Selbstbild: Gespaltene Persönlichkeit oder im Einklang mit sich selbst?

Wie führen Sie Ihr Leben? Fühlen Sie sich eher als Opfer oder Winner? Das wir unser Selbstbild meistens unbewusst konstruieren, erkennen wir spätestens dann, wenn wir mit unserem Leben völlig unzufrieden sind. Nur wer Freundschaft mit sich selbst schließen kann, ist kein Opfer mehr, sondern kann aktive Schritte einleiten, um ein positives Lebensgefühl zu entwickeln. Sie meinen, Sie sind bereits gut mit sich selbst befreundet? Das können Sie ganz einfach testen.

Test: Ihre Selbstakzeptanz

Spiegel1. Stellen Sie sich so vor einen Spiegel, dass Sie Ihr Gesicht gut sehen können. Schauen Sie Ihr Gesicht genau an. Schneiden Sie ein paar Grimassen. Dann sagen Sie laut: „Ich mag mich.“ Und noch einmal. Und noch ein drittes Mal.

Lauschen Sie dem nach und spüren Sie das Echo, die Resonanz in Ihnen. Atmen Sie noch? Oder halten Sie die Luft an? Lächeln Sie schief und etwas entschuldigend? Konnten Sie, während Sie den Satz sagten, lückenlos Blickkontakt mit Ihrem Spiegelbild halten? Spannen Sie sich irgendwo im Körper an oder bleiben Sie ganz locker? Tauchen Gefühle, Stimmungen, Gedanken oder Erinnerungen auf? Welche?

2. Jetzt ziehen Sie sich ganz aus und stellen sich so vor einen großen Spiegel, dass Sie sich ganz und genau sehen können. Betrachten Sie sich ausgiebig, drehen Sie sich auch nach rechts und links und werfen Sie sich einen Blick über die Schulter zu, so dass Sie Ihre Rückpartie sehen können. Dann sagen Sie sich wieder, mit Blickkontakt: „Ich mag mich.“ Wieder dreimal. Reflektieren Sie wieder, wie bei Punkt 1.

3. Ziehen Sie sich wieder an oder bleiben Sie ausgezogen, wie Sie möchten, und machen Sie die Übung noch einmal. Dabei stellen Sie sich vor, Ihre Eltern, Ihr Chef, Ihr Partner / Ihre Partnerin und mindestens ein ehemaliger Lehrer stehen im Halbkreis hinten um Sie herum, während Sie den Satz „Ich mag mich“ dreimal laut und deutlich sagen, immer mit Blickkontakt zu Ihrem Spiegelbild. Reflektieren Sie darüber wie bei Punkt 1. beschrieben.

Haben Sie diesen Test wirklich durchgeführt, mit allen drei Stufen, und konnten Sie locker und heiter bleiben? Herzlichen Glückwunsch! Sie brauchen nicht weiter zu lesen.

Haben Sie den Test gemacht und in irgendeiner Hinsicht etwas Unangenehmes erlebt? Herzlichen Glückwunsch! Sie trauen sich dem Thema zu stellen und Ihren inneren Verurteilungen auf die Spur zu kommen. Gleich gibt es einige Tipps für Sie.

Ist Ihnen schon beim Lesen des Tests mulmig geworden? Haben Sie es vermieden, ihn real durchzuführen? Herzlichen Glückwunsch! Sie merken, dass Ihnen ein Verbündeter fehlt, der absolut loyal und treu zu Ihnen hält, egal wie Sie sind, was Sie machen und wie es Ihnen innerlich geht: Sie selbst! Auch für Sie könnten die folgenden Tipps wertvoll sein.

Übung Nr. 1: Wunsch und Wirklichkeit

Nehmen Sie allerlei Aspekte Ihres Lebens auf´s Korn. Ich schlage Ihnen folgende Aspekte vor:

  • Familie Ihre Wohnsituation
  • Alltagsgewohnheiten
  • Essgewohnheiten
  • eventuelle Sucht-Gewohnheiten (Rauchen, Trinken, Fernsehkonsum etc.)
  • Gesundheitszustand
  • Aussehen, Figur, Outfit
  • Bildung, Beruf, Intelligenz
  • Finanzielle Situation
  • Partner-Situation
  • Familiäre Situation

Vergegenwärtigen Sie sich diese Aspekte und gehen wie folgt vor:

  • Schreiben Sie eine Liste dieser Aspekte.
  • Reflektieren Sie einen Moment lang über jeden Punkt.
  • Wenn Sie mit einem Punkt auf Ihrer Liste, so, wie er ist, 100%ig einverstanden sind, schreiben Sie eine 100 dahinter.
  • Wenn Sie sich bei einem Punkt pfeilgrad das Gegenteil von dem wünschen, was Realität ist, setzen Sie hinter den Punkt eine 0.
  • Schätzen Sie die Prozentzahl Ihres Einverstandenseins bei jedem Punkt möglichst genau ein und setzen Sie die zutreffende Prozentzahl dahinter.
  • Überprüfen Sie noch einmal in Ruhe jeden Punkt und korrigieren Sie, wenn nötig.
  • Dann addieren Sie alle Zahlen hinter den Punkten.
  • Teilen Sie die Summe durch 10.

