten, Inquisition, die angebliche Gründung des Papsttums durch Petrus mit der Begründung ausspricht, davon stehe nichts in den Evangelien. Die Pfaffen hält er für hartherzig. Er meint, sie würden im Jenseits Jesus nicht einmal dann erkennen, wenn sie mit ihm zusammenstoßen. Ein General bezeichnet die "'Messe […] als eine zeremonielle Wiederholung der einstigen wirklichen Kreuzigung Christi'" (1/391). Ein früherer Kirchendiener lehnt die Sakramente und den Papst ab. Jesus selbst kritisiert die Herrschsucht der Katholischen Kirche.

Lorbers Jesus offenbart sich im Jenseits als Diktator, der kein "Nein" akzeptiert. So sagt er zur früheren Nackttänzerin Helena, die er anschließend mit einem Kuß zur Gottesbraut macht, bevor er sie dem Robert Blum zur Frau gibt: "'Meine liebste Helena, du weißt ja schon, daß bei Mir kein Weigern etwas nützt. Denn was Ich einmal will, das muß ja geschehen, und wenn darob die ganze Schöpfung zugrunde ginge'" (1/267).

Daß er jegliche tyrannischen Züge abstreitet, paßt dazu – Diktatoren präsentieren sich gern als Demokraten. Die Vertuschung ist ihr Wesenselement (vgl. Hitlers Euphemismen wie "Endlösung" = Vernichtung der Juden oder "Volksgesundheit" = Rassenreinerhaltung!). Jesu Tyrannei bei Lorber rührt von seiner Gleichsetzung mit Gott her, die vom Neuen Testament her nicht gerechtfertigt ist. Daß Jesus sich (wie viele Yogis und Mystiker) eins mit Gott fühlte (vgl. Joh 10,30), bedeutet nicht, daß er mit Gott identisch, sondern nur, daß er von ihm durchdrungen oder sonstwie verbunden war.

Später liefert Lorbers Jesus für seine Diktatur eine Begründung: "'Aber auch das weißt du, daß bei Mir […] durchaus nichts von dem herabgehandelt werden kann, was Ich einmal ausgesprochen habe. Und daher wirst du schon das tun müssen, was Ich nun von dir verlangt habe. Denn siehe, so Ich in meinen Aussprüchen und Bestimmungen nachlässig wäre, welch eine Ordnung und welch ein Gesicht würde ehestens die ganze Schöpfung bekommen?! So Ich nur einen Augenblick nachließe, alles Geschaffene in Meiner Idee unverrückt festzuhalten, ginge alles aus den Fugen, und alle Gestaltungen und Formen würden zu wolkenähnlichen, höchst veränderlichen und bald vergänglichen Zerrbildern werden'" (1/284f).

Die Liebe zu Gott sei wertvoller als der Versuch, ihn zu erforschen, sagt Jesus, der ja eins mit Gott ist. Seine Lehren stünden vor allem in den vier Evangelien. Wer ein kluges Herz hat, Jesus vertraut und ihn liebt, darf mit seiner Gnade rechnen. Aber Menschen, die auf der Erde Diktatoren waren, sehen ihn im Jenseits "'in einem ganz anderen Gewande'" (1/419) – auch das ist typisch für Diktatoren: andern Diktatoren zu drohen.

Jesus läßt niemand untergehen, sondern sorgt dafür, daß jeder Gottes Ziel erreicht. Das Mittel dafür ist der Schmerz, mit dem im Jenseits sexuelle Gelüste und Ungehorsam bestraft werden. Das Ziel ist die Jesusnachfolge. Dazu gehört auch die Kenntnis der Hölle. Jesu Haltung gegenüber den Menschen ist wohlwollend: er will alle befreien und selig machen. Wer liebt, wird von seinen Sünden freigesprochen.

Daß Helena Jesus küßt und eine Weile ihren Kopf an seiner Brust birgt, hat keine Auswirkungen auf ihren Charakter: Die frühere Wiener Schwarzmaxl-Lenerl schimpft wie eh und je, wobei sie bei ihren beleidigenden Äußerungen ein erstaunliches Erfindungsvermögen an den Tag legt. Wenn Worte nichts mehr nützen, greift sie zu Ohrfeigen, wobei sie sehr mutig und schlagkräftig ist.