Die Zahl, die Sie jetzt erhalten, gibt Ihnen Auskunft darüber, zu wie viel Prozent Sie mit Ihrem Leben, bezogen auf die Aspekte in Ihrer Liste, einverstanden sind. Natürlich können Sie die Liste auch um andere Aspekte erweitern, aber wenn Sie das nicht in 5er oder 10er – Packen tun, dann wird die Berechnung etwas komplizierter. So – jetzt haben Sie eine Zahl, die Ihre Lebenszufriedenheit konkret in Prozent angibt.

Überlegen Sie mal: Wenn Ihre beste Freundin, bester Kumpel, Ihr Kind oder Ihr Partner Ihnen diese Zahl nennt: Würden Sie ihnen eine höhere Lebenszufriedenheit wünschen? Wenn ja, dann sind Sie eingeladen, weiter zu machen. Wenn nein, ... na, dann ist ja alles in Ordnung. Sie können sich entspannen und Ihr Leben weiter genießen!

Übung Nr. 2: Opfer sein

Beschäftigen Sie sich gedanklich und gefühlsmäßig mit folgenden Aussagen:

  • SelbstbildViele Menschen leben als Opfer. Sie meinen, böse Eltern, einen bösen Chef, einen bösen Partner, ein böses Arbeitsamt, eine böse Bank, ja, sogar böse Kinder oder zur Not eben ein schlimmes Schicksal, zum Beispiel ein böses Horoskop, zu haben.
    Ich behaupte hingegen:
  • Jeder Mensch über 18 Jahre, der einigermaßen gesund und geistig normal ist und in unserer Gesellschaft als vollwertiger Bürger lebt, ist nur in einer Hinsicht Opfer:
    Er ist das Opfer seiner eigenen Entscheidungen.
    Zum Glück, denn daran kann jeder etwas ändern.

Welche Einstellung haben Sie zu Ihrem Leben? Wie stehen Sie zu den obigen Aussagen? Haben Sie eher den Eindruck ein "Opfer der Umstände zu sein" oder könnten Sie mit dem alten Nietzsche sagen: "Ja - So will ich es!"

Übung Nr. 3: Druck raus nehmen

Nehmen Sie sich für eine Woche lang vor, mindestens zweimal täglich laut zu sich selbst zu sagen: „Ja, so bin ich im Moment.“ Empfehlenswerte Momente sind:

  • Wenn Sie gerade einen Fehler gemacht haben ...
  • Wenn Sie sich nicht gut genug vorkommen ...
  • Wenn Sie merken, dass Sie sich für irgend etwas verurteilen ...
  • Wenn Sie sich deprimiert fühlen ...
  • Wenn Sie sich gestresst oder hektisch fühlen ...

Daumen obenZweck der Übung ist es, dass Sie eine Instanz in sich ausbilden, die so, wie eine ideale Mutter ihr Baby, jenseits von Kritik und ‚Herunter machen’, einfach Ihr Dasein und Ihr Sosein bejaht. Bedingungslose Liebe also. „Gute“ beste Freundinnen sind auch so: Sie sagen nicht: „Wie konntest Du nur einen solchen Bockmist bauen“, sondern „Da hast Du Dich bestimmt ganz scheußlich gefühlt.“

Sie urteilen nicht, sie beschämen nicht, sie bestrafen nicht. Sie vertrauen darauf, dass, Sie Ihr eigenes Verständnis entwickeln und damit auch eine Entwicklung "zum Guten" bei Ihnen stattfinden kann.

Das heißt nicht, dass Sie sich auf Ihren Fehlern ausruhen sollten. Aber eine solche Instanz in sich zu haben, eine ideale Mutter oder eine „gute“ beste Freundin oder einen besten Kumpel, die oder der zunächst einmal einfach nur bejaht, dass Sie zur Zeit so sind, ist die absolute Voraussetzung für natürliche und fruchtbare Entwicklungen. Denn unter Druck sind Sie so geworden. Und noch mehr Druck, den Sie sich selbst machen, hat bisher nicht zu mehr Lebenszufriedenheit geführt, nicht wahr?

Marshall Rosenberg hat den Satz geprägt: Menschen sind nicht – Menschen werden.

Schaffen Sie also die Voraussetzung dafür, dass Sie werden können!

Übung Nr. 4: Ihr Lebensgarten

  • Stellen Sie sich selbst als einen Garten vor. Die verschiedenen Bereiche im Garten werden von den Aspekten aus Ihrer Liste gebildet.
  • Fertigen Sie einen Grundriss von Ihrem Garten an, am besten auf einem Blatt Din-A 3 Papier (oder auch größer) und ruhig mit farbigen Stiften.
  • Lassen Sie sich überraschen, wie Sie Ihre Lebensbereiche im Garten anordnen:
    • Welcher Bereich ist wo?
    • Wie groß?
    • Welche Form?
    • Und welche Nachbarschaft zu anderen Lebensbereichen?
    • Haben Sie Platz für Wege gelassen?
  • GartenUnd nun stellen Sie sich vor, Sie wären der Gärtner, der diesen Garten liebt und hegt und pflegt.
  • Machen Sie in Ihrer Phantasie einen ersten Spaziergang durch Ihren Garten. Welches Wetter herrscht gerade? Gibt es vielleicht verschiedene Klimazonen darin? Eine Wüste, einen Dschungel, Wiesen, Wälder, Beete?
  • Nehmen Sie die Skizze Ihres Gartens wieder zur Hand und malen Sie die verschiedenen Bereiche (Ihre Lebensaspekte!) farbig aus: Wo gibt es zu viel Unkraut? Wo ist es zu trocken? Welcher Lebensbereich nimmt vielleicht zu viel, welcher zu wenig Platz ein?
  • Zeichnen Sie einen verbesserten Entwurf Ihres Gartens, so wie er Ihnen als Gärtner viel besser gefällt und wie er auch besser zu pflegen ist. Zeichnen Sie ihn so, dass die vielen Pflanzen und Tiere darin gedeihen, blühen und fruchtbar sein können.
  • Dann gestalten Sie eine Mitte in Ihrem Garten. Wie könnte sie aussehen? Soll es ein kleiner See sein? Ein Tempel? Eine rosen-überwucherte Laube? Eine schöne Statue?
  • Dies könnte ab sofort Ihre Lebensmitte sein.

Wenn Ihnen das Leben zu viel wird, ziehen Sie sich hierhin zurück und tanken Kraft, spüren die Lebendigkeit, die Ruhe und den Schutz vor dem hektischen Alltagsgetriebe. Und als Gärtner kümmern Sie sich liebevoll und in dem Tempo, das Ihnen wohl tut, um Ihren Garten: Versuchen Sie zu spüren, was den Pflanzen und Tieren, die die Bereiche bevölkern, gut tut.

Ein Beispiel: Andere richten darüber, wie schön ich bin

Sie finden heraus, dass in Ihrem Lebensbereich: Aussehen, Figur, Outfit zu viele andere Menschen herum trampeln. Vielleicht finden irgendwelche Menschen, dass Sie zu dick oder zu flachbrüstig, zu groß oder zu klein, etc. sind. Sie alle gehören hinausgeworfen aus Ihrem inneren Garten.

Finden Sie die Stellen, wo Ihr Zaun Lücken hat („Die hat mich so komisch angeschaut“ oder „Mama bestand immer darauf, dass ich ein adrettes Kleidchen an hatte“) und schließen Sie die Lücken rigoros.

Aussehen, Figur und Outfit sind in erster Linie Ihr Selbstausdruck und dienen Ihrem Leben, indem sie Spaß machen und Befriedigung bieten. Und wenn Sie daran etwas ändern möchten, dann sollte die Änderung IHNEN entsprechen, und nicht irgendwelchen Menschen, denen Sie Macht über sich einräumen, nicht wahr?

Noch ein Beispiel: Der Familienbereich ist zu trocken

SelbstbildEs kann sein, dass Sie, wenn Sie so als Gärtner durch Ihren Lebensgarten schlendern, bemerken, dass der Bereich: Familiäre Situation viel zu trocken ist, ja, er verdorrt schon fast. Untersuchen Sie das näher! Geht jeder in der Familie eigene Wege? Gibt es wenig Anteilnahme an den anderen? Haben alle zu wenig Zeit? Herrscht die große Sprachlosigkeit?

Überlegen Sie als Gärtner, wie Sie mehr erfrischendes Wasser hinein leiten können. Vielleicht fragen Sie einfach mal ganz interessiert, wie es den anderen eigentlich so geht. Nehmen Sie sich richtig Zeit zuzuhören? Welche Vorschläge haben Sie, wie Sie und die anderen Familienmitglieder (zunächst ein wenig) Zeit auf ganz angenehme Weise miteinander verbringen können? Überschwemmen Sie den Boden nicht gleich, er muss erst aufweichen, damit er das Gießwasser aufnehmen kann!

Ich hoffe, die innere Haltung als Gärtner, der sich hingebungsvoll um Ihren Lebensgarten kümmert, hilft Ihnen, liebevoll, klar-sichtig, kreativ und aktiv verbessernd mit sich selbst umzugehen.

Denn das hat jeder Garten und jedes lebendige Wesen verdient – auch Sie!

26.01.2017 © seit 11.2006 Anne Lindenberg  
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