Jesus vertritt eine Gesinnungsethik. So fragt er: "'Was kann bei Mir wohl ohne Wert sein, so es im rechten Sinn verrichtet wird? […] Ich sehe allezeit nur aufs Herz und nie auf die Form'" (2/252). Paulus sagt von ihm: "'Denn der Herr sieht nie auf die Handlung allein, sondern hauptsächlich auf den Grund und die Absicht der Handlung.'" Wer aus Ehrsucht handle, tue nichts Gutes, doch wer Gottes Willen tut, ist "'gerechtfertigt'", auch wenn es schief geht (2/218f).

Der Antichrist wird als siebenköpfiges Ungeheuer dargestellt (vgl. Offb 17,3), das unter den Menschen Streit entfacht. "Der Wurm stellt für sich die große Schändlichkeit vor, die aus der Herrsch-, Hab-, Lug- und Trugsucht hervorgeht. Die sieben Köpfe sind gleich den sieben Hauptleidenschaften, aus denen die sieben Hauptsünden ihren Ursprung nehmen: Hochmut, Herrschgier, eifersüchtigster Neid, ein tödlicher Geiz, unversöhnlicher Haß, Verrat und endlich Mord!" (1/286) Die "tyrannische Herrschgier […] täuscht nach außen hin vollste Freiheit und gleiche Berechtigung aller Stände vor, in sich selbst aber ist sie Rache und Blutgier, derzufolge jeder über die Klinge springen soll, der nicht den Vorteil des alleinigen Tyrannen in vollste Berücksichtigung zöge" (1/274).

Die Geschichte von Cado und Minerva erinnert an die Unterwerfung Griechenlands durch Rom. Cado vermutet zwar, Minerva sei nicht die aus dem Kopf des Zeus geborene Athene, und der römische Cato unterscheidet sich nicht nur durch einen Buchstaben von dem Beduinenhäuptling Cado. Doch die Gemeinsamkeiten überwiegen:

  • Cados Machtwille erinnert an den Willen zur Zerstörung Karthagos bei Cato. Aus Jesu Kritik Mt 11,12 macht er seinen Leitfaden: Nur wer den Himmel mit Gewalt erobere, komme hinein. Cado beherrscht die Geister und hält es für verbrecherisch, einen andern Willen als er selbst zu haben. Er zwingt Minerva, ihm freiwillig zu folgen. Willensfreiheit ist für ihn, das zu wollen, was er will. Deshalb ist er ein Kandidat für die Hölle.
  • Die Weisheit der Minerva wurde von den Christen weniger verteufelt als von Lorber, der sie zu einer hochmütigen Lügnerin stilisiert: Unsere ganze Bildung beruht auf der griechischen Antike.
  • Cados Bekehrung entspricht der Christianisierung Roms. Daß Cado als Teufel eingeführt wird, entspricht der Verteufelung der Katholischen Kirche bei Lorber. So läßt er den Cyprian sagen: "'Das Böseste auf der Erde ist nun das römische Pfaffentum'" (2/131).

Eine alternative Interpretation ergibt die Identifikation von Lorbers Minerva mit der biblischen Weisheit: Minerva nennt sich Gottes "'urerstes, vollkommenstes Geschöpf'" (2/148). Das ist eine Anspielung auf Spr 8,22-26.

Über die Herkunft der Minerva gibt es verschiedene Angaben:

  • Sie "war in der ihrem Wesen nach ursprünglich griechischen, aber über Etrurien übernommenen Trias Iuppiter, Iuno und Minerva die Stadtgöttin (s. Athena). […] Wie in Griechenland die Jungfrau Maria den Kult weiblicher Gottheiten und insbesondere der Athena […] ablöste, so auch in Italien; so steht in Rom die Kirche S. Maria sopra Minerva über einem Heiligtum der Minerva" (WA 466).
  • "Minerva kam von den Sabinern (Varro 1.1.5,74), wo sie ein uraltes Heiligtum in Orvinium besaß (Dion.Hal.ant.1,14,3), nach Rom." Mit Iuno und Iuppiter Optimus Maximus gehörte sie zur Götterdreiheit des Kapitols. "Die Vorstellung der gewappneten Stadtgöttin ermöglichte die Gleichsetzung mit Athena Polias" (Gerhard Radke, in: KP 3/1317f).
  • Minerva war ursprünglich eine "italische Göttin, die vielleicht über die Etrusker nach Rom kam. […] Später wurde sie der griechischen Athena gleichgesetzt. Der Name der Minerva dürfte von der indogermanischen Wurzel men abzuleiten sein, diese bezeichnet jede Art von geistiger Tätigkeit" (Lurker 273).
08.09.2017 © seit 03.2017 Gunthard Heller
